Von Homosexuellen fernhalten

In der aktuellen Zeit findet sich ein kritischer Beitrag über Wüstenstrom, einen christlichen Verein, der die Therapie von Homosexuellen propagiert. Nun ist Wüstenstrom beleidigt und fühlt sich falsch verstanden, auf ihrer Homepage findet sich dazu einiges Material.

Auch in den USA versprechen christliche Organisationen Heilung der Homosexualität:

Der Versuch von Wüstenstrom, sich als Wolf im Schafspelz zu tarnen, ist nicht ganz neu. Schon 2005 formulierte daher die BASG (Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule im Gesundheitswesen) unter der Überschrift “Christlicher Fundamentalismus - Umorientierungsversuche bei Homosexuellen” nach zwei Fachtagungen zum Thema ihre Kritik an den Umpolungsversuchen:

Das erklärte Ziel von “Wüstenstrom” und den “Christen in der Offensive” ist es, Schwule, Lesben und vor allem solche Menschen, die sich im oder vor ihrem Coming Out befinden, weg von ihrer Homosexualität hin zum “Segen Gottes” in die Heterosexualität zu führen. Dabei verwenden sie geschickt psychotherapeutischen Jargon ohne über eine fundierte psychotherapeutische Ausbildung der anerkannten Fachgesellschaften zu verfügen und sind oft erst auf den zweiten Blick als schwulen- und lesbenfeindlich zu enttarnen.

Deutlich wurde die zunächst “einfühlsame” Vorgehensweise der Fundamentalisten, welche die potentiellen Klienten da abholen, wo sie sich befinden: In dem immer wieder konflikthaften und spannungsreichen Prozess des Coming Out. Hier wird eine „saubere“ Lösung angeboten: Weg mit der Verirrung des Schwulseins und glücklich mit Frau und Kindern heterosexuell leben. Die Regeln der Umorientierungsprogramme sind einfach: Von Homosexuellen fernhalten. Homosexuelles Verlangen geheim halten und nicht ausleben. „Echte“ Männerfreundschaften pflegen. Heiraten und Kinder zeugen. Die Gruppen bieten nach innen emotionalen Halt, die Bindungen nach außen werden gelockert. Dies geschieht auch durch eine differente Konnotation der verwendeten Sprache, welche die Abhängigkeit nach Innen zusätzlich verstärkt und den Kontakt nach Außen erschwert.

Kann es denn nicht gelingen heterosexuell zu werden? Zeigt denn nicht auch die in diesem Zusammenhang häufig zitierte (einzige) Studie des berühmten Professors für Psychiatrie Robert Spitzer, dass dies möglich ist? Finden sich denn nicht immer wieder Fallberichte von geglückten Umorientierungstherapien, die mit der Zeugung von Kindern enden? Der erfüllte Kinderwunsch als Garant für ein glückliches heterosexuelles Eheleben. Wenn das kein überzeugender Therapieendpunkt ist?

Das ist er nicht. Das ist er solange nicht, wie sich verzweifelte Menschen in solchen Therapien umbringen. Das ist er solange nicht, wie die Opfer solcher vermeintlichen Therapien in Beratungsstellen schwer traumatisiert und oft nach langem Rückzug auftauchen, kaum fähig, sich erneut einem therapeutischen Prozess zu öffnen. Das ist er solange nicht, wie kein offener therapeutischer Prozess angestrebt wird, sondern das Therapieziel schon vor dem Erstgespräch ideologisch gefärbt feststeht.

Es bleibt ethisch unvertretbar, wenn sich so genannte Therapeuten mit manifesten antihomosexuellen Vorurteilen das Vertrauen ihrer Klienten erschleichen und aufgrund ihrer Vorannahmen unfähig sind, mit diesen in einen offenen therapeutischen Dialog einzutreten. Es stellt sich die Frage, was diese Therapeuten an der Homosexualität so reizt, dass sie ihr Unwesen zum Schaden der Patienten treiben. Warum müssen sie die Homosexualität so gründlich austreiben?

Noch ein Wort zu der in diesem Ideologiezusammenhang oft zitierten Studie Robert Spitzers. Besonderes Gewicht hat die Studie aus Sicht der Fundamentalisten, da gerade Spitzer im Rahmen der Entpathologisierungsdebatte vor 30 Jahren sich für die Normalität der Homosexualität einsetzte. Nun sollte man die Studie einfach einmal lesen, denn sie stützt die These, dass Homosexualität “heilbar” sei, ironischer weise gerade nicht, sondern belegt eher einmal mehr, wie prekär das Unterfangen ist: Die Verwendung der Studie gerade von christlichen Fundamentalisten ist bezeichnend, da die 200 Studienteilnehmer überwiegend durch christlichfundamentalistische Seelsorge und „Therapie“ ihre „Heilung“ erfuhren und ausgerechnet durch diese „Therapeuten“ und Organisationen der Studie zugewiesen wurden.

Befragt wurde ausschließlich eine “Erfolgsgruppe”, das heißt Menschen, die von sich angaben erfolgreich therapiert worden zu sein. So wurden 74 Probanden nach der Vorauswahl aus der Studie herausgenommen, da keine Veränderung stattgefunden hatte. Das Studiendesign ist daher a priori ungeeignet Aussagen zur Effektivität von Umorientierungsversuchen bei Homosexuellen zu treffen.

Weitere methodische Probleme liegen in dem nicht ausreichenden Zeitrahmen der Befragung (112 Fragen in 45-minütigen Telefoninterviews), sowie in der retrospektiven Einschätzung der Homosexualität vor der Umorientierung (mindestens 5 Jahre, im Durchschnitt 12 Jahre zwischen Therapiebeginn und Studienteilnahme), da valide Aussagen mittels Selfreports nach dieser Zeit nicht mehr möglich sind. 21% der Befragten waren bei Studienteilnahme noch im Umorientierungsprogramm. Schäden der Umorientierungsprogramme wurden unzureichend erfasst. Die Fragen sowie das Veränderungsausmaß sind nicht operationalisiert. Die Daten sind bisher nur unvollständig publiziert.

Die Studie erweist sich zur Stützung der These, dass Homosexualität veränderbar sei, als ausgesprochen ungeeignet: Als “extrem homosexuell” wurden von Spitzer nur 23% (33 von 143) der Männer und nur 9% der Frauen (5 von 57) eingestuft. Unter den “erfolgreich Veränderten” hatten immer noch 71% der Männer und 37% der Frauen”homosexuelle Merkmale” (lustvolle Gedanken in Tagträumen, bei Selbstbefriedigung oder Sexualkontakten), die auf der Skala von Spitzer bei mehr als “gelegentlich” oder “gering” lagen. Als “ausschließlich heterosexuell” bezeichneten sich nur 17% der Männer und 55% der Frauen. R. Spitzer schließt selbst, dass allenfalls das Verhalten geändert werden kann, nicht die sexuelle Orientierung des Menschen.

Die Stellungnahme der BASG ist daher eindeutig: Unsere Sorge gilt Männern und Frauen die sich im immer wieder auch schwierigen und belastenden Prozess des Coming Out Rat suchend an solche Organisationen wenden. Es ist davon auszugehen, dass sich Institutionen mit eindeutig definiertem „Therapie-Ziel“ nicht um ein Verstehen der Konflikte scheren, sondern entsprechend ihrem ideologischen Hintergrund das Therapieziel festlegen und die “Therapie” exekutieren, die sie anbieten.

Es ist ethisch nicht statthaft, dass eine solchermaßen ideologisch gefärbte „Therapie“ sich der Homosexuellen zu bemächtigen sucht, um ihnen in der krisenhaften Situation des Coming Out vorschnell eine vermeintliche “heterosexuelle Lösung” anzubieten. Die Spannungen im Selbsterleben, in der Peergroup und innerhalb des sozialen Umfeldes können in dieser Phase für den Einzelnen ohnehin schon unerträglich sein. Die Umorientierungsprogramme bieten in dieser Krisensituation keinen Schutz, um eine eigene Entwicklung zu ermöglichen, sondern nutzen die Schutzlosigkeit für ihre Zwecke aus. Das Argument, dass die Klienten die Therapie oft selbst wünschen, ist kein unabweisbares Argument, da überhaupt nicht versucht wird, in einem offenen therapeutischen Prozess eine gemeinsame Lösung zu erarbeiten. Wie sollte dies auch gelingen, da sich die Organisationen selbst zu ihrer antihomosexuellen Haltung bekennen?

Wesentlich ist, den Wunsch, eine konflikthaft erlebte Homosexualität los zu werden, ernst zu nehmen und den vom Klienten vorgetragenen Therapiewunsch zu reflektieren. Wie jedes andere Therapiebegehren, kann auch der Wunsch, nicht mehr homosexuell zu sein, nicht unkritisch antizipiert werden und in eine Wunschtherapie münden. Dies ist selbstverständliche psychotherapeutische Technik. Dass Institutionen, welche mit der Umorientierung zur Heterosexualität werben, ihr Begehren auch nur im Ansatz mit den Klienten neutral abwägen könnten, ist auszuschließen.

Es ist ein Anliegen der BASG über solche “Therapie” aufzuklären, Homosexuelle in ihrem Coming Out Prozess zu stützen und ihnen zu ermöglichen, den ihnen entsprechenden Weg zu finden. Konflikthafte homosexuelle Entwicklung bedarf keiner ideologisch gefärbten, vorschnellen Heilsversprechen, sondern an fachlichen Standards orientierter, seriöser psychotherapeutischer Begleitung.

Schwule im Gesundheitswesen e.V. - BASG

Robert L. Spitzer: „Can Some Gay Men and Lesbians Change Their Sexual Orientation? 200 Participants Reporting a Change from Homosexual to Heterosexual Orientation“. Presentation at the American Psychiatric Association Annual Convention. New Orleans, May 9, 2001. Subsequently published in Archives of Sexual Behavior, 32(5), 403-417, October 2003.

Wer sich seriös über Homosexualität und christlichen Glauben informieren will, kann das bei der HuK tun oder bei Zwischenraum.

2 Antworten zu “Von Homosexuellen fernhalten”

  1. Unknown sagt:

    Don’t accept homosexuality but find a way to get homos heterosexual. This duty is in the hand of scientists. God did not create homosexuality, homosexuality is a failure of a manipulated nature. So scientists go on do your work help homosexuals to reorientate.

  2. Adrian sagt:

    Fake?

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