Die Knaben des Propheten

By Adrian

In dem Maße, wie moderne Kommunikationsformen, die Medien und der internationale Handel – also das, was im Allgemeinen unter dem Stichwort „Globalisierung“ apostrophiert wird – für eine zunehmende Vernetzung der Menschheit sorgen und dazu beitragen, dass die Welt „immer kleiner wird“, umso mehr geraten autoritäre und totalitäre Regime unter Druck. Die individualistische und von Wahlmöglichkeiten geprägte Lebensführung, die prägend für die westliche Gesellschaft ist, bekommt mehr und mehr Anhänger in den Teilen der Welt, die von den universell gültigen Menschenrechten bislang unberührt geblieben sind.

Insbesondere die arabischen bzw. islamischen Staaten, mit ihrer Mischung aus rigider, teilweise säkularer Moraldiktatur und religiös-ideologischem Fanatismus sind hierbei zu nennen. Neben Frauen geraten zunehmend auch Homosexuelle in den Fokus staatlicher und religiöser Instanzen und gerade Schwule und Lesben werden dort oftmals als eine Kolonne des sündigen und dekadenten Westens gesehen, der es sich zum Ziel gesetzt habe, die traditionellen Werte der uralten arabisch-islamischen Kultur zu zerstören. Die Schweizer Zeitung Das Magazin thematisiert dies am Beispiel Ägypten:

Politiker, Ordnungskräfte, Regierungsvertreter und ein grosser Teil der Medien verdammen die Homosexualität. So präsentieren sie sich als vertrauenswürdige Nationalisten und gute Muslime, die gegen die Verbreitung westlicher Werte und gegen fremde kulturelle Einflüsse sind und auf diese Weise den wachsenden Einfluss der Fundamentalisten eindämmen. In Ägypten, dem bevölkerungsreichsten Land des Nahen Ostens – aber auch in Marokko, Saudiarabien [sic], den Vereinigten Arabischen Emiraten, ja selbst im toleranteren Libanon – hat die Verfolgung von Homosexuellen fast schon panikartige Züge angenommen.

Interessant ist hierbei, dass besagte Politiker, Ordnungskräfte, Regierungsvertreter und ein großer Teil der Medien ja durchaus Recht haben, wenn sie in der offen und selbstbewußt gelebten Homosexualität eine westliche Erscheinung sehen. Nicht dass es vorher keine Schwulen und Lesben in der Region gegeben hätte, aber das Wissen um die Existenz homosexueller Menschen – im Gegensatz zum bloßen Ausleben homophiler Gelüste oder dem Frönen gleichgeschlechtlicher Erotik, wie sie auch in der Antike und unter den Kalifen des Orients vorkamen – ist in der Tat der westlichen Wissenschaft zu verdanken. Überdies stehen westliche Werte ja gerade für das, was sowohl religiöse Fundamentalisten als auch „pragmatische Diktatoren“ hassen und gemäß ihrem Weltbild geradezu hassen müssen: die Freiheit des Einzelnen.

Und Homosexuelle verkörpern in ihren Augen diese verhasste Freiheit. Liebe und insbesondere Sexualität waren und sind religiösen und weltlichen Herrschern immer suspekt gewesen, da diese emotionale und intime menschliche Erfahrung unmittelbar am absoluten Macht- und Herrschaftsanspruch der moralischen und/oder staatlichen Instanz rüttelt. Und da man Sexualität und Liebe nicht beherrschen kann, versucht man sie zu kontrollieren und in Bahnen zu lenken, sie also einer rationalen Zweckmäßigkeit zu unterwerfen, was dazu führte, Sexualität nur dann als statthaft zu betrachten, wenn sie der Fortpflanzung diente. Homosexuelle stellen dieses Dogma qua Existenz in Frage. Ihre Liebe und ihre Sexualität sind in den Augen der auf Kontrolle über andere Menschen fixierten Instanzen völlig wertlos und entbehren für den Mächtigen jeden Nutzen. Sie bescheren diesem ja nicht einmal Nachkommen, also weitere Verfügungsmasse, die er benötigt, um seine Macht über andere Menschen auch in Zukunft weiter ausüben zu können. Dieses kollektivistische, auf Macht und Herrschaft gegründete Weltbild steht natürlich im krassen Gegensatz zum individualistischen Menschenbild und Staatsverständnis, in dem der Einzelne nicht seine Zweckmäßigkeit unter Beweis stellen muss, um frei und seinen Vorstellungen gemäß leben zu dürfen.

Zurück nach Ägypten:

Bei meinem zweiten Besuch in Tanta [einer ägyptischen Kleinstadt] im August traf ich mich mit Hassan und Mo, einem schmächtigen jungen Mann, der an der Universität englische Literatur studiert. Wir sprachen über Islam und Homosexualität. Beide Männer bezeichneten sich als gläubige Muslime. [...]

“Im Koran gibt es keine eindeutige Aussage zur Homosexualität“, sagte Hassan. „Es heisst da, dass derjenige, der sie praktiziert, verletzt werden sollte. Was aber heisst verletzt? Auf der arabischen Halbinsel wurden die Betreffenden mit einem Stock von der Grösse eines Bleistifts bestraft. Nicht wie bei Diebstahl oder Ehebruch. Und ohnehin waren dem Propheten Knaben im Paradies versprochen worden, nicht Mädchen.“

Die Aussage im Koran scheint zumindest so unmissverständlich zu sein, dass die Homosexualität als eindeutig negativ definiert wird. Warum sonst sollten jene, die Homosexualität „praktizieren“, verletzt werden? Und wie verträgt sich das mit den versprochenen Knaben für Mohammed im Paradies?

Immer wieder wird auf unterschiedliche Interpretationen der Geschichte von Lot hingewiesen, auf die sich islamische, aber auch christliche und jüdische Kommentare zur Homosexualität beziehen. Da es innerhalb des Islam keine einheitliche Rechtsauffassung gibt, beruft sich jeder auf die Interpretation, die ihm am besten passt. Im Oktober 2005 erliess der schiitische Grossayatollah Ali al-Sistani auf der arabischsprachigen Version seiner Website eine Fatwa gegen Schwule. Im Mai des letzten Jahres wurde sie ohne Begründung entfernt (manche glauben, internationaler Druck habe den imagebewussten Geistlichen zum Einlenken bewegt). Und al-Qaradawi bezeichnet Homosexuelle zwar als pervers, weist aber zugleich darauf hin, dass es hinsichtlich einer Bestrafung „unterschiedliche Standpunkte“ gebe.

Und auch hier ist die Beurteilung der Homosexualität eindeutig: Sie gehört offenbar sowohl nach dem Koran als auch gemäß den unterschiedlichen Rechtsauffassungen innerhalb des Islams bestraft. Das Problem besteht allerdings nicht so sehr darin, dass der Koran für die Homosexualität Strafe fordert – das tut auch die Bibel –, sondern darin, dass es offenbar sowohl in Ägypten als auch in der übrigen islamischen Welt kaum einen Menschen gibt, der eine Moral und ein Gewissen jenseits des Korans oder der überkommenen religiösen Theorie entwickelt hat. Wie auch? Eine Aufklärung, eine gesellschaftliche Säkularisierung hat es dort nie gegeben. Solange sich die moralischen Anschauungen der islamischen Welt immer nur um den Koran bzw. die islamischen Rechtsauffassungen drehen, wird man, was die Rechte der Frauen oder der Homosexuellen angeht, auf der Stelle treten. Besonders deprimierend ist die Tatsache, dass in Ägypten selbst Menschenrechtsaktivisten den Rechten von Schwulen und Lesben nicht sonderlich viel Gewicht beimessen, wie etwa Negad el-Borai:

“Ein Freund von mir arbeitet bei Amnesty International. Ich habe ihm gesagt, dass wir jede Menge Probleme hier haben – Folter, Gewalt gegen Strassenkinder, wir haben einen Haufen Probleme“, sagte er und gestikulierte heftig mit seinen ringgeschmückten Händen. „Über Schwule und Lesben zu sprechen, ist schon okay, aber es ist nicht das Hauptproblem. Das ist so, als hätte ich Hunger und Sie fragen mich, was für eine Sorte Cola ich haben will. Also, ich will zuerst essen. Anschliessend können wir über die Cola reden. In Ägypten über Schwulenrechte zu diskutieren, ist Luxus.“

Warum es allerdings Luxus sein soll, sich für das Recht auf Leben, Freiheit und körperliche Unversehrtheit von schwulen und lesbischen Menschen einzusetzen erklärt el-Borai nicht. Gerade diese fundamentalen Menschenrechte werden ja in Ägypten alltäglich und an jedem verletzt.

Die bekannteste Razzia in Ägypten fand auf der Queen Boat statt, einer schwimmenden Disco im vornehmen Kairoer Viertel Zamalek. In den frühen Morgenstunden des 11. Mai 2001 stürmten knüppelschwingende Einsatzkräfte das Schiff und nahmen zweiundfünfzig Männer fest, Ärzte, Lehrer, Mechaniker. Die Verhafteten wurden geschlagen, gefesselt, gefoltert, einige nach Hinweisen auf Analsex untersucht. In den folgenden Wochen veröffentlichten Zeitungen die Namen der Verhafteten, mit Anschrift, Foto und Angabe des Arbeitsortes. Den Männern wurde vorgeworfen, an Sexorgien teilgenommen und Frauenkleider getragen zu haben, Teufelsanbeter zu sein und sogar dubiose Kontakte zu Israel zu unterhalten.

Proteste westlicher Staaten wurden in der für repressive Regimes üblichen Art als „Einmischung des Westens in innere Angelegenheiten“ abgetan, eine Sichtweise, der sich fatalerweise auch immer mehr Menschenrechtsaktivisten unterwerfen. Sogenannte „Progressive“, die sich zumeist auf dem linken Spektrum der politischen Landkarte verorten, haben diese Sichtweise schon seit längerem übernommen, indem sie von „Menschenrechtsfundamentalismus“ als neuer Art des westlichen Imperialismus und dem natürlich immer positiven Einfluss nichtwestlicher “Kulturen” reden. Eine reaktionäre Einstellung, die gerade im Hinblick auf den wachsenden Einfluss des Islamismus in der arabischen Welt erschrecken muss. Die Diktaturen in der arabischen Welt liegen nicht so falsch mit der Behauptung, die als westlich diffamierten Schwulen-, Frauen- und Menschenrechte würden die gewachsenen Traditionen und Moralvorstellungen ihrer Gesellschaften und Kulturen zerstören. Dem kann allerdings nur entgegnet werden: Gewisse Traditionen und Moralvorstellungen sind es nicht wert erhalten zu bleiben.

3 Antworten zu “Die Knaben des Propheten”

  1. godforgivesbigots sagt:

    Hassan, be careful what you wish for.

    Mit einem Bleistift kann man ganz üble Verletzungen zufügen, besonders dann wenn er frisch gespitzt ist.

  2. Gay Life in Egypt « Raumzeit sagt:

    [...] weite Welt, Orientalismus, Ideologie, Zeitgeschichte, queer, Afrika, Personen, Religion | Adrian von GayWest hat sich den Text “Alles Böse kommt von hinten” von Negar Azimi im Magazin [...]

  3. Anonym sagt:

    Es ist nun mal Tatsache das Homosexualität im Islam verboten ist!Egal in welche Hinsicht, sei es ein verheirateter Mann oder einer der noch ledig ist!Ich denke wenn jemand Homosexuell ist, ist es eine Prüfung von Allah wie der homosexuelle sich verhält, ob er den Geboten Allah befolgt oder doch Irreführt!! Wie ist es denn jetzt, die Knaben im Paradies für den Propheten, s.a.s?? Sind die als Belohnung für die die im Diesseits die Homosexualität überstanden haben??? Denn im Koran stehen ja neben den “Huris” auch ” junge Knaben” die uns bedienen, inschaallah??!?!

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