Heterosexualität als Belohnung

Die Haltung der vor allem in den USA vertretenen Religionsgruppe der Mormonen zur Homosexualität war bislang von eindeutiger Ablehnung gekennzeichnet. Aussagen ihrer religiösen Führer, z. B. die von Spencer W. Kimball, machen dies unmissverständlich klar:

“Die Homosexualität ist eine schändliche Sünde. Sie ist etwas Widerwärtiges für diejenigen, für die sie keine Versuchung darstellt;…. Es ist unangenehm und peinlich, darüber sprechen zu müssen…. Diese Perversion findet man sowohl bei Männern, als auch bei Frauen…. Alle diese Perversionen sind vor Gott nicht nur unnatürlich, sondern unrecht…. Der größte soziale Schaden, der durch die Homosexualität angerichtet wird, trifft die Ehe und die Familie… Weil Homosexualität eine so schwere Sünde ist, wird jemand, der dafür nicht Buße tut, schwer bestraft. “

Obwohl man in den kryptischen Satz, Homosexualität sei “etwas Widerwärtiges für diejenigen, für die sie keine Versuchung darstellt”, ein gewisses Verständnis der Mormonen für die Befindlichkeiten homophil Empfindender hineinlesen kann, unterscheiden sie sich in ihrer Intention, Homosexualität sei eine schwere Sünde, eine Perversion und eine Gefahr für Ehe und Familie, nur wenig von diversen anderen Religionsgemeinschaften. Mit den Evangelikalen teilen sie überdies die Einschätzung, Homosexualität sei eine “Verirrung” und somit heilbar:

“Weil die Kirche erkannt hat, daß die Homosexualität in der menschlichen Gesellschaft heute ein großes Problem darstellt und daß man dem Homosexuellen helfen muß, wieder normal zu empfinden und ein normales Leben zu führen, hat die Kirche zwei Generalautoritäten dazu ernannt, auf höherer organisatorischer Ebene der Kirche hilfreich tätig zu werden. Nach Weisung dieser beiden Brüder haben die Bischöfe und Pfahlpräsidenten in aller Welt vielen Menschen geholfen, die an diesem Problem kranken. Die so erzielten Resozialisierungserfolge sind der Polizei und den Gerichten bekannt geworden, so daß nunmehr viele Fälle direkt an diese beiden Brüder verwiesen werden, bei manchen im Rahmen einer Bewährungsfrist.”

Nun allerdings scheinen sich die Mormonen vom evangelikalen Standpunkt weg, auf die Positionen der Katholischen Kirche zuzubewegen, welche Homosexualität zwar als Veranlagung nicht verurteilt, die Partnerschaften, Liebe und Sexualität Schwuler und Lesben allerdings als schwere Sünde brandmarkt. In einem kürzlich herausgegebenen Dokument werden die Mormonen dazu angehalten, Schwule und Lesben zu tolerieren. Die Enthaltsamkeit bleibt jedoch für diese oberstes Gebot, eine Bürde, für die allerdings später eine ganz besondere Belohnung winkt:

Homosexuelle werden im nächsten Leben Heterosexuelle, wenn sie enthaltsam leben.

Ob die zukünftigen Verlockungen der Heterosexualität Anreiz genug sind, um hier und heute ein Leben in Enthaltsamkeit zu leben, bezweifle ich stark; der Preis dafür ist jedenfalls ziemlich hoch, ja geradezu unmenschlich.

Wie auch immer, vom Standpunkt, Homosexuelle seien krank, pervers und könnten “geheilt” werden, bis hin zur Einsicht, sie seien auch nur Menschen - wenn auch minderwertige, da ihnen Liebe, Sex und Partnerschaft verwehrt bleiben müssten - ist es schon ein gewaltiger Schritt. Es wäre allerdings zu begrüßen, wenn die Mormonen in nicht allzu ferner Zukunft die Meinung eines ihrer ehemaligen Mitglieder übernehmen würden:

Meines Erachtens ist es ein Verstoß gegen die Grundrechte des Menschen, die Homosexualität zu diskriminieren. Noch schlimmer wird es, wenn diese Diskriminierung von Menschen kommt, die sich als Teil einer “christlichen Gesinnung” verstehen. Hat ein Gott - wie auch immer er aussehen mag - das Leben tatsächlich geschaffen, dann müssen wir auch hier feststellen, dass er eindeutig vom Produkt der Homosexualität als Teil des genetischen Bauplans gewusst haben muss. Er kann diese also nicht später als Sünde deklarieren. Es ist schließlich sein Werk und seine Küche und nicht die eines Anderen.

6 Antworten zu “Heterosexualität als Belohnung”

  1. andreschneider sagt:

    Dass es in den USA Umerziehungscamps gibt, ist ja schon länger bekannt. Es wäre fast schon lustig, weil so absurd, wenn einen das nicht so sehr ans Dritte Reich erinnern würde.

  2. Primus sagt:

    Alle Religionen leben von dem Geschäft, in den Menschen Angst und Schuldgefühle zu erzeugen. Dabei berufen sie sich auf Gottes Gesetz oder Gebote die jeglichen Beweis entbehren. Exegese ist reines Menschenwerk- so wie Gott ein Produkt des Menschen ist und nicht umgekehrt.
    Für alle Religionen gilt: daß das schwerste Verbrechen wider die Natur darin besteht, mit falschem Vorsatz (nur um der sexuellen Freude willen) und dem “falschen” Partner (z.B. einen Partner gleichen Geschlechts) in falscher Weise (z.B. Oral-oder Analverkehr) Kontakt zu haben. Ganz zu Schweigen von der Selbstbefriedigung die als schwere Sünde gilt - wohl deshalb,weil das Erlebnis des Orgasmus den intensivsten körperlichen Genuß darstellt, dessen ein Mensch fähig ist und darin seinen Gott sieht.
    Alles in allem kann man aber sagen, daß der katholische Glaube unter allen Weltreligionen wohl am restriktivsten ist.
    Deshalb sei mir erlaubt - ohne jemanden von seinem Weg abzubringen - mein unverständnis gegenüber den Schwulen auszudrücken, die Schwulengruppen in Religionsgemeinschaften bilden (also dort wo es überhaupt möglich ist) in denen sie gerade mal geduldet werden aber von der Amtskirche niemals Anerkennung finden werden - es sei denn sie kehren von ihrem “SÜNDIGEN” leben um.

  3. eirelover sagt:

    Primus, nicht alle Glaubensgemeinschaften sind so krass.
    Es gibt durchaus welche mit “gesundem Menschenverstand”, auch solche, die sich an die Bibel halten.

    und die Mormonen…die sind sowieso ein eigenes Kapitel, die sind ja nicht einmal Christen, also passen die in gar kein Schema in der Beziehung.
    Ganmz nachvollziehen kann ich deren Begründungen nicht, denn sie glauben ja, sie seien göttliche Geistwesen, die für ein paar Jahrzehnte Menschengestalt annehmen und dann wieder zu heiligen Geistwesen werde. Da kann es doch egal sein, ob hetero-, homo- oder asexuell…

  4. Primus sagt:

    eirelover, ich schreibe ja von Religionsgemeinschaften - was keineswegs nur die christl. Gemeinschaften betrifft. Ich bezweifle, daß “auch solche, die sich an die Bibel halten” - also wortgetreu- ihren “gesunden Menschenverstand” walten lassen. Im alten Testament z.B. begegnen wir einem Gott als einen der der unangehmsten Charaktere der Literaturgeschichte. Eifersüchtig und ungerecht, ein Rassist,Schwulenhasser und ein übler Korinthenkacker.
    Der Glaubenskritiker Prof.Dawkins drückt sein Unbehagen wie folgt aus: ” Religion vergiftet alles.” Sie ist der Feind der Wissenschaft, beruht “großenteils auf Lügen und Furcht” und leistet Komplizendienste bei Völkermorden, Sklaverei, Rassismus und sexueller Unterdrückung. “Stellen wir uns eine Welt vor ohne Religion”,schreibt Dawkins.”Es gäbe keine Selbstmordbomber, keinen 11. September mit den Wahnsinnigen die sich- nach Jungfrauen brüllend - in Hochhäuser stürzten, keinen Israel-Palästina-Konflikt, keine Massaker in Bosnien, keine Verfolgung von Juden als “Christusmörder”, keine hochgefönten Fernsehprediger in schimmernden Anzügen, die leichtgläubigen Leuten ihr Geld aus der Tasche ziehen.”
    Erwähnen möchte ich hier noch eine große Veränderung, die sich z.Zt. im Judentum vollzieht. Auch im Judentum ist Homosexualität bekanntlich mit einem Stigma behaftet. Nun räumt der englische Oberrabiner Jonathan Sacks in seinem Vorwort für das Werk “Judaism and Homosexuality:An Authentic Orthodox View” ein, dass Homosexualität angeboren ist. Sie entzieht sich also der freien Willensentscheidung eines Menschen. Deshalb plädiert Rabbiner Sacks dafür, Homosexuelle in jüdischen Gemeinden zu integrieren. Und der Rabbiner Eric Yoffie, Präsident der Union progressiver Juden i.d. USA, fasst zusammen: “Schwule und lesbische Kinder sind Kinder von Gott geschaffen gerade so wie Heterosexuelle.”
    Erfreuliche Tendenz - bleibt nun abzuwarten welche Widerstände sich auftun werden.

  5. eirelover sagt:

    Wenn ich Deinen Kommentar so lese, kann ich nur denken:
    Du bist gegen die Gläubigen genauso intolerant, wie Du es anderen vorwirfst es gegenüber Homosexuellen zu sein.
    Zitat:
    “Im alten Testament z.B. begegnen wir einem Gott als einen der der unangehmsten Charaktere der Literaturgeschichte. Eifersüchtig und ungerecht, ein Rassist,Schwulenhasser und ein übler Korinthenkacker.”

    Komisch, ich lese in der Bibel, aber das kann ich absolut nicht nachempfinden.
    Schon mal die Psalme gelesen?

    Aber ich habe nicht vor, hier eine theologische Diskussion vom Zaun zu brechen.

    Ich kann nur Leute nicht verstehen, die ihrer eigenen “Randgruppe” alles Entgegenkommen, alle Toleranz der Welt fordern, aber nicht bereit sind, das Gleiche auch anderen entgegen zu bringen.

  6. Primus sagt:

    Denken darfst Du was Du willst - Deine Meinung äußern ebenfalls - genauso wie ich davon Gebrauch mache!
    Mir Intoleranz- mit einem Vergleich unhaltbarer Schieflage- vorzuwerfen wundert mich schon. Mit Deinen Unterstellungen kann ich rein garnichts anfangen - deshalb erspare ich es mir dazu Stellung zu nehmen.
    Nur eines noch: In Deinen Ausführungen vom 24.8. stellst Du die Behauptung auf: “…die Mormonen…die sind sowieso ein eigenes Kapitel, die sind ja nicht einmal Christen…” Da bist Du falsch informiert. Die Mormonen nennen sich “Kirche Jesus Christi der Heiligen der letzten Tage, in engl. Church of Jesus Christ of Latter-Day. Es ist eine im 19.Jh. in Nordamerika auf christlicher bzw. alttestamentlicher Grundlage entstandenen Religionsgemeinschaft. Alles klar?

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