Evangelikale, Poststrukturalisten und Islam

Homosexuelle umpolen? Nichts leichter als das - dachte sich nun offenbar auch das evangelikale Missionswerk Campus für Christus und lud im Rahmen des „4. Sächsischen Tags für Männer von 9 bis 90“ zum Seminar „Homosexualität: unabänderlich – veränderbar?“. Der Männertag, organisiert von verschiedenen christlichen Organisationen in Zusammenarbeit mit der evangelischen Landeskirche Sachsens, fand am 22. September 2007 im sächsischen Flöha statt. Aufgrund von Kritik an der Umpolungsidee

hatte der dortige missionarische Arbeitsbereich eine Stellungnahme auf seine Chemnitzer Internetseite gestellt und sich von Diskriminierungen und von den propagierten Inhalten der beworbenen Organisation mit dem Hinweis uns gegenüber, dass das Thema Homosexualität bei Campus für Christus keine Rolle spielen soll, abgegrenzt. Bei Kritik solle man sich doch an die umstrittene, aber von CfC als hilfreich empfohlene Umpolungsorganisation Wüstenstrom wenden.

schreiben in einer gemeinsamen Erklärung der LSVD Sachsen e.V., die HuK Chemnitz/Erzgebirge e.V. sowie Human Traffic e.V. Inhaltlich hat man sich ein solches Seminar u.a. so vorzustellen:

Die Darbietungsform an der Tafel erinnerte an Verkaufspraktiken großer Strukturvertriebe für Lebensversicherungen. In den ersten 20 Jahren verbrachte er [der "ehemalige Homosexuelle"] eine unglückliche Jugend. Er hatte ein schlechtes Verhältnis zu seinem Vater, fühlte sich „nichts wert“, „ungeliebt“ und nicht wie „ein richtiger Mann“. Diesen ersten Lebensjahren gab er die Schuld für seine „ehemaligen“ homosexuellen Neigungen. Mit 20 Jahren heiratete er seine Frau und bekam mit ihr einige Kinder, auf die er immer wieder mit Fotos hinwies. Als er über 30 Jahre alt war, kam sein Leben aus der Bahn, er traf in Saunen Männer und betrog seine Frau mit ihnen. Als dann endlich Jesus in sein Leben trat, sich richtige Männerfreundschaften“ aufbauten und er sich seiner Verantwortung gegenüber seiner Familie bewusst wurde, besann er sich seiner „homosexuellen Fehltritte“, und fühlte sich endlich „angenommen“. Daraufhin gebar ihm seine Frau weitere Kinder. Nun, dank der Hilfe von CfC und anderer Beratungshilfen“, ist er nach eigenen Angaben „glücklich“.

Ergänzend wurde auf dem Seminar Literatur von Joseph Nicolosi, einem Vertreter der sog. „Reparativen Therapie“ sowie von Gerard J. M. van den Aardweg verbreitet. Dieser behauptet:

Homosexualität sei eine Störung, pathogenes Selbstmitleid, Selbstmitleidsucht, eine Fehlentwicklung, eine Krankheit, eine Neurose; Homosexuelle blieben innerlich Kinder oder Teenager, sie besäßen eine Doppelpersönlichkeit, seien psychologisch und biologisch unreife Menschen, sie hätten mangelnde Ausdauer und seien schnell erschöpft, drücken sich vor der Arbeit, sie kapitulierten zu schnell vor Schwierigkeiten, seien denkfaul, oberflächlich, sie zeichneten sich durch Zynismus, versteckte Bockigkeit und manchmal auch durch Intrigen aus, kämpfen könnten sie auch nicht, zu Hause seien sie unbeherrscht, Feiglinge, hätten eine infantile Persönlichkeitsstruktur…

Interessant ist im Weiteren wie die Argumentation der christlichen Fundamentalisten sich kaum von der linker Poststrukturalisten unterscheidet, wenn der CfC-Vertreter betont,

dass Begriffe wie „Homosexualität“ oder „Bisexualität“ abzulehnen sind und Sexualität mehr eine Art dynamisches Kontinuum darstellt.

Auch die von den evangelikalen Schwulenfeinden gestellte Frage

Welcher Vater, welche Mutter, Lehrer, Freund oder Pfarrer würde ein Kind zu einem Verhalten ermutigen, das sein Leben bedroht?

könnte fast gleichlautend von Fans der bekanntlich extrem homofreundlichen islamischen Gesellschaften kommen, die immer wieder betonen, wie gut es Schwule doch im Islam hätten, wenn, ja wenn, sie sich nur nicht allzu deutlich ans Tageslicht wagten mit ihrer Perversion.

So wird deutlich, warum die Poststrukturalisten spätestens seit Foucault den Islam kaum noch kritisieren können: weil sie sich im Grunde einig wissen mit dessen Ziel der Abschaffung des homosexuellen Subjekts. Eben hier finden sie sich schließlich auch in einer Front mit evangelikalen Rechten. Zunehmende gesellschaftliche Freiheit nämlich ist für Manche in erster Linie stets eines: bedrohlich.

4 Antworten zu “Evangelikale, Poststrukturalisten und Islam”

  1. Rede gegen den Dekonstruktivismus J. Butlers « Raumzeit sagt:

    [...] Evangelikale, Poststrukturalisten und Islam von [...]

  2. Intellektuelle Seilschaften: E. Said « Raumzeit sagt:

    [...] Evangelikale, Poststrukturalisten und Islam  von Damien Wird Homosexualität von “Kolonialisten” und Zionisten produziert? Gigi erklärt Massad und seine Kritiker Bollinger versus Ahmadinedschad Ahmadinedschad an der New Yorker Uni von anaximander Neues aus dem Gottesstaat + passend: Fight back von cliff cosmos mahmud superstar von dissidenz [...]

  3. sagefisch sagt:

    Ein wichtiger Hinweis, danke an dieses WebLog!

    Bemerkenswert diese seltsame Angst vor
    gleichgeschlechtlicher L(i)ebensweise seitens der
    Theokraten in Judentum, Christentum und Islam.

    In unseren ‘vulnerablen’ Stadtvierteln der
    abgehängten Milieus des ‘Prekariats’ (naja,
    Zille, Wedding 1907) wird der Fundamentalismus
    attraktiv. Ob Milli Görüs, NPD oder Evangelikale.

    Die Demokratie wird wie mit Säure angeätzt.

    In vermeintlicher Unübersichtlichkeit gibt der
    Führer/Mullah/kreationistische Prediger halt
    Orientierung. Patriarchaler Sadismus hat
    … Sex-Appeal. Demokratie ist doch öd.

    Jacques Auvergne
    http://saegefisch.wordpress.com/

  4. Primus sagt:

    Hier ein Beispiel, was man sich so alles einfallen lässt um die “Zunehmende gesellschaftliche Freiheit zu bekämpfen - einfach TOLL!!!

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/97051/from/rss09
    heise online - US-Kirchen nutzen “Halo 3″ zur Missionierung von Jugendlichen

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