ef wird antikapitalistisch

By Damien

Statt eines Beitrags zum heutigen Einjährigen von GayWest aus gegebenem Anlass erneut ein Blick nach rechts: eigentümlich homophob frei heisst ein Zeitschriftenprojekt, über das wir nicht zum ersten Mal gestolpert sind. In der Online-Ausgabe erschien nun unter dem Titel „Der roten Schleife die Rote Karte“ passend zum Welt-Aids-Tag ein Text „über die Propaganda der Untoten“. Angesichts der pandemischen Ausmasse von Aids in Afrika ist allein der Untertitel an Menschenverachtung nicht mehr zu unterbieten.

Zu Beginn des Textes wird ein im Sommer in der Schweizer Weltwoche erschienener Text von David Signer aufgewärmt, dessen Zynismus wir bereits ausgiebig beschrieben haben. Seine Hauptthesen: Schwule sind gefährlich. Die Schwulenlobby will uns alle zu potentiell Infizierten machen. Aids ist für heterosexuelle Männer im zivilisierten Westen ungefährlich. Kondome sind für Heteros verzichtbar.

Einen Schritt weiter gehen die Anhänger von Peter Duesberg, die auch Schwulen den Verzicht auf Kondome empfehlen – sofern sie glücklich und zufrieden leben, da sie dann nicht in Gefahr seien, sich bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr zu infizieren. Auch Duesberg wird bei ef-online zitiert. Den Bericht eines GayWest-Lesers, der mit einem staatlich bezahlten Fan dieses sogenannten „Aids-Rebellen“ konfrontiert wurde, haben wir im Frühjahr diesen Jahres dokumentiert und kommentiert. Die Hauptthese von Duesberg lautet,

das HIV-I-Virus sei gar nicht der Erreger der AIDS-Erkrankung. Es sei vielmehr eine „Erfindung der Pharmaindustrie“, die es als Vorwand benötige, um die Verbreitung der teuren Medikamente zu sichern. AIDS sei in Wahrheit durch die AIDS-Medikamente, durch Stress, riskante Lebensweise und durch Umweltverseuchung verursacht.

Nicht zuletzt die Hetze gegen die profitgeile Pharmaindustrie trifft bei ef-online auf offene Ohren. Irgendwie merkwürdig für eine Zeitschrift, die sich ausdrücklich mit dem Attribut marktradikal schmückt. Damit der Text bei ef-online seriöser klingt, wird flugs ein „Aids-Experte“ eingeführt, der uns verrät, worum es tatsächlich geht bei der Aids-Prävention:

um viele Milliarden Dollar und Euro für staatsnahe Unternehmen (…) ein milliardenschweres Geschäft mit unzähligen Profiteuren.

Die Aids-Prävention erfunden als eine einzige gigantische Profitmaximierungsmaßnahme! Darauf muss man erst einmal kommen. Damit niemand merkt, wie wenige Fachleute der Duesbergschen Verschwörungstheorie anhängen, behauptet der Autor ganz nebenbei unter den „Aids-Rebellen“ befänden sich viele namhafte, nein, nicht Wissenschaftler, es müssen schon Fachwissenschaftler sein, die jedoch

hatten in den 80er Jahren noch ohne das Alternativmedium Internet keine wirkliche Chance gegen die professionellen Medienhysteriker und Milliardenprofiteure.

Jetzt jedoch gibt es das Internet und dort auch eigentümlich verantwortungslose freie Menschen, die sich unter ihrem libertären Deckmantel an denen schuldig machen, die sie mit ihrer Unterstützung der Thesen von Signer und Duesberg dazu verführen wollen, auf den Gebrauch von Kondomen zu verzichten – so dass aus den Untoten endlich doch noch reale Tote werden. Die unschuldigen heterosexuellen und weissen Aids-Opfer darunter wird ein weiterer ef-Artikel sicher wortgewandt hinweg erklären können. Um die toten Afrikaner und Schwulen hingegen wird es den White-Pride-Sympathisanten und Homophoben bei ef vermutlich nicht leid tun, sie sind bestimmt selber schuld bei ihrem Lebenswandel.

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hattip: Dominik Hennig

7 Antworten zu „ef wird antikapitalistisch“

  1. Max sagt:

    Gut, ich teile nicht die Ansicht des Artikelschreibers, schon aus wissenschaftlicher Sicht ist das höchst zweifelhaft, was dieser Spinner verbreitet, ABER deshalb ist die Zeitschrift nicht wirklich Homophob?

    Sie schreiben ja nix gegen Schwule per se, außer das sie die AIDS-Gefahr offensichtlich auf Schwule als große Zielgruppe reduzieren (Belege?!).
    Und wer nach der Lektüre dieses Artikels plötzlich ohne Kondom Sex hat, der ist doch wirklich selbst schuld, ob er jetzt Schwul oder Hetero ist…

    Anti-kapitalistisch ist der Artikel jedoch nicht, denn was Pharmaka-Unternehmen an Gängelung ertragen müssen vom Staat und dabei selbst im Staat aufgehen (Patentrechte!!) ist wirklich nicht zu verachten…

  2. Damien sagt:

    Hallo Max,
    wenn es nur um diesen einen Artikel ginge, wäre es sicherlich übertrieben, ef als homophob zu bezeichnen, zumal dort ja vermutlich kein Kollektivdenken herrscht. Auffällig ist aber in den letzten Monaten eine Häufung von Artikeln, auch im ef-Umfeld, in denen Schwule grundsätzlich schlecht weg kommen. Das Ganze ohne Argumente – was spürbar wird, ist pures Ressentiment. Ob das nun eher homophob oder schwulenfeindlich ist, finde ich schwer zu bestimmen. Deutlich wird jedoch zunehmend eine Position gegen Schwule. Was das noch mit libertärem Denken zu tun haben soll, konnte mir bisher niemand erklären. Einige Beispiele dafür haben wir auf GayWest dokumentiert.
    Natürlich ist jeder selbst verantwortlich dafür, ob er Kondome benutzt. Da aber gerade unter Jugendlichen die Rate des Kondomgebrauchs sinkt und zwar aufgrund von falschen Vorstellungen über die Ansteckungsmöglichkeiten, finde ich es besonders unverantwortlich, diesen Trend noch zu verstärken, wie es ef mit diesem Beitrag macht.
    „Antikapitalistisch“ habe ich geschrieben, weil ich die Denunziation des Profitinteresses der Pharmaindustrie durch den ef-Text nicht als kompatibel begreife mit ihrem „marktradikalen“ Selbstverständnis.
    Mir scheint, ef ist jedes Argument recht, Hauptsache es geht gegen Schwule. Was für ein Armutszeugnis!
    Schöne Grüße
    Damien

  3. Spooner sagt:

    Wenn dieser Artikel vom Herausgeber Lichtschlag alias Rosenbaum geschrieben wird, finde ich das schon bedenklich. Aber ef driftet in letzter Zeit sowieso wieder in die Ecke aus der der Herausgeber aufgetaucht ist.

  4. Sergej sagt:

    Rechter Szeneapplaus sollte ef-Herausgeber Lichtschlag weder überraschen noch dürfte er ihm allzu unangenehm sein. Der Grevenbroicher Verleger ist längst ein gerngesehener Gast in allen schmuddeligen rechten Szenegassen.
    Lichtschlag, Kewil, Kositza – da wächst zusammen, was eh schon lange zusammengehört. Eine rechtsrechte Allianz der Freiheitsfeinde.

    Es ist dabei übrigens völlig unerheblich, ob Lichtschlag aus purem Opportunismus oder aus Überzeugung hemmungslos mit der deutschen Rechten anbandelt. Das traurige Ergebnis ist, dass der deutschsprachige Liberalismus um eine publizistische Stimme ärmer ist und die Rechten um einen Trommler reicher.

  5. federleicht sagt:

    Ich kenne leider (?) die Zeitschrift ef nicht.

    Aber zur allgemeinen Analyse:
    Die These von Duesberg kenne ich tatsächlich noch aus den Anfangen, daß HIV/ AIDS nicht von Viren ausgelöst würde. ;( Da gab es auch mehrere Bücher zu – wenn ich mich recht entsinne.

    Angesichts dessen, daß wohl überall die Ressentiments gegen Homosexuelle (weil erfolgreich, weil dies, weil jenes…Fortsetzung bekannt) steigen, kann man natürlich auch diese Thesen wieder ausgraben und verwenden. Böse gesagt: das Internet machts auch noch einfacher.

    Angesichts dessen – wie du ja auch am Anfang schreibst -, daß es sich um eine Pandemie handelt, die insbesondere Afrika und Asien massiv betrifft, kann man wirklich nur noch von Menschenverachtung sprechen.
    Leider passt diese Argumentationsschiene vielen nur zu gut in den Kram.

    Danke im übrigen für die vielen interessanten Beiträge und Kommentare zu politischen Themen! ;)

    Liebe Grüße und mehr davon,
    Irene Dietrich

  6. classless sagt:

    Ich weiß, daß es die Sache sinnlos verkompliziert, aber ich kack den Krümel: Die Vorstellung, Pharmaindustrie und Schwulenlobby wollten mit AIDS ihre Agenda durchdrücken, ist ohne jede Frage verschwörungsideologisch.

    Die Frage, ob HIV in der Lage ist, die ihm zugeschriebenen Wirkungen zu entfalten und allein für sie verantwortlich ist, ist hingegen eine wissenschaftliche und zumindest aus meiner Sicht bisher nicht vollständig aufgeklärte. Da sich die Konsequenzen aus beiden mir bekannten Theorien – HIV-AIDS und Risikofaktoren (Gift, Mangelernährung, Medikamentenmißbrauch usw.) – nicht ausschließen, man also genausogut Ansteckung wie immunschwächende Lebensbedingungen vermeiden kann, sehe ich zumindest für mich keine Notwendigkeit, eine wissenschaftliche Diskussion zu entscheiden, von der ich wie die meisten anderen Nicht-Virologen keine Ahnung habe.

    Jeder, der hingegen behauptet, Schwule wären per se anfällig für AIDS, verdient selbstredend mindestens einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf.

  7. la174 sagt:

    eifrei driftet: http://blog.freiheitsfabrik.de/?p=1013

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