Erleuchtung fällt aus

Nachdem wir gestern einige der antiimperialistischen Worthülsen durch den Kakao gezogen hatten, mit denen Fans autochthoner Kulturen üblicherweise ihren Rassismus sowie die dazugehörige Menschenverachtung begründen, haben die Veranstalter des Bounty Killer-Konzerts in Essen dankbar zugegriffen und sich ausweislich einer von ihnen veröffentlichten Stellungnahme an den angebotenen Phrasen kräftig bedient. Das Ergebnis wird mit den folgenden Worten angekündigt:

wurde uns nach heftigen, unsachlichen Protesten der Schwulen und Lesben Vereinigungen der Raumnutzungsvertrag für das geplante “Bounty Killer” Konzert, im JZE Papestraße seitens der Stadt Essen gekündigt.

Doch aufrechte Kämpfer für die Kulturen der Welt lassen sich so schnell nicht vertreiben. Ersatz schien rasch gefunden:

Wir bedauern diese, der Sachlage nach nicht nachvollziehbaren Entscheidung und haben uns entschlossen die Veranstaltung daher in anderen Räumlichkeiten durchzuführen. Wir haben eine neue Location gefunden und das Konzert wird am 27.03.2008 in der Weststadthalle in Essen stattfinden.

Dachten jedenfalls die Veranstalter, die sich bei dieser Gelegenheit als alte Hasen in der Auseinandersetzung mit Homophobie outen:

Uns beschäftigt als Musikern und Konzertveranstaltern schon lange das Thema Homophobie im Reggae und Dancehall.

Was natürlich noch lange nicht alles ist, schließlich ist man für das Gute und gegen das Böse. Oder so ähnlich:

Wir lehnen grundlegend jegliche Diskriminierung ab, nicht nur die gegenüber Homosexualität. Wir stehen für den Dialog von Kulturen, Toleranz, Liebe und Verantwortung.

Verantwortung aber braucht einen Platz, an dem sie sich bewähren kann. Was wäre dafür besser geeignet, als das Konzert eines Reggae-Musikers?

Hohe Priorität in unseren Veranstaltungen ist die Verantwortung, unseren Einfluss gegen Homophobie zu nutzen. Wir legen in unseren Absprachen und Verträgen sämtlicher Künstler und Veranstaltungen fest, dass Diskriminierung in Text und Aufführung unserer Veranstaltung nichts zu suche hat.

Was die Künstler früher einmal von sich gegeben haben, interessiert die Veranstalter allerdings eher nicht. Was die Künstler anderswo von sich geben, sowieso nicht. Außerdem gebe es

Vertraglich Absprachen, die bei Verstoß gegen die Diskriminierungsklausel den sofortigen Abbruch des Konzertes und Nichtauszahlung der Gage beinhalten,

mehr noch, man sei bemüht

regelmäßig und in unseren Möglichkeiten die Artist zu einer generellen und öffentlichen Distanzierung zu bewegen.

Wer dieses Ansinnen jedoch ignoriert, muss mit keinerlei Konsequenzen rechnen:

den Druck durch ein Auftrittsverbot, solange sich nicht schriftlich und öffentlich distanziert wurde, lehnen wir unter der Vorraussetzung, dass der Artist sich in der Vergangenheit in Europa an die vertraglichen Diskriminierungsklauseln gehalten hat, ab.

Denn was so ein Künstler in Afrika von sich gibt, geht uns zimperliche Europäer einfach nichts an:

Wir stehen dazu den Weg des Künstlers Bounty Killer zu akzeptieren, sich bisher nicht einer öffentlichen Distanzierung seiner/dieser inzwischen fast über 10 Jahre alten Texte anzuschließen, wie es andere Artists z.B in England getan haben.

Zwar ist man in der Beschäftigung mit dem Thema Homophobie im Reggae und Dancehall zu Erkenntnissen gelangt, die an Deutlichkeit kaum zu überbieten sind:

Wir kennen die menschenunwürdige Situation von Schwulen und Lesben auf Jamaica und lehnen diese Diskriminierung, die dort in Medien und Politik Mainstream ist ab!!

Andererseits geht es in Jamaica überhaupt ziemlich gewaltförmig zu, das Land befindet sich

quasi in Bürgerkriegsähnlichen Zuständen,

weswegen die Frage der paar abgeschlachteten Homos offenbar nicht so sehr ins Gewicht fällt. Immerhin

Alle 6 Stunden wird dort ein Mensch erschossen - bei einer Einwohnerzahl die unter der Einwohnerzahl von Berlin liegt (Jamaica = ca 2.800.000 Einwohner)!!

Weshalb wir zivilisations- und fortschrittsfetischistischen Europäer einfach mal die Klappe halten sollen:

Wir sind der Meinung, dass es den Jamaicanern selbst zu überlassen ist, dass Tempo zu bestimmen und diese Problematiken aufzuarbeiten.

Wer sich dieser Meinung nicht anschließt, wird kurzerhand mitverantwortlich gemacht für die Aufrechterhaltung des jamaicanischen Homohasses:

Einmischung nach Art: Wir sind die Zivilisierten und Ihr müsst euch sofort ändern, schürt dort unten doch nur den Hass, stärkt den Mainstream und verhärtet die Fronten!!

Dabei gilt doch auch für die Fans der Reggae-Musik die alte Devise “Das weiche Wasser bricht den Stein”. Zumal die Fans nach Ansicht der Veranstalter in der Regel erprobt sind in der Auseinandersetzung mit dem Thema Homophobie im Reggae und Dancehall und daher bekannt für ihre raschen und politisch korrekten Reaktionen auf die eigentlich so gut wie nie gespielten antischwulen Hasstexte, zumindest wenn sie die richtige Sprache sprechen, was man andererseits von nur wenigen behaupten kann. Falls das jetzt alles etwas widersprüchlich klingt, entscheidend ist doch die gute Absicht. Oder?

Wenn man auf Partys mitbekommt, dass ein DJ doch mal ein solches Lied spielt, kann man inzwischen schnell sehen das ein Großteil des Publikums (viele verstehen die slangs leider eh nicht) sich davon distanziert oder dagegen (berechtigterweise) protestiert.

Die bange Frage

Hat Bob Marley zum Völkermord aufgerufen?

können wir unterdessen auch beruhigt mit Nein beantworten. Ebenso wie der gemeine Islamist mit Dschihad stets nur die geistige Anstrengung zur allgemeinen Weltverbesserung meint, hatte auch der gute Bob nichts als die Erleuchtung der Sünder im Sinn:

Die oft angebrachte Übersetzung von “verbrennt die…..(schwulen, Babylon, Ehebrecher, Kriegstreiber, Umweltverschmutzer, Politiker, etc)” ist kein Aufruf zum Mord! “Fire pon” oder “bun dem” bedeutet nicht das etwas verbrannt wird, vielmehr wird das Göttlich Feuer gemeint - die Erkenntnis ( mir geht ein licht auf).

Dumm nur, dass das die Mehrheit der autochthonen Jamaicaner noch nicht begriffen hat. Und selbst der eine oder andere Musiker braucht offenbar noch Nachhilfe von antirassistischen Peace, Love and Harmony Produzenten, denn wie sonst ließe sich dieser Passus im Jahresbericht von Amnesty International aus dem Jahre 2006 erklären:

Im September erging Anklage gegen den populären Musiker Buju Banton. Er soll gegen sechs Männer gewalttätig geworden sein, die er für homosexuell hielt. Mehrere seiner Songtexte befürworteten Gewalt gegen Schwule und Lesben.

Letztlich haben die Veranstalter vermutlich auch hierfür ein gewisses Verständnis, zumindest wenn man ihrer Begründung folgt, warum ein Musiker auf Jamaica sich kaum gegen Homophobie äußern kann:

Es ist nicht unbedingt nur die Gefährdung der Existenzgrundlage als Musiker, die der Artist in Jamaica für eine solche Erklärung abzuwägen hat, sondern auch die Gefährdung des eigenen Lebens. Es ist nicht abwegig für eine solche Erklärung bei nächster Gelegenheit in Jamaica selbst Opfer zu werden.

Wie ist das möglich? Sollten auf Jamaica am Ende doch noch Volksprediger unterwegs sein, die die feinsinnige Unterscheidung zwischen Erleuchtung und Ermordung immer noch nicht begriffen haben?

In der Zwischenzeit hat auch die Weststadthalle den Vertrag mit dem Bounty Killer gekündigt. Das Essener Konzert fällt also aus, wie mittlerweile auf der Homepage der Veranstalter zu lesen ist. Ebenso kommen wohl die Auftritte in Berlin und München nicht zustande. Denn dort

fordern die Betreiber der Veranstaltungshallen eine „persönliche Distanzierung” des Bounty Killers von seinen Tötungs-Aufrufen. Sonst würden auch sie die Auftritte absagen.

Das jedoch ist kaum zu erwarten. Oder um es mit den Worten der WAZ zu sagen:

Darauf können sie wohl lange warten.

Eine Antwort zu “Erleuchtung fällt aus”

  1. Bounty Killer, der große katholische Glaubenslehrer « The Gay Dissenter sagt:

    [...] kommt dieser Price nach Deutschland, wollte in Essen und will in Berlin und München seine Hassgesänge anstimmen. Der LSVD hat die Behörden in diesen [...]

Eine Antwort hinterlassen