Endlich Schluss mit kurzen Schwänzen

Die Gräuel der Moderne machen uns angeblich ja alle bindungs- und heimatlos, doch bisher haben sie nicht dafür gesorgt, dass die Erde ihre Umlaufbahn verlässt um sich als rotglühender Feuerball in die tiefsten Tiefen des Weltalls zu stürzen. Doch nun scheint dieser Augenblick gekommen sein, zumindest wenn man dieser Schlagzeile der Welt Glauben schenken mag:

Sexy Frauen ziehen keine Leser mehr

Ich gebe zu, ich war schockiert von dieser Meldung - ja wirklich! - gehört doch zu den Grundregeln, nach denen ich mein Weltbild strukturiere, diese, dass sich alles was mit Möpsen, Vaginen und sexuellen Anspielungen zu tun hat, besonders gut verkauft, bzw. an den heterosexuellen Mann bringen lässt. Sollten diese Zeiten vorbei sein? Treten wir in eine neue Ära der erotischen Enthaltsamkeit ein? Oder werden Männer doch zunehmend schwuler, wie uns kulturkonservative Mahner angst- und dekonstruktivistische Schaumschläger hoffnungsvoll seit Jahren weis machen wollen?

I wo, die Wirklichkeit ist viel profaner:

Wenn Thomas Schneider über den Medienkonsum von Männern spricht, wird einem angst und bange um die Zukunft von Magazinen, die sich an diese Zielgruppe richten: „Männer“, sagt er, „informieren sich vorzugsweise über das Internet. Im Gegensatz zu Frauen legen sie nicht so viel Wert auf Sinnlichkeit. Sinnlichkeit ist aber die Qualität, die Zeitschriften und Zeitungen ausmacht.“

Der Grund für den Auflagenschwund von Männermagazinen wie “Matador”, “Playboy” oder “FHM” liegt also weniger daran, dass nacktes Fleisch uninteressant geworden ist, sondern dass im Internet die Nacktheit viel authentischer rüberkommt. Wenn man nackte Frauen sehen will, ist das Internet der Himmel auf Erden. Und die ziehen sich dort nicht nur aus, nein, die kopulieren auch noch und - wenn man die richtigen Seiten kennt - das auch noch kostenfrei.

Wer also auf Sex aus ist, wird sich kaum mehr die Mühe machen, an den Zeitungsstand zu gehen. Gelüste über Druckmaschinen ansprechen zu wollen, entpuppt sich allzu häufig als hochnotpeinlich:

Besonders altbacken wirkt in dieser Hinsicht „Penthouse“. Das Blatt ist sich für keine Zote zu schade. „Sexuelle Belästigung am Arbeitsblatt gibt es nicht“, ist etwa in der letzten Ausgabe zu lesen. „Wer eine geile Kollegin als Sexualpartnerin verschmäht, tut dies nur deshalb, weil er ein zu kurzes oder zu dünnes Glied hat und das anschließende Gerede in der Firma fürchtet wie Odysseus den Gesang der Sirenen.“

Dass kaum einer mehr “Penthouse” liest, ist angesichts dieser geistreichen Tiefe durchaus erfreulich und widerlegt überdies das Klischee, die Menschheit werde insgesamt immer dümmer. Welcher Mann will sich schon sagen lassen, er hätte ein zu kurzes oder dünnes “Glied”, nur weil er nicht wie ein sexbesessener Schimpanse in der Brunft durch die Büros stolziert und in Abwesenheit von Kolleginnen den Büroschrank besteigt. Im Übrigen ist der Begriff “Glied” schon ziemlich lange out. Heute sagt man dazu “Penis”.

Darüber hinaus ist “Penthouse” offensichtlich entgangen, dass es noch diese andere Sorte von Männern gibt, welche trotz langer und dicker primärer Geschlechtsorgane eine Frau auch dann als Sexualpartnerin verschmähen würden, wenn diese vor ihren Augen masturbiert. Aber “Penthouse” hat sowieso eine ganz besondere Einstellung zu den Kollegen vom anderen Ufer:

„Bin ich schwul, oder was?“ habe er eine Pressesprecherin gefragt, die ihn noch bei „GQ“ wähnte, erzählt „Penthouse“ Chefredakteur Kurt Molzer in seinem Blatt .

Die “GQ” stellt auf dem Markt der Männermagazine nämlich eine Besonderheit dar, ebenso wie die “Men’s Health”:

Der Titel kommt mittlerweile auf eine verkaufte Auflage von gut 236.000 Exemplaren und könnte bald den „Playboy“ als Marktführer ablösen. Er ist eine Art Frauenzeitschrift für Männer – mit Tipps zum Abnehmen („Entschärfen Sie die leckersten Kalorienbomben“), Ratschlägen für die Gesundheit („Was Heuschnupfen jetzt noch stoppt“) und klassischen Beziehungsstorys („Die 9 größten Sex-Lügen“). Statt nackter Frauen hat das Ratgeberblatt meist männliche Models mit Waschbrettbauch auf dem Titel.

Steigende Auflagen verzeichnet ebenfalls „GQ“, für Lewandowski „der Marktführer in Sachen Mode und Stil, obwohl das Blatt noch stylisher sein könnte“. Seit ein paar Monaten gibt es auch bei „GQ“ nur noch Männer auf dem Cover, wie zuletzt Bayern Münchens Starkicker Luca Toni.

Männliche Modells mit Waschbrettbauch, Mode, Style, Gesundheit. Das kann einem schon irgendwie “schwul” vorkommen:

Für „Penthouse“-Leser mag Homosexualität ein Makel sein, für moderne Männermagazine ist sie das längst nicht mehr. So steht auch „Men’s Health“ im Ruf, ein verkapptes Schwulenblatt zu sein. Er habe leider keine Erkenntnisse über die sexuellen Präferenzen seiner Leser, sagt dessen Geschäftsführer Henry Allgaier. Er hätte aber „nichts dagegen“, wenn unter ihnen viele Schwule wären, die häufig einen hohen Bildungsabschluss hätten und über ein hohes Einkommen verfügten.

Diese Verlautbarung höre ich immer wieder gerne, auch wenn das mit dem hohen Einkommen - zumindest bei mir - noch nicht stimmt. Aber wer kann schon was gegen hohe Einkommen und eine gute Bildung haben?

Wenn Männermagazine, einst Hort des Chauvinismus, keine Berührungsängste mehr vor Schwulen haben, sind in dem Segment vielleicht noch ganz andere Dinge möglich: Lewandowski jedenfalls rät den Titeln, mehr auf Servicethemen zu setzen – aber nicht auf Uhren- und Whisky-Empfehlungen, sondern auf Tipps zur Kindererziehung.

Eine solche Perpektive klingt durchaus interessant. Für die Heroen der wahren Männlichkeit klingen solche Szenarien aber mehr als erschreckend. So tobt ein Leser der Welt:

Also das sind einfach Softie Zeitungen. Wie wärs mal mit ner Zeitung für richtige Männer. Da gehören Titten, Sport, Benzin, Nachrichten, Abenteuer und Bauanleitungen für nützlich spassige Dinge rein. Allerdings solche Sachen, wofür man Millionär sein muss und es dehalb auch nicht liest. Welchen Mann interessieren denn irgendwelche Gebährmutterprobleme? So ein Quatsch, die Zeit der Softies ist Vorbei!

Gut, dass dieser Leser nicht der Herrscher von Deutschland ist und seine Amtshandlung, die Herrschaft der Softies für beendet zu erklären, keinerlei Auswirkungen auf irgendwen hat. Und überhaupt. Die Biologie des weiblichen Körpers ist so uninteressant nicht. Zugegeben: Es müssen nicht immer gleich Probleme mit der Gebärmutter sein. Aber wer erinnert sich nicht an den Biologie-Unterricht in der Schule und das Faszinosum der follikelstimulierenden und luteinisierenden Hormone?

Halten wir fest:

1.) Zeitschriften müssen heute andere Märkte bedienen und sich veränderten Konsumgewohnheiten anpassen. Das ist normal.

2.) Die Lust auf Sex ist ungebrochen. Nur ist es eben um so viel einfacher und spannender geworden, für eine schnelle Solo-Nummer das Internet zu frequentieren; eine Möglichkeit, die weidlich genutzt wird. Auch das ist normal.

Wir alle können also aufatmen. Die Erde wird sich weiterdrehen. Auch wenn an den Bahnhofskiosen die Tittenfrequenz abnimmt.

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