Schwule sind zum kotzen da

Irgendwie kann einem die Linke leid tun. Wie eh und je steht sie auf der Straße, in der rechten Hand das Megaphon, in der linken einen Stapel Flugblätter und versucht das derzeit angesagte revolutionäre Subjekt davon zu überzeugen, dass nur die sozialistische Weltrevolution sie aus den Klauen des Kapitals befreien kann. Die revolutionären Subjekte allerdings sitzen derweil bei McDonalds und lassen sich Big Mäc und Coca Cola schmecken.

Linke Schwule haben ein ähnliches Problem. Auch ihr revolutionäres Subjekt - alle außer Heterosexuelle - will nicht so wie sie. In den USA jedenfalls, tun sich wahre Abgründe auf:

Die Lebensziele von jungen Schwulen und Lesben entsprechen dem traditionellen Familienbild. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unter 133 jungen Menschen zwischen 16 und 22 Jahren in der Region New York City, die sich als “überwiegend” oder “ausschließlich” schwul oder lesbisch bezeichnen.
Demnach erwarten über 90 Prozent der jungen Lesben und über 80 Prozent der jungen Schwulen, dass sie im Alter von 30 Jahren in einer monogamen Beziehung leben werden. Zwei Drittel der Jungen und mehr als die Hälfte der Mädchen glauben, dass sie in ihrem Leben Kinder großziehen werden. Von ihnen wollen rund sechs von zehn eigene Kinder, vier von zehn wollen adoptieren. Für “sehr wahrscheinlich” hält aber nur einer von fünf Jungen, dass er einmal selbst ein Kind großziehen wird.

Die Ehe wird von den befragten Jungs aber noch mit Skepsis angesehen: Von ihnen wollen nur 37 Prozent mit großer Wahrscheinlichkeit heiraten, wenn es das Gesetz erlaubt. Unter den Mädchen sind es 64 Prozent.

Ein Drittel der Jungs und die Hälfte der Mädchen sind derzeit in einer festen Beziehung. Vier von fünf erwarten, dass diese Beziehung noch viele Jahre anhalten wird. Sieben von zehn äußerten sich zufrieden mit deren Beziehung.

Robert-Jay Green, Leiter der Untersuchung, bezeicnet dies als “Mainstreaming” und meint damit die Anpassung von jungen Schwulen und Lesben an die Normen ihrer Eltern.

Was hier so hochtrabend bezeichnet wird, ist natürlich nichts Ungewöhnliches. Der Wunsch nach festen Partnerschaften und Kindern steht bei vielen Jugendlichen hoch im Kurs. Warum sollten Schwule und Lesben da eine Ausnahme bilden?

Na weil, meint der linke, emanzipatorische Schwule, wir etwas Besonderes sind. Homosexualität ist politisch. Homosexualität ist revolutionär. Homosexualität ist Sozialismus. Denn steht nicht in den Statuten des Queeren Zentralkommitees:

Ficken ist der Rohstoff der Revolution. Wer nicht zu jeder Zeit mit jedem rumfickt, ungeachtet Zeitpunkt, Ort und Befindlichkeit ist ein Konterrevolutionär. Der, der sich nach Liebe, Partnerschaft, Familie und Kindern sehnt, hat bürgerliche Unsitten verinnerlicht und ist damit ein Faschist, zumindest aber schon mal ein Neoliberaler, was im Prinzip aber das Gleiche ist.

Ein wenig übertrieben? Vielleicht. Aber man schaue sich doch bloß einmal zwei Reaktionen in der Kommentarspalte auf queer.de an:

Ja, eine weiße Hochzeitkutsche kommt am Morgen vorgefahren… oh, wie wunderbar weit weg sind doch die schlimmen Zeiten von ‘68ff.! Heute wetteifern die Homos mit den Heten darum, wer braver und biederer ist. Und vermutlich strenger zu seinen Kindern (Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, wirst du in unser sauberes Heim keine Cola bringen. Oder nicht-biologisch-dynamische, nicht-antifaschistischem Anbau entspringende, nicht-linksdrehende Kartoffelchips.)

Doch wenn die Nacht am tiefsten… und was man damals noch so alles sagte, als man dem Establishment entfliehen wollte statt es zu stärken: Erstens sind es ja amerikanische Homos, die befragt wurden. Zweitens stellt man sich so allerlei vor, wenn man siebzehn ist und noch Träume hat (aber nur saubere!). Und drittens brütet die Spießerwelt, in die wir immer noch tiefer hineinrutschen, womöglich eines Tages wieder eine Jugend aus, die mutig ist und rebellisch und auch ihren adretten Homoeltern auf den sehr nett und ganz reizend gedeckten Tisch k….

Denn merke. Den Eltern auf den Tisch zu kotzen, ist ein Akt der Rebellion. Wogegen ist dabei egal, es kommt auf den Akt an sich an. Dass solch infantile Wunschvorstellung dämlich klingt, liegt daran, dass sie dämlich ist. Aber nichts was nicht noch übertroffen werden kann:

Das zeigt eben, wie massiv auch junge Homosexuelle von heteronormativen “Leitbildern” manipuliert und bestimmt werden. Dabei hätten doch gerade “wir” allen Grund, diese vermeintlichen, spießbürgerlichen Normvorstellungen grundsätzlich in Frage zu stellen. Es muss uns darum gehen, deutlich zu machen, dass menschliches Leben und Zusammenleben in ganz unterschiedlichen, aber gleichberechtigten Formen möglich und erfüllend sein kann und dass Menschsein nicht etwa erst durch direkte Teilnahme am Fortpflanzungs- und Reproduktionszyklus sinnvoll und sinnerfüllt wird. So ist auch “Monogamie” in allererster Linie eine Erfindung der Kirchen und eben einer verlogenen Scheinmoral, die in keiner Weise für jeden gelten muss oder gelten kann.

Wie üblich: Wenn das revolutionäre Subjekt sich nicht so verhält wie das Zentralkommitee es vorgibt, liegt das etwa nicht daran, dass das Zentralkommitee Unsinn daher schwafelt, sondern an der bösen “Manipulation” dunkler Mächte. Ein anderer Kommentator bringt diese Haltung auf den Punkt:

ich finds ja etwas kurzgeschossen, Kinderwunsch bei Schwulen und Lesben immer gleich mit Spießigkeit gleichsetzen zu wollen…

Aber vermutlich muss mann’s so sehen, wenn mann die homonormative Definitionsmacht in den Händen zu halten glaubt…

*schallendlach*

Mann kann über die Studie denken, was mann mag, ich kenn mittlerweile genug Lesben und Schwule, die Familienplanung betreiben und alles sind, nur nicht spießig.

Aber dat is wohl der Unterschied zwischen theoretischphilosophischen Herumschwadronierern und den Menschen, die sich einfach nicht drum kümmer[n], was andere von ihnen erwarten… auch nicht Schwule und Lesben.

Und DAS ist für mich Emanzipation. Die hört nicht vor der eigenen Haustür auf.

Und ein anderer merkt an:

Ihr seid wohl nur zufrieden, wenn Schwule selbstbestimmt fremdficken, bis sie in der Gosse landen. Ist es nicht schön, daß es die Kinder heute leichter haben als wir damals und nicht nur den einzigen Wunsch haben ihren Eltern auf den Tisch zu kotzen?

Nein, das ist natürlich nicht schön. Das Queere Zentralkommitee braucht Schwule, die in der Gosse landen. Denn wenn niemand mehr dort landet, hätte man ja gar keinen Grund mehr, das “Schweinesystem” anzuprangern. Jede Revolution braucht eben ihre Opfer.

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