Smegma bitch up!
Wer mit seinem eigenen Leben nicht so recht etwas anzufangen weiß, der sucht sich Vorbilder. Und eine bestimmte soziologische Schicht der Menschheit hat - wenn man der Welt glauben darf -, jetzt das ultimative Vorbild entdeckt:
Sie sind Lebemänner - zu finden in allen Metropolen der Welt, in teuren Mietwohnungen oder auf Rockkonzertbühnen. Im Londoner Luxuskaufhaus Harvey Nichols gehen sie zielstrebig auf das Regal mit den knallengen Röhrenjeans zu, und im Nachtklub auf jede halbwegs interessiert aussehende Frau. Sie flirten mit allem und jeder, suchen keine Beziehung, sondern vor allem Vergnügen. Drogen? Vielleicht. Sparen für später? Wozu?
Als Vorbild dieser “Lebemänner” dient dabei ein bestimmtes, altbekanntes Bild von Schwulen:
Das britische Männermagazin “Arena” hat das Phänomen nun endlich betitelt: Diese Herren sind Smegs, kurz für “Straight men who envy gays”, heterosexuelle Männer also, die homosexuelle Männer für ihre Lebensweise beneiden - beziehungsweise für das, was sie dafür halten. Smegs wollen wilden Sex, wechselnde Partner und möglichst wenig Verpflichtungen.
Moment mal bitte. Habe ich mich da verguckt? “Smegs”? Was für ein dämliches Akronym ist das denn? Konnte man zur Beschreibung der hedonistisch-kultivierten Klasse heterosexueller Lebemänner nicht einen Begriff finden, bei dem das Risiko zu würgen, weniger deutlich ausgeprägt ist?
Aber gut, von mir aus, Namen sind Schall und Rauch und im Prinzip weniger wichtig, als das, was sie beschreiben. Smegs also. Hetero-Männer, die Schwule beneiden für knallenge Röhrenjeans, Drogenkonsum, laszives Sexualverhalten - also für ein Leben im hier und jetzt:
Smegs wollen wilden Sex, wechselnde Partner und möglichst wenig Verpflichtungen. All das sind zugegebenermaßen die denkbar größten Homosexuellenklischees.
Gut, dass die Welt dies schon mal vorsorglich selber anmerkt; so bleibt mir nämlich erspart, hier den Partypupser zu spielen und ebenfalls in den Raum zu rufen: “Aber nicht alle Schwulen sind so!”
Die Quintessenz des Artikels und die Aufregung über die Entdeckung der Smegs kann ich irgendwie nicht nachvollziehen: Denn seit wann ist es eine Neuigkeit, dass es Männer beiderlei sexueller Orientierung gibt, die gerne und ausgiebig ficken, kiffen und kaufen?
Doch neben dem vermeintlichen Lust- und Spaßgewinn, den das homosexuelle Leben verspricht, sitzt der Neid (und Respekt) der Heteros noch tiefer. Seit Jahren wird der Geschmack und Stil der Masse, also das, was wir gut finden, und das, was wir haben wollen, von Homosexuellen geprägt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Heteros diese Machtstellung begreifen und ihr nachstreben würden.
Das ist ein schönes Gerücht, von dem ich persönlich nicht weiß, ob es nun stimmt oder nicht. Vielleicht sollte man mal einen PR-Experten fragen. Die grandiose Samantha Jones zum Beispiel:
“Erst kommen die Schwulen, dann die Mädchen und zuletzt die Industrie”, erklärt zum Beispiel “Sex And The City”-Charakter Samantha Jones ihrem Freund, dem Schauspieler Smith Jared, wie sich sein Ruhm aufbauen würde.
Smith Jared sah aber auch einfach verdammt heiß aus. Er war ein mittelmäßiger Schauspieler, der die Schwulen mit seinem Körper und seinem primären Geschlechtsorgan beeindruckt hat. Zu Recht. Aber von der Bewunderung hübscher Männer durch Schwule auf ihre Funktion als Anzeigerpflanze einer Marktlücke zu schließen, scheint doch sehr gewagt. Ich will das nicht ausschließen, verweise aber noch mal auf die oben genannten Beispiele.
Wenn ich dereinst einmal im Londoner Luxuskaufhaus Harvey Nichols eine Konsumorgie starten werde, wird das letzte was ich kaufe, eine Röhrenjeans sein. Ich bitte Euch. Röhrenjeans! Hauteng, quetschen sie einem die Blutzufuhr der Hoden ab, und sorgen frühzeitig nicht nur für Unfruchtbarkeit, sondern auch für Impotenz. Neben diesen praktischen Nachteilen sehen sie aber auch einfach hässlich aus.
Drogen? Ja, klar. Ab und an mal ein paar Gläschen Rot- und Weißwein und, wenn einem ganz schrill zumute ist, Prosecco.
Die Abneigung für später zu sparen? Da zumindest ich das Pech habe, in einem Land zu leben in dem mir durch die fürsorglichen Hände des Sozialstaates die Hälfte meines Einkommens gestohlen wird, stellt sich die Frage, von was ich denn noch sparen soll. Wenn mir Papa Staat allerdings die allmonatlichen Rentenbeiträge erlassen würde - von denen ich sowieso nie wieder etwas sehen werde - könnte ich selber entscheiden, wofür ich spare.
Aber wir entfernen uns gerade vom eigentlichen Thema: Ein gewisser schwuler Lebensstil als Vorbild eines gewissen heterosexuellen Lebensstils. Neben “Sex and the City” gibt es nämlich noch einen anderen empirisch abgesicherten Beweis für diese These:
Und als die beiden Homosexuellen Will Truman und Jack McFarland aus der TV-Sitcom “Will & Grace” in der Folge “Sour Balls” ein Häuschen in einem Vorort von New York kaufen, da ist die Aufregung unter den Nachbarn groß. Sogar in der Provinz ist nämlich die Nachricht angekommen, dass es einer Wohngegend guttut, wenn Schwule einen Ort, eine Insel, ein Viertel oder eine ganze Stadt für sich entdecken.
Diese Episode von “Will & Grace” ist wirklich ziemlich witzig. Die Nachbarn von Will und Jack bereiten den beiden einen überaus herzlichen Empfang, stellen ihnen in Aussicht, dass ihr hübscher Sohn Jason bestimmt auch schwul sei - was der kategorisch verneint, woraufhin ihm gedroht wird, nicht aufs College zu dürfen, sollte er Mädchen mögen - und bringen die Wichtigkeit homosexuellen Grundbesitzes mit den berühmten Sätzen auf den Punkt:
“When the gays come, the property value shoot up. And they fill the place with nice restaurants and adorable shops.”
Aber jenseits von TV-Serien gibt es auch wirkliche Wissenschaftler, die sich mit dem Einfluss Schwuler auf Kultur, Konsum und Ökonomie beschäftigen:
Der Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida, Autor von “The Rise Of The Creative Class”, hat dieses Phänomen untersucht. Sein Fazit: Wo Homosexuelle leben, entsteht eine Atmosphäre von Toleranz und Weltoffenheit - und diese Stimmung ist wichtig, um Kreative aus der ganzen Welt anzuziehen. Diese Kreativen wiederum sorgen, egal ob nun schwul oder nacheifernder Smeg, für wirtschaftliches Wachstum. San Francisco, mit rund 14 Prozent schwulen Einwohnern quasi die Welthauptstadt homosexueller Lebensart, nimmt auf Floridas Kreativitätsranking den vordersten Platz ein. Las Vegas hingegen landet mit seiner Machoaura aus Glücksspiel und Stripklubs auf einem der hinteren Plätze.
Über den Zusammenhang von Weltoffenheit, Kreativität und Ökonomie haben wir schon einmal berichtet. Es ist richtig, dass San Francisco nebst der Bay Area einschließlich dem Silicon Valley zu den wirtschaftlich stärksten Zentren der Welt gehört. Das Abwatschen von Las Vegas ist allerdings unfair. Mag sein, dass die Wüstenstadt es nicht mit dem kreativen Potential San Franciscos aufnehmen kann. Das allerdings braucht die Stadt auch gar nicht. Ihr Marktpotential heißt nämlich nicht Kreativ- und High-Tech-Ökonmie, sondern Entertainment. Las Vegas lebt quasi ausschließlich vom Vergnügen. Und das sehr gut.
Im Grunde genommen geht es den der schwulen Lebenswelt nacheifernden Smegs vor allem aber um das Eine:
Smegs ist bewusst, dass es durchaus kein Widerspruch ist, etwas schwul, sensibel und zerbrechlich zu wirken und dennoch einen Riesenschlag bei Frauen zu haben. Smegs wie der Schauspieler Jude Law, aber auch Rocker wie Pete Doherty, der Exfreund von Kate Moss, oder sein ehemaliger Bandkumpel Johnny Borrell, der Ex von Kirsten Dunst, belegen das. Und wenn man im Hinterkopf hat, dass beinahe jede Klassefrau inzwischen einen schwulen besten Freund hat, dann verwundert der Erfolg der Smegs auch nicht.
Was Frauen anbelangt, möchte ich zukünftige Smegs schon im Vorfeld auf ein oft artikuliertes Missverständnis aumerksam machen: Es ist überhaupt nicht bewiesen, dass Frauen grundsätzlich tatsächlich so scharf auf sensible, einfühlsame, gut zuhörende Männer sind. Wir Schwulen dürfen das, aber wir sind eben ja auch die “schwulen Freunde” unserer besten Freundinnen. Keine von ihnen erwartet von uns eine Partnerschaft, keine erwartet von uns Sex. Zwischen dem, was Frauen an schwulen Freunden, und dem was sie an Partnern schätzen, liegen zuweilen Welten.
Smegs sind vermutlich weniger das Produkt einer einem bestimmten homosexuellen Lebensstil nacheifernden Schicht, sondern lediglich Folge einer sich ausdifferenzierenden, individualisierenden Gesellschaft. Während Schwulen, aufgrund von Diskriminierung und gesellschaftlicher Ächtung, vielfach gar nichts anderes übrig blieb - und zuweilen noch bleibt -, als “anders als die Anderen” zu sein, merken Hetero-Männer offenbar erst jetzt, dass es keinerlei Verpflichtung gibt, zu heiraten, und dass das Leben mehr bietet, als frühzeitig Frau und Kinder zu finanzieren. Im Klartext: Das Leben heutzutage bietet mehr Möglichkeiten, sein Leben so zu gestalten, wie man selbst es möchte.
Wer wie ein Smeg leben will, soll das tun. Wer verliebt ist und von Heirat und Kindern träumt, dem sei es herzlichst gegönnt. Und überhaupt: Wo steht eigentlich geschrieben, dass im Leben nicht beides möglich ist?
30. April 2008 um 18:57
Immer mehr und mehr habe ich das gefühl, das die post-modernen Medientheoretiker mit ihren “Dynamik aus langweile(besonders nihilistisch für: existentielle Leere)” Theorien ein Stück weit recht haben. Wie kommt man bloß auf so einen Scheiß?
Hieß das vor zwei Jahren nicht mal Metrosexuell?
30. April 2008 um 21:07
Metro-, Ego- oder WatweesIckdenSexuell, scheiß egal, Hauptsache man kann mal wieder einen neuen Trend in der urbanen Hölle “entdecken” und etwas Tinte für viel zu wenig Kohle aufs Papier zu bringen…
Als Spiegelbild gilt dann die eigene gescheiterte Existenz, die möglicherweise ein halbwegs prall gefülltes Postbankkonto vorweisen kann, aber keen Leben nich.
30. April 2008 um 21:08
So ne Scheiße! Wohl zu oft QAF gesehen, die Guten.
Diese ewigen Partyhopser sind mir ziemlich suspekt (und ich als schwuler Mann vermeide tunlichst den Kontakt mit diesen nervigen von oben bis unten rasierten technohouseichbinsohippschwestern). Kann mich nicht dagegen erwehren, aber diese Typen kommen mir irgendwie etwas geistig zurückgeblieben vor.
3. Mai 2008 um 0:17
@aldda: das nennt man das wohl “Ranschichtenverhalten”, abgrenzen, zu denen, die die eigene Gruppe stigamtisieren, oder wie? Macht dich mal locker und lass den Partyhopsern ihr Vergnüggen und kümmere Dich um Deinen geistigen Vorgarten. Da gibts genug zu tun.