Der Terror der Liebenden
Man kann sich des öfteren des Eindrucks nicht erwehren, dass die Bewohner der amerikanischen Südstaaten durch die Niederlage im Bürgerkrieg ein weitaus größeres Trauma davongetragen haben als bisher angenommen. In Memphis, Tennessee kam die Direktorin einer High School auf die wahnwitzige Idee, eine Liste aller Schüler anzufertigen, die sie im Verdacht hatte, miteinander verbandelt zu sein. Diese Liste wurde dann auch gleich den anderen Schülern, den Lehrern und den Eltern zugänglich gemacht.
Der Grund für diese bizarre Aktion besteht in der Sorge der Direktorin, einander zugeneigte Schüler könnten – shocking! – diese Zuneigung auf dem Schulgelände öffentlich machen:
In September of 2007, the principal at Hollis F. Price Middle College High told teachers she wanted the names of all student couples, “hetero and homo,” because she wanted to monitor them personally to prevent students from engaging in public displays of affection.
Man kann davon ausgehen, dass die Direktorin dabei nicht unbedingt an Gang-Bang-Orgien auf dem Pausenhof dachte, sondern an solch zivilisatorische Übel wie Händchen halten und Küsschen. Die Direktive der Schulleitung, explizit auch nach Homo-Paaren zu fahnden, kann man natürlich als Fortschritt sehen: Zumindest wissen also auch die Menschen in Dixie mittlerweile, dass es Homos gibt; wen sollten sie anderweitig auch sonst jeden Sonntag von der Kanzel aus verdammen?
Das Bemühen, Brutstätten der Sittenlosigkeit aufzuspüren, zeigte naturgemäß Erfolg. Etliche Eltern bekamen mitgeteilt, mit wem es ihr Nachwuchs trieb. Darunter auch die zweier junger Männer, Andrew und Nicholas, welche für sich eigentlich die Entscheidung getroffen hatten, ihre Beziehung sei eine persönliche Sache, die niemanden sonst etwas angehe. Doch die Schnüffel-Direktorin sah das anders:
The principal heard about them through another student, then wrote their names on a list she posted next to her desk, in full view of anyone who entered her office.
Die Mutter des einen Jungen konnte das Vorgehen der Direktorin nicht fassen:
“I couldn’t believe it when I went to meet with the principal and that list was right there by her desk where anyone could see it”
Und Mutter Nummer zwei wurde von der Direktorin gleich einem Verhör unterzogen:
According to [the mother], the principal said things like “Did you know your son is gay?” repeatedly and went on to say that she didn’t like gay people and wouldn’t tolerate homosexuality at her school.
Welch eine Überraschung! Eine Direktorin, die schon Probleme mit heterosexuellen Paaren hat, stellt sich als homophobe Ziege heraus. Und wen würde es verwundern, wenn die Direktorin sogar beabsichtigt hatte, was die beiden Jungen im Anschluss an die Veröffentlichung ihrer Beziehung durchmachen mussten:
Both students say they’ve had to deal with verbal harassment from both teachers and students since word got out around the school about their principal’s actions.
According to Nicholas, he also suffered another consequence of the principal’s discrimination. He had submitted extensive paperwork and several recommendations from teachers for a school trip to New Orleans to assist in rebuilding efforts.
Having a long history of community service, he was considered a shoo-in to be selected to go before the incident, but then a teacher told Nicholas some faculty were afraid he might “embarrass the school” or engage in “inappropriate behavior.”
A few days later, another student who hadn’t even applied to go on the trip was selected in his place.
Aber wen juckt das schon? Ein weiterer Schachzug gegen die sexuelle Zügellosigkeit im Allgemeinen und gegen Schwule im Besonderen wurde erfolgreich durchgeführt. Die Schlacht allerdings ist noch nicht geschlagen. Denn Andrew und Nicholas wollten das ganze nicht auf sich sitzen lassen und baten die American Civil Liberties Union (ACLU) um Hilfe:
“The principal’s outing of these two students to their families, classmates, and teachers is unacceptable. Its only purpose was to intimidate not only these students but all gay students at Hollis Price,” said Hedy Weinberg, Executive Director at the ACLU of Tennessee.
“Educators should be focused on educating their students and not on harassing them because of their sexual orientation or the people with whom they associate.”
School officials have already confirmed the existence of the list to the ACLU in prior meetings held in an attempt to resolve the matter privately the union said.
Ergänzung: Nicht nur wurde die Privatsphäre der schwulen, sondern aller Schülerpaare durch die Liste der Direktorin verletzt. Diese und ihr Stab können die ganze Aufregung allerdings immer noch nicht verstehen:
In a reply to the ACLU the board said that the middle school is located on the campus of LeMoyne-Owen College and that the college had complained “that some of our student couples were involved in explicit sexual behavior in public view on the college campus.”
As a result, the school board said “faculty and staff, the principal of Hollis F. Price made several general announcements to the student body that this behavior would not be tolerated.”
“Regrettably, the improper behavior continued,” the school board said in its reply to the ACLU.
“Therefore, the principal felt it appropriate to notify the parents of those children she knew to be involved romantically.”
Die Schule behält sich also weiterhin das Recht vor, sowohl hetero- als auch homosexuelle Paare auszuspionieren um sie daran zu hindern, was auch immer zu treiben. Die Leidtragenden sind allerdings nur die homosexuellen Schüler. Denn auch im konservativen Tennessee haben sich die meisten Menschen mittlerweile damit abgefunden, dass es nun mal Jungen gibt, die auf Mädchen stehen und umgekehrt. In Bezug auf Homos steht diese Erkenntnis noch aus. Vielleicht ist es ja nach dem nächsten Bürgerkrieg so weit.