Gewisse Regelungen der Europäischen Union kapiere ich nicht. Einerseits verlangt die EU von jedem Mitgliedsland die Umsetzung bestimmter Antidiskriminierungsrichtlinien. Andererseits gewährt sie bestimmten Organisationen das Recht, eben diese Richtlinien nicht einhalten zu müssen. So z. B. in Irland. Dort erlaubt die EU religiösen Schulen, ihre Personalpraxis am „religiösen Ethos“ der Einrichtung auszurichten. Das irische Recht sieht dabei folgendes vor:
Section 37 of the [Employment Equality] Act states that schools that promote certain religious values can take action “to prevent an employee from undermining the religious ethos of the institution.”
Dieser Absatz verstößt eigentlich gegen EU-Recht. Die irische Regierung hat jedoch erfolgreich argumentiert, man könne hier doch mal eine Ausnahme machen:
The European Commission initially warned that the provision was not compatible with EU anti-discrimination legislation, but has now changed its mind after the Irish government argued that it was a narrow exception to equal treatment.
The Commission accepted that an employee should not undermine the “ethos” of an institution they work for, such as a Roman Catholic school or hospital.
Die Tatsache, dass 95 Prozent aller irischen Schulen katholisch geführt werden und die schwammige Formulierung vom “religiösen Ethos” einer Einrichtung, die geschützt werden müsse, lässt nun Lehrergewerkschaften in Irland folgendes befürchten:
Ethos could also affect teachers who are divorced or co-habit, as there is no clear definition of the terms “undermine” and “ethos.”
Teaching unions fear the law could be used to sack teachers who are homosexual, even if they are not open about their sexuality in schools.
Ob allerdings die irische Organisation schwuler und lesbischer Lehrer mit ihren 35 Mitgliedern etwas gegen die geballte Macht der Katholischen Kirche plus Irland und EU etwas ausrichten kann, bleibt fraglich:
“We feel that if we live openly as LGB teachers in schools under denominational management, then this could be construed as undermining the religious ethos of an institution.
“Many of our group cannot afford to take this risk and be open in school about our sexuality.”
Ja, ich höre sie schon, unsere konservativen Freunde, wie sie verlauten lassen, die Sexualität eines Lehrers sei schließlich Privatsache und hätte an einer Schule kein Thema zu sein. Hetero-Lehrer würden schließlich auch nicht mit ihrer sexuellen Orientierung hausieren gehen. Welch naives Denken, wenn doch schon das Eingeständnis einer Lehrerin, man lebe in einer lesbischen Beziehung, ausreichen würde um entlassen zu werden:
“I have been teaching for over 30 years in seven different schools all under denominational management. For 24 of these years I have been living with my partner, a woman.
“However, my life as a lesbian teacher has been covered by a cloak of invisibility to colleagues and pupils. Silence is not neutral and it can – and often does – mask homophobia.”
Ich muss darauf bestehen, dass Heteros einfach nicht qualifiziert sind, sich hierüber ein Urteil anzumaßen. Ihr habt Eure Bilder von euren Partnern auf Schreibtischen stehen, Ihr tragt Eure Eheringe öffentlich und für jeden sichtbar am Ringfinger. Und beim Abschlussball der Schule sind Eure Partner selbstverständlich zugegen.
Zum Glück für die Heteros gibt es keine Religion, die das Zusammenleben eines Mannes und einer Frau als grundsätzlich „objektiv ungeordnet“ und „sündhaft“ diffamiert. Vielleicht ist es an der Zeit, selbst die Initiative ergreifen und eine solche Religion zu gründen. Das hätte den Vorteil, dass man sich vom Staat über Steuergelder durchfüttern lassen aber gleichzeitig auf das Sonderrecht bestehen kann, von Gesetzen gegen Diskriminierung ausgenommen zu werden. Und das Verdammen heterosexueller Paarbeziehungen wäre auf einmal versehen mit dem Mantel moralischer Überlegenheit. Klingt doch gut, oder?
Zumindest ich würde das aber nicht übers Herz bringen.
12. Mai 2008 um 18:39
Das Problem ist nicht, dass der irische oder sonst ein Staat christliche Unwerte innerhalb christlicher Institutionen über die Menschenwürde stellt, das Problem ist, dass solche Institutionen überhaupt noch immer zugelassen sind. Es kann doch nicht richtig sein, z.B. den Schulunterricht Leuten anzuvertrauen, zu deren Kanon von Überzeugungen gehört, dass Menschen nach Rasse, Religion, Geschlecht, sexueller Identität oder sonstigen sachfremden Gesichtspunkten einzuordnen und dem entsprechend mit ganz unterschiedlicher Würde und ganz verschiedenen Rechten ausgestattet sind. Wer bestimmten Personengruppen die Grundrechte abspricht, kann junge Menschen nicht erziehen, und dieses selbstgewählte Unvermögen schließt die Befähigung zum Beruf des Lehrers aus; Gleiches gilt für Organisationen mit solchem geistigen Hintergrund in Bezug auf die Trägerschaft von Schulen. Wie irrsinnig und menschenverachtend sich Kirche und Staat hier verhalten, wird sofort klar, wenn man Schwule und Lesben durch eine x-beliebige andere Minderheit ersetzt. Einmal mehr stehen wir vor der Erkenntnis: Was sich niemand mehr gegen Schwarze, Juden, Sinti, Behinderte oder sonstwen trauen würde – gegen unsereinen ist es weiter erlaubt, ja gilt sogar als schutzwürdiger Ausdruck der Freiheit.
12. Mai 2008 um 20:42
@Ralf: Ich stimme zu, falls es sich um staatliche Schulen handelt. Ansonsten gibt es zwei Möglichkeiten:
1.) Mehr staatliche Eingriffe, damit es derartige Schulen schwerer haben,
2.) weniger staatliche Eingriffe, damit es alternative Schulen einfacher haben, etwa in Bezug auf die Gründung neuer Privatschulen.
Dass sich 95% aller Schulen an diesen “Ethos” halten, ist kein Indiz dafür, dass die Gründung neuer Privatschulen besonders einfach ist. Ich glaube zumindest nicht, dass 95% aller Iren derart konservative Katholiken sind.
23. Mai 2008 um 17:49
“…Ich glaube zumindest nicht, dass 95% aller Iren derart konservative Katholiken sind….”
Da liegst Du richtig. In Irland, zumindest in der Republik Irland sind es garnicht so viele, in Nordirland, das von UK besetzt ist, gibt es sie schon.
@Ralf: “…. gegen unsereinen ist es weiter erlaubt, ja gilt sogar als schutzwürdiger Ausdruck der Freiheit…..” Nicht ganz richtig. Ich wurde von Gymnasiasten beleidigt. Daraufhin ging ich zum Rektor und beschwerte mich(war mit der Firma am Arbeiten in dem Gym). Das Ergebnis war, das zwei der drei ein Diszi bekamen, der dritte brauchte nicht wiederzukommen, da er schon zwei Verweise weg hatte.