Der reinste Lesben-Zirkus

Ramona Leiß hat sich als Lesbe geoutet. Moment, Ramona wer? Na die Fernsehmoderatorin, bekannt durch die Knoff-Hoff-Show und den ZDF-Fernsehgarten:

“Die Liebe zu einer Frau macht mich glücklicher als eine Beziehung zu einem Mann“, sagte die 51-Jährige der „Bild am Sonntag“. Sie sei „sehr erleichtert“, ihr Lebensgeheimnis jetzt „mit der Öffentlichkeit zu teilen“. Bereits vor 20 Jahren verliebte sich Leiß in eine Frau, die Schlagersängerin Hanne Haller. Ramona Leiß war damals Songtexterin. Vier Jahre sei sie mit der 2005 verstorbenen Haller liiert gewesen, sagte Leiß nun der Zeitung.

Nun ja, Herzlichen Glückwunsch Frau Leiß und willkommen an Bord. Mehr wäre eigentlich nicht zu sagen. Eigentlich. Dummerweise aber hatte Andre Bergmann auf DCRS online noch etwas zu zu der ganzen Geschichte zu sagen. Er hätte es sich sparen können:

Ramona Leiß ist lesbisch und jetzt soll es die ganze Welt wissen. Mit 51 Jahren hat sich die Songschreiberin und Schauspielerin nun öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung bekannt und mit der Bildzeitung den demonstrativen Weg an die Öffentlichkeit gewählt.

Demonstrativ, unübersehbar, jeder soll es wissen. Ramona Leiß liebt eine Frau.

Wahrscheinlich ein wenig zu demonstrativ, zu unübersehbar für den Geschmack von Herrn Bergmann, der uns auch die genauen Gründe nennen kann, warum Ramona Leiß nicht mehr länger schweigen wollte:

Das Outing von Ramona Leiß ist Rebellion. Sie will sich von niemandem mehr etwas vorschreiben lassen, sich nicht mehr einsperren lassen in Klischees. Doch war sie das wirklich jemals! Hat sie sich vielleicht gar selbst eingesperrt, all die Jahre ?! [...]

Es gab für Ramona Leiß laut ihren Angaben verschiedene Gründe, ihre Liebe zu verheimlichen. Die Eltern fürchteten das Gerede, Sohn Sascha war noch klein, beruflicher Erfolg sollte nicht verhindert werden.

Also wirklich. Erst sich aus Furcht vor sozialen Konsequenzen “selbst einsperren” und dann “rebellieren” wenn es ungefährlich ist. Mensch, Ramona, so geht das einfach nicht!

Doch Herrn Bergmann plagen noch ganz andere Sorgen als das Coming out der Leiß zu solch später Stunde. Nämlich das ganze Prozedere überhaupt:

Heute kräht kein böswilliger Hahn mehr nach einem homosexuellen Pärchen. Die Haltung der Gesellschaft hat sich eher ins Gegenteil verkehrt. Homosexuelle werden bejubelt, sobald sie sich outen. Homosexualität ist in und schick, kann sogar zu einem Karriere-Kick verhelfen. Gleichzeitig wird aber die Kinderlosigkeit bedauert. Eine seltsame Diskrepanz.

Man beginnt zu ahnen, worauf der Bergmann hinaus will. Er bedauert offenbar zutiefst, dass Homosexualität ihr Stigma verloren hat. Und er scheint tasächlich zu glauben, Schwule und Lesben wären in irgendeiner Weise verantwortlich dafür, dass die Menschen hierzulande nicht mehr in ausreichendem Maße ihren reproduktiven Pflichten nachkommen. Ja, die blöden Deutschen: Himmeln die Homos an, schaufeln sich ihr demographisches Grab, spucken auf alles was “normal” ist. Und sind auch noch stolz darauf:

Die Leistung einer heterosexuellen Mutter und „Familienmanagerin“ wird dagegen mehr und mehr als nichtig erklärt. Ein normaler Familienvater gilt als langweilig. Was soll das?

Und nicht nur das. Frau Leiß ist sich nicht nur zu fein, eine ganz normale heterosexuelle Mutter und Familienmanagerin an der Seite eines ebenso normalen Familienvaters zu sein. Sie findet sogar, dass die Beziehung mit einer Frau schöner sei als die mit einem Mann:

Ramona Leiß schwingt sich denn auch zu tollkühnen Behauptungen auf: „… Eine andere Frau ist etwas Vertrautes, man hat wirklich mehr Gemeinsamkeiten und vielleicht andere Dimensionen der Gefühle und des Zusammenseins, die man mit einem Mann nicht erleben kann … Auch das Körperliche ist ein großer Unterschied. Sexualität mit einem Mann läuft ganz anders ab. Bei einer Frau ist es ausgewogener, die Zärtlichkeit ist intensiver. Das glaube ich und das ist auch so…“

Und so was von einer Lesbe! Die Frau sollte sich schämen! Früher hätte es sowas nicht gegeben! Da hätte man die Frau zwangsverheiratet, auf das sie noch mehr Kinderchen für unser vorbildlich marodes Rentensystem produziert.

Doch glücklicherweise, geht es nicht allen Lesben so gut wie der Leiß:

Erstaunlicher Weise hat TV-Talkerin Anne Will ihr Outing mehr geschadet als genützt. Nach der ersten Euphorie und dem Jubel der homosexuellen Szene über ein weiteres prominentes Gesicht an ihrer Front, hat die Journalistin nun mit Schwierigkeiten im Konkurrenzkampf mit ihrem ZDF-Kollegen Frank Plasberg zu kämpfen. Hochkarätige Gäste gehen lieber in die Polit-Talk-Runde des Kollegen am Mittwoch anstatt zu Talk-Lesbe Anne Will.

Was bestimmt daran liegt, dass die Will lesbisch ist. Passt ja auch nahtlos in Bergmanns sonstige Analyse einer dekadenten Gesellschaft, welche Homos besser findet als den Normalo Plasberg. Glaubt der Mann eigentlich selbst was er da von sich gibt?

Es steht zu befürchten. Doch nachdem er die Welt durch die Homos an den Rand des Abgrunds projiziert hat, beruhigt Bergmann den erschrockenen heterosexuellen Leser auch gleich wieder. Denn die Normalität der Gesellschaft ist noch nicht ganz verloren:

Sich mit Homosexualität ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu drängen ist schon zu abgedroschen, um noch echte Bonuspunkte zu sammeln. Die Gesellschaft hat sich bereits satt gesehen am Kuriosum „Homosexualität“.

Alsdann liebe Mithomos. Ihr habt den Bergmann gehört. Unsere goldenen Zeiten sind vorbei. Schleifen wir unseren kuriosen Lebensstil wieder dahin, wo er hingehört: Zur Freak-Show auf dem Jahrmarkt.

6 Antworten zu “Der reinste Lesben-Zirkus”

  1. Viktoria sagt:

    Unglaublich was dieser Bergmann so von sich gibt… ich könnte mich da ja jetzt drüber aufregen, aber vielleicht verschiebe ich es einfach auf einen anderen Zeitpunkt und nehme es jetzt eher mit genau so viel Humor, wie Du auch. :-)

  2. Holger Ehrlich sagt:

    Jetzt frage ich mich gerade ob Herr Bergmann der Redenschreiber von Bischof Mixa ist, der ja gern ganz ähnliche Statements abgibt.

  3. buchstaeblich sagt:

    Ich kriege ziemliche Pickel, wenn ich in diesen Outing-Geschichten wie von Frau Leiß lese/höre, dass Sex mit einem gleichgeschlechtlichen Partner ach-so-viel intensiver und was weiß ich sei.

    Liebe gleichgeschlechtliche Liebende, das gilt sicherlich für eigentlich homosexuelle Menschen, die sich aus Versehen oder warum auch immer zunächst mit andersgeschlechtlichen Partnern gepaart haben: Dass es dann eine Offenbarung sein kann, in der richtigen Liga zu landen, glaube ich ganz bestimmt.

    Aber ich empfinde es als Ohrfeige gegenüber Heterosexuellen (also mir selbst), wenn so getan wird, als sei dies grundsätzlich so. Denn wenn man als heterosexueller Mensch mit einem ebensolchen Partner das Lager teilt, fühlt man sich genau so im Himmel wie Lesben/Schwule untereinander.

    Outings allgemein: Wen interessiert das denn heute noch?

  4. Damien sagt:

    Hallo Frau buchstäblich!

    Ich kenne da eine gute Anti-Pickel-Creme. Die wurde allerdings für Lesben und Schwule entwickelt. Was meinen Sie, wieviel Pickel wir schon bekommen haben, so oft, wie man uns erzählt hat, Sex mit einem gleichgeschlechtlichen Partner sei nicht gleichwertig zu Heterosex? Dafür sehen “wir” dann übrigens ganz schön gut aus, oder? Zumindest sagt man Schwulen doch nach, sie wirkten immer so gepflegt und so.
    Ob jemand “aus Versehen” andersgeschlechtlichen Sex hat, das wage ich zu bezweiflen. “Warum auch immer” scheint mir da schon treffender und meint ja wohl, aufgrund der Angst vor einem Outing, in dem verzweifelten Versuch, sich und anderen zu beweisen, man sei einer von ihnen.
    Wenn Lesben und Schwule nun als eine Art Gegenbewegung zu den jahrhundertelangen Abwertungen, die ja weder weltweit noch hier im zivilisierten Westen beendet sind, behaupten, gleichgeschlechtlicher Sex sei besonders intensiv oder sowas, dann ist das natürlich reiner Unsinn, aber m.E. völlig verständlich. Irgendwann kann sich das Pendel wieder in die Mitte bewegen. Vielleicht dann, wenn es keine Heteronormativität mehr gibt, die Homosexualität strukturell abwertet.
    Bis dahin müssen Sie mit den Ohrfeigen wohl leben.
    Oder wäre Ihnen das lieber, was Lesben und Schwulen täglich passiert: Verbale und tätliche Angriffe, angespuckt und ausgegrenzt, mit den dämlichsten Vorurteilen belegt, am Arbeitsplatz diskriminiert, ab und zu mal totgeschlagen, einfach nur, weil sie einen Menschen lieben, der das gleiche Geschlecht hat wie Sie? Was sind da schon ein paar symbolische Ohrfeigen? Überlegen Sie mal.

    Zu Ihrer letzten Frage: Das sehe ich tendenziell genauso. Und das ist auch gut so. ;-)

  5. buchstaeblich sagt:

    Damien,

    weil ich, also ich Einzelperson, das ist oft etwas anderes als “die Gesellschaft”, Homosexuelle jeglichen Geschlechts ernst nehme, als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft begreife, oft den Kopf schüttle über immer noch bestehende Ungleichbehandlung und sie auf Augenhöhe wahrnehme, nehme ich mir tatsächlich die Frechheit heraus, auch einmal zu sagen, wenn mich etwas an einer Teilmenge der gesellschaftlichen Gruppe stört. Und die Offenbarungsjublerinnen stören mich.

    Das Ding mit dem Versehen meinte ich so. Denn es gibt ja immer noch die ganz jungen Menschen, die hier und da nicht sofort wissen, welche Geschlechtskonstellation für sie die richtige ist, und da während ihrer geschlechtlichen Orientierung schon mal einen oder mehrere Fehlgriffe landen.

    Da ich in meinem Leben bisher weder ausgegrenzt noch totgeschlagen noch gespuckt, noch … habe, habe ich meines Erachtens auch keine Ohrfeigen verdient. Das sagen auch eine meiner besten Freundinnen und deren Frau.

    Nee, mir ist keinesfalls lieb, was Lesben und Schwulen täglich passiert, aber die Formel “Hetero = diskriminierendes, feindliches Arschloch” ist auch nicht in 100 % der Fälle zutreffend.
    Ich werde jetzt also nicht anfangen, mich für meine Orientierung zu schämen.
    Aber vielleicht verlege ich meine Aufmerksamkeit lieber wieder auf meinen (teils regenbogenbunten) Freundeskreis: Da gönnt mir keiner Ohrfeigen.

  6. Damien sagt:

    buchstäblich,

    wenn “die Gesellschaft” das mit dem Unterschied zwischen Einzelpersonen und dem großen Ganzen auch noch kapiert eines Tages, dann sind wir einen entscheidenden Schritt weiter. Wir beide scheinen den Unterschied zu kennen.
    Sagen Sie ruhig, was sie stört an dem einen oder anderen Homo. Wir machen das hier auch, sind dafür schon als Verräter und Nestbeschmutzer gebrandmarkt worden. Da können wir mit leben, ganz ohne Larmoyanz.

    Ich habe weder gesagt noch gemeint, dass sie irgendwelche Ohrfeigen verdient haben.

    Heteros halte ich auch nicht alle für Arschlöcher. Es gibt genug schwule Arschlöcher, Dummköpfe, Idioten, etc. Auch dafür gibt es dieses Blog, damit das auch mal gesagt werden kann und zwar ohne deshalb gleich schwulenfeindlich zu sein. Siehe oben, der Unterschied zwischen Individuen, Teilmengen und allen Homos.

    Schämen sollen Sie sich schon gar nicht für Ihre Heterosexualität. Sie können ja nichts dafür. ;-) Aber etwas weniger Selbstmitleid könnte Ihnen vielleicht schon gut tun.

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