Schluss mit der Stigmatisierung!

In der ICD-10 wird die sexuelle Orientierung an sich nicht als Störung angesehen – als stigmatisierendes Überbleibsel finden sich dort jedoch noch die unter F66 zu findenden diagnostischen Kategorien der F66.0 sexuellen Reifungskrise, F66.1 ichdystonen Sexualorientierung und F66.2 sexuellen Beziehungsstörung.

Mit diesen Worten zitierten wir im Sommer letzten Jahres das Schreiben eines besorgten Arztes an die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP). Anlass des Schreibens war ein unter der Schirmherrschaft der ÖGPP geplanter Kongress, für den u. a. ein Workshop mit dem Titel “Therapeutisches Arbeiten bei ichdystoner Sexualorientierung” angekündigt war, ausgerichtet vom evangelikalen Verein Wüstenstrom, der zuletzt erfolglos versuchte, Kritiker mit juristischen Mitteln mundtot zu machen.

Eine Initiative zur Streichung des stigmatisierenden Überbleibsels der Pathologisierung von Homosexuellen in der ICD-10 haben kürzlich die Beraterinnen der Lesbentelefone und -beratungsstellen in Deutschland gestartet:

Die Beraterinnen der Lesbentelefone sprechen sich für die ersatzlose Streichung der Diagnosen unter F66.- ICD-10 Gm „Psychische und Verhaltensstörungen in Verbindung mit der sexuellen Entwicklung und Orientierung“, insbesondere der „Ichdystonen Sexualorientierung“ (ICD-10 Gm, F66.1), aus, da diese Diagnosen in dieser Gesellschaft derzeit wahrscheinlich ausschließlich gegen lesbische, schwule und bisexuelle KlientInnen angewandt werden. Insbesondere die Diagnose der „Ichdystonen Sexualorientierung“ bereitet in manchen Fällen den Boden für die Anwendung problematischer und nachweislich schädigender Psychotherapien mit dem Ziel der Konversion der sozio-sexuellen Orientierung der KlientInnen in Richtung einer heterosexuellen Orientierung. KlientInnen, die aufgrund der gesellschaftlichen Stigmatisierung nicht-heterosexueller Orientierungen psychisches Leiden (z.B. in Form einer Depression, von Ängsten oder einer Substanzabhängigkeit) entwickeln, sollten eine sorgfältige Diagnose dieses Leidens erhalten entsprechend der symptomorientierten ICD-10-Gm- Kategorien für die entsprechenden psychischen Störungen und affirmativ und kunstgerecht behandelt werden. Die Kategorie F66.- ist für eine fachkompetente Diagnose redundant und befördert Vorurteile.“

(Erläuterung: ICD-10 ist die Klassifikation von Erkrankungen und psychischen Störungen der Weltgesundheitsorganisation, nach der auch in Deutschland diagnostiziert wird. Die ICD-10 Diagnosen tauchen beispielsweise auf den Überweisungsformularen auf. Derzeit gilt die 10. Version dieser Klassifikation. „Gm“ bedeutet „German modifikation“, also die deutsche Überarbeitung. Unter F66 werden „Psychische und Verhaltensstörungen in Verbindung mit der sexuellen Entwicklung und Orientierung“ zusammengefasst und „F66.1“ ist die Klassifikationsnummer der „Ich dystonen Sexualorientierung“. Das „F“ steht dafür, dass die „Ichdystone Sexualorientierung als „psychische Störung“ einklassifiziert wird.)

Die Stellungnahme soll im Herbst diesen jahres an das DIMDI (das Deutsche Institut für medizinische Dokumentation), das Bundesministerium für Gesundheit und die WHO gerichtet werden.

Wer die Stellungnahme unterstützen möchte, schickt eine mail an: lesbentelefonfreiburg@web.de

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