Menschenrechte sind fürn Arsch

Die Prämisse, Menschenrechte stünden jedem Menschen von Geburt an zu, seien also universell und unverletzlich, steht momentan schwer unter Beschuss. So urteilte bspw. Altkanzler Helmut Schmidt in bewährter Altersweisheit bei Sandra Maischberger:

“Man soll sich nicht in die Angelegenheiten anderer Länder einmischen!”

Denn in anderen Ländern herrschen nun einmal andere Sitten und was bitte schön qualifiziert uns böse Westler dazu, darüber zu urteilen, was richtig und was falsch ist?

“Anmaßung” sei das alles, so, als wüssten wir alles besser.

Europa habe in seiner langen Geschichte selbst unzählige Greueltaten begangen. “Und wo stehen denn die Menschenrechte?” fragte er zurück. Sandra Maischberger war für einen Augenblick derart irritiert, dass sie eine nicht ganz korrekte Antwort gab: “In der Uno-Charta”. “Nein”, sagte Schmidt, “die stehen in der UN-Menschenrechtsdeklaration. Ist aber eine reine Absichtserklärung.”

Man stelle sich nur einmal folgende Situation vor: Der Augenzeuge einer Messerstecherei greift nicht ein mit dem Hinweis, dies sei nicht statthaft, weil er früher selbst einmal Messerstechereien begangen habe. Und überhaupt sei das nun wirklich nicht seine Angelegenheit. Ob Schmidt so etwas gutheißen würde?

Doch nicht nur Helmut Schmidt, auch der Politikprofessor Kishore Mahbubani aus Singapur lässt im Spiegel ähnliche Weisheiten vom Stapel. Die Arroganz des Westens findet er jedenfalls unerträglich:

Werdet klüger, werdet einfühlsamer in eurem Verhältnis zum Rest der Welt. Lernt, anderen zuzuhören. Ansonsten wird es jenen Kampf der Kulturen geben, den ihr so fürchtet. Es ist wie in einer Schulklasse. Wenn einer den Rest die ganze Zeit tyrannisiert, entstehen Hass und Zorn. Der Westen war der Klassentyrann der letzten 200 Jahre. [...]

Ihr kommt auf euren hohen Rössern daher wie die weißen Ritter, Galopp, Galopp, und glaubt, die armen Völker von ihren bösen Führern befreien zu müssen. In Wahrheit verfolgt ihr unter dem Deckmantel von Demokratie und Menschenrechten nur eure egoistischen Interessen. Wir haben eure Doppelmoral durchschaut.

Ich kann förmlich das lustvolle Stöhnen diverser Antiimperialisten hören, welche angesichts dieser Worte vor Freude in ihre Unterhöschen ejakulieren. Es ist erstaunlich, wie oft man betonen muss, dass im Westen natürlich Fehler - auch massive - begangen wurden und werden, dass es aber einen Unterschied gibt zwischen Systemen, die Fehler machen und solche die Fehler sind.

Das Interview mit Kishore Mahbubani ist jedenfalls eine Orgie postmoderner Differenzierung:

SPIEGEL: Gilt die Menschenwürde eigentlich überall auf der Welt?

Mahbubani: Natürlich. Jeder Mensch sollte die gleichen Rechte haben. Keine Diskriminierungen.

SPIEGEL: Wie können Sie dann Staaten verteidigen, die Menschenrechte ganz offensichtlich verletzen?

Mahbubani: Ich kenne keine einzige perfekte Gesellschaft auf der Erde. Deshalb sollte keine Gesellschaft über eine andere richten. Das dürfte nur ein Land, das eine blütenreine Weste hat.

Was für eine Kleinkinder-Rhetorik. Und mit so was wird man also einer der “brillantesten und provokantesten Intellektuellen Asiens.” Dieser vernichtenden Kritik eines Bloggerkollegen kann man sich nur anschließen. Verwundern kann einen die Lobhudelei auf Professor Mahbubani allerdings nicht. Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, in der auch Judith Butler und Günther Grass zu den klugen Köpfen gezählt werden.

Interessant übrigens, wie weit das Mantra der Nichteinmischung mittlerweile gediehen ist. Natürlich muss niemand militärische Interventionen zum Sturz von Diktaturen gutheißen. Merkwürdig aber, dass inzwischen selbst Kritik an der Verletzung von Menschenrechten - je nach Umständen - als rassistisch, neokolonialistisch oder islamophob gilt. Der Premier von Jamaika hat das Mantra des progressiven Beleidigtseins jedenfalls hervorragend verinnerlicht:

‘Jamaica is not going to allow values to be imposed on it from outside,’

Gemeint ist damit natürlich, dass Jamaika es sich vorbehält, auch in Zukunft weiter munter seine Homos diskriminieren, verfolgen und töten zu dürfen. Und der Premier hat Recht damit. Wehrt er sich doch lediglich gegen die arrogante Anmaßung des Westens. Und schließlich wurden dort früher auch Schwule verfolgt. Gleiches Recht für alle! Was damals Recht war kann heute nicht Unrecht sein! Kampf der Jamaikophobie!

4 Antworten zu “Menschenrechte sind fürn Arsch”

  1. dagny sagt:

    Ach, wenn diese Argumente doch nur in der Klimadebatte gegen das Einmischen vorgebracht wuerden!

  2. seizo sagt:

    Wenn man sowas hört bekommt man manchmal richtig Lust sich umzubringen.
    In was für einer Welt leben wir eigentlich?

  3. DDH sagt:

    Du blendest den Zwangscharakter der kollektiven Einmischung aus. Dieses Problem besteht bei der individuellen Einmischung nicht. ICH darf mich überall einmischen, aber ich darf es nicht mit DEINEM Leben oder DEINEM Hab und Gut tun, jedenfalls nicht ohne Dein Einverständnis! Genau das ist aber das Wesen jeder politisch-moralischen Intervention: daß Ihr eine fundamentale Rechtsverletzung innewohnt, daß sie wesensmäßig eine Aggression darstellt!

    Schmidt Plädoyer für Noninterventionismus hat mir recht gut gefallen, wenngleich ich die eher ans 19. Jahrhundert gemahnende nationalstaatlich-souveränistische Begründung nicht teile. Na egal. Falscher Rechenweg, trotzdem richtiges Ergebnis. DEUTSCHLAND RAUS AUS AFGHANISTAN!!!

  4. Adrian sagt:

    “ICH darf mich überall einmischen, aber ich darf es nicht mit DEINEM Leben oder DEINEM Hab und Gut tun, jedenfalls nicht ohne Dein Einverständnis!”

    Erzähl das nicht mir, sondern den Chefs diktatorischer Staaten.

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