Der Untergang des Abendlands – Version 4527

By Damien

Dennis Prager hat Angst. Angst vor den Homos, die in Kalifornien bald heiraten dürfen. Das macht noch mehr Leuten Sorgen, wie Adrian bereits hier erwähnte. Was Prager allerdings an „Argumenten“ zusammen trägt, ist kaum noch zu toppen. Adrians Witz, wonach

unseren konservativen Freunden sicher schon die Knie schlottern bei der Vorstellung, dass sich demnächst niemand mehr zur Heterosexualität bekennt, weil man ja jetzt schließlich auch als Homo heiraten darf

ist für Prager bittere Zukunftsvision.

Zunächst einmal jedoch skizziert Prager den Rahmen, in dem er argumentiert. Und der ist monumental:

Es ist schwer, sich einen einzigen sozialen Umbruch vorzustellen, der größer wäre als die Neudefinition der Ehe, die vormals eine Institution für Menschen unterschiedlichen Geschlechts war und nun zu einer Institution definiert wird, die auch Menschen des gleichen Geschlechts einschließt.

Was ist schon z.B. die Abschaffung der Sklaverei gegen die Möglichkeit für Schwule, einander zu heiraten? Genau: Peanuts. Kommen wir zu den Auswirkungen des kalifornischen Urteils. Tatsächlich, Prager geht davon aus, dass es die Gesellschaft verändern wird:

Sollte dieser Urteilsspruch weiterbestehen, wird sich die Gesellschaft, wie wir sie kennen, verändern.

Doch ahnen Sie, was auf uns zukommt? Ich war ehrlich überrascht über die nun folgende Argumentation:

Außerhalb der Privatsphäre zu Hause werden junge Frauen davon abgehalten werden, davon zu träumen, eines Tages ihren Traumprinzen zu heiraten – so etwas würde als „heterosexistisch“ erklärt werden, moralisch gleichwertig mit rassistisch. Statt dessen wird man ihnen sagen, doch von einem Traumprinzen oder eine Traumprinzessin zu träumen. In Schulbüchern wird man die Ehe nicht nur als Angelegenheit zwischen Mann und Frau beschreiben dürfen.

Wobei letzteres nach Öffnung der Ehe für Homosexuelle schlicht und ergreifend der Realität entsprechen würde.

Kleine Mädchen werden von anderen kleinen Mädchen und von Lehrern gefragt werden, ob sie später mal einen Mann oder eine Frau heiraten wollen.

Mein Gott! Was für eine traumatische Erfahrung, eine offene Frage gestellt zu bekommen. Was ist dagegen schon die heutige Realität für lesbische Mädchen, die ständig mit der Frage penetriert werden, ob sie denn schon einen Freund haben? Natürlich, das ist heteronormativ. Aber die Mehrheit ist doch nun mal hetero. Müssen sich denn die Homos immer so anstellen? Können doch mal so tun, als seien sie mitgemeint…

Doch es kommt noch schlimmer:

Die Tragweite der sexuelle Verwirrung für junge Leute, welche die gleichgeschlechtliche Ehe stiften wird, kann man nicht völlig ermessen. Es sollte in diesem Rahmen ausreichen zu sagen, dass (anders als diejenigen, die von Sexualität keinen blassen Schimmer haben und die glauben, dass die sexuelle Orientierung von Geburt an unveränderlich vorgegeben ist,) dass die sexuelle Orientierung im Gegenteil mehr eine Art Kontinuum ist, das sich von ‚ausschließlich heterosexuell’ am einen Ende bis zu ‚ausschließlich homosexuell’ am anderen Ende erstreckt. Ein großer Teil der Menschheit – insbesondere Frauen – können homosexuellen Sex genießen.

Insbesondere Frauen! Prust, wo er das nun wieder her hat? Vermutlich von Männern, die von Sexualität keinen blassen Schimmer haben bzw. ihre eigenen sexuellen Phantasien mit der Realität verwechseln. Immerhin erfahren wir jetzt, wofür die Ehe gut ist:

Es liegt an der Gesellschaft, die breit gefächerten menschlichen Facetten der Sexualität in eine ausschließlich heterosexuelle Richtung zu lenken – bisher wurde dies durch die Ehe erreicht.

Dieses Argument kannte ich bisher nur von linken Anhängern der freien Liebe, die damit ihrerseits begründeten, warum die Homo-Ehe des Teufels ist, weil sie nämlich die Homos heterosexualisiere. Nun also andersrum derselbe Unsinn. Natürlich dient die Ehe nicht der Heterosexualisierung. Warum übrigens sollte dies überhaupt nötig sein? Ist denn die heterosexuelle Praxis an sich so langweilig oder gar ekelerregend, dass sie es nötig hätte, durch eine Institution erst herbei gezwungen zu werden? Der nächste Satz scheint mir eine doppelte Projektion zu beinhalten:

Aber das ist natürlich „Heterosexismus“, eine bigotte Vorliebe für die erotische Liebe zwischen Mann und Frau, der daher aus der Gesellschaft ausgerottet werden muss.

Die wenigsten Schwulen und Lesben, die ich kenne, sind der Ansicht, die erotische Liebe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen sei etwas Besseres als die zwischen Mann und Frau. In der Regel sind es Heteros, die eine solche Höherwertigkeit für ihre sexuelle Orientierung annehmen. Das Gleiche gilt für Ausrottungsphantasien. So kann ich mich nicht erinnern, in meinem Leben einmal einem schwulen Mann begegnet zu sein, der die Ausrottung von Heterosexuellen propagiert hätte. Heterosexuelle andererseits haben durch die Geschichte ähnliches für Lesben und Schwule nicht nur propagiert, sondern auch mit vielfältigen Mitteln in die Tat umzusetzen versucht.

Doch Prager hat nicht nur Angst, Prager ist auch offensichtlich paranoid:

Jedwedes Eintreten für die Ehe zwischen Mann und Frau wird als moralische Hetze betrachtet werden und kurz darauf wird das so auch gesetzlich gelten.

Firmen, die Eheringe verkaufen, werden sich gezwungen sehen, in ihrer Werbung einen Mann zu zeigen, der einem Mann den Ring an den Finger steckt – würde die Firma ausschließlich Mann-Frau Ehering-Werbungen zeigen, würde sie boykottiert werden, genau wie heute Firmen mit rassistischen Werbemotiven boykottiert würden.

Zwischenfrage: Wenn die Käufer von Eheringen, in der Mehrzahl ja wohl Heterosexuelle, diese heterosexistische Werbung tatsächlich boykottieren würden, was hätte Herr Prager dagegen einzuwenden? Vielleicht könnte ein neues Gesetz Abhilfe schaffen, nach dem heterosexuelle Heiratswillige verpflichtet würden, ihre Ringe nur bei Firmen zu kaufen, die nicht mit Homo-Ehe-Willigen werben? Ob das Abendland so zu retten wäre?

Filme, die nur Ehen zwischen Mann und Frau zeigen, werden als gesellschaftsfeindlich und moralisch so unverantwortlich betrachtet werden, wie das mit Filmen geschehen ist, die rauchende Menschen zeigen.

Und es geht noch absurder. Jetzt denkt Prager das bisher ausschließlich in seiner Phantasie existierende Szenario weiter, wonach Befürworter der Homo-Ehe Gegner der Hetero-Ehe seien – was natürlich endgültig Blödsinn ist:

Jeder, der für die Ehe als Ehe zwischen Mann und Frau eintritt, wird moralisch wie ein Rassist betrachtet werden. Und bald darauf wird das als Volksverhetzung gelten.

Sodann wird die Ehe den Heteros endlich verboten, bevor sie alle umgepolt werden und die Homo-Ehe Pflicht wird. Wo das dann endet, sieht man heute schon in den Staaten, die die Homo-Ehe längst eingeführt haben: Kanada, Massachusetts, Spanien, Niederlande, Belgien und nicht zuletzt Südafrika. Oder hat jemand im letzten Urlaub in einem dieser Länder noch eine nennenswerte Population von Heterosexuellen entdeckt?

5 Antworten zu „Der Untergang des Abendlands – Version 4527“

  1. Heterosexuelle Ängste « Point of View II sagt:

    [...] Gay West – Der Untergang des Abendlandes-Version 4527 [...]

  2. Bloglust sagt:

    Sehr schön seziert!

  3. ex-blond sagt:

    Sehr brav die Hausaufgaben gemacht ;-)

  4. ex-blond sagt:

    Info für Mitleser: die kontroverse – und daher wie ich finde sehr interessante – Diskussion zum Prager-Text fand schon statt … hier

  5. Bernieboy80 sagt:

    Besonders bemerkenswert an Pragers Polemik fand ich den Absatz, in dem er behauptet, die Ehe diene dazu, die stufenlose sexuelle Orientierung ins Hetero-Schema zu pressen:

    „Es liegt an der Gesellschaft, die breit gefächerten menschlichen Facetten der Sexualität in eine ausschließlich heterosexuelle Richtung zu lenken – bisher wurde dies durch die Ehe erreicht.“

    - und das diese so erreichte Normierung der Sexualität nun wegfiele. Damit argumentiert er genau entgegengesetzt zu vielen anderen Reaktionären, die behaupten, 100-prozentige Heterosexualität sei normal – unde durch eine größere Thematisierung von Homosexualität sowie eine Freigabe der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare würde „Werbung“ für homosexuelle Lebensformen betrieben, so dass viele der armen Heten verführt werden und ans andere Ufer hinüber schwimmen.

    Also: nicht Homo-, sondern Heterosexualität wird „beworben“. Auch mal was Neues.

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