Die Ex-Gay-Bewegung schwappt über nach Europa und setzt sich in einem Land fest, das nicht gerade für seine Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben bekannt ist: Polen. Merkwürdig, dass ein überwiegend katholisches Land Gefallen an den Thesen Evangelikaler findet und das erst Recht wenn man sich vor Augen führt, dass Katholiken Homosexualität ja gar nicht als Krankheit betrachten, sondern vielmehr als Prüfung Gottes, die einigen Menschen auferlegt wurde. Homosexualität als Gottesgeschenk also, versehen mit der himlischen Auflage, sie keinesfalls zu leben, sondern stattdessen sein Dasein in Enthaltsamkeit zu fristen.
Wie sieht also die “Umpolung” Homosexueller im katholischen Polen aus? In einem Wort: Bizarr!
Homosexualität gilt im katholischen Polen vielen als Krankheit oder zumindest Sünde. So fühlen sich Lesben und Schwule oft genötigt, in speziellen Einrichtungen der katholischen Kirche Hilfe und Behandlung zu suchen. In einem unscheinbaren weißen Haus im südostpolnischen Lublin arbeitet ein solches Zentrum zur Therapie von Homosexuellen. Es heißt „Odwaga“ (Mut) und wird von der katholischen Stiftung „Licht-Leben“ betrieben. Journalisten sind hier unerwünscht. Hinter diesen Mauern lernen Männer Fußballspielen, Frauen Kochen – und jeder Beten, um sein Kreuz zu tragen.
Das kommt einem schon bekannt vor, oder? Fußball spielen um Schwuler “männlicher” zu machen und Kochkurse für Frauen um deren “Weiblichkeit” zu stärken. Ex-Gay-Gruppen in den Staaten sind tatsächlich davon überzeugt, dass die Fähigkeit eines Mannes Fußball zu spielen, sich irgendwann auf sein Interesse an Vaginen und Titten auswirkt. Und auch der Weg von einer kochenden Frau hin zum praktizierten Blowjob ist ja gar nicht so weit. Das ist die evangelikale Doktrin. Katholiken jedoch setzen, gemäß dem päpstlichen Dogma, ihren armen Sündern ein anderes Ziel:
„Das Ziel ist nicht, den Patienten zu ändern oder umzupolen. Das Ziel ist, ihn darauf vorzubereiten, seine Neigung zu akzeptieren“, sagt die Warschauer Psychologin Lena Wojnowicz, die für „Odwaga“ arbeitet. „Er muss akzeptieren, dass Gott ihn so geschaffen hat. Das ist eine Bedingung, die ihm auferlegt wurde“, sagt die Therapeutin, die auf ihrem schwarzen Pullover selber eine Kette mit einem sehr großen Kreuz trägt.
Ein Gottesbild, welches einen wahrhaftig schaudern lässt. Der Herr im Himmel wählt also zufällig einige Menschen aus, ihre tiefsten Gefühle auf das gleiche Geschlecht zu richten, die sie dann aber nicht ausleben dürfen. Andernfalls wird der selbe Gott strafend einschreiten:
Die Patienten müssten davon überzeugt werden, dass sie die Wahl hätten, erläutert Wojnowicz weiter: zwischen einem Leben der Lust in Sünde und einem christlichen Leben auf Grundlage der Keuschheit. „Das ist ein Leiden, das für Christen einen Sinn hat, ein Leiden, dem man sich jeden Tag aufs Neue stellen muss.“ Der Mensch sei in der Lage zu erkennen, was wirklich wichtig für ihn ist, sagt die Psychologin. „In diesem Fall ist er fähig, all seine Gefühle zu überwinden.“
Das Schlimme ist, dass diejenigen, welche diese Lehre propagieren, sich der Grausamkeit dieser gar nicht bewusst sind. Sie sind tatsächlich der Meinung, sie helfen den Schwulen und Lesben, ein sinnvolles Leben zu führen, dass sie dereinst in den Himmel führt. Und sie kommen gar nicht auf den Gedanken, einen derartig zynischen, menschenfeindlichen Gott zu verwerfen.
Und obwohl die “Therapien” in Lublin nicht das Ziel haben, aus Homos Heteros zu machen, ist man natürlich nicht unglücklich, wenn dieses ab und an mal passiert:
Auf ihrer Website (www.odwaga.oaza.pl) veröffentlicht die Organisation zahlreiche Berichte von Therapie-Teilnehmern, um den Erfolg der Behandlung zu belegen. Niemand von ihnen möchte allerdings offen mit Journalisten sprechen. „Heute fühle ich mich frei, weil ich nicht mehr das Bedürfnis habe, meine Homosexualität auf aktive Weise zu leben“, sagt eine Frau, die anonym bleiben möchte, im Telefoninterview. Vor fünf Jahren habe sie mit ihrer Therapie begonnen. „Ich fühle mich nicht mehr lesbisch und fange sogar an, die Welt der Männer zu entdecken.“
Ein Trost bleibt nach all diesem Irrsinn aber dennoch: Gewisse heterosexuelle Kreise mögen weiterhin ihre Nasen in das Privatleben andersliebender Menschen stecken und versuchen Schwulen und Lesben das Leben so gut wie irgend möglich zu erschweren. Eines sollten sie sich aber endlich bewusst machen:
“Therapie” hin oder her: Uns Homos werdet ihr nicht mehr los. Nirgends.