Jetzt ist er endgültig blöd im Kopf geworden, der Kraushaar Elmar. Nachdem er in seiner taz-Kolumne nach ganz viel Verständnis für migrantische Schwulenklatscher ein paar ziemlich billige Klischees über Schwule zum Besten gegeben und schließlich allen Homos, die nicht seinem antikapitalistischen Weltverbesserungsprogramm entsprechend leben, vorgeworfen hatte, gar keine richtigen Schwulen zu sein, propagiert er jetzt die freiwillige Heterosexualisierung der Homosexuellen. Und das geht so: Zuerst einmal phantasiere man sich einen Zwang, auf ewig homosexuell bleiben zu müssen. Zwar steht das
nirgendwo geschrieben, und keiner wird dazu zwangsverpflichtet nach dem ersten Analverkehr…
…wenn man den Popanz aber erst einmal aufgebaut hat, kann man sich doch ganz wunderbar daran abarbeiten. Und dabei demonstrieren, dass einem die Mühen homosexueller Subjektwerdung längst zu viel geworden sind und daher ganz tief in die Trickkiste des Ressentiments greifen:
…außerdem gibt es viele gute Gründe, das kuschelige Identitätsgefängnis zu verlassen: der gnadenlose Alten- und Tuntenhass in der Gemeinde, eine Promi-Galionsfigur wie die reaktionäre Husche Udo Walz, das Diktat der Dummheit alljährlich zum CSD. Ein ganz anderer, wunderbarer Grund ist die Liebe.
Identitätsgefängnis! Darauf muss man erst mal kommen! Andererseits: In einer Zeit, in der man ständig um die Ohren gehauen bekommt, die Schwulen sollten endlich einmal die Klappe halten, sie hätten doch längst alles erreicht, ist es verständlich, wenn dem einen oder anderen langgedienten Kämpfer für Emanzipation und Sozialismus irgendwann dann doch der Atem ausgeht und der Ausweg in die Heterosexualität gesucht wird. Weshalb dem Elmar ganz warm ums Herz wird, wenn er von Klaus erzählt:
Klaus ist 51 jetzt, hat vor drei Jahren Lena geheiratet und ist gerade Vater geworden. Klaus strahlt. 1975 war Klaus aus dem niedersächsischen Bad Salzdetfurth nach Berlin gekommen, froh der Provinz entkommen zu sein und bereit, die schwule Metropole zu erobern. Nichts hat er ausgelassen, ist in Stöckelschuhen über den Kudamm marschiert, hat die Kerle gewechselt in einer Tour, ist abgestürzt zwischen Drogen und Selbstmitleid, hat noch einmal die Kurve gekriegt und die Pest überlebt, bis er ruhiger wurde, sich manchmal sogar verliebte und schließlich einen Mann abgekriegt hat, der häuslich war und tolerant.
Die nun folgende Umpolungs-Prosa hätten auch die Klempner von Wüstenstrom nicht besser formulieren können:
Das Leben hätte so weitergehen können für Klaus, doch mit 45 war auf einmal Schluss. Klaus ist ein hübscher Mann, mit grauen Haaren jetzt und raspelkurz. Natürlich schauen ihm die Frauen nach, und einmal hat er zurückgeblickt. Lena. Klaus ist nervös geworden und hat eine Sehnsucht gespürt wie kaum je zuvor. Mit keinem hat er darüber geredet, und bis er die Telefonnummer von Lena ausfindig gemacht hatte, vergingen ein paar Wochen. Jetzt sind sie längst verheiratet. Verheiratet! Mit Trauzeugen und Kirche, und die Eltern haben geweint. Ein paar alte Freunde von Klaus waren auch dabei, im Fummel und aufgedonnert wie zu einer Filmpremiere. Klaus war stolz an seinem Hochzeitstag, unglaublich stolz, und wusste nicht einmal worauf.
Hätte er doch nur die alten Freunde gefragt, die – typisch schwul – der Feier beleidigt fern blieben. Die hätten ihm ganz sicher erklärt, worauf er so stolz ist:
Obwohl ein paar alte Freunde auch nicht gekommen sind. Dass einer so einfach abhaut aus ihrer Welt, ging ihnen nicht in den Kopf. Was hatte sie, was sie nicht haben? Am besten wäre es, man verliert kein Wort mehr darüber, Klaus ist einfach weg. Auf und davon. Basta! Homosexuelle Männer können verdammte Memmen sein, geht es um ihre Homosexualität und die Angst davor, sie zu verlieren. Da sind sie um keinen Deut besser als ihre heterosexuellen Brüder.
Stolz also, endlich einer von denen zu sein, Original-Memme, nicht länger eine bloße Kopie. Ob es viele davon gibt? Man weiß es nicht, wie Kraushaar traurig konstatiert:
Männer wie Klaus tauchen in keiner Statistik auf, niemand zählt, wie viele die Seite wechseln im Laufe eines Lebens. Aus Liebe und nichts weiter als aus Liebe.
Obwohl die der Liebe gefolgten Ex-Gays es wahrlich nicht leicht haben, wegen der
Intoleranz der Welt.
Der schwulen Welt, selbstredend. Und so schimpft Klaus
Auf die Schwulen, die ihn jetzt nur noch von weitem grüßen, wenn er über die Berliner Motzstraße geht.
Doch es geht noch ärger!
“Die Heteros”, sagte er, “sind eigentlich noch viel schlimmer. Da muss ich aufpassen, dass sie mir nicht ständig auf die Schulter schlagen und gratulieren, weil ich es doch noch geschafft hätte vor Toresschluss. Warum hat mir das keiner vorher gesagt, dass Heteros so dämlich sein können?”
Vielleicht hätte er zur Abwechslung vorher mal mit einem Schwulen reden sollen, dessen schwuler Selbsthass einem nicht wie bei Kraushaar bei jedem Wort ins Gesicht springt,
der gnadenlose Alten- und Tuntenhass in der Gemeinde, eine Promi-Galionsfigur wie die reaktionäre Husche Udo Walz, das Diktat der Dummheit alljährlich zum CSD.
der für sein Schwulsein keine Gemeinde benötigt, Männlichkeit nicht für eine Fehlkonstruktion der Natur hält und die Armut der ersten CSD-Paraden nicht für Anzeichen höchster Intellektualität.
Schlagworte: Berlin, CSD, Die Entschwulung der Welt, Die gute alte Linke, Homosexualität ist keine Qualifikation, Homosexuelle Lebensweise, Ich habe nichts gegen Schwule aber..., Man wird doch wohl noch sagen dürfen, Prosa, Schwul sein ist voll scheiße, Stolze Heteros, Zurück zur Natur
6. August 2008 um 18:07
Vielleicht sollte mann solche Literatur besser unter science-ficktion abheften!
7. August 2008 um 0:50
Na, aber sicher! Die Sexualität der “heretosexuellen Brüder” hängt am seidenen Faden – und die Homosexualität als stets dräuendes Schwert darüber.
Was will uns E.K. damit sagen? Daß ein heterosexueller Mann nie aus seiner Pubertät herauskommt? Daß er nie so etwas wie eine Selbstfindung erfährt, nie an einem Punkt ankommt, an dem er sich sagt, so, das bin jetzt ich und fertig, aus? Daß er sein ganzes Leben lang vor Angst schlottert, er könne schwul werden?
Und noch besser: Auch auf die Homosexualität kann man sich nicht verlassen. Klaus hat’s gezeigt. Schon morgen kann das Ende da sein!
Ich verstehe jetzt, was ich falsch mache. Ich fühle mich diskriminiert, weil ich Angst habe. Ich habe Angst, weil ich nicht weiß, wer ich bin. Es gibt gar keine Angriffe auf mich selbst. Man will mich nur vom “Glauben” abbringen. Sollte mich einer auf der Straße zusammenprügeln, so wäre meine Angst, er könne mich umbringen, nur vorgeschoben. In Wirklichkeit hätte ich nur Angst, er könne mich zum Heterosexuellen schlagen.
Ich bin frei! E.K. hat mir gezeigt, daß ich selbst schuld bin. Nein, ich will keine Memme sein! Gleich morgen werde ich ganz tapfer sein und aller Welt erklären, ich wolle mir das mit meiner Homosexualität noch einmal überlegen.