In der Welt war am vergangenen Wochenende zu lesen:
Lebenslange Treue ist ein Ideal, das heute nicht mehr zu halten ist.
Die Begründung hierfür ist reichlich merkwürdig:
„Liebesaffären sind auch immer ein Lösungsversuch für Probleme“ sagt Professor Wolfgang Hantel-Quitmann (Liebesaffären“, Psychosozialverlag, Giessen). Es handelt sich häufig um Menschen, die bislang nicht gewohnt waren, miteinander zu reden, sich über ihre Wünsche, Ängste und Hoffnungen auszutauschen, oder die im gegenseitigen Idealisieren oder in Harmonie erstarrt waren.“ Diese Paare müssen nicht nur lernen, mehr zu kommunizieren, sondern auch, ihre Konfliktfähigkeit zu entwickeln.
Kommunikation wäre also eine Alternative zum Fremdgehen? Das scheint die Welt ihren Lesern weder zuzutrauen noch zumuten zu wollen:
Die meisten Menschen sehnen sich nach Monogamie. Aber jedem Zauber wohnt ein Ende inne. Wer sich aber lebenslange Treue wünscht, sollte sich ein Seepferdchen angeln. Denn haben diese kleinen Meerestiere einen Partner gefunden, bleiben sie ihm zeitlebens treu. Die meisten Liebesbeziehungen halten nicht, bis der Tod sie scheidet, sondern bis ein neuer Partner sie trennt.
Doch so wie die Entscheidung, zum Seepferdchenliebhaber zu werden, eben eine Entscheidung ist, so ist es auch die für einen Seitensprung. Eine Liebesbeziehung wird durch einen der bisherigen Partner getrennt, nicht durch einen neuen. Die Welt scheint überlegt zu haben, wie man das mit der Selbstverantwortung sonst noch loswerden könnte. Statistik? Ja, das zieht immer:
Die heute 30-Jährigen haben im Durchschnitt 3,6 feste Partnerschaften gehabt, einschließlich der jetzigen.
Wollen Sie da aus dem Rahmen fallen? Hinzu kommt noch das obligatorische Argument von Mutter Natur:
„Der Mensch ist zwar von der Natur so konstruiert, sich zu verlieben und sich nach ewiger Liebe zu sehnen. Aber er ist nicht dazu gebaut, treu zu bleiben“, meint der amerikanische Soziobiologe Robert Wright. Es liege einfach in der Natur der Sache, dass Menschen nur so lange mit einem Partner zusammenbleiben, bis das gemeinsame Kind aus dem Gröbsten raus ist. Spätestens nach vier Jahren werde wieder nach einem neuen Partner für die nächste Etappe Ausschau gehalten.
Bei soviel Unsinn weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Also: Die Natur soll den Menschen so konstruiert haben, dass er sich einerseits verliebt und nach ewiger Liebe sehnt, andererseits aber nicht treu sein kann. Irgendwie erinnert mich das an die Argumentation von katholischer Seite, Gott habe manche Menschen zwar homosexuell erschaffen, erwarte von ihnen jedoch, keusch zu bleiben, weil er nicht wolle, dass sie ihre sexuelle Orientierung ausleben. Überhaupt: Homosexuelle. Die scheinen zur Abwechslung mal wieder in der Natur überhaupt nicht vorgesehen zu sein, denn in ihrer Natur liegt es jedenfalls nicht mit einem Partner solange zusammenzubleiben, bis das gemeinsame Kind aus dem Gröbsten raus ist. Ob das bei Heteros so vorgesehen ist, darf man mit Fug und Recht wohl auch bezweifeln. Nach der Logik müssten sich kinderlose Paare überhaupt nicht trennen. Und Paare mit ganz vielen Kindern müssen einen an der Klatsche haben, ungefähr so wie Schwule, die sich nicht jede Nacht im Darkroom rumtreiben. So etwas hat die Natur nämlich nicht vorgesehen.
Bei Wolfgang Huber las ich letztens ein Camus-Zitat: Sich zu lieben, bedeute, miteinander alt werden zu wollen. Mühe dürfte das kosten. Richtig anstrengend könnte es werden. Aber lohnt es sich nicht auch? Was für eine Verarmung und Verachtung des Zwischenmenschlichen, wenn man immer gleich vor Konflikten wegläuft und sich den nächsten anlacht.
Schlagworte: Abgründe katholischen Mitgefühls, Heteronormativität, Monogamie, Seepferdchen, Statistik, Zurück zur Natur