Nackt

20 Nov

San Francisco ist wahrlich kein guter Ort, um öffentliche Nacktheit zu zelebrieren: Die Stadt ist kühl, windig und gar nicht selten feucht und neblig. Dennoch ist die Stadt an der US-Westküste eine der wenigen Orten der Welt, wo öffentliche Nacktheit toleriert wird. Zumindest bis jetzt:

Öffentliche Nacktheit hat im liberalen San Francisco Tradition, zumindest im Castro District, dem Schwulenviertel der Stadt. Doch als die Zahl der Nudisten vor rund zwei Jahren stark zunahm und diese auch in anderen Stadtteilen immer öfter zu sehen waren, fühlten sich Passanten und Geschäftsbesitzer zunehmend gestört.

Doch gestört wovon? Vom Unbekannten? Weil man es nicht gewohnt ist? Weil nackte Menschen eklig sind? Oder eher das Gegenteil?

Darum wird morgen über ein völliges Nacktheitsverbot in der Öffentlichkeit abgestimmt. Nach dem Vorhaben ist es Personen, die älter als fünf Jahre sind, untersagt, sich mit entblösstem Geschlechtsteil auf öffentlichen Strassen und Plätzen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln aufzuhalten.

Der Verweis auf das Alter und die explizite Erwähnung der Geschlechtsorgane lässt vermuten, dass der Impuls, “Nacktheit” in San Francisco zu verbieten, im Wesentlichen von den selben Motiven bestimmt wird, wie der Zwang zur Verschleierung in den Ländern des islamischen Raumes: Man will von einem Anblick verschont bleiben, bei dem die Möglichkeit besteht, sexuell erregt zu werden.

Doch was ist an Nacktheit störend? Wir alle wurden nackt geboren, Nacktheit ist natürlich und ungefährlich. Und wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat, kommen einem die Menschen ebenso gewöhnlich und uninteressant vor, wie in Bekleidung.

About these ads

10 Antworten to “Nackt”

  1. Muriel 20. November 2012 at 16:25 #

    Naja. Ich persönlich fühle mich durchaus auch wohler unter bekleideten Menschen. Ja, das liegt gewiss an Konditionierung und hätte auch anders kommen können, und vielleicht könnte ich es mir sogar abgewöhnen, aber nun ist es einmal so, und nun will ich das auch gar nicht unbedingt. Ich bin also durchaus für die Konvention Kleidung.
    Trotzdem würde ich mir natürlich nicht das Recht anmaßen, andere zu zwingen, sich meinen Vorlieben entsprechend zu verhalten, und ich könnte Leute ohrfeigen, die sich dieses Recht so selbstverständlich herausnehmen. Könnte ich wirklich. Würde natürlich nichts nützen und eher Schaden anrichten, deswegen mach ichs nicht, aber ich finde, die hätten das verdient.

  2. bummibaer 23. November 2012 at 18:09 #

    Könnte mir vorstellen, dass dahinter wieder mal religiöse Befindlichkeiten stehen. Denn zumindest für diese Fraktion ist die Nacktheit des Menschen ein (selbstgemachtes) Problem: Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen, also müsste der doch auch irgendwie nackig sein (ob mit Pimmel oder Muschi ist egal). Nun finde aber mal einer ne Religion, die ihr höchstes Wesen nackt darstellt, oder ihr gar die Fähigkeit zur Lust lässt ;-)

    Gruss,
    Bummbibaer

  3. Leszek 24. November 2012 at 01:55 #

    Hi Adrian,
    hier ein interessanter wissenschaftlicher Artikel zum Thema:

    http://www.geo.de/GEO/heftreihen/geokompakt/liebe-und-sex-die-erfindung-der-scham-61716.html?p=1

  4. Atacama 27. November 2012 at 18:58 #

    @bummibär

    Das gibt es, aber das sind dann heidnische vorchristliche Religionen oder welche an denen das christentum (und die anderen monotheistischen Religionen) vorbeigegangen sind.

    Cernunnos z.B der Gott der Männlichkeit an sich wird oft nackt dargestellt.

    Aus dem haben die Christen dann glaube ich auch den Teufel gebastelt, weil er auch Hörner hat und eben für fruchtbarkeit, körperliche Liebe usw. steht.

    All diese Fruchtbarkeitsgötter Pan z.B auch wurden später kurzerhand dämonisiert, weil Sex usw. halt böse ist.

    Zum Thema, ich finde es gewöhnungsbedürftig, aber würde es überleben.
    Auch wenn der Gedanke, mich auf einen Bus-Sitz zu setzen auf den gerade eben noch ein verschwitzter Fleischklops seinen oder ihren nackten Allerwertesten gepflanzt hat nicht eben reizvoll finde^^

  5. Atacama 27. November 2012 at 19:08 #

    Dann fällt mir noch Sheela na Gig ein.
    Was genau es damit auf sich hat weiss ich nicht, aber das sind Steinskulpturen von nackten (allerdings alt und mager aussehenden) Frauen die ihre Vagina weit auf halten. Offenbar auch an Kirchen zu finden. Zumindest in Irland. in Anbetracht der Häufigkeit vielleicht eine Art heidnisches Schutzzeichen als Überbleibsel einer heidnischen stätte auf der die Kirche errichtet wurde.

    Gegeben hat es das also schon mal diese Geschichte mit der Nacktheit^^

  6. morus 28. November 2012 at 14:52 #

    @Atacama
    Das Benutzen von vorchristlichen Figuren als Dämonenbilder hat wohl weniger mit dem zu tun, wofür sie standen, sondern vielmehr mit ihrer Existenz selbst.
    Einfacher: Nimm die Figuren einer anderen Kultur und benutze sie als das “Böse”. Damit diskreditierst du diese Kultur (wer möchte schon einer Gruppe angehören, die einem Dämon huldigt?)
    Übrigens ein Trick, der in der modernen öffentlichen Diskussion in abgeänderter Form ebenfalls gern verwendet wird:
    Diffamiere einen Gegner, indem du ihn mit dem “Bösen” in Verbindung bringst, danach ist seine Meinung nicht mehr viel wert.

  7. Atacama 28. November 2012 at 23:38 #

    Ja stimmt.
    Tun die Christen ja auch immer mal wieder.
    Homosexuelle sind wie Nazis. Und der Widerstand gegen sie ist wie der Widerstand gegen die Nazis. Oder so^^

  8. morus 29. November 2012 at 12:21 #

    @Atacama
    …oder man bezeichnet den Gegner als schwul… ;)

  9. Blub 1. Dezember 2012 at 14:31 #

    Interessanter finde ich hier eigentlich, wie das konservativ-liberale Paradies, im dem der Staat sich zurückhält und nur in extremsten Ausnahmefällen Regulierung betreibt, so paternalistische Züge annehmen und in die Freiheit seiner Menschen eingreifen kann.

  10. silver price 20. Dezember 2012 at 06:38 #

    Dabei soll einerseits die erotische Wirkung genutzt werden, insbesondere bei gegengeschlechtlichen Personen. Andererseits funktioniert Nacktheit auch unabhängig davon, weil sie in der Öffentlichkeit selten ist und nicht erwartet wird. Mit zunehmender Nacktheit in Medien und Öffentlichkeit lässt die Wirkung jedoch nach, da eine Gewöhnung in der Bevölkerung einsetzt, und Nacktheit wird zunehmend zur Normalität und verliert ihre Signalwirkung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 221 Followern an

%d Bloggern gefällt das: