„Don’t ask, Don’t tell“ – ein kleiner Exkurs

7 Mai

Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain hat sich dagegen ausgesprochen, die „Dont ask, Don’t tell“-Regelung der amerikanischen Streitkräfte aufzuheben:

„Offene Homosexualität im Militärdienst ist ein untragbares Risiko für Moral, Zusammenhalt und Disziplin der Truppe.“

„Meiner Meinung nach ist das Risiko zu groß, dass die Effektivität der Truppe nachlässt. Es ist ein gut gemeinter aber falscher Vorschlag, die Interessen der homosexuellen Minderheit über die der Truppe zu stellen.“

Wie McCain diese Ansichten jeweils begründet ist nicht bekannt. Die Diskussion darüber, ob Schwule und Lesben im US-Militär dienen sollten, ob offen oder im geheimen, ob überhaupt oder gar nicht, wird seit Anfang der 90er geführt. Damals wurde die „Don’t ask, Don’t tell“-Regelung eingeführt, die besagt, dass kein Soldat nach seiner sexuellen Orientierung gefragt wird, schwule und lesbische Soldaten (und zwar nur sie) ihre sexuelle Orientierung aber in dem Bewusstsein einer sonst drohenden Entlassung geheim zu halten hätten. Die Aufhebung von „Don’t ask, Don’t tell“ gehört, neben der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, zu den wichtigsten Zielen der amerikanischen Schwulenbewegung. Doch wie kam es überhaupt zu dieser Regelung und wie wurde diese begründet? Beginnen wir mit einem kurzen Überblick:

Alles begann mit einer Studie des Kongresses vom Juni 1992, die besagte, dass das bestehende Verbot für Homosexuelle in der Armee zu dienen, das Pentagon jährlich etwa 27 Millionen Dollar koste und eine Politik vertrete, die weder von der Wissenschaft noch der Soziologie gestützt wird. In der Zeit zwischen Bill Clintons Wahl zum Präsidenten und seiner Amtsübernahme berichteten erste Zeitungen über einen Plan Clintons, den Militär-Bann über Homosexuelle abzuschaffen. Militärs bekundeten überwiegend Ablehnung dieses Vorhabens und auch die Öffentlichkeit war mit einer knappen Mehrheit dagegen. Schließlich wurde auf Initiative des Senators Sam Nunn als „Kompromiss“, zwischen Befürwortern und Gegnern die „Don’t ask, Don’t tell“-Regelung eingeführt.

Von Gegnern und Befürwortern des Verbots für (offen) Homosexuelle in der Armee zu dienen wurden und werden verschiedenste Argumente bemüht. Um einige dieser Argumente soll es uns jetzt gehen.

Gene Gomulka, Armee-Kommandant und katholischer Priester, bemühte z. B. das abgedroschene Klischee von der Verführbarkeit zur Homosexualität, als er verlauten ließ, der Gesetzgeber und die militärische Führung hätten die Verantwortung dafür, die Ausbreitung „homosexuellen Verhaltens“ speziell unter jungen, leicht beeinflussbaren Menschen zu verhindern. Gomulka meinte überdies, dass die Armee mit ihren überwiegend jungen, männlichen Mitgliedern eine zu große Herausforderung für die Schwulen darstelle, die ihr Verhalten unter Kontrolle bringen wollten, andererseits aber auch eine viel zu attraktive Option für jene wäre, die dies nicht vor hätten. Im Klartext wollte Gomulka damit wohl sagen, dass eine Institution wie die Armee für Schwule eine willkommene Gelegenheit bietet, reihenweise junge Männer zu verführen und für die Homosexualität zu rekrutieren. Interessant an diesem Argument ist die Reduzierung von Schwulen und Lesben auf eine rein sexuelle Komponente – eine Denkweise, die damals noch weit verbreitet war, auch heute noch in den Köpfen allzu vieler Menschen herumspukt und deren Quintessenz in etwa lautet: Heterosexuelle Menschen lieben und haben Beziehungen, Homosexuellen dagegen geht es nur um Sex.

Die ursprüngliche Begründung, Homosexuellen den Dienst in den Streitkräften zu untersagen, war diejenige, dass die Gefahr einer Erpressung von Schwulen und Lesben auf Grund ihrer sexuellen Orientierung ein zu hohes Sicherheitsrisiko darstelle. Merkwürdigerweise nahmen hohe Offiziere in der Diskussion um die Aufhebung des Verbots aber dann die genau gegenteilige Position ein. So sagte bspw. Col. Harry Summers in einem Interview, ungeoutete Schwule und Lesben stellten keine Schwierigkeit dar, sie gebe es ohnehin schon längst in der Armee. Probleme würde es aber geben, sobald Homosexuelle sich offen zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen würden:

„If people keep their sexual preferences [sic] private, as I think they should do, there won’t be a problem.”

“If they get confrontational and look for trouble, they’ll get it.”

Offensichtlich ist nach dieser Leseart jeder schwule Soldat auf Ärger aus, wenn er, wie auch immer, durchblicken lässt, dass er schwul ist und selber schuld daran, wenn er dann, als Strafe für sein provozierendes Verhalten, von seinen Kameraden zusammengeschlagen wird.

In einer Talkshow erklärten zwei junge Rekruten frank und frei, dass sie sich in Gegenwart Schwuler unwohl fühlten und einen schwulen Vorgesetzten nicht respektieren würden. Merkwürdigerweise kam niemand auf die Idee den beiden jungen Männern zu erklären, dass ihre Vorurteile gegenüber Schwulen nicht die Probleme der Schwulen sondern ihre Probleme sind. Die beiden jungen Soldaten sprachen unbeabsichtigt aus, worum es beim Thema Homosexuelle beim Militär wirklich geht. Nicht um Schwule, nicht um Lesben, sondern um Furcht und Vorurteile heterosexueller Soldaten. Und diese Vorurteile wurden und werden so selbstverständlich als Argumente in die Debatte geworfen, als hätten sie irgendeine Relevanz. Besonders anschaulich beschrieben dies auch ein Pilot, der seine Ängste vor nächtlicher schwuler Vergewaltigung in der Kaserne in der New York Times zum Besten gab, und die Fülle Soldaten, deren Gedanken immer wieder um ein Thema kreisten: das kollektive Duschen in der Armee, bzw. genauer, die Angst davor unter der Dusche von seinen schwulen Kameraden „begutachtet“ zu werden. Auf welchen Grundlagen die Phantasien dieser Soldaten ruhten, möchte man lieber nicht so genau wissen.

Die Angst einiger Heteros vor Homosexualität soll schlussendlich als Argument dafür ausreichen, offen Schwulen auch in Zukunft den Dienst in der Armee zu versagen. Nur wenige Kommentatoren stellen sich dabei die Frage, warum man denn Rücksicht auf diejenigen nehmen soll, die ihre Vorurteile ausleben wollen, oder was so labile Menschen, die sich schon beim Gedanken fürchten mit einem Schwulen einen Raum zu teilen, überhaupt in einer kämpfenden Truppe zu suchen haben. Selten wird auch auf die Selbstdisziplin von Schwulen und Lesben eingegangen, die Tag für Tag in einem ohnehin schon psychisch und physisch harten Umfeld, oftmals auch noch die weit verbreitete Homophobie ignorieren. Was für ein Gegensatz zu den heterosexuellen Angsthasen unter der Dusche!

Es gibt kein einziges, vernünftiges, rationales Argument, um die Sonderstellung von Schwulen und Lesben in der amerikanischen Armee weiter aufrechtzuerhalten. Für viele Länder der westlichen Welt, egal ob Großbritannien, Australien, Kanada oder Israel, stellen Homosexuelle in den Streitkräften keinerlei Probleme dar. Auch lässt sich nicht belegen, dass dadurch in irgendeiner Weise die Schlagkraft und Moral der Truppe geschwächt wird, was insbesondere die israelische Armee eindrucksvoll illustriert. Es wird daher Zeit „Don’t ask, Don’t tell“ auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen.

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Quellen:

Bruce Bawer: A Place at the Table – The Gay Individual in American Society, Poseidon Press, New York, 1993

Bruce Bawer (Herausgeber): Beyond Queer – Challenging Gay Left Orthodoxy, The Free Press, New York, 1996

Danny Kaplan: Brothers and Others in Arms – The Making of Love and War in Israeli Combat Units, The Haworth Press, 2003

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