arbeitsscheu, gewalttätig, homosexuell

9 Mai

Alfred Hrdlicka ist ein österreichischer Bildhauer, Zeichner, Maler, Grafiker und Schriftsteller. Auf meiner nach unten offenen Sympathiekurve ist er irgendwo zwischen Elfriede Jelinek und Oskar Lafontaine angesiedelt. In einem 1997 im Donat-Verlag erschienenen und von der Frankfurter Rundschau wärmstens empfohlenen Buch (Theodor Lessing: „Wir machen nicht mit!“) finden sich auch Texte und Zeichnungen von Hrdlicka. Wenn er dort über Lessing schreibt:

er war auch als „jüdischer Antisemit“ eingestuft (S. 188)

hat Lessing damit bei dem Künstler offenbar den ersten Stein im Brett. Weiter im Text heißt es (S. 186 ff):

Wie man in den Wald hineinruft, so hallt es zurück. Im Prinzip sind Juden der Ansicht, daß Antisemitismus ihr Privileg ist.

Was Hrdlicka irgendwie doof zu finden scheint, schließlich ist der Antisemitismus für uns alle da:

Das kann ich auch aus eigener Erfahrung sagen. Welch ein Geschrei erhob sich, es sind bald zwei Jahre her, als ich Wolf Biermann die Nürnberger Rassengesetze an den Hals gewünscht habe, nachdem jener Gregor Gysi einen „hundertprozentigen Verbrecher“ (…) geschimpft hatte (…) Es war klar, daß mein Fluch ein polemischer war, denn es ist äußerst unwahrscheinlich, daß der Deutsche Bundestag je wieder die Nürnberger Rassengesetze einführen wird. Biermann brauchte nach meiner Attacke keine existentiellen Konsequenzen zu fürchten. Dennoch erhob sich das Geschrei: Hrdlicka, der „rotlackierte Antisemit!“

So weit, so selbstmitleidig. Doch der Mann treibt es auf die Spitze, jetzt sind die Juden alle fällig:

Der Antisemitismus spielt bei den Juden ohne Frage eine große Rolle. Und manche möchten gar nicht genug davon bekommen, Antisemiten ausfindig zu machen. Selbst hinter Philosemiten wittern sie heimtückische Antisemiten. Erich Fried, der mit Bruno Kreisky in der Palästinenser-Frage eine Linie vertrat, wurde von Leuten wie Henryk Broder als Antisemit gebrandmarkt. Das ist ja zum Teil eine Leidensstrategie und hat manchmal, auch wenn das ein schlimmes Wort ist, etwas Paranoides.

Dabei ist das doch dem österreichischen Künstler vorbehalten, der uns weitere Erkenntnisse präsentiert:

…daß in gewissem Sinn der Antikommunismus bei den Juden den gleichen Stellenwert hat wie der Antisemitismus bei den Antisemiten, nicht minder irrational, emotionsgeladen und verallgemeinernd.

Und das in einem Geleitwort zu Texten des – laut Selbstverständnis – jüdischen Sozialisten Lessing. Wahrscheinlich ist das Dialektik und wieder hats kein Schwein gemerkt.

Warum wir über diesen Wirrkopf hier berichten? Weil Hrdlicka dem Thema zwanghafte Verbindung von männlicher Homosexualität und Faschismus durch linke deutsche Schriftsteller seine österreichische Variante hinzufügt. Über seine Illustrierung der Berichterstattung von Lessing über den Serienmörder Fritz Haarmann schreibt er (S. 188):

Ich mache aus Haarmann den Prototyp eines Nazis oder SA-Mannes: arbeitsscheu, gewalttätig, homosexuell.

So kann man seinen Hass auf Schwule unter dem Ticket des Antifaschismus ausleben.

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