Punks make dead

19 Jun

Eine besonders bizarre Ausprägung evangelikalen Christentums nennt sich Jesus-Freaks. Diese Gruppierung, deren Logo nicht zufällig an ein A im Kreis erinnert, missioniert bevorzugt unter Punks und Junkies und verwendet dabei eine betont jugend-kulturelle Sprache. Das klingt dann zum Beispiel so: „Bibel praktisch fett“ oder auch so „Wir haben Gott den Arsch entgegen gestreckt“. Man könnte den Verein bezüglich seiner Sprache und Zielgruppen als mehr oder weniger originell zur Kenntnis nehmen, wäre da nicht inhaltlich eine kleine Einschränkung zu machen. Wenn man nämlich nicht betrachtet, wie und wen der Verein missionieren will, sondern wofür, vergeht einem das Schmunzeln schnell.

Homosexualität und Kiffen ist „eine Sünde wie Mord oder Lügen“, ebenso Sex vor der Ehe, Scheidung, Abtreibung oder „Rebellion“ – erklären die 16-30-jährigen Jesus Freaks

erfährt man in einem Buch von Klaus Farin über die „etwas anderen Christen“.

Im Forum der Jesus-Freaks findet sich zum „Thema Homosexualität“ folgende Frage:

Ich hab da auch mal eine Frageg (keine ahnung ob die schon gestellt wurde)…Alsooooo,darf der Hape Kerkeling,der soweit ich weiß schwul ist, sich Christ nennen?Ich habe da letztlich sehr lange mit meiner Freunden diskutiert und sie ist der Meinung das er es nicht darf.Ich meine erstmal hat sie überhaupt nicht zu sagen was er darf und was nicht,aber ich bin der festen Überzeugung das ein Schwuler oder auch eine Lesbe Christ sein kann!Ich denke das Gott sie auch mit der Macke annimmt.Das wäre ja so als wäre ich auch kein Christ,weil ich rauche.

Die Antwort läßt nicht lange auf sich warten:

Also, laut Bibel ist ausgelebte Homosexualität Sünde. Und Sünde trennt von Gott. Aber Jesus ist für unsere Sünde gestorben, damit wir nicht mehr getrennt sind von Gott. Homosexualität ist keine schlimmere oder weniger schlimmere Sünde als eine andere. Es kommt darauf an, wie wir damit umgehen. Sagen wir, es ist egal, es keine Sünde, stellen wir Gottes Wort als Lüge hin. Sagen wir, klar ist es Sünde, aber Jesus hat für meine Sünde bezahlt und daher kann ich ja weiter machen, dann leben wir die Sünde bewußt und haben es nicht kappiert. Wenn wir uns der Sünde aber bewusst sind und gegen sie angehen und Jesus bitten uns frei zu machen, aber wieder fallen, dann aber ehrlich zu ihm gehen und bereuen, dann ist er treu und vergibt uns.

Ein wenig Mitleid gibt es auch noch:

Sicher, ein schwuler Christ mit meinen theologischen Einstellungen, täte mir leid, da er wahrscheinlich mit der Perspektive leben müsste, nie eine Sexualität zu praktizieren, die im Einklang mit ihm selbst steht. Klar, ist das traurig.

Anschließend eine Lektion zur Unterscheidung von „Wertgefälle“ und „Urteil“:

Ja, ich erstelle ein Wertgefälle. Einerseits auf Grundlage meines Verständnis der Heiligen Schrift in dieser Frage, andererseits denke ich auch durch die Interpretation der Biologie (Anthropologie) ein Wertgefälle erkennen kann.
Die Biologie definiert meines Wissens zwei Funktionen der Sexualität: Als Fortpflanzung und als sozialstiftendes Verhalten. Das „Wertgefälle“ kommt so zustande, dass beide Funktionen nur in der Heterosexualität erfüllt werden. Das ist nicht einmal eine Wertung (jedenfalls nicht mehr in einem moralischen Sinn). Vielleicht nenne ich es lieber eine Hierarchie. Eine die sich vertreten lässt, und die ich sogar natürlich finde.

Zum Abschluss: Ich will wirklich kein Wort als Urteil verstanden wissen, das war nur mein bescheidener Diskussionsbeitrag. Bei vielen Menschen, die sich als Nicht-Betroffene teils heftigst ablehnend dazu äußern (nicht hier im Forum), habe ich den Verdacht, dass die sich deshalb gerne mit der Frage auseinandersetzen, weil es von den eigenen Sünden ablenkt. Den Verdacht bekomme ich auch jetzt schon bei mir selbst, wegen diesem langen Posting hier – deshalb geh ich jetzt mal noch ein bisschen über mich selbst nachdenken.

Nach dieser unfreiwilligen Humoreinlage kommt noch eine ganz knifflige Frage hinterher:

Also soweit ich weiß dürfen die Homos auch schon heiraten.Und nehmen wir mal an sie leben mit Gott.Gilt für sie dann das Gleiche wie bei uns Heteros mit kein Sex vor der Ehe?Oder denkt ihr,da sie ja eh schon sündigen,können sie auch vorher schon ihren Sex haben?!

Bei Telepolis finden sich Hinweise darauf, dass auch andere, nicht ganz unbekannte, Punks der Ansicht sind, Homosexualität sei Sünde und „Krankheit, die nur von Gott geheilt werden kann“:

Die New Yorker Hare Krishnas Cro-Mags brandmarkten 1987 auf dem Inlett ihrer LP „The Age of Quarrel“ neben Sex, Kindesmissbrauch, Spielsucht, Fleischfabrikation und Drogensucht die Homosexualität als Böses; der Sänger der praktizierenden Rastafaris Bad Brains – farbige Musiker aus New York, die Reggae mit Punk mischten – erklärte im selben Jahr dem Trust: „Gott lehrt uns in der Bibel, wenn ein Mann seine Männlichkeit verliert, wird er zu einem wilden Tier. (…) Es wäre nicht gut für mich, mich in der Nähe von so jemanden aufzuhalten (…), das wäre nicht gesund. Er könnte Aids oder Herpes oder eine andere unmoralische Reaktion haben.“

Manchem Jesus-Freak scheint es nicht auszureichen, sich von Schwulen fernzuhalten und so werden noch andere Maßnahmen empfohlen. Im Gästebuch eines Festivals, an dem auch die Jesus-Freaks auftauchten, zitiert ein schockierter Besucher einen der Freaks:

Einem Freund von mir erging es jedenfalls so: er merkte und wusste das er schwul ist. Er hatte aber ne klare Ansage von Gott was das angeht. Eines Tages legte ich ihm die Hände auf (es war noch jemand dabei), der Dämon fuhr aus und seit dem ist er nun nicht mehr schwul.

Jesus hat dazu mal gesagt, dass, wenn uns unser Auge zur Sünde verführt, wir es ausreissen sollen und wenn uns unsere Hand zur Sünde verführt, wir sie abhacken sollen, da es besser ist als Krüppel ins Himmelreich zu kommen.

Angesichts dieser Aufforderung zur Selbstverstümmelung kann ein Text wie der hier, in dem die Jesus-Freaks lediglich als „konservativ“ bezeichnet werden, nur als Verharmlosung eines schwulenfeindlichen Vereins bezeichnet werden, der wie andere Evangelikale seinen Teil dazu beiträgt, dass es unter homosexuellen Jugendlichen eine höhere Suizidrate gibt als unter ihren heterosexuellen Altersgenossen.

5 Antworten to “Punks make dead”

  1. Sebastian 19. Juni 2007 um 10:36 #

    Ich könnte jetzt wieder meines Amtes als Evangelikalen-Schlächter walten, aber erstens habe ich mich dazu schon ausreichend geäußert, zweitens läuft es immer wieder auf die gleiche Masche raus.

    Diese Besessenen versuchen es von allen Seiten, strikt konservativ oder eben alternativ. Die Kernbotschaft bleibt gleich.

    Im Wahn vom Seelenheil verstricken sich diese armen Kreaturen in immer abstruseren Gedankengängen, bis hin zur Selbstverstümmelung.

    Man fragt sich, haben diese Menschen noch ein irdisches Leben außerhalb des Bibelwahns?

    Wahrscheinlich nicht, denn man muss Produkte von schwulenfreundlichen Firmen boykottieren, und das kostet Zeit und Mühe.

    Man muss seine Traktätles unters starrsinnige Volk bringen.

    In der U-Bahn muss man immer stehen, denn man kann seinen evangelikalen Popo nicht dorthin platzieren, wo ein Sünder gesessen hat.

    In der Schule muss man sich den ganzen Tag Augen und Ohren zuhalten, wegen Thomas Mann (schwul), Bert Brecht (Kommunist), Charles Darwin (Teufel), Sportlehrerin (unzüchtig gekleidet), wegen Mitschülern (böse Schimpfwörter), Jungs (wollen nur das Eine), Mädchen (nicht mehr unberührt, zu kurze Oberteile), Religionslehrer (Bibel nicht zu ernst nehmen).

    Vor dem Schwimmunterricht müssen die Glasaugen eingesetzt werden, da man sich nach dem ersten Duschen mit Mitschülern die echten herausgerissen hat.

    Zum Schreiben und Arbeiten muss man die Handprothesen anlegen, da man sich die Hände abgehackt hat, nachdem man der Mitschülerin im Schwimmbad den Rücken eingecremt hat.

    Als nächstes sollen die Beine folgen, weil man sich in der Innenstadt auf einen CSD verirrt hat.

    Merke: Die SÜNDE lauert überall…

  2. rom 19. Juni 2007 um 19:33 #

    Alles das geht den Vorstellungen der Islamofaschisten nicht weit aus dem Weg.rom

  3. DasPio 20. Juni 2007 um 15:37 #

    Gleichnisse sind keine Aufforderungen oder Befehle. Es sind Denkanstösse. Kein Christ soll sich die Augen rausreissen oder Arme abhacken. Man sollte sich nur bewusst sein was einen jeden beeinflusst oder umhertreibt. Die Bibel hat eine eindeutige Aussage in Bezug auf Süchte: An erster Stelle steht der Glauben, also Gott / Jesus.
    Bevor man so süchtig nach anderen Dingen wird das Gott nicht mehr an erster Stelle steht soll man einen break machen.
    einfaches Beispiel:
    – Man spielt 24/7 nur noch PS / PC /XBOX….. und kann damit nicht mehr aufhören, alles andere wird langsam unwichtig im Leben.
    – Bezug auf Gleichniss mgl „angeregte“ Reaktion: PS / PC /XBOX… ab auf dem Müll und nicht Hände abhacken!

    Ich hoffe das war irgendwie verständlich.

    „Schwulenfeindlich“ sind die Freaks afaik nicht, hab noch nie gehört das sie einen Menschen verurteilen der schwul ist oder bedrohen etc.
    Sie bieten den Menschen aber eine Alternative/Hilfe an, ob die nun richtig oder falsch ist, sei dahingestellt und Einstellungssache. Aber mit irgendeiner Form von Gewalt hat das nichts zu tun.

  4. Adrian 20. Juni 2007 um 20:40 #

    @ DasPio
    Die Einlassung mit den „Süchten“ ist in diesem Zusammenhang mehr als lächerlich. Und über die besagte „Alternative“ zu urteilen ist ganz einfach: Sie ist falsch, pervers, schändlich.

  5. delos 23. Juni 2007 um 12:13 #

    „der Dämon fuhr aus und seit dem ist er nun nicht mehr schwul.“
    Oh man…so was dämliches.

    Gut und böse und Lust und Leid und Ich und Du – farbiger Rauch dünkte mich’s vor schöpferischen Augen. Wegsehn wollte der Schöpfer von sich, – da schuf er die Welt.
    Diese Welt, die ewig unvollkommene, eines ewigen Widerspruches Abbild und unvollkommnes Abbild – eine trunkne Lust ihrem unvollkommnen Schöpfer

    ..blablub

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