Being gay – Acting straight?

20 Jun

Als Straight acting wird das Verhalten von Schwulen bezeichnet, die keinen Wert darauf legen, dass man ihnen ihre sexuelle Orientierung drei Kilometer gegen den Wind ansieht. Ein Buchautor hält dieses Auftreten für ironisch und nimmt es trotzdem ernst. Und so wird es ihm zum Beispiel für den Verrat heutiger junger Schwuler an den hart erkämpften politischen Errungenschaften der Schwulenbewegung. Sein Vorwurf richtet sich gegen Schwule, die normal sein wollen, es – schlimmer noch – am Ende einfach sind. Das kann ein „Bewegungsschwuler“ nicht auf sich sitzen lassen, schließlich war man doch mal angetreten, die Geschlechterrollen gehörig durcheinander zu wirbeln und irgendwie auch um den Sozialismus einzuführen. Letzteres spielt in der Schwulenbewegung heutzutage zum Glück keine gar so große Rolle mehr und immer mehr selbstbewußte, also nicht politische Schwule finden auch die Leier mit den Geschlechterrollen zunehmend zum Gähnen. Soll doch jeder leben, wie er mag – egal, ob es als politisch korrekt gilt oder nicht. Doch eben das gefällt manch einer „Bewegungsschwester“ nicht und sie stellt schockiert fest: schwule Kultur scheint zu boomen, wo doch tatsächlich vor Ort die kleine schwule Kneipe dicht macht. So macht die Globalisierung auch vor der schwulen Gastronomie nicht halt und unserem empörten Autor ist es nur ein geringer Trost, dass an die Stelle der Schwulengruppe der Internet-Chat getreten ist – schließlich hat der die Mutter aller nicht-kommerziellen Kontakthöfe schnöde verdrängt.

Verdrängt hat auch Walter Rudich und zwar die Erkenntnis, dass nicht alle Schwulen Tunten sind. Deshalb stößt es ihm ganz furchtbar auf, wenn Schwule straight acting betreiben, zum Beispiel indem sie Bierflaschen mit einem Feuerzeug aufmachen. Dabei – so Rudich – macht das kein anständiger Schwuler. Denn:

Stellen wir uns einmal eine umgekehrte Situation vor: Ein Hetero lässt sich von einem Schwulen – aus welchen Gründen auch immer – eine szenentypische Handbewegung beibringen. Fortan beherrscht er z. B. den altdeutschen Kolliergriff aus dem ff und bildet sich deswegen ein, „gay acting“ zu sein. Sowohl mein Freund, als auch dieser imaginäre Hetero unterliegen jedoch einem großen Trugschluss: die Worte „straight“ und „gay“ bezeichneten Verhaltensweisen im sexuellen Bereich. Solange ein Mann sein Bett mit einem anderen Mann teilt, wird er nie „straight acting“ sein, egal wie geschickt er seine Schwulerei auch zu verbergen sucht oder wie behände er mit diversen Werkzeugen umgehen kann.

Wieso verbergen? Bisher habe ich den Eindruck, dass es beim Straight Acting darum geht, sein Schwulsein nicht demonstrativ heraushängen zu lassen, indem man auf Teufel komm raus ein Klischee nach dem anderen erfüllt…

Und tuntige Handbewegungen machen auch aus einem Hetero noch lange keinen Schwulen.

Machen denn umgekehrt nicht-tuntige Handbewegungen aus einem Schwulen einen Hetero? Wohl kaum. Trotzdem kann Herr Rudich sich die Gleichsetzung von Schwulen mit Tunten und Heteros mit Bierflaschen-mit-dem-Feuerzeug-Öffnern nicht verkneifen. Nicht gerade konsequent, wenn man Klischees bekämpfen will. Aber vielleicht will Herr Rudich eben das gar nicht.

Schwule im Libanon scheinen hingegen noch nicht so postmodern verblödet und feiern ungezwungen ihre Männlichkeit:

Eli demonstriert, wie man zu arabischem Habibi-Pop tanzt, hoch mit den Hüften! Es sieht gar nicht tuntig aus, die libanesischen Schwulen geben sich mehrheitlich sehr männlich, straight acting, nicht unbedingt ein Zeichen von Selbstverleugnung, eher ein Zeichen von Selbstbewusstsein: Man lässt sich nicht einreden, dass man kein Mann mehr sei, wenn man Männer liebt.

Patrick Hamm wiederum, der Herausgeber von Deutschlands erstem großen Tuntenbuch, bekommt angesichts der abnehmenden Tuntendichte nostalgische Gefühle und tut kund: „Ich habe schon eine konservative Grundhaltung“. Entsprechend sieht er

sich auch als „Bewahrer für das, was uns droht verlorenzugehen“. Seien die „Tunten“ der 70er Jahre noch kämpferisch gewesen, seien sie es heute weniger und mittlerweile auch privat aus der Mode. Abseits von Bühne und Benefiz sei mehr „straight acting“ angesagt: so zu tun, als sei man(n) möglichst cool und eben besonders männlich.

Yvonne Puk vom Frauenreferat des AStAs der Uni Bonn sieht das Ganze etwas entspannter, gibt jedoch zu bedenken:

wie vielversprechend die Entgrenzung symbolischer Orte tatsächlich ist, oder inwiefern bloß raffinierte Marketingstrategien verschleiern, was immer schon die Machtverhältnisse waren.

Merke: Schwule dürfen sich auch außerhalb der für sie vorgesehenen Stereotypen bewegen, sogar mit frauenreferatlicher Erlaubnis. Allerdings nur wenn damit die Entgrenzung symbolischer Orte beabsichtigt ist und man nicht einfach ist, was man ist.

Mann, kann Leben kompliziert sein.

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8 Antworten to “Being gay – Acting straight?”

  1. Sebastian 20. Juni 2007 um 10:42 #

    Der untergehenden Tuntenkultur weine ich keine Träne nach. Soll doch „vor Ort die kleine schwule Kneipe“ dicht machen. Je mehr desto besser.

    Wir haben andere Zeiten, d.h. die Zeiten des Abschottens vor der angeblich so grausamen Hetero-Welt neigen sich Ihrem Ende zu.

    Auch auf dem Land wird man heute nicht mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wenn man eine schwule Beziehung führt.

    Die unvermeidliche Flucht mit 18 in die rosa Glamour-Ghettos der Großstadt gehört bald der Vergangenheit an.

    Schwule sollten überall eine Heimat haben.

    Dass es immer noch radikale Nostalgie-Ideologen gibt, die die reine schwule Lehre vertreten und sich über den Untergang der „Szene“ beklagen ist klar. Aber es werden weniger.

    Es gibt keinen Weg zurück ins roasa Einerlei.

    Ideal wären nicht mehr schwule Kneipen, sondern mehr Kneipen, in denen Schwule gern gesehen sind. Und das nicht nur in bestimmten Vierteln, sondern überall.

    Es muss ein Ende damit haben, dass Schwule sich bis in alle Ewigkeit über gebrochene Handgelenke, verschnupfte Nasen und Tank-Tops der Größe S definieren (sollen).

    Weshalb um alles in der Welt sollte ein Schwuler nicht auch Schreiner, Kfz-Mechaniker, Ingenieur, Polizist, Feuerwehrmann, Rennfahrer, Fußballer oder Soldat sein.

    Leute wie Walter Rudich kommen nicht damit zurecht, dass sich schwules Leben heute natürlicherweise auch außerhalb der „Community“ abspielt. Sie haben paradoxerweise ein Problem mit schwuler Vielfalt. Sie weigern sich, über den Tellerrand der „Community“ zu schauen.

    Der Vormarsch der schwulen Individualität ist nicht mehr aufzuhalten:

    Großstadt, Kleinstadt oder Bauernhof. Cabrio-Fahrer oder SUV-Fahrer. Grünen-Wähler oder CDU-Anhänger. Alternativ oder angepasst. Prosecco oder Weizenbier. Yoga oder Rugby.

    Alles ist möglich. Zum Glück.

  2. Christoph Wagner 21. Juni 2007 um 10:08 #

    Was man so lernt.
    Ich dachte bis jetzt immer, dass das sog. Tunten-Verhalten die Ausnahme und nicht die Regel wäre.
    Naja, mir auch lieber so, nur weil man eine andere sexuelle Einstellung hat, gibt es doch keinerlei Grund sich außerhalb dessen anders zu verhalten.

  3. Damien 22. Juni 2007 um 09:26 #

    Du hast schon Recht, Tuntenverhalten ist die Ausnahme. Das Problem ist, dass einerseits die Medien es lange spannender fanden (und die Zuschauer wohl auch), exaltierte Tunten zu präsentieren als ganz normale Schwule und andererseits manche Tunten, vor allem aus der politisch linken Fraktion, alles dafür tun, um den Eindruck zu erwecken, Tunten seien repräsentativ für Schwule oder jedenfalls die besseren Schwulen. Letzteres geschieht, indem einfach neue Normen aufgestellt werden, nach denen Schwule eben keinen Fußball zu spielen haben (höchstens in Stöckelschuhen), unbedingt Prosecco zu trinken haben, aber bestimmt keinen Korn etc.

  4. Walter Rudich 3. August 2007 um 13:52 #

    Herzlichen Dank für die Zitate aus meinem Artikel! Aber nehmt mein Geschreibsel bitte nicht allzu ernst. Der „Freund“, der Bierflaschen mit dem Feuerzeug aufmacht, bin nämlich ich selber. Das hab ich gelernt, um eine Art Milieustudie zu betreiben. Und meine Artikel verstehe ich als humoristisches Feuilleton und nicht als Bewegungsschwestertum… um so mehr ehrt es mich, wenn ich ernst genommen, zitiert und kritisiert werde.

    Mehr von mir unter

    http://www.gundl.at/giftkueche/index.html

    liebe Grüße

    Walter Rudich (alias „die Fudel“)

  5. Yvonne 17. August 2007 um 12:39 #

    ähm, wie komme ich dazu, zitiert zu werden? – abgesehn davon, dass ich nie sowas gesagt habe … oder doch???? kann sein in den Texten für die gender Reihe …

    lg, yvy

  6. Atacama 25. Juli 2012 um 18:45 #

    Ist das Wort heterolike oder straight acting nicht eigentlich sehr negativ, wenn man mal guckt was dahintersteckt?

    Es suggeriert, dass nur hetero normal, männlich, gut usw. ist.
    Und wenn man homo, aber trotzdem „normal“ ist oder sogar sehr männlich, so ist man fast ein wenig hetero.

    Umgekehrt ist es ähnlich. Ist ein Hetero-Mann unmännlich weil er beispielsweise sein Baby im Tragetuch durch die Gegend trägt oder physisch eher schwach auf der Brust oder nett und sensibel oder er mag Theater lieber als fußball, dann wird das zwar nicht homo acting genannt aber er ist halt irgendwie „schwul“, ein Sitzpinkler, kein richtiger Kerl.

    Damit stehen die Heterosexuellen immer auf der Sonnenseite und werden oft als Gralshüter der Männlichkeit dargestellt, denn alles was gemeinhin als maskulin oder normal gilt, wird dem Heterosexuellen zugeordnet – selbst wenn es schwul ist, während Schwules immer abgewertet wird. Allein durch diesen Begriff.

    und nachdem er sein Geschlecht so schön dekonstruiert hat, verdreht sich manch Tunte sicher trotzdem den Kopf wenn er einen braungebrannten ganz stereotypen Bauarbeiter im Unterhemd sieht oder? 😉

  7. Damien 25. Juli 2012 um 21:00 #

    @Atacama: „Heterolike“ und „straight acting“ beschreiben nicht dasselbe.
    „Heterolike“ bedient die Erwartung, dass Heteros so und so aussehen. Schwule, die damit werben, z.B. in Kontaktanzeigen, wollen damit signalisieren, dass man ihnen ihr Schwulsein nicht ansieht. Damit reproduzieren sie Klischees, denn natürlich finden sie es scheiße, „schwul“ auszusehen. Sie wollen „normal“ sein und tragen ihren Teil dazu bei, dass „Männlichkeit“ nur eine Ausdrucksform haben soll.
    Wer „straight acting“ betreibt, der spielt, betreibt Schauspielerei, wie der Name schon sagt. Damit werden m.E. Klischees angegriffen, lächerlich gemacht, unterlaufen. Heterosein wird damit entnaturalisiert. Es geht dabei also nicht um Normalität, sondern um Vielfalt, die Vervielfältigung von Männlichkeiten.
    Das scheint mir ein Unterschied ums Ganze.
    Die Tunte, die sich nach dem „richtigen Kerl“ den Kopf verdreht, ist sich häufig nicht mal ihrer Tuntigkeit bewußt. Weshalb sie mit Vorliebe über (andere) Tunten lästert.
    Die selbstbewußte Tunte wird den Blick auf den Bauarbeiter genießen. Warum auch nicht? Sie will ja nicht, dass alle so werden wie sie.

  8. Alexander 12. Juni 2017 um 00:25 #

    Ganz ehrlich: Es gibt doch nichts Peinlicheres als die hysterischen „Hetero-Schwulen“, die vor jeden Klischee davon rennen wie die Mitläufer, die sie sind. Ich denke, jeder dürfte inzwischen bemerkt haben, dass Männer wie Harald Glööckler mehr Charakterstärke und Tiefgang haben als solche Langweiler wie Jens Spahn oder, noch schlimmer, Mirko Welsch. Jeder Mensch wird irgendwann erwachsen und wird zu der Person, die er sein soll, und wenn ein schwuler Mann sich eben besser mit Makeup auskennt als mit Technik, so be it. Aber vor sich selbst davon rennen, anderen etwas vormachen und andere ausgrenzen, nur um selbst ein bisschen mehr dazuzugehören, das macht man nur im Teenageralter. Insofern zeigen solche Menschen nur, dass sie die grundlegenden Regeln unserer Gesellschaft nicht verstanden haben. Nie im Leben würde ich mein Auto von einem Schwulen reparieren lassen, der sich nur selbst beweisen will, wie „unstereotyp“ er doch ist. Die Haare würde ich mir von so einem aber auch nicht schneiden lassen…

    TL;dr: Straight-acting-Schwule sind die schlimmsten Basic Bitches überhaupt!

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