Reaktionäres vom anderen Ufer

8 Jul

Karin Wolff ist stellvertretende hessische Ministerpräsidentin. Aufgrund dessen ist ihr Privatleben von einem gewissen öffentlichen Interesse. Daher berichtete die BILD von der Liebe Karin Wolffs zu einer Frau. Unaufgeregt und freundlich. Das ist Medienrealität im Jahre 2007 in Deutschland. So weit so gut, möchte man meinen. Doch die Sache hat einen Haken: Karin Wolff ist Mitglied der CDU. Dadurch fühlen sich einige schwule Demagogen dazu provoziert, genau so zu agieren, wie sie es sonst der BILD unterstellen: Intolerant.

Um Mißverständnisse bezüglich des Begriffs zu vermeiden, sei diese Definition zitiert:

Demagogie betreibt, wer bei günstiger Gelegenheit öffentlich für ein politisches Ziel wirbt, indem er der Masse schmeichelt, an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile appelliert, ferner sich der Hetze und Lüge schuldig macht, Wahres übertrieben oder grob vereinfacht darstellt, die Sache, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten ausgibt, und die Art und Weise, wie er sie durchsetzt oder durchzusetzen vorschlägt, als die einzig mögliche hinstellt.

Eben dies machen einige Kommentatoren bei queer.de ausgiebig. Einer von den vergleichsweise Freundlichen rät Frau Wolff „nur“ zum Rücktritt, wobei offen bleibt, warum. Irgendwie scheint er einen Widerspruch zu sehen, möglicherweise zwischen göttlicher Schöpfungslehre und homosexueller Orientierung. Warum das wiederum verlogen sein soll, erschließt sich mir auch beim dritten Lesen nicht:

erstaunlich was liebe so alles bewirkt. da argumentiert nun die gute jahrzehntelang die göttliche schöpfungslehre und selber bricht sie mit ihrer eigenen meinung. so etwas nennt man verlogen. die frau sollte zurücktreten, ihr leben leben und nie wieder politisch aktiv werden.

Verborgen bleibt mir auch, warum Frau Wolff damit für jegliches politisches Engagement disqualifiziert sein soll. Offenbar ist ein solches nur erlaubt, wenn man keine Widersprüche aufweist, vielleicht auch nur wenn man nicht der göttlichen Schöpfungslehre anhängt.

Die FAZ hatte zu dem Selbst-Outing von Wolff wohlwollend geschrieben,

Wolff ist nicht Wowereit: Sie liebt eine Frau – und damit basta.

Gemeint war offensichtlich, dass sie aus ihrer sexuellen Orientierung keine Bekenntnisfrage macht. Wie angenehm! Doch nicht für schwule Ideologen, sie haben die Belehrung so schnell formuliert wie den Schaum vor dem Mund:

eine FAZ-konforme Anpassungs-Lesbe ist wohl das Letzte, was die Gay Community in ihrem Bemühen um mehr offene, selbstbewusste Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit braucht.

Wie jetzt? Frau Wolff war mit ihrer Partnerin auf einem Sommerfest der BILD, hat ihre Liebste dort vorgestellt und hat bereitwillig darüber Auskunft gegeben, wann und in welchem Zusammenhang man sich kennengelernt habe. Das soll immer noch nicht genug sein? Das kann eigentlich nur einen Voyeur nicht zufriedenstellen, in diesem Fall einen von der politischen Fraktion. Aber es gibt offenbar noch mehr an dem Satz der FAZ zu mäkeln, nun gut, eigentlich gefällt die FAZ als Ganzes nicht:

Was erlaubt sich dieses reaktionäre Blatt eigentlich, den wohl einzigen deutschen Politiker, der sich als Homosexueller mit seiner sexuellen Identität in der Öffentlichkeit so verhält, wie alle Heterosexuellen es auch ganz selbstverständlich tun, auf derart billige Manier zu verunglimpfen???

Jetzt aber mal der Reihe nach. Was ist an der FAZ reaktionär? Ihr unspektakulärer Umgang mit dem Thema Homosexualität ist es jedenfalls schon lange nicht mehr (ein aktuelles Beispiel dafür findet sich hier). Was ist billig an dieser Charakterisierung von Wowereit? Wäre nicht eher seine Publicity-Geilheit als billig zu beschreiben? Und glaubt der Kommentator allen Ernstes heterosexuelle Politiker verhielten sich in der Öffentlichkeit in der Regel so wie Klaus Wowereit?

Eigentlich jedoch geht es schlußendlich um nichts anderes als dem zuvor von uns Zitierten:

Der nächste und einzig konsequente Schritt von Frau Wolff müsste nun sein, von all ihren Ämtern zurück- und aus ihrer Partei auszutreten, denn alles andere ist eine Schlag ins Gesicht aller homosexuellen Menschen in diesem Lande.

Denn merke: Das Selbst-Outing einer hochrangigen CDU-Politikerin ist nicht etwa Ausweis des Standes der innerhalb der CDU erreichten Liberalisierung und damit Anlass für Kritiker der Partei die Realitätstauglichkeit ihrer diesbezüglichen Ansichten zu überprüfen. Nein, damit die eigenen Vorbehalte bleiben können wie sie sind, hat sich Frau Wolff an die solchermaßen zurechtverdrehte Realität anzupassen. Tut sie dies nicht, ist dies ein Schlag ins Gesicht aller homosexuellen Menschen in diesem Lande. Aua!

Ein dritter Kommentator pirscht sich vermeintlich toleranter heran:

Das mit dem Austreten sehe ich anders. Jeder hat das Recht auf seine Meinung, und er soll sie auch sagen dürfen.

kann sich dann aber auch das Beleidigen nicht verkneifen:

Aber wer hat denn behauptet, dass es nicht auch unter Schwulen und Lesben unwählbare, Stumpsinn schwafelnde Matschbirnen gibt?

Wahr gesprochen und daher „zurück an den Absender“.

6 Antworten zu “Reaktionäres vom anderen Ufer”

  1. Sebastian 8. Juli 2007 um 12:51 #

    Den Hardcore-Homos, die ihre Sexualität zur Religion erhoben haben, passt die ganze Stoßrichtung nicht.

    Die lieb gewonnenen Feindbilder bröseln vor ihren entsetzten Augen nur so weg:

    Da outet sich eine bibeltreue Politikerin als lesbisch und ist dazu noch Mitglied der Feindbildpartei CDU. Außerdem erhält sie Unterstützung von der allseits verhassten FAZ.

    Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

    Das grün-rot-dunkelrote Schwuppenvolk versteht die Welt nicht mehr, denn nur eine grün-rot-dunkelrote Radikal-Lesbe ist eine gute Lesbe.

    Viele haben panische Angst davor, dass ihnen die CDU als Hasspartei verloren geht und damit der „Kitt“ jahrzehntelangen Kampfes gegen „die Rechten“.

    Eine tolerante und damit wählbare CDU ist für schwule Betonköpfe und Ideologen der pure Horror.

    Die verzweifelten Hetzattacken gegen die FAZ und Wolff sind ein Zeichen dafür, dass die linksgeeichte „Community“ mangels Feindbilder bald in ihre armseligen Einzelteile zerfallen wird.

    „…Schlag ins Gesicht aller homosexuellen Menschen in diesem Lande.“ Die links-verblödeten Schwuppen sollen endlich aufhören im Namen aller Schwulen zu sprechen.

    Schwul sein = links sein, das war mal.

    Ein Sieg für die schwule Vielfalt!

  2. Sergej 8. Juli 2007 um 17:24 #

    Also ob „DIE“ FAZ reaktionär ist, weiß ich nicht, aber Volker Zastrow, der Homosexualität und Pädophilie schon mehrfach in einen Zusammenhang brachte, ist es ganz sicher! Und der Rechtsaußen des FAZ-Feuilletons Lorenz Jäger schrieb sogar das Nachwort zu Hans-Hermann Hoppes Buch „Demokratie. Der Gott, der keiner ist“, in dem gefordert wird, in einer natürlichen Gesellschaftsordnung Homosexuelle physisch zu entfernen!

  3. Sebastian 8. Juli 2007 um 22:47 #

    Zastrow und Jäger sind beide Geisteswissenschaftler.
    Zastrow (geb. 1958) ist studierter Historiker (FU Berlin) und seit 2000 verantwortlich für „Die Gegenwart“, seit 2006 für den Politikteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
    Jäger (geb. 1951) ist Diplom-Soziologe und promovierter Germanist (Uni Frankfurt und Uni Marburg). Seit dem 1. Januar 1997 Redakteur im Ressort Geisteswissenschaften.
    Klingt eigentlich unverdächtig und eher nach linksliberalen Karrieren. Aber man weiß ja nicht, wann sie ihr Erweckungserlebnis hatten…

  4. Threadneedle 9. Juli 2007 um 22:11 #

    Hallo Ihr Macher von GayWest und hallo Sebastian! Erstmal, da ich hier zum ersten Mal meinen Senft dazu gebe, ein ganz herzliches Dankeschön an Euch GayWestler dafür, dass Ihr Euch die Zeit nehmt und die Mühe macht, die mehr oder weniger gut getarnte Schwulenfeindlichkeit (ich denke da gerade an ‚unendlich dumm‘, äh, ‚frei‘) aufspürt und hier in geistreicher Weise dokumentiert. Sebastian, Dir herzlichen Dank für Deine ausgezeichenten, instruktiven Kommentare (ich da gerade an den zu „Schwule sind nicht normal, Schwule sind wie die Hamas”).

    Jetzt aber zu diesem Thread: Ihr wart schon mal anspruchsvoller. Anspruchsvoller in der kritischen Bewertung von Personen und Institutionen.

    Der Reihe nach:

    Da reicht es also schon, dass die FAZ zum Selbst-Outing einer Politikerin etwas „wohlwollend“ schreibt. Hm, das Wohlwollende sehe ich in der geistlose Formulierung „Wolff ist nicht Wowereit: Sie liebt eine Frau – und damit basta“ nicht. Es erínnert mehr an die unglaubliche Sprachgewandtheit eines früheren Bundeskanzlers, aber sei’s drum. Mich bewegt vielmehr, warum ihr Euch so schützend vor die FAZ stellt? Ich kann jedenfalls der FAZ keinen „unspektakulären Umgang mit dem Thema Homosexualität“ bescheinigen. Das Thema wird eher gemieden, und wenn es doch auftaucht, dann mit fragwürdiger Tendenz (seht mir nach, dass ich hier keine umfangreiche Linksammlung einfüge).

    Aus der CDU ist also ein tolerante Partei mit hohem Lieberalisierungsmaß geworden; so wollt Ihr doch verstanden werden, oder? Eine stellvertretedende Ministerpräsidentin, von der wir nun wissen, dass sie eine Frau liebt, und ein Bürgermeister im Norddeutschen, von dem wir seit langem annehmen dürfen, dass er schwul ist, reichen also aus, um aus der CDU eine wunderbar tolerante und deshalb (?) wählbare Partei zu machen. Schade eigentlich, ich dachte immer, das Parteiprogramm wäre wichtig, vielleicht auch das Abstimmungsverhalten der Parlamentarier, vielleicht die Gesetzesvorhaben der Bundes- und Landesregierungen! Auf die Gefahr hin, auch in die Kategorie der schwulen Betonköpfe einsortiert zu werden, aber so viele stellvertretende Ministerpräsidentinnen, die Frauen lieben, kann es gar nicht geben, als dass ich übersehen könnte, dass die nordrhein-westfälische Landesregierung (CDU/FDP) von einer passiven Diskriminierungspolitik (zB durch argumentationslose Blockierung der Gleichstellung im Landesbeamtenrecht) zu einer aktiven Diskriminierungspolitk (zB durch Ausladung von Vertreter der schwulen Verbände bei Veranstaltungen der Landesregierung) übergegangen ist.

    Frau Wolff ist also jetzt die Beste überhaupt!? Sorry, aber der Vorhalt der Intoleranz fällt auf Euch zurück. Wie für die Einen Frau Wolff ein Feindbild ist, so ist es für Euch wohl Herr Wowereit. Eure Analysen von Blogs und Kommentaren waren bisher treffsicher und kaum angreifbar; diesmal seit jedoch deutlich unter Eurem gewohnt hohen Niveau geblieben. Ich fürchte (!) übrigens, dass Herr Wowereit im Vergleich zu der in der Giftküche der „göttlichen Schöpfungslehre“ herum experimentierenden Frau Wolff das kleinere Übel (!) ist.

  5. Damien 9. Juli 2007 um 22:49 #

    Also dass die CDU aus homopolitischen Gründen wählbar sei, steht in meinem Beitrag nicht. Was im Entwurf für das neue Grundsatzprogramm steht, sollte man allerdings nicht ganz außer acht lassen. Man kann sich natürlich darüber ärgern, dass sie nicht das im Programm stehen haben, was die Grünen schon 1979 geschrieben haben. Man kann sich aber auch freuen, dass es offenbar in der CDU eine Bewegung in Richtung Homo-Akzeptanz gibt.
    „Frau Wolff ist also jetzt die Beste überhaupt!?“ Meine Güte, wo hast Du denn das her?
    Wowereit ein Feindbild? Nö, ich find ihn einfach peinlich und es ärgerlich, wenn er als Prototyp eines homosexuellen Politikers genommen wird. Insoweit sind dann auch Ole von Beust und Karin Wolff angenehme Korrektive.

  6. Threadneedle 10. Juli 2007 um 15:53 #

    Damien, ich will Dir Deine Freude überhaupt nicht nehmen. Vielleicht gibt es ja die von Dir erwähnte Bewegung in der CDU in Richtung Homo-Akzeptanz tatsächlich und es liegt allein an mir, dies nicht zu sehen. Sehr deutlich sehe ich als alter Nordrhein-Westfale allerdings die unglaubliche und nur schwer erträgliche Intransigenz der hiesigen CDU, wenn es um die rechtliche Gleichstellung von außerhalb gewisser Normvorstellungen liegender Lebensentwürfe geht. Hier findest Du ein Plenarprotokoll des NRW-Landtags

    http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMP14-55.html#s6195

    Vielleicht hast Du Zeit und Lust mal hinein zu schauen. Unter TOP 14 geht es um die Beseitigung der Diskriminierung von eingetragenen Partnerschaften im Beamtenrecht. Werfe mal eine Blick auf die CDU-Redebeiträge (Preuß und für die Landesregierung der Landwirtschaftsminister [sic!] Uhlenberg). Rückwärts gewandter, engstirniger und kleinkarierter geht es nicht. Die Hinweise auf eine angeblich ohnehin anstehende Dienstrechtsreform, die in NRW unter dem für das Beamtenrecht zuständigen FDP-Innenminister Wolf nicht einmal ansatzweise konzipiert ist, sind blanker Hohn. Die Gleichstellung bräuchte nur etwas politischen Willen. Gesetzestechnisch wäre lediglich zu formulieren „an dieser und jener Stelle sind hinter den Worten ‚Ehe’/’verheiratet‘ die Worte ‚in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft lebend‘ einzufügen“. Ein banaler Vorgang; den Entwurf des Änderungsgesetzes könnte jeder Sachbearbeiter im Innenministerium nebenbei in wenigen Minuten vorbereiten. Aber es geht ja um die Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften mit heterosexuellen Ehen. Und da nicht sein kann, was nicht sein darf, wird die lästige Angelegenheit eben auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben.

    Es ist tatsächlich ärgerlich, wenn Herr Wowereit als Prototyp eines schwulen Politikers dargestellt wird. Besonders peinlich finde ich ihn allerdings nicht. In einem Peinlichkeitsranking würde ich ihn eher im Mittelfeld ansiedeln. Die vorderen Plätze gehören diesem bewundernswert eloquenten Edmund Rüdiger Stoiber, dem großen Sozialpolitiker Kurt Beck, der grandiosen Gipfelkanzlerin Angela Dorothea Merkel, dem bedeutenden Historiker Günther Hermann Oettinger und vergleichbaren Politikgrößen.

    Ich stimme Dir gerne zu, dass Herr von Beust ein angenehmes Korrektiv zu Herrn Wowereit ist. Zeichnet sich der Erstgenannte doch schon dadurch aus, dass er für seine Stadt vieles bewegt und erreicht hat. Aber Frau Wolff? Nein, ich komme über die „göttliche Schöpfungslehre“ nicht hinweg. Dummheit wird durch die Liebe zu einer Frau nicht geheilt. Ich ahne Schlimmes und die nicht nur wegen ihres Namens nahe liegende Metapher vom Wolf (oder der Wölfin) im Schafspelz drängt sich geradezu auf.

    Natürlich findet sich in Deinem Text nicht die Aussage, Frau Wolff sei die Beste überhaupt; jedenfalls nicht explizit formuliert. Das war es aber, was bei mir nach dem Lesen als zusammenfassender Eindruck aus Deinem Beitrag und dem Kommentar von Sebastian hängen geblieben ist. Sei mir nicht böse, wenn ich Dir eine Haltung unterstellt habe, die Du gar nicht einnehmen willst (vorsorglich hatte ich ja ein kleines „?“ angebracht); im Zweifel ist es meiner Unaufmerksamkeit geschuldet.

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