Schwule in Nikaragua: Kapitalistisch und dekadent

15 Aug

Ich kann mich noch vage daran erinnern, dass Ende der 80er Jahre die Nachrichten der DDR von einem außenpolitischen Thema beherrscht wurden: dem in Nikaragua stattfindenden Kampf der Sandinisten gegen die Contras. Gemäß der deutsch-sozialistischen Ideologie waren die Sandinisten die Guten, weil sozialistisch, die Contras die Bösen, weil „konterrevolutionär“ und von den USA unterstützt. Wahr an dieser Sicht ist, dass die Vereinigten Staaten bei dieser Sache in der Tat Dreck am Stecken hatten und die Contras auch nicht besser waren. Die Sandinisten allerdings für eine der Humanität verpflichtete Gruppierung zu halten war Propaganda, wie sie nur auf dem Boden realsozialistischer Systeme gedeihen konnte.

Neben den für alle sozialistischen Befreiungsbewegungen typischen Menschenrechtsverletzungen, die – welche Überraschung – von der Linken im Westen großzügig übersehen bzw. relativiert wurden und die den Verbrechen der Vorgängerregierung unter Somoza in nichts nachstanden, zeichnen sich die Sandinisten bis heute durch eine urig reaktionäre Weltsicht aus, die als „links“ zu bezeichnen, sich hoffentlich auch große Teile der heutigen Linken nicht mehr wagen würden, wobei einem allerdings Zweifel kommen, wenn man sich ihr großes Verständnis für reaktionäre Herrscher und verbrecherischer Regime vergegenwärtigt; seien es nun Chavez und Venezuela, Ahmadinedschad und der Iran oder die Hamas und die PA.

Dass der kapitalistische Westen dekadent und dem Verfall preisgegeben sei, war und ist eine Standardfloskel realsozialistischer Systeme (allerdings nicht nur dieser). Zur sogenannten westlichen Dekadenz, gehören gemäß Weltsicht der linken Sandinisten in Nikaragua z.B. die Pornografie und die Homosexualität. Seit 1992 ist in dem mittelamerikanischen Land die „Förderung“ und das „Ausleben“ gleichgeschlechtlicher Liebe verboten. Und der Einfluss einer wenig aufgeklärten katholischen Kirche, macht die Situation für die Homosexuellen Nikaraguas auch nicht besser.

Die Ansicht, Homosexualität sei eine westliche Entartungserscheinung, erklärt den Umstand, dass die ach so „fortschrittlichen“ Sandinisten keinen Finger rührten, als die Anfang der 90er Jahre zur Regierung aufgestiegenen Contras die durch alle politischen Richtungen wabernden Vorurteile gegenüber Schwulen in einem Gesetz schriftlich niederlegten.

In Kanada muss nun ein schwuler Nikaraguaner befürchten in sein Heimatland abgeschoben zu werden:

Ein kanadisches Gericht hat die Abschiebung eines schwulen Nikaraguaners angeordnet. Der Fall machte landesweit Schlagzeilen, weil der jetzt 22-jährige Alvaro Orozco bereits im Alter von zwölf Jahren aus seinem Heimatland geflohen ist. Zunächst sollte er Anfang des Jahres abgeschoben werden, weil er nicht beweisen kann, dass er bereits zum Zeitpunkt der Flucht schwul gewesen ist.

Bleibt zu hoffen, dass die kanadischen Behörden ein Einsehen haben und dem jungen Orozco eine Aufenthaltserlaubnis gewähren. Denn bei aller Kritik die man an der Asyl- und sonstigen Praxis westlicher Länder üben könnte. In einem dekadenten, kapitalistischen Land wie Kanada, lebt es sich nun mal am Besten.

19 Antworten zu “Schwule in Nikaragua: Kapitalistisch und dekadent”

  1. Harald Schrage 15. August 2007 um 10:59 #

    Der Hinweis auf die vielfach reaktionären Moralvorstellungen gerade bei so genannten revolutionären Befreiungsbewegungen ist leider nur zu berechtigt. Allerdings muss erklärend hinzugefügt werden, dass zum Zeitpunkt, als das angesprochene Verbot erlassen wurde, die Sandinisten bereits seit zwei Jahren nicht mehr an der Macht waren. Man kann allerdings davon ausgehen, dass dieses Verbot bei der Mehrheit der sandinistischen Funktionäre und Anhänger auf große Sympathie und Zustimmung stieß.

  2. Adrian 15. August 2007 um 11:12 #

    Und das hat sich offensichtlich bis heute nicht geändert.

  3. Franklin D. Rosenfeld 15. August 2007 um 15:05 #

    Bei aller berechtigten Kritik an den Contras – sie waren sicherlich um einiges besser als die Sandinistas. Wenn die Sandinistas Castro waren, dann waren die Contras eher Pinochet 😉

  4. Markus 15. August 2007 um 18:17 #

    Wurde der Artikel jetzt einfach ohne Update-Vermerk verändert? Siehe: http://fqueer.blogsport.de/2007/08/15/wieder-mal-beim-luegen-ertappt/

    Der Beweis, wie schlimm die Sandinisten sind, wird also durch ein Gesetz erbracht, was die Contras erlassen haben? Wow, solch wirre Logik hab ich zuletzt bei Broder gelesen.

  5. Adrian 15. August 2007 um 20:53 #

    @ Markus

    Deinen Vergleich mit Broder fasse ich als Kompliment und als Bestätigung meinerseits auf. Und: Ich habe nirgendwo geschrieben, dass die Contras weniger schlimm seien als die Sandinisten. Hätte ich allerdings einen Beitrag darüber geschrieben, wie böse homophob die Contras sind, hätte ich offene Türen eingerannt. Es ging eben darum zu zeigen, dass linke, so genannte „progressive“ Bewegungen genauso widerlich agieren können. Und das nicht nur was Schwule angeht.

  6. jolly rogers 15. August 2007 um 23:37 #

    „Hätte ich allerdings einen Beitrag darüber geschrieben, wie böse homophob die Contras sind, hätte ich offene Türen eingerannt.“

    Der Effekt heiligt also die Mittel und so schmierige kleine Tricks wie den oben angewandten um den Eindruck zu erwecken, die Sandinisten hätten das Gesetz erlassen.

    Saubere Methoden, doch.

  7. bigmouth 16. August 2007 um 01:18 #

    sehr lustig: nach der änderung besitzt euer artikel gar keinen inhalt mehr! zumindest habt ihr überhaupt keien beleg mehr für irgendwelche wie auch immer gearteten einstellungen der sandisniten zur homosexualität – oder habt irh euch die parlamentsdebatten 1992 angeschaut in den quellen? könnt ihr irgend etwas an zitaten usw liefern, dass eure these sützen würde?

  8. Markus 16. August 2007 um 13:57 #

    @Adrian: Das bietet sich gut als geflügeltes Wort an: „fasst einen Vergleich mit Broder als Kompliment auf“. Die Steigerung wäre dann: „Recherche wie bei Broder“. :))
    Ansonsten kann ich mich nur Bigmouth anschließen: bring doch bitte irgendwelche Belege für Deine These. Oder soll es nachher noch heißen: „Recherche wie bei Broder“?;)

  9. Homocon 16. August 2007 um 23:58 #

    @ Markus, bigmouth, jolly rogers

    Seid ihr komischen Linken eigentlich in der Lage Texte im Gesamtzusammenhang zu lesen und zu verstehen? Und ist es euch zuzumuten mal auf die verlinkten Quellen zu klicken oder glaubt ihr, euch dann mit „neoliberalem“ Gift zu infizieren?

    Weder die Sandinisten noch die Contras hatten mit Freiheit und liberaler Demkratie was am Hut. Obiger Text verteidigt keine von beiden Seiten. Als die Sandinisten dran waren bauten sie eine Staatssicherheit auf(scheint in sozialistischen Staaten so üblich zu sein), sperrten Schwule weg, verhöhnten ihre Liebe als „kapitalistisch“ und „kleinbürgerlich“ und verschickten sie in andere Landesteile – sehr „human“ wirklich. Als die Contras kamen, verschärften sie einen bereits bestehenden Artikel gegen Homosexualität. Und die katholisch Kirche stand immer lächelnd am Wegesrand.

    Nur noch heute den realen Sozialismus verteidigende Linke sind dumm genug, um der Meinung zu sein, wer nicht für die Linke ist, ist automatisch für die Rechte. Ihr seid solche Deppen!

  10. Markus 17. August 2007 um 00:07 #

    @Adrian: ich deute Dein konzentriertes Schweigen als Introspektion, wieso die vom „freien Westen“ favorisierten Antisandininisten in zwei Jahren ein Gesetz verabschieden konnten, welches in 12 Jahren Sandinisten-Herrschaft nicht verabschiedet wurde und was das über Demokratie, Freiheit und wirtschaftlichem Liberalismus aussagt. Vor allem natürlich, was das über Mißverständnisse Deinerseits bezüglich der freien westlichen Welt aussagt. Auf das Ergebnis bin ich sehr gespannt!

  11. Adrian 17. August 2007 um 10:07 #

    @ Markus
    Lies einfach mal den Kommentar von „Homocon“.

  12. Markus 17. August 2007 um 12:32 #

    @Homcon:
    Adrian verteidigt nicht die Contras? Doch, denn die Aussage „die Contras waren auch nicht besser“ ist eine absolut unangebrachte Relativierung! Lies doch bitte dazu nochmal im Artikel über den Contra-Krieg im Vergleich die Verbrechen der Contras und der Sandinisten:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Contra-Krieg

    @Adrian,Homcon:
    Die Quellen sagen aus, daß auch eine den Minderheiten Rechte verschaffende Bewegung in einer zutiefst homophob geprägten Gesellschaft wenig Chancen haben oder zumindestens zu haben glauben, dies zu ändern. Die Triebkräfte aber liegen in den Konservativen. Das deutet der verlinkte Artikel an und der folgende macht es noch deutlicher:
    „Ihre Sorge war, dass reaktionäre Gruppen die sandinistische Revolution diffamieren könnten, wenn Homosexualität im Land offiziell toleriert würde.“
    http://db.swr.de/upload/manuskriptdienst/wissen/wi20051216_3468.rtf

    Die Verschärfung dieses Zustandes, die es Homosexuellen unmöglich macht, offen für ihre Rechte zu kämpfen, ging von der prowestlichen antisandinistischen Kräften aus. Diesen Schritt als Fortführung der sandinistischen Linie darzustellen ist Manipulation.

  13. Homocon 17. August 2007 um 17:10 #

    @ Markus

    In dem von dir verlinkten Text heißt es:

    „Homosexuelle in Nicaragua werden als krank bezeichnet, aber wie Kriminelle behandelt. Das war auch während der zehnjährigen Revolutionsregierung der linksgerichteten Sandinisten in den Achtziger Jahren kaum anders. Damals rief die Regierung das nicaraguanische Volk zur Solidarität mit Benachteiligten und Minderheiten auf. Doch beim Thema Homosexualität stießen die Sandinisten an die Grenzen ihrer Toleranz. Sie unterdrückten alle Organisationsversuche von Schwulen und Lesben unter dem Vorwand, ihr Lebensstil sei konterrevolutionär. Ihre Sorge war, dass reaktionäre Gruppen die sandinistische Revolution diffamieren könnten, wenn Homosexualität im Land offiziell toleriert würde. Es gab sogar Fälle, in denen Wortführer der Homosexuellen inhaftiert und eingeschüchtert wurden.“

    Hä? Die Sandinisten haben alleine aus Angst davor von reaktionären Kräften diffamiert zu werden, Homosexuelle verhaftet und die Versuche sich zu organisieren unterdrückt? Das klingt mir ehrlich gesagt nach typisch linker Relativierung, ähnlich wie: Islamisten sind nur deshalb so sauer auf den Westen, weil der sie unterdrücke. Warum sollte eine Bewegung wie die Sandinisten Angst vor Diffamierungen durch die Kirche und die Contras gehabt haben? Die Gruppierungen waren verfeindet! Sie führten Krieg gegeneinander! Niemand von der Kirche oder den Contras war gut auf die Sandinisten zu sprechen. Genau wie umgekehrt.

    Haben die heute regierenden Sandinisten immer noch solchen Schiss vor der konservativen Opposition, dass sie allein deswegen den Paragrafen der Homosexualität verbietet, nicht abschaffen und sogar für das totale Abtreibungsverbot gestimmt haben? Wenn ja, dann ist das die größte Bewegung von revolutionären Waschlappen die es gibt. Überall auf der Welt starben revolutionäre Sozialisten für ihre verbrecherische Idee, massakrierten Millionen dabei und scherten sich einen Dreck um ihre Gegner. Nur die Sandinisten nicht. Die waren so in Sorge um die Schwulen, dass sie sie wegsperrten und durch die Staatssicherheit verhaften ließen…

  14. Adrian 17. August 2007 um 17:21 #

    @ Markus

    Du unterstellst mir ich würde die Contras verteidigen? Du irrst dich. Aber bitte, das ist ein freies Land. Tu dir keinen Zwang an, solch Unsinn zu behaupten.

  15. Marco 18. August 2007 um 14:35 #

    „Aber bitte, das ist ein freies Land.“

    Was zu beweisen wäre. 😉

  16. Markus 18. August 2007 um 21:12 #

    Vielleicht sind die Sandinisten Waschlappen, das kann ich nicht burteilen. Aber Tatsache ist: es gab einen Kampf zweier Gruppen und möglicherweise hätte es einer Gruppe die entscheidende Menge Rückhalt in der Bevölkerung gekostet, wenn sie in einer zutiefst homophoben Gesellschaft die Rechte der Homosexuellen verwirklicht hätten. Das ist durchaus vorstellbar.

    Homophobie jedenfalls ist ein Teil der nicaraguanischen Gesellschaft und die Sandinisten als Teil dieser werden kaum frei davon sein. Das wäre auch ein Wunder. Soweit zum Punkt, der unbestritten sein dürfte.

    Der wichtige Punkt ist aber: die entscheidende treibende Kraft hinter der neuerlichen Verschärfung der Lage sind die Pro-Westler. Und dabei muß man berücksichtigen: wir reden hier von den neunzigern, nicht von den siebziegern und achtzigern wie bei den Sandinisten.

    Jetzt also die Homophobie als spezifisch linkes Problem darzustellen ist ideologisch motivierte Manipulation. Homopobie ist ein gesellschaftliches Problem und die Pro-Westler waren mit dieser Gesetzesverschärfung die hauptsächlichen Triebkräfte. Das wollt Ihr nicht wahrhaben. D.h. aber natürlich nicht, daß die Sandinisten frei von Homophobie sind.

    @Adrian:
    Um Dich mit meinem Vorwurf inhaltlich nicht auseinandersetzen zu müssen, hast Du meine Begründung ignoriert. Bitte, das ist ein freies Land. Ich werds nochmal deutlicher machen, aber mehr kann ich auch nicht tun. Den Sandinisten werden unrechtmäßige Verhaftungen und ca. 100 Hinrichtungen vorgeworfen. Das setzt Du in etwa gleich mit der Terrororganisation Contras, die bevorzugt Zivilisten töteten und folterten. Mit dieser Relativierung verharmlost Du eine Terrororganisation. Wie Du magst.

    „Die Contras waren für ihre Brutalität bekannt. Menschen, die sie bei den zahlreichen Aktionen zur Zerstörung von Gesundheitszentren, Schulen, Landwirtschaftskooperativen oder Gemeindezentren aufgriffen, wurden oft gefoltert und auf grausame Weise getötet. Die nicaraguanische Regierung gab 1984 bekannt, dass seit 1981 ca. 910 Staatsangestellte und 8.000 Zivilisten bei Anschlägen der Contras getötet wurden. Geheimdienstkomitees des Kongresses wurden von damaligen und früheren Contra-Führern sowie anderen Zeugen informiert, dass die Contras tatsächlich unbewaffnete Zivilisten, darunter auch Frauen oder Kinder, folterten, zerstückelten, köpften oder ihnen die Augen ausstachen.“

  17. Dingenskirchen 7. September 2007 um 03:25 #

    Herr Rosenfeld,

    was Du da über Pinochet schreibst ist Bockmist. Der gute Herr Pinochet hat mal eben locker 3000 politische Morde auf dem Gewissen. Daran gibt es keinen einzigen berechtigten Zweifel, es sei denn er wäre der dümmste Diktator aller Zeiten, der nicht einmal merkt, was er unterzeichnet bzw. was direkt vor seiner Haustür passiert. Die Vorgängerregierung hingegen, bei allen Fehlern, keinen einzigen. Wenn Du schon Äpfel mit Birnen vergleichst, dann bitte auch Birnen und nicht Autoreifen…

    Dass auch Castro diverseste politische Morde auf dem Konto hat, hat weder mit Nicaragua noch mit Chile was zu tun. Aber geht eh nur um Rumprollen, oder? Diese verzweifelte Suche nach einer guten Seite ist wahlweise langweilig, dumm oder widerlich. Such dir was aus… Und lies mal Luhmann!

  18. Roland 16. November 2007 um 14:13 #

    Auch Linke können sich ändern. Ausgerechnet eure Feindbilder machen den Fehler der alten (von den USA unterstützen) Regierung wieder rückgängig. Dank der Sandinisten ist Homosexualität wieder legal!
    http://www.queer.de/news_detail.php?article_id=7927

  19. Damien 17. November 2007 um 01:22 #

    @ Roland: Wie kommst du darauf, dass wir Feindbilder haben? Nur weil wir über antischwule Äußerungen und Handlungen von Linken berichten? Das tun wir doch ebenso bei Rechten… Oder weil wir erkennbar den Sozialismus nicht für das Gelbe vom Ei halten? Dafür muss man wohl einfach nur ein wenig Grips besitzen… Übrigens halte ich „Dank der Sandinisten…“ für zu hoch gegriffen – schließlich gab es eine weltweite Kampagne von Homos und ihren Unterstützern für die Entkrimininalisierung. Ohne diese wären die Sandinisten bestimmt nicht auf die Idee gekommen, das Gesetz zu ändern.

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