Hemmungslos pervers und libertär

27 Aug

Paul Goodman, einer der Gründer der Gestalttherapie, war Schriftsteller und Anarchist. Eine Lektüre meines vergangenen Sommerurlaubs war „Natur heilt“, es versammelt „psychologische Essays“ von Goodman und ist erschienen bei EHP (Edition Humanistische Psychologie).

Goodman war ein großer Freund der Freiheit, auch im sexuellen Bereich. Er war verheiratet, hatte Kinder und lebte homosexuell. Offen homosexuell. Goodman war Pazifist und propagierte als ein Mittel gegen die Kriege der Herrschenden „einen guten Fick“. Damit machte er sich nicht nur bei den Rechten unbeliebt, auch Linke waren empört. Sie sahen in ihm, wie Taylor Stoehr in der Einleitung zu dem Band schreibt,

ein „enfant terrible“, zwar brillant, aber hemmungslos pervers, und abhängig von den Lastern des bürgerlichen Individualismus – selbstbezogene Politik, sexuelle Devianz, marinierte Kunst. („Natur heilt“, S. 12)

Dabei war Goodman beileibe kein Vereinfacher. Die von ihm mitentwickelte Gestalttherapie zum Beispiel

war gleichzeitig sehr radikal und sehr konservativ. Sie war radikal in dem Sinne, daß sie Theorien der Gesellschaft und der menschlichen Natur zugunsten von Ad-hoc-Einschätzungen der Lebensqualität in der augenblicklichen Lebenssituation des Patienten (befrage deinen tiefsten Impuls) verwarf. Sie war konservativ, weil sie annahm, daß es die Aufgabe des Therapeuten (und des Patienten) sei, „sich herauszuhalten“. Der beste Weg war auch der konservativste – nämlich nichts zu tun, den Organismus sich selbst regulieren zu lassen. (22)

Gegen den Marxismus, egal wie freiheitlich er sich gab, wandte er zum Beispiel in Bezug auf den Begründer der Vegetotherapie Wilhelm Reich ein:

Es gibt in Reichs Schriften einige Passagen, in denen er sagt: „Es sollte dieses oder jenes Gesetz geben“ – anstelle dieses Anti-Sex-Gesetzes irgendein anderes Anti-Anti-Sex-Gesetz. Vielleicht handelt es sich dabei nur um triviale, durch Ignoranz verursachte Ausrutscher; aber das Ärgerliche dabei ist, daß diese spezifische Ignoranz zum Dogma erhoben wird. Reich (…) und seine Mitarbeiter wurden zum ärgerlichen Hemmnis, als sie sich wie eine bevollmächtigte zentrale Planungskommission für eine bessere Gesellschaft aufspielten (115).

Sein philosophisches Interesse brachte Goodman zu Erkenntnissen, die manchen Kirchenkritiker vermutlich auch heutzutage noch zum Staunen bringen:

Thomas von Aquin, der Moralphilosoph der katholischen Kirche, hebt hervor, der menschliche Hauptzweck der Sexualität bestehe darin, andere Menschen kennenzulernen; indem man eine sexuelle Beziehung aufnimmt, lernt man den anderen Menschen kennen (136).

In dem Beitrag „Die Politik des Schwulseins“ beschreibt Goodman seine Erfahrungen mit Ablehnung durch andere Menschen sehr persönlich und dadurch bewegend:

Ich beklage nicht, daß meine Annäherungsversuche nicht akzeptiert werden; niemand hat einen Anspruch, geliebt zu werden (außer kleinen Kindern). Aber ich werde schon aufgrund der Tatsache runtergemacht, daß ich überhaupt Annäherungsversuche mache und mich verhalte, wie ich bin. Niemand hat es gerne, wenn er abgelehnt wird; aber es gibt eine Art, jemanden abzulehnen, die ihm das Recht einräumt zu existieren und ihn von daher akzeptiert. Ich bin selten so behandelt worden. (243)

In dieser Beschreibung finden sich manche Schwule bis heute wieder.

Goodman ist sich darüber hinaus bewußt, dass diese Form der Diskriminierung zwar auch in freiheitlichen und freizügigen Gesellschaften vorkommt, vor allem jedoch in unfreien:

In eher puritanischen Systemen, wie dem heutigen Kuba, kommt man beruflich und privat schlecht weg, wenn man schwul ist. Totalitäre Systeme, egal ob kommunistisch oder faschistisch, sind scheinbar immer durch und durch puritanisch. (244)

Aber auch die, die sich liberal und progessiv nennen, sind nicht immer die Speerspitze der sexuellen Emanzipation:

Ich bin wegen meines Schwulseins bzw. meines Anspruchs, ein Recht darauf zu haben, dreimal entlassen worden (…) Dies waren besonders liberale und progessive Institutionen (…) (244)

Seine Erfahrungen in etablierten Institutionen beschreibt Goodman dagegen eindeutig als die angenehmeren:

Andererseits hat mir, soweit ich das beurteilen kann, meine Homosexualität und der offene Anspruch darauf in eher etablierten Institutionen nie viele Nachteile gebracht. (…) Ich sage meine Meinung – oft geht es um Fragen der Sexualität; ich mache Annäherungsversuche, wenn sich Gelegenheit dazu bietet: und ich werde offenbar erneut eingeladen. Manchmal waren meine Annäherungsversuche sogar erfolgreich – was ich in Bezug auf Konferenzen des S.D.S. oder der Resistance nicht behaupten kann. (244)

Als Grund für den entspannteren Umgang in den etablierten Institutionen vermutet Goodman:

dieses professionelle Establishment ist einfach weltmännischer (das ist unser altes Wort für „cool“). (244)

Erfrischend finde ich seine Haltung zum Reizthema homosexuelle Promiskuität, mit der man die eine oder andere kulturkonservative Leier auch heute noch gut parieren kann:

Natürlich ist die homosexuelle Promiskuität meistens der Kritik ausgesetzt, sie habe, im Gegenteil zur Demokratie, eine erschreckende Oberflächlichkeit menschlichen Verhaltens zur Folge und sei damit archetypisch für die Leere des großstädtischen Lebens. Ich bezweifle, daß das immer so sein muß, obwohl ich mir nicht sicher bin; genauso wie ich mir bei den Menschenmassen, die Kunstgalerien besuchen, nicht sicher bin, wen die Kunst wirklich anspricht und wen sie bloß noch weiter in Verwirrung stürzt – aber wenigstens suchen manche nach etwas. (247)

Mehr noch, die Lehre von Thomas von Aquin aufgreifend, kritisiert er die „no sex until marriage“-Haltung aufgrund eigener Erfahrung:

Ein junger Mann oder eine junge Frau quälen sich mit der Frage: „Interessiert er sich für mich, oder bloß für meine Haut? Wenn ich mit ihm schlafe, bin ich ein Nichts für ihn.“ Ich finde, diese Abwägung ist bedeutungslos und verhängnisvoll; ich habe wirklich immer den genau entgegengesetzten Weg eingeschlagen, und viele meiner Beziehungen, denen ich ein Leben lang eng verbunden war, begannen mit Sex. (248)

Dieser Text, erstveröffentlicht im Jahre 1969, bringt Lebendigkeit und unkonventionelles Denken des zu diesem Zeitpunkt immerhin 58jährigen gut zum Ausdruck.

Goodmans Anarchismus zeigte sich u.a. in der Idee, Institutionen kurzerhand für „neurotisch“ zu erklären:

Eine Institution ist ein nichtrationales System, das ein Naturgesetz zu sein scheint – und als solches hingenommen wird – und auf diese Weise sein eigenes Fortbestehen sichert. Wenn das Bestehen einer Institution bedroht wird, setzen sofort Unruhe und Angst vor Leere ein. Es besteht der Glaube, daß ohne Institution bestimmte soziale Funktionen nicht mehr aufrechterhalten werden könnten, obwohl sie vielleicht viel besser erfüllt werden würden. Als ob es ohne Brückengeld keine Brücken oder ohne Schulen keine Erziehung gäbe, oder ohne Heiratsurkunde keine Kinder geboren und aufgezogen würden! Wo immer es eine Institution wie die Ehe, das Schulsystem oder den Staat gibt, erwartet und sucht nach Unterdrückung, Verdrängung und Übertragung.“ (273)

Kluge Gedanken auch über die Konstituierung von Minderheiten, lange bevor die Dekonstruktion ebensolcher post-modern wurde:

Eine „Minderheit“ existiert wegen einer psychischen Grenze, die eine wirklich oder eingebildete Unterscheidung relevant macht, und wegen des ängstlichen Zusammenhaltens und der Selbstidentifikation der „Mehrheit“, die unbedingt auf der richtigen Seite bleiben will. Die Minderheit ist immer ein verdrängter Teil der Mehrheit. Vorurteile sind nicht nur eine Projektion des Verdrängten auf die Minderheit, sondern sie schaffen tatsächlich die Minderheit qua Minderheit und sorgen dafür, daß sie weiterbesteht. Die Forderungen der Minderheit sind folglich immer berechtigt, da die Mehrheit moralisch und psychologisch klug handelt, wenn sie ihren verdrängten Teil akzeptiert. (275)

Interessant in diesem Zusammenhang auch sein Verständnis von Zensur:

Zensur ist gegen die Minderheit gerichtet. Ihr Ziel ist, das Verdrängte verdrängt zu halten. (275)

Nicht unerwähnt bleiben sollen seine Vorstellung von Revolution und Utopie. Gegen Reich, Fromm und Horney, deren Ziel letztlich doch die Veränderung des Einzelnen gewesen sei, setzte Goodman auf die Veränderung der Gesellschaft – unter Berufung auf eine Art „esoterischen Freud“. Stefan Blankertz schreibt hierzu in seinem Nachwort zu „Natur heilt“:

Die Oberflächen, die Bewußtsein und Ich-Verteidigung bilden, psychotherapeutisch zu „attackieren“, anstatt sie zu akzeptieren, ist für Goodman konterrevolutionär. In diesem Sinne ist Reich nicht weniger Vertreter einer Sozialtechnik der Anpassung als Fromm und Horney; und Freud, so wie wir ihn zu interpretieren gewohnt sind, wäre der Vater der Anpassungstechnologie. (…) Ausgerechnet die Theorie der Sublimation, die gemeinhin als das repressiv-affirmative Element der Freudschen Lehre angesehen wird, greift Goodman heraus, um den „anderen“ Freud zu kennzeichnen. Die Befreiung liegt Goodman zufolge nicht in der falschen Rückkehr zu einer bewußtlosen „Natürlichkeit“ prästabilisierter Triebregungen. Das Trügerische in Reichs Utopie kündigt sich bereits an in den autoritären, an eben die bekämpften faschistischen und kommunistischen Institutionen erinnernden Vorschläge, die Reich bezogen auf Kindererziehung macht – Vorschläge, bestimmte Literatur „zu verbieten“ und durch Linientreues zu „ersetzen“ (wie sie am Ende von „Die sexuelle Revolution“ zu finden sind), zeigen für Goodman nur, daß die angeblich vegetative Harmonie nichts weiter ist als Ideologie für einen erneuerten politischen Zwangsapparat. (293)

Chapeau für diese Reich-Kritik aus liberaler, libertärer Sicht. Obendrauf noch praktische Philosophie in einem Satz:

In der Klugheit organisiert das Ich die Triebbefriedigungen auf das individuelle Ziel der Glückseligkeit, in der Vernunftethik auf das soziale Ziel der Glücksmöglichkeit im Kontext der Gesellschaft. (294)

Kurz gesagt, Goodmans Anliegen ist es, den Menschen

zur selbstbestimmten Sublimation zu befähigen. (294)

Wie das praktisch – zumindest in der Poesie – aussehen kann, sei abschließend anhand eines Gedichts von Paul Goodman beschrieben:

My anarchy as I grow old

is, Let me alone with my habits

I learned when I was poor

– nor did they ever work.

I like to have a flag,

I too, and hold it up.

I really don’t expect

anybody to salute.

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Eine Antwort to “Hemmungslos pervers und libertär”

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  1. Freiheitsfabrik » LäcktüHretiPp für Rechte - 27. August 2007

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