Bushido: Retter der Welt, Retter der Kinder

28 Aug

Konzerte gegen Gewalt, gegen den Hunger oder für den Weltfrieden unterscheiden sich von gewöhnlichen Konzerten im Prinzip überhaupt nicht, haben aber den Vorteil, dass sie bei den Veranstaltern, den Künstlern und Zuhörern ein wohliges Gefühl hinterlassen, nämlich das Gefühl für das Gute eingetreten zu sein und die Welt ein klein wenig besser gemacht zu haben. Zur Eindämmung und zur Verhinderung von tatsächlicher Gewalt, realem Hunger oder der Verhütung von kriegerischen Konflikten sind solche Spektakel allerdings vollkommen sinnlos. Kaum ein Konzert hat die Idiotie seiner Intention allerdings besser zum Ausdruck gebracht, als das vom allseits bekannten Jugendmagazin Bravo und dem Musiksender Viva initiierte Konzert gegen Gewalt „Schau nicht weg“, welches am Samstag vor dem Brandenburger Tor in Berlin stattfand. Und die Verkörperung dieser Idiotie ist der Rap-Sänger Bushido, der sich, glaubt man dem Bravo-Chefredakteur Tom Junkersdorf, seinen Einzug in den Olymp der Heiligen mit einer Anzeige wegen Beleidigung und Nötigung, vor allem aber wegen seiner inhaltlich hochwertigen Songtexte über Frauen und Schwule mehr als verdient hat und dementsprechend bei dem musikalischen Anti-Gewalt-Event auftrat.

Glaubt man den Weltverbesserern des Musik-Entertainments, sind Bushidos Songs bestens dafür geignet, Gewalt zu verhindern, schließlich reproduzieren diese nur das was alltäglich erlebt wird:

„Bushido hat eine ganz seltene Kompetenz, gerade auch bei gewaltbereiten Jugendlichen, denn er spricht die Sprache der jungen Leute.“

Es ist natürlich eine ziemliche Dreistigkeit zu suggerieren, Bushido spräche die Sprache aller Jugendlichen, wo er doch lediglich die der zivilisatorisch unterentwickelten Jugend spricht, welche überdies auch noch alltäglich von ihm lernt, wie gut man mit Gewalt und Fäkalsprache durchs Leben kommt.

Geht es nach Bravo-Chef Junkersdorf würden Textzeilen wie „Keiner von euch Homos ist was wert“, „Ich bin der, der dich fickt wenn die Sonne nicht mehr scheint“, „Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel“ oder „Du Nutte kannst nach Hause gehen“ einen offenbar für die Verleihung eines Preises für Verdienste um die Zivilgesellschaft qualifizieren.

Nicht alle sehen dies so, z. B. nicht der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) und auch nicht Maneo, Berlins schwules Überfalltelefon, die beide an die gewaltfreie Botschaft von Bushidos Songs nicht so recht glauben wollten und zum Protest gegen seinen Auftritt bei „Schau nicht weg“ aufriefen. Und selbst der Quotenschwule von Politically Incorrect hat die Erlaubnis bekommen, ein wenig über Bushido abzulästern, vermutlich weil dieser dafür ausreichend muslimischen Hintergrund mitbringt.

Völlig unverständlich findet der Bravo-Chef all diese Kontroversen und er wird nicht müde zu betonen, sein Anliegen Bushido am Anti-Gewalt-Konzert zu beteiligen, sei vollkommen missinterpretiert worden:

„Wir sind Europas größtes Jugendmagazin“, sagte Bravo-Chefredakteur Tom Junkersdorf am Freitag. „Wir sind uns unserer Verantwortung gegenüber der Jugend bewusst.

„Unser Anliegen ist, dass das kommende Schuljahr friedlicher werden soll. Das ist die Botschaft, es geht hier nicht um Bushido.“

Was soll man auch machen, wenn irgendwelche Schwulen die Botschaft der Bravo nicht richtig begreifen?

„Wir brauchen keine Interessengruppen, die uns sagen, was zu tun ist.“

Richtig so! Die Bravo ist schließlich ein Magazin für die Jugend, nicht für irgendwelche dahergelaufenen Homos.

Tom Junkersdorf bewies mit seiner Entscheidung, Bushido trotz aller Proteste auftreten zu lassen, Mut und seine phänomenale Begabung für den perfekten Griff ins Klo. Denn Bushido enttäuschte die knapp 50.000 Zuschauer nicht und machte klar wer den Längsten hat:

Die Hälfte seines Auftritts bestritt Bushido mit Rappen; die andere Hälfte bestritt er mit dem Einfordern von Beifallsbekundungen („Seid ihr froh mich zu sehen? Liebt ihr mich?“), ausgiebigem Eigenlob („ich bin der erfolgreichste Rapper“, „ich verdiene viel Geld“), dem Beschimpfen der Presse, die in den vergangenen Tagen seine Befähigung zum Friedensbotschafter in Zweifel zog („Wichser“, „scheiße“, „Arschlöcher“) und dem Beschimpfen der 50 Schwulen und Lesben, die gegen ihn demonstriert hatten. „Es geht heute nicht um die Schwulen, die gegen mich demonstriert haben.“ Einstimmiges Buh aus zehntausend Kinderkehlen. „Es würde mir nie einfallen, gegen Schwule zu demonstrieren.“

Nein dieser Rapper lässt sich von niemandem etwas sagen und schon gar nicht von irgendwelchen Tunten

„Die Wichser können demonstrieren, sich aufhängen – ich scheiß drauf.“

…denen er folgenden Ratschlag mit auf den Weg gab:

„Aber denkt dran, liebe Schwule“, beschloss er seine Ansprache: „Analverkehr nur mit Verhütungsmittel“, woraufhin zehntausende Kinder zustimmend schrien.

Gegen derartig gefeierte Verachtung kamen die ungefähr fünfzig Protestierer nicht an:

Auf Stellwänden präsentierten die Vertreter des [Lesben- und Schwulen-]Verbandes Bilder von misshandelten Homosexuellen; gegen die von fern herüberschallende Teeniemusik erzeugten sie mit Trommeln und Trillerpfeifen einen erwachsenen Sambarhythmus. In Anlehnung an Bushidos Slogan „Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel“ trugen sie überdies Schilder, auf denen stand: „Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jeden Inder.“ Dabei kommt Bushido gar nicht aus Indien, seine Vorfahren sind vielmehr aus Afrika eingewandert.

Ähnlich ahnungslos wie die Berliner Zeitung – die in dem Slogan „Inder verkloppen“ eben nicht die Befürchtung der Protestierer erkennen kann, Bushidos Songtexte würden die Gewalt eher fördern und zu widerlichen Exzessen wie in Mügeln führen – gab sich auch Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), der klar machte, wie weit die Sozialdemokraten vom Wissen um die Realität der Jugendkultur hierzulande entfernt sind:

Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) hat die Ausfälle des Berliner Rappers Bushido beim Konzert gegen Gewalt an Schulen verurteilt. Bushido hatte sich bei seinem Auftritt am Samstagabend vor dem Brandenburger Tor abfällig gegenüber protestierenden Schwulengruppen geäußert und sie mit ausgestrecktem Mittelfinger bedacht. Zöllner, der sich gegen ein Auftrittsverbot des umstrittenen Rappers ausgesprochen hatte, nannte das nun „unverantwortlich von Bushido selbst, aber auch von den Veranstaltern ,Bravo‘ und ,Viva‘“. Sie seien offensichtlich bereit gewesen, „ein so wichtiges Thema wie Gewalt zu missbrauchen und durch die Entgleisungen ins Gegenteil zu verkehren“. Zöllners Sprecher Kenneth Frisse sagte, der Senator habe Bushido zuvor nicht gekannt und niemandem das Engagement für eine gute Sache absprechen wollen.

Und so sieht sich der arme Bushido mit einer Armada von Feinden konfrontiert, die ihm sein ganz persönliches Engagement für eine bessere Gesellschaft nicht abnehmen und ihm und seinen Kumpeln den Spaß am verkloppen, ficken und Welt retten nehmen will:

„Wenn Politiker ihrem Volk einreden wollen, dass ich die Quelle allen Übels sei, nur damit sie besser schlafen können, bitte schön. Ich durfte schon die Welt beim G8-Gipfel nicht retten. Aber wenigstens die Kinder möchte ich retten.“

Und wenn schon nicht im Rahmen des G8-Gipfels vor der Globalisierung, dem Neoliberalismus und dem Kapitalismus, dann wenigstens jetzt und in Zukunft vor den Nutten, Fotzen und Schwuchteln.

8 Antworten zu “Bushido: Retter der Welt, Retter der Kinder”

  1. MuGo 28. August 2007 um 01:01 #

    „Ich durfte schon die Welt beim G8-Gipfel nicht retten. Aber wenigstens die Kinder möchte ich retten.“

    Na, wenigstens spricht er nicht von einem göttlichen Auftrag…

  2. Medienblogger 28. August 2007 um 18:42 #

    […] aber es kocht regelmäßig wieder hoch: Der schlechte Einfluss des Aggro-Berlin Rappers Bushido auf die Jugendlich […]

  3. Primus 28. August 2007 um 20:40 #

    Was mich sehr nachdenklich stimmt ist die Tatsache, daß zehntausende Musik-Fans vor dem Brandenburger Tor am Samstag keinen Zweifel daran liessen , wen sie auf der Bühne sehen wollten. Mit minutenlangen Sprech-
    chören schrie die begeisterte Menge den umstrittenen Rapper auf die Bühne und feierte ihn (lt.dpa).

  4. ex-blond 29. August 2007 um 11:32 #

    Ja wie nun, hier protestiert die liberale Welt, aber wenn ich mich als Mutter (die zwar nicht lesbisch ist, aber einen Sohn hat, also ebenfalls Grund zu Wut und Sorge hat) über Gewalt-Videospiele und die Texte der Rapper aufrege, klettern ein paar bissige Liberale die Wände hoch vor Empörung und ermahnen, besser auf den Sprössling aufzupassen, der sich tagtäglich mit dem Zeug berieseln lässt, damit er Zeit hat auch noch anderen Aktivitäten nachgeht, z.B. ab und zu ein Buch zu lesen, in den Fußballvereinzu gehen (soziale Kontakte!) und Fernsehen: nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Gott sei Dank gibt es die bissigen Liberalen, die sich mit solchen Dingen auskennen. http://www.bissige-liberale.com/2007/01/16/computerspiele-sichergestellt-na-und/#comments

    Deshalb, Jungs: regt Euch nicht auf, die Mamas und Papas dürfen das auch nicht, achtet besser darauf, dass Ihr noch genug Zeit habt, auch noch etwas anderes als Bushido-Songs anzuhören um Eure sozialen Kontakte zu pflegen etc. Und Ego-Shooter-Blutbäder, sexistische schwulenfeindliche gewaltverherrlichende kriminalitätsverherrlichende menschenverachtende Songtexte dürft Ihr halt nicht so persönlich nehmen, gelle. Es ist sonnenklar, dass hier das Übel nicht bei den Bushidos&Co zu suchen ist, sondern bei den Mamas und Papas, die Ihr Kind mit seiner Clique auf solche Events gehen lassen anstatt Ihnen ein gutes Buch zu schenken. Jedem seine Freiheit halt.

  5. Mike Rosin 17. September 2008 um 21:03 #

    Hallo ich bin seid langem Grosser Fahn und habe selber mal ein kleines Tonstudio gehabt und finde das Bushido der beste Repper ist die gegen Bushido haben sind alle nur neidisch wie Sido der vergessen hat wo er herr kommt und ein Kumpel von mir kennt Eko persönlich. hoffe dies krigt Bushido auch zum lesen.

  6. Adrian 17. September 2008 um 22:18 #

    Wenn er denn lesen kann…

Trackbacks/Pingbacks

  1. “Die Wichser können demonstrieren” - Bushidos Anti-Gewalt-Konzert « Freunde der offenen Gesellschaft - 28. August 2007

    […] Adrian bei Gay West hat mehr zum Thema: Kaum ein Konzert hat die Idiotie seiner Intention allerdings besser zum Ausdruck gebracht, als das vom allseits bekannten Jugendmagazin Bravo und dem Musiksender Viva initiierte Konzert gegen Gewalt “Schau nicht weg”, welches am Samstag vor dem Brandenburger Tor in Berlin stattfand. Und die Verkörperung dieser Idiotie ist der Rap-Sänger Bushido […]

  2. Philologisches Klo - 28. August 2007

    BRAVO gegen Gewalt? kurz notiert

    Die ewige Jugendzeitschrift hat sich ausgerechnet Bushido zum Botschafter seiner Anti-Gewaltkampagne ausgewählt, der auch pflichtschuldigst letzten Samstag am Brandenburger Tor seinen Schwachsinn in die dort versammelte Jugend rotzen konnte. Das wär…

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