Jung, schwul, Moslem

9 Sep

Unter diesen drei Stichwörtern könnte man einen Beitrag in einer Neuerscheinung zusammenfassen, die seit diesem Sommer unter dem Titel „Junge Muslime in Deutschland. Lebenslagen, Aufwachsprozesse und Jugendkulturen“ den deutschen Buchmarkt verstärkt. „Homosexualität junger Muslime – Anmerkungen zu gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten unter Männern in Westeuropa“ ist der Beitrag von Deutschlands schwulem Datenpapst Michael Bochow betitelt. Grundlage für den Text sind sechs Interviews, die Bochow mit schwulen Türken bzw. einem Kosovo-Albaner geführt hat. Unter anderem wird zu Beginn des Beitrags angekündigt, es gehe im Folgenden auch darum,

inwieweit die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Sexualkontakte unter Männern eine Spezifik muslimischer Bevölkerungsgruppen darstellt und welche allgemeinere Bedeutung (sozusagen religionsübergreifend) der sozialen Konstruktion von Männlichkeit in europäischen Gesellschaften zukommt.

Bochow beschreibt anschaulich, wie in türkischen und kurdischen Migrantenfamilien in Deutschland nicht nur für Mädchen ein sozialer Raum außerhalb der Familie kaum gegeben ist. Auch für die Jungen gilt die bedingungslose Unterwerfung unter die patriarchale Autorität des Vaters, zumindest bis zur Heirat – obwohl sie,

besonders wenn es der älteste Sohn ist, bestimmte Privilegien haben, die den Töchtern verwehrt sind (vor allem, was die sehr viel größere Autonomie der Söhne in ihren sozialen Interaktionen anbelangt).

Grundsätzlich läßt sich laut Bochow jedoch festhalten, dass es türkischen und kurdischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund kaum möglich ist, ohne eine Heirat aus dem Elternhaus auszuziehen. Der Autor zeigt die besonderen Schwierigkeiten schwuler Türken auf, die sie gegenüber ihren deutschen „Leidensgenossen“ haben. Zu dem Gefühl, nicht verstanden zu werden und dem Gefühl von innerer Einsamkeit komme

die innere Wahrnehmung hinzu, häufig zu „spielen“, d.h. sich hinter einer Fassade zu verstecken, da er als schwuler Türke weder in die normativen Erwartungen und kulturellen Konventionen seiner Familie noch in die der deutschen Mehrheitsgesellschaft passt.

Über arabische „Männerfreundschaften“ weiß Bochow zu berichten:

Die homoerotischen Aspekte arabischer Homosozialität unter Männern sind schon in den 1980er Jahren mit großem Scharfsinn von dem französisch-marokkanischem Psychoanalytiker und Anthropologen Malek Chebel herausgearbeitet worden. Er spricht von „peinlich berührtem Schweigen“ in der marokkanischen Gesellschaft, was gleichgeschlechtliche Geselligkeit unter Männern anbelangt. Sie finde tagtäglich statt in einem Kontinuum von erotischer Spannung bis hin zu sexuellen Kontakten, sei jedoch eingekapselt in einem kollektiven Prozess der Verdrängung mann-männlicher Verführung. Chebel bezeichnet die De-Thematisierung gleichgeschlechtlicher männlicher Erotik in der marokkanischen Gesellschaft als „viktorianische Ruhe“, die in einem bemerkenswerten Gegensatz stehe zu ihrer jahrhundertealten Tradition in der arabischen Welt und im osmanischen Reich; nur westliche Beobachter würden es wagen, die Gegenwart und die Tradition mann-männlicher Sexualität in der arabischen Welt zu thematisieren. Chebel geht so weit, für viele marokkanische Männer die Heirat als ein notwendiges Ergebnis der den homosexuellen Neigungen auferlegten kollektiven Verdrängung zu definieren. Für viele marokkanische männliche Jugendliche, sozialisiert durch die „zärtliche“ gleichgeschlechtliche Geselligkeit in Jugendbanden, aus denen Mädchen ausgeschlossen bleiben müssen, bedeute die Heirat einen starken biographischen Bruch.

Bochow versäumt nicht, die Frauenfeindlichkeit zu skizzieren, die ebenso konstitutiv für diese männerdominierte Öffentlichkeit ist wie die Angst vor Vermischung und Vielfalt. Darüber hinaus wird die islamische Kultur bestimmt durch soziale Konformität, wie er anhand eines Zitats eindrücklich belegt:

„Die vollkommene Abwesenheit von Kritik, die Unfähigkeit sich in Frage zu stellen, bedeuten eine vollständige Unterordnung und infantile Unverantwortlichkeit.“

Im Folgenden widmet sich Bochow der Verachtung der männlichen Homosexualität durch die islamische Kultur. Einschränkend formuliert er:

Die abwertende Sichtweise von männlicher Homosexualität betrifft in erster Linie Männer, die rezeptiven Analverkehr eingehen.

Grund hierfür ist die Definition von „richtiger“ und „falscher“ Sexualität über die ausgeübten Sexualpraktiken. Männer haben demnach ausschließlich aktiv zu sein, mit wem sie es treiben, ist einigermaßen egal:

Vor allem Männer werden über ihre Sexualpraktiken, aber nicht über das Geschlecht ihrer Sexualpartner definiert. Bestimmte Sexualpraktiken mit männlichen Jugendlichen oder erwachsenen Männern unterliegen nicht zwangsläufig scharfen negativen sozialen und moralischen Sanktionen. Insertiver (eindringender) Verkehr kann mit allen möglichen Lebewesen praktiziert werden, die geeignete Körperöffnungen vorweisen. Dies mögen Frauen, Knaben, Männer oder Schafe sein.

Nach einem Verweis auf Bordieu, der schwulenfeindliche Äußerungen von Proletariern verständnisvoll auf deren Stellung im Klassenkampf zurückführt, wird es kurz kulturrelativistisch:

Einer Gesellschaft, die die Kategorie der Homosexualität und den Sozialtypus des Homosexuellen nicht kennt, kann nicht vorgeworfen werden, dass sie homophob sei.

Um dann zu begründen, warum es hieße,

sich in die Fallstricke eines religiösen Reduktionismus zu begeben, wenn schwulenfeindliche Einstellungen in den sozialen Milieus türkischer, kurdischer und arabischer Migranten lediglich auf die islamische Tradition zurückgeleitet würden.

Obwohl man nicht außer acht lassen sollte:

Viele junge schwulenfeindliche Türken und Kurden berufen sich zwar auf den Islam, um ihren Schwulenhass ideologisch zu begründen

andererseits sind die Jungs dabei nicht ganz konsequent, denn

die allermeisten von ihnen leben keineswegs als gläubige Muslime;

was ihren Schwulenhass zwar keinen Deut besser macht, sie aber andererseits als Opfer zu prädestinieren scheint, die eine Art „Rettungsanker“ brauchen, weil sie von der „rassistischen Mehrheitsgesellschaft“ diskriminiert würden:

Zu diesem greifen sie in einer sozialen Situation, die für sie gekennzeichnet ist durch eine Ausgrenzung aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Hier folgt das übliche Lamento, wonach diese Jung-Herrenmenschen wegen höherer Arbeitslosenraten gar nicht anders könnten. Immerhin schlägt auch Bochow den Bogen zu einer anderen Gruppe von Herrenmenschen, die irgendwie offenbar auch nicht anders können:

Sozialpsychologisch betrachtet liegen hier Parallelen zum Männlichkeitsbild der neonazistischen Jugendkultur in weiten Gebieten Ostdeutschlands vor, die No-Go-Areas darstellen für mediterran aussehende Menschen, Afrikaner, Asiaten und Schwule gleichermaßen. Machistische Männlichkeitsmuster wurden hier reaktiviert vor dem Hintergrund einer tiefen sozioökonomischen Krise, die begleitet wurde von einer Erosion egalitärer und universalistischer Normen.

Um einen Ausweg aus der Gewalt gegen Schwule zu finden hält er das Engagement im Umfeld von Moscheen für wenig aussichtsreich, deren Imame für aufklärungsresistent. Als praktikable Alternative propagiert er u.a. die Arbeit in türkischen Fussballvereinen. Hoffentlich endet dieser Weg nicht so wie der der akzeptierenden Sozialarbeit mit rechten Jugendlichen im Osten Deutschlands. Diese führte zur Entpolitisierung und Individualisierung eines gesellschaftlichen Problems, die gewalttätigen Jugendlichen wurden von staatlich finanzierten Sozialarbeitern hofiert, ihre Gang-Treffpunkte finanziell unterstützt, während die Opfer auf der Strecke blieben.

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Etwaige Abweichungen in den Zitaten vom Originaltext sind dem Umstand geschuldet, dass mir bei der Abfassung dieses Beitrags als Grundlage eine Vorfassung des Textes diente.

2 Antworten zu “Jung, schwul, Moslem”

  1. sami toomi 9. Februar 2012 um 15:01 #

    es ist nicht richtig das der aktive weniger schwul im sinne des islams waere als der passive! beide sind gleich und verdienen die gleiche strafe!

    ausserdem ist ein zitat von irgendjemanden kein beleg! ist nur eine meining und sollte auch so bleiben.

  2. Yadgar 15. Februar 2012 um 13:19 #

    „bedeuten eine vollständige Unterordnung und infantile Unverantwortlichkeit.“

    „bedingungslose Unterwerfung unter die patriarchale Autorität des Vaters, zumindest bis zur Heirat“

    …und das Christentum, insbesondere das evangelikale, funktioniert genauso! Die Paulusbriefe sind voll von entsprechenden Stellen! Überall Gehorsam, Gehorsam, Gehorsam, Unterordnung, Unterordnung, Unterordnung – und viele der christlich motivierten Islamhasser beneiden die „Musels“ ja insgeheim um ihre Sittenstrenge!

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