Notwehrrecht für Nazis

4 Nov

Im Juni diesen Jahres wurden im ostdeutschen Halberstadt mehrere Schauspieler von stadtbekannten Rechtsextremisten angegriffen und zum Teil schwer verletzt. Jetzt läuft der Prozess und plötzlich scheinen die Opfer irgendwie selbst schuld, denn

eine Schauspielerin räumte ein, dass die Schläger durch Äußerungen der Ensemble-Mitglieder provoziert worden sein könnten.

Außerdem können die Opfer angeblich die Presse besser manipulieren als die Täter, da

die Schauspieler mit ihren Unterstützern ungleich virtuoser auf der Klaviatur der öffentlichen Meinung spielen können als die vier einschlägig vorbestraften Rechtsradikalen auf der Anklagebank.

Worin aber nun bestand genau die Provokation, die die ostdeutschen Volksgenossen nicht anders können ließ, als zuzuschlagen? Zum einen gibt der geständige mutmaßliche Haupttäter an, habe er

sich durch Gelächter aus der Schauspieler-Gruppe provoziert gefühlt.

Das ist natürlich hart! Ein strammer Neonazi steht in der Gegend rum und jemand lacht. Doch das war nicht alles, die eigentliche Provokation viel schlimmer:

In der Annahme, die aus dem Stimmengewirr heraushörbaren Worte „Schwuler“ oder Schwuchtel“ hätten ihm gegolten, sei er ausgerastet. Dass er damit nicht ganz falsch lag, bestätigt Alexandra M. indirekt.

Alexandra M., eines der Opfer, gibt an, ihre Kollegin habe

wohl einer der Gestalten auf den Treppen zugerufen, was er denn so gucke und hinzugefügt „Bist Du schwul, oder was?“.

An dieser Stelle könnte der Text enden, denn dass sich ein deutscher Nazi von solch einem Zuruf beleidigt fühlt, kommt ja nicht ganz unerwartet, ebensowenig dass er daraus eine Art Notwehrrecht ableitet. Merkwürdig mutet allerdings an, dass eben das in der Presse verständnisvoll goutiert wird. Dem ganzen die Krone setzt aber nun Alexandra M. auf, die in ihrer Vernehmung vor Gericht ergänzt, „schwul“

meine die Kollegin aber nicht im Sinne von homosexuell, sondern eher als flapsige Beschreibung von „komisch“ oder „anders“. „Wer sie kennt, nimmt das auch nicht sonderlich ernst“, betont die Schauspielerin.

An dieser Stelle fragte im Prozess der Anwalt einer der Nazis:

„Und wenn man die Kollegin nicht kennt? Und dazu noch ein stumpfer, stiernackiger Rechtsradikaler ist?“ Könne man die Frage dann „unter Umständen möglicherweise eventuell sogar“ als Beleidigung auffassen? Alexandra M. nickt…

… vermutlich schockiert darüber, dass ihre Verwendung des kleinen Wörtchens „schwul“, das sie doch eigentlich nur verwendet, um etwas als „anders“ oder „komisch“ zu kennzeichnen, urplötzlich zu einer Beleidigung mutiert. Wahrscheinlich sind ihre besten Freunde anders, komisch, schwul. Die Verteidiger der Nazis jedenfalls sind zufrieden mit dem bisherigen Prozessverlauf und fassen zusammen,

einen wirklich politischen Hintergrund für den Angriff gebe es keinesfalls.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, welches deutsche Presseorgan ein Notwehrrecht für Nazis, die man versehentlich für schwul hält, postuliert: es ist der stern. Ob der stern übrigens einen politischen Hintergrund erkennen könnte, wenn ein Nazi in Ostdeutschland ebenso versehentlich als Jude beleidigt würde und daraufhin zuschlagen müßte, bleibt an dieser Stelle offen. Vielleicht gelten manch Einem Nazi-Angriffe im Osten Deutschlands ja prinzipiell als Selbstverteidigung.

3 Antworten to “Notwehrrecht für Nazis”

  1. Rabenzahl 4. November 2007 um 08:55 #

    Ein herrliches Beispiel für die Verschiebung der Wortbedeutung „schwul“ von der Beleidigung eines homosexuellen Mannes über die emanzipatorische Selbstbezeichnung hin zur inflationärenNutzung als Allerweltsbeleidigung…

    Ich geh dann mal k**zen…

  2. schwindelfrei 4. November 2007 um 14:16 #

    Das zeigt einmal mehr, wie sehr das Wort „schwul“ als Form der verbalen Gewalt bei uns verankert ist.

Trackbacks/Pingbacks

  1. NeoCons,Notwehr und Äbbelwoi « Raumzeit - 4. November 2007

    […] Hat hier jemand schwul gesagt? Im Juni diesen Jahres wurden in Halberstadt mehrere Schauspieler von stadtbekannten Rechtsextremisten angegriffen und zum Teil schwer verletzt. Wie aus einer Nazitat von den Verteitigern eine Schuldumkehr wg. Beleidigung konstruiert wird, wie die Presse dabei mitspielt und jetzt nur noch die Richter mitspielen müssen, erklärt Damian […]

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