Nicht ihr Ding

20 Nov

Anne Will hat sich dazu bekannt, mit einer Frau zusammen zu sein – schreibt die taz, ergänzt ein „endlich“ und scheint überhaupt der Ansicht, homosexuelle Promimente hätten eine Art moralische Verpflichtung ihr Privatleben öffentlich zu machen:

ARD-Polittalkerin Anne Will hat ihre Liebe zu einer Frau zugegeben. Jetzt ist offiziell, was bisher viele wussten – aber nie sagen durften. Warum eigentlich nicht?

Das weiß auch die taz nicht, dafür hat man Informationen von hinter den Kulissen parat, wie man sie sonst eher in der Boulevardpresse erwartet:

Wenn die gebürtige Rheinländerin Will mit ihrer Freundin Karneval feiert, steht sie verkleidet in Homosexuellenkneipen. Auch den Christopher Street Day schauen sich Will und Meckel an, aus sicherer Entfernung und versteckt hinter Sonnenbrillen. Als Will kürzlich den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis bekam, saß ihre Lebensgefährtin lächelnd im Publikum.

Das muss ja wirklich eine perfekte Tarnung gewesen sein! Gut, dass die taz sich davon nicht täuschen ließ, sonst wären uns diese wichtigen politischen Informationen unwiderbringlich verloren gegangen. Obwohl man andererseits gar nicht so recht weiß, ob die Anne überhaupt eine richtige Lesbe ist, schließlich engagiert sie sich nicht gegen gesellschaftlichen Vorurteile über Homosexualität wie die taz Will in schlechtem Deutsch denunziert:

In Lesbenforen wurde bisher bedauert, dass Will nicht den Mut hatte, sich öffentlich als Lesbe zu outen und sich nicht gegen gesellschaftlichen Vorurteile über Homosexualität engagiert. Im Gegenteil: Eine Anfrage der Organisation „Initiative Queer Nations“, sich als Kuratorin zu engagieren, lehnte sie mit den Worten ab, „das sei nicht ihr Ding“.

Das ist gut: Im Gegenteil! Manch einer könnte bei diesen Zeilen auf die Idee kommen, Will habe sich öffentlich gegen Lesben geäußert, gar dagegen engagiert. Nichts davon wäre wahr, sie erfüllt nur nicht die Idealvorstellung einiger selbsternannter Politlesben. Nun ist Will zwar u. a. bekannt dafür, sich jahrelang für medico international engagiert zu haben, aber das zählt hier sicher nicht. Als Lesbe hat man sich für Lesben einzusetzen. Punkt. Aus. Fertig.

Verleugnet hat Will ihre Frau übrigens offenbar auch bisher nicht, zumindest zitiert die taz sie in Bezug auf diese mit den Worten:

Sie ist die Einzige aus der Politik, mit der ich befreundet bin,

was jedoch nicht reicht um Gnade in der taz zu finden. Zumal sie jetzt für ihr Outing nicht die taz, sondern ausgerechnet die Bild am Sonntag wählte, was der taz wiederum gar nicht in den Kram passt:

Dass sie nun ein Boulevardblatt als öffentliches Verlautbarungsorgan nutzt, verblüfft. Denn die taz nrw hatte bereits 2005 in einem Porträt über Miriam Meckel ihre Lebensgefährtin Will erwähnt. Als im folgenden Jahr die taz-Redakteure Susanne Lang und Jan Feddersen ein Interview mit Will führten, bestand diese darauf, dass nichts über ihre Homosexualität geschrieben wird.

Das wäre ja auch noch schöner, wenn Prominente selbst entscheiden könnten, was über ihr Privatleben veröffentlicht wird. Die taz scheint, zumindest für Homosexuelle, geradezu eine Pflicht zum Coming-Out zu postulieren.

Aber warum hat sich Will jetzt geoutet?

fragt die taz und weiß selbst keine Antwort, nur Spekulationen:

Die ehemalige „Tagesthemen“-Moderatorin leitet seit September als Nachfolge von Sabine Christiansen die Sonntags-Talkshow „Anne Will“. Beruflich ist sie erfolgreich, ihr Können wird kaum in Frage gestellt. Klar, es gibt die üblichen Kritiker – aber das gehört zum Geschäft. Vielleicht fühlt sie sich beruflich endlich so gefestigt, dass sie sich keine Sorgen mehr muss. Vielleicht fürchtete sie den Boulevard und wollte die Berichterstattung kontrollieren. Oder sie hatte die Geheimniskrämerei satt? Vielleicht sind die Zuschauer aber auch nur froh, dass Christiansen nicht mehr talkt, dass Will alles eingestehen kann.

Eingestehen sollte jedenfalls die taz, dass ihr in ihrem letzten Absatz die Kritikfähigkeit irgendwo abhanden gekommen ist:

Was immer sie zu dem Outing bewegt hat, für ihren Arbeitgeber scheint es unwichtig. Volker Herres, Programmdirektor Fernsehen des NDR, sagte zum Outing seiner Moderatorin: „Mit wem Anne Will ihr Leben teilt, ist ganz und gar ihre Privatsache. Uns interessiert nur, wie sie ihren Job macht.“

Herres mag das gut gemeint haben, aber Normalität sieht anders aus. Entsprechend merkt queer.de an:

Bisher ist nicht bekannt, dass der NDR bei Bekanntwerden von heterosexuellen Partnerschaften der Mitarbeiter Pressemitteilungen verschickt hat.

Das Boulevardblatt, das die ganze Geschichte ins Rollen gebracht hat, fällt zu schlechter Letzt unangenehm auf mit der Textzeile unter einem Foto von Will mit ihrer Frau:

Die Freundinnen im Jahr 2004 in der Philharmonie in Berlin.

Das ist so ziemlich das blödeste Klischee über Lesben, das ich kenne. Doch was beklag‘ ich mich: Schwule woll’n halt immer nur das Eine, Lesben das Andere, nämlich Kuscheln. So sind Freundinnen eben.

5 Antworten zu “Nicht ihr Ding”

  1. kamenin 20. November 2007 um 09:20 #

    Nur falls ihr’s nocht nicht gesehen habt: The Lesbionic Woman

  2. stylebitch 20. November 2007 um 09:31 #

    In diesem konkreten Fall wundert mich eher, das etwas, was man wirklich schon seit ganz lange weiß der BLÖD überhaupt eine Zeile wert ist. Ist doch gar kein Newsflaute-Sommer. Warum sie sich geoutet hat? Tja, wenn Herr Diekmann anruft und fragt „Anne, willste selber oder sollen wir?“ kennt der erfahrene Medienmensch eben die „richtige“ Antwort. Erpressung 2.0

  3. euckenserbe 20. November 2007 um 17:31 #

    O.K.: Der Eintrag macht eine Ausnahme. Ansonsten gilt – es reicht nun wirklich: http://fdog.org/2007/11/20/es-reicht/

  4. nichtidentisches 21. November 2007 um 22:45 #

    Die Bild-Schlagzeile „mutiges Coming-out“ beinhaltet dagegen schon die offene Drohung in der Betonung auf den Mut.

  5. Sergej 23. November 2007 um 19:07 #

    Wenn sich der „konservative roll back“ fortsetzt (v.a. in seiner christlichen Variante), dann kann es bald wirklich wieder Mut kosten, sich zu bekennen.

    Und diese Gefahr geht auch, aber eben nicht nur, vom einwandernden Islam aus!

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