Vom gesellschaftlichen Nutzen der Schwulen

21 Nov

Die WELT ist nicht unbedingt bekannt dafür, Schwule mit einer gesellschaftlichen Mission zu versehen. Trotz Ausnahmen findet sich dort meist ein eher unaufgeregter Ton, wenn es um Homosexualität geht. Nur manchmal dringt auch bis in diese konservativ-liberale Bastion ein Anspruch vor, der jeder linken Postille gut zu Gesicht stünde, hier jedoch einigermaßen fehl am Platz wirkt:

Seit sechs Jahren gibt es in Deutschland die Homo-Ehe. Wer von ihr einen Impuls für die deutsche Heiratskultur erwartete, wurde bisher enttäuscht. In anderen Ländern setzen schwule Hochzeiten dagegen neue Glamour-Standards

schreibt Kuno Nensel unter der Überschrift „Ja-Sager verzweifelt gesucht“. Mal abgesehen von dem merkwürdigen Wortspiel im Titel – erzähle mir keiner, „Ja-Sager“ sei nicht mehrheitlich negativ konnotiert -, geht mir diese Funktionalisierung von Schwulen genauso auf den Wecker, wie die der Linken, die uns die Pflicht zur revolutionären Betätigung auferlegen wollen.

Der Text, der nicht mal unter der Rubrik „Satire“ firmiert, hat eine wahrlich ernste Beschwerde vorzubringen:

Für bestimmte Teile der Gesellschaft hierzulande ist die Homo-Ehe bisher eine einzige, große Enttäuschung: Nicht eine deutsche Schwulenhochzeit, die es seit dem 1. August 2001, als das „Gesetz über die eingetragene Lebenspartnerschaft“ von Schwulen und Lesben in Kraft trat, wenigstens auf die Partyseiten in „Bunte“ oder „Gala“ geschafft hätte.

Ganz anders in England:

Allein die Hochzeit von Schmusesänger Sir Elton John und seinem Langzeitpartner David Furnish

ist für Kuno gleich eine Gelegenheit für einen Seitenhieb. Langzeitpartner! Man kennt sie die Schwulen, ficken wild durch die Gegend, tauschen ständig die Partner. Die haben eigentlich gar keine Zeit zum Heiraten. Immerhin hören sie gute Musik. Gute? Na ja, wenigstens andere als wir Heten:

Auch abseits der High Society hat sich nichts getan. Amtlich besiegelte homosexuelle Partnerschaften sind, zumindest bisher, mitnichten eine Frischzellenkur für die deutsche Hochzeitskultur. Die präsentiert sich in der Regel spaßfrei wie eh und je: Discofox und peinliche Spiele. Die Reden zu lang oder zu blumig, schlimmstenfalls beides. Dazu bizarre Kleidung, heulende Muttis und viel zu warmer Champagner. Der einzig spürbare schwul-lesbische Impuls besteht darin, dass sich kein ernst zu nehmender DJ mehr an eine solche Veranstaltung traut, ohne wenigstens eine Marianne-Rosenberg-CD im Repertoire zu haben.

Da wäre doch von den Schwuchteln ganz anderes zu erwarten gewesen: Statt peinlichen Spielen Wahrheit oder Pflicht oder warum nicht gleich Strippoker beim Polterabend? Statt bizarrer Kleidung ordentliche Fummel, statt viel zu warmem (!) Champagner Natursekt…

Zu allem Überdruss heiraten die warmen Brüder viel zu wenig:

Im August 2006, zum fünften Jahrestag der Verabschiedung des Gesetzes, gab es gerade mal geschätzte 15 000 eingetragene Partnerschaften. Geschätzt deshalb, weil amtliches Nachzählen gar nicht so einfach ist, sind doch in jedem Bundesland andere Stellen zuständig.

Nun weiß zwar niemand, wieviele Schwule und Lesben es in Deutschland gibt, so dass niemand sagen kann, ob das viele oder wenige Partnerschaften sind. Aber im Grunde genommen ist auch diese Beschwerde nur Einleitung zu einem weiteren schalen Gag:

Die verwirrenden Zuständigkeiten – bevor man herausgefunden hat, welches Amt die Eintragung vornimmt, ist man meist schon wieder getrennt – sind es aber nicht allein.

Wie gesagt, eigentlich haben sie – siehe oben -, gar keine Zeit zum Heiraten, wenn doch, ist aber bald wieder Schluß. Das widerspricht zwar den existierenden Daten, aber bevor man sich mit der Realität abmüht, ist das Reproduzieren von altbekannten Klischees doch einfacher. Immerhin folgt an dieser Stelle im Text ein kleiner Exkurs dazu, warum Schwule und Lesben tatsächlich wenig Interesse am Verpartnern haben könnten, schließlich beinhaltet das Rechtsinstitut alle Pflichten, aber wenig Rechte. Doch schon geht es weiter mit den falschen Beschwerden:

…ist da noch etwas, was viele Schwule und Lesben vor dem Standesamt zögerlich werden lässt: Rechtlich ein zu kleiner Schritt zur Gleichstellung ist die Homo-Ehe faktisch ein Riesenschritt weg vom Exotenstatus, den man in den 80er- und 90er-Jahren hatte – und durchaus genoss. Man war außergewöhnlich. Von einigen bewundert für den Mut zur Offenheit, von anderen belächelt für die Andersartigkeit, gelegentlich auch angefeindet. Von vielen auch klammheimlich beneidet, weil man das aufregendere Partyleben hatte. Und mehr Partner sowieso. Heute gibt es in jedem gutbürgerlichen Vorstadtidyll mindestens ein schwules Paar. Das wöchentlich den Rasen mäht und ganz selbstverständlich zu Nachbarschafts-Grillabenden eingeladen wird. Man ist nichts Besonderes mehr.

Wer, werter Kuno, ist eigentlich „man“? Glaubst Du wirklich, alle Schwulen und Lesben hätten einen Exotenstatus genossen? Schon mal was von der Sehnsucht nach Normalität gehört? Gelegentlich auch angefeindet? Weißt Du eigentlich, um wieviel höher die Suizidrate bei homosexuellen Jugendlichen, um wieviel höher die Rate psychischer Störungen infolge von erfahrener Diskriminierung bis heute liegt? Schwules Leben ist nicht nur aufregenderes Partyleben. Da verkaufen sich ein paar aufgetakelte Schwuppen als die Schwulen und Du glaubst ihnen das auch noch. Und mehr Partner sowieso?! Woher nimmst Du bloß Deine Erkenntnisse? Und glaubst Du auch diesen Quatsch tatsächlich?

Stattdessen aber ist man von höchster Stelle genötigt nachzudenken, ob die Option „lebenslänglich“ nicht nur ein romantischer Traum ist, sondern real vorstellbar.

Meinst Du ernsthaft, Schwule und Lesben brauchen eine staatliche Erlaubnis, um langjährige und verbindliche Partnerschaften zu leben?

Anders als Heterosexuelle haben Schwule und Lesben dafür keine Vorbilder. Die wenigsten kennen ein homosexuelles Paar jenseits der Silberhochzeit. Viele haben nicht mal eines im Freundeskreis, das schon zehn Jahre zusammen ist.

Mensch Kuno, man sollte einfach nicht von sich auf andere schließen. Es mag ja sein, dass Du nur schwule Partymäuschen kennst – aber dass einer wie Du das dann für den Nabel der Welt hält, nehme ich Dir nicht ganz ab.

Alles in allem ein schwacher Text, der nicht so recht weiß, was er eigentlich sein will: Mißglückte Satire, erste Bestandsaufnahme nach ein paar Jahren Eingetragener Lebenspartnerschaft, Entwurf einer Anweisung, wie sich Schwule doch noch für die Gesellschaft nützlich machen können. Eines aber ist deutlich, Kuno: Du weißt, was Du von uns willst. Und wir wollen nicht so wie Du. Schade eigentlich. Du hättest uns bestimmt voll fett gelobt, für wenigstens eine richtig krasse rosa Exoten-Hochzeit.

3 Antworten zu “Vom gesellschaftlichen Nutzen der Schwulen”

  1. dugaduga 21. November 2007 um 22:47 #

    Was für ein Müll hat der Typ den zusammen gezimmert? Danke für den Bericht.

  2. Marco 22. November 2007 um 17:02 #

    Das Problem an der Sache: Leute wie meine Oma lesen die „Welt“, und glauben das Zeug, das dort geschrieben wird. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als in der Welt mal ein Interview mit dem Vater (!) von Ole von Beust drin war (über 90 oder so), und sie mich anrief und sagte: „Oh, schau mal, Schwule können ja doch lange zusammen sein!“.

    Was erwartet der Autor eigentlich? Hetero-Kopien oder Exoten? Er scheint sich da wohl nicht festlegen zu wollen.

    BTW: Ich kenne in meinem Freundeskreis (ich bin 26) mindestens drei Paare, die jeweils über 4 Jahre zusammen sind. Ich bin seit 5 Jahren mit meinem Freund zusammen.

    Was das Ehegattensplitting angeht: Naja, wenn beide Partner in der höchsten Einkommensklasse verdienen, bringt das eh nichts 😉

    Verpartnerung wäre für mich daher auch nicht so sehr der finanzielle Anreiz, sondern eher die Bekenntnis, dass ich auch für meinen Freund da sein will, wenn es ihm nicht gut geht, wenn er krank werde sollte etc. . Offenbar sind ja solche Überlegungen für den „Welt“-Autor völlig undenkbar, ja geradezu abstoßend, wenn er von den „Rettungsringen“ fabuliert.

    Naja, aber ob man für solche Dinge den Staat bzw. seine Institutionen braucht? Immerhin ist das hier ja ein liberaler Blog… Ich finde eine Verpartnerung trotzdem eine gute Sache.

    Was die Vorbilder angeht- mir fehlen nicht so sehr die Glamour-Paare, ich würde gerne mal einen schwulen CEO sehen, der sich in einem Hetero-Umfeld behauptet hat. Das wäre mal ein gutes Role-Model. Auf eine Party-Hochzeit à la Elton John hingegen kann ich gut verzichten!

  3. Sergej 23. November 2007 um 19:02 #

    Bin trotzdem für die Beibehaltung des Ehegattensplittings. Seine Abschaffung spült nur Gelder von Bürgern in Taschen des Staates und die erhöht das Unfugpotenzial!

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