Grenzen der Solidarität

23 Nov

Es klingt wie aus einem Handbuch der Lebensformenpädagogik, was in der bayerischen Hauptstadt zur Zeit der Presse geboten wird, doch es scheint ihm bitterer Ernst damit zu sein:

Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) wehrt sich gegen Spekulationen, er sei homosexuell.

Auf einer Versammlung der schwul-lesbischen Wählerinitiative Rosa Liste in München sagte Ude laut Medienberichten vom Donnerstag:

Na, erraten, was der gute Mann zu sagen hatte? Bestimmt irgendwas mit Bekennen und das ist auch gut so… Schließlich scheinen manche Heten angesichts immer weiterer Medien-Coming-Outs von Lesben und Schwulen Panik zu bekommen, man könnte sie tatsächlich fälschlicherweise für – Gott bewahre! – homosexuell halten. Also teilte der Christian Ude der Presse mit:

Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass Sie es mit einem bekennenden und praktizierenden Hetero zu tun haben – und das ist auch gut so.

Praktizierend! So weit wagen sich ja nicht einmal die bekenntnisgeilen Homos vor, wenn sie der Öffentlichkeit Details aus ihrem Privatleben berichten, die sich in der Regel darauf beschränken, die eigene (homo)sexuelle Orientierung nicht länger zu verschweigen. Ude jedoch erspart uns nichts, nicht mal seinen Ärger über die schwul-lesbische Szene, die offenbar Gerüchte verbreitet, die er sonst nur vom politischen Gegner gewohnt ist. Statt darüber nachzudenken, was an diesem Gerücht eigentlich so schlimm ist, wird Ude böse auf die Empfänger seiner mildtätigen Gaben:

Der Münchner «Abendzeitung» sagte Ude, er setze sich gerne für Schwule und Lesben ein.

Was aber offenbar nur solange gilt, wie die Objekte seines Einsatzes nicht die Frechheit besitzen, den edlen Spender für einen von ihnen zu halten:

Es habe ihn aber «nicht nur befremdet», dass auch in der Szene gelegentlich der Eindruck erweckt werde, er tue dies, weil er ihr Mitglied sei.

Nicht nur befremdet? Was denn noch, um alles in der Welt? Hat es ihn entsetzt? Enttäuscht? Angewidert? Man will es gar nicht wissen, was dieser gutmenschelnde Homophile noch meint mit seinem raunenden Beleidigtsein. Ganz stilecht meldet sich, vermutlich ob der besonderen Beweiskraft ihrer Äußerung, auch noch die Gattin zu Wort, empört, versteht sich. Wobei Frau Edith von Welser-Ude durch die Gerüchte ganz schön irritiert sein muß, zumindest wirkt sie irgendwie durcheinander:

Natürlich ist uns das wurscht, was andere Leute sagen

gibt sie sich zuerst noch strotzend vor Selbstbewußtsein, um dann jedoch anzufügen:

Aber die Unterstellung, wir würden etwas unterdrücken, was ist und etwas vortäuschen, was nicht ist, das hat etwas Kränkendes.

Ungefähr so kränkend vielleicht, wie es Lesben und Schwulen ergeht, die man selbstverständlich grundsätzlich für heterosexuell hält – bis sie das Gegenteil bekennen? Um sich prompt den Vorwurf einzufangen, sie sollten ihre Sexualität doch, bitte schön, für sich behalten.

Vielleicht also sollten die sozialdemokratischen Homo-Wohltäter vor ihrem Einsatz für die undankbaren Schwuchteln doch noch einmal ein paar Grundbegriffe pauken, z.B. den der Heteronormativität, um dann wenigstens etwas Einfühlungsvermögen für die Situation von Lesben und Schwulen zu erwerben, was schließlich Beschwerden wie die von Ude in Zukunft vermutlich überflüssig machte.

10 Antworten zu “Grenzen der Solidarität”

  1. Schmock 23. November 2007 um 12:23 #

    Wenn ein Mann mit einer Frau verheiratet ist und über ihn gesagt wird er sei homosexuell, so ist das schon ein Vorwurf und zwar der Vorwurf, dass er eine Scheinehe führt, wenn man die Institution Ehe aber für bedeutend erachtet, so kann man eine Scheinehe als unmoralisch betrachten. Die Situation auf einen Homosexuellen Mann übertragen sähe so aus: Ein Mann ist mit einem Mann verheiratet und über ihn wird gesagt er sei heterosexuell. Mit gleichem Recht könnte er diese Behauptung brüskiert zurückweisen. Das entscheidende hier ist der Vorwurf der Unglaubwürdigkeit. Man geht bei einem zufällig ausgewählten Menschen wohl deswegen davon aus, dass er heterosexuell ist, da die deutliche Mehrheit der Menschen heterosexuell ist, es also wahrscheinlich ist, dass er heterosexuell ist. Ich verstehe Deine Kritik nicht.

  2. Medman 23. November 2007 um 12:50 #

    Sorry, aber der Beitrag ist nicht nur überflüssig sondern total geschmacklos. Wer nicht aus München kommt (keine Ahnung ob das bei Euch der Fall ist) kann wohl kaum ahnen WAS erst durch einen OB wir Herr Ude (der übrigens bei keinem CSD fehlt – und das in BAYERN) für die Münchner Szene getan hat.

    Wenn sich jetzt Gerüchte – so plötzlich vor der Gemeinderats / OB Wahl im nächsten Jahr breit machen, ist es das gute Recht jedes einzelnen betroffenen darauf zu reagieren und die Situation klar zu stellen. Denn neben den sicheren Stimmen der Schwulen & Lesben in München, braucht Herr Ude evtl. auch noch die der restlichen Bevölkerung? Auch die der Menschen, die so alt sind, dass sie uns im schlimmsten Fall für krank halten (wie es ihnen ihr Kirchenoberhaupt immer predigt)?

    Ich lebe noch nicht so lange in München, wer aber die „Wohltaten“ des Herrn Ude ins lächerliche zieht, sollte sich mal mit dem älteren Teil der Münchner Schwulen unterhalten um zu wissen, was schon alles besser geworden ist.

  3. homomilitia 23. November 2007 um 15:36 #

    Seh ich gar nicht so, sehr guter Beitrag der auf die versteckte Homophobie und das paternalistische Verhalten von Kotzbrocken wie Ude hinweist.

  4. ex-blond 23. November 2007 um 17:29 #

    Ich will auch nicht, dass jemand über meine persönlichen Präferenzen Falschheiten in Umlauf setzt. Es würde mir etwas ausmachen – ja! Nicht, weil ich es beleidigend finde, wenn mich jemand als lesbisch outen würde, obwohl ich es nicht bin, und dies in Umlauf bringen würde. Sondern weil ich nicht lesbisch bin. Punkt. Ich bin auch sonst vieles nicht und anderes schon und ich meine, jeder hat ein Recht darauf richtig zu stellen, wenn andere Falsches über einen sagen.

  5. Sergej 23. November 2007 um 18:59 #

    Richtig ärgerlich sind doch eher homophobe Entgleisungen auch aus vorgeblich „liberalen“ Kreisen, wie sie etwa in der FDP Würzburg-Land des berüchtigten Herrn Kuhl zu vernehmen sind und waren.

    Warum wir uns aber hier an einem schwulenfreundlichen, heterosexuellen OB abarbeiten, verstehe ich dagegen nicht!

  6. anonym 24. November 2007 um 07:59 #

    Statt auf OB Ude rumzuhacken solltet Ihr – wenn es schon um München geht – vielleicht lieber mal erklären, warum die hetero-SMer seit 2005 vom CSD ausgeschlossen sind. Das war nicht Ude – sondern …
    „In Bayerns Landeshauptstadt herrscht ein neues Homo-Reinheitsgebot: Bei der 25. Münchner CSD-Parade am 9. Juli dürfen nur noch „Vereine und Unternehmen der Gay Community“ mit einem Fahrzeug oder als angemeldete Gruppe teilnehmen – das haben die Veranstalter von Rosa Liste, Münchner Aids-Hilfe, dem Sub-Zentrum und der Lesbenberatung LeTra offiziell beschlossen. Erstes Opfer der Säuberungsaktion: Der Truck des „gemischten“ Fetischclubs Kittycat, in den letzten Jahren immer dabei, darf erstmals nicht mitrollen.“
    siehe http://www.queer.de/meinung_homogurke_detail.php?article_id=3048
    http://www.kittycatclub.de/csd-2005/csd-2005.html
    Wie war das mit der Toleranz? Das wäre mal einen Artikel wert.

  7. Damien 24. November 2007 um 14:13 #

    @schmock: Ist Dir historisch ein einziger Fall bekannt, wo einem schwulen Mann unterstellt wurde, seine Partnerschaft mit einem Mann sei nur eine Scheinpartnerschaft, in Wirklichkeit sei er heterosexuell – das Ganze um ihm politisch zu schaden? Nein, fällt Dir keiner ein? Was für ein Zufall! Natürlich ist es kein Zufall, dass viele Leute Schwule erstmal für hetero halten, sondern Ausdruck der schon erwähnten Heteronormativität, auch Heterosexismus als Stichwort führt hier weiter. Beide kannst Du ja mal googeln, bei Wikipedia nachlesen, oder sonstwie durchdringen, dann können wir bei Bedarf gerne weiter darüber diskutieren.

  8. Damien 24. November 2007 um 14:18 #

    @ex-blond: Meinetwegen soll er es richtig stellen, wenn es ihm so wichtig ist. Warum er dazu ausgerechnet eine Wahlversammlung der Rosa Liste braucht, ist mir nicht klar. Noch weniger klar ist mir, warum er dazu soviele Worte braucht: bekennend, praktizierend, nicht nur befremdet, unterdrücken, vortäuschen, kränkend. Ein Satz hätte doch gereicht. Seine Opferpose („und das ist auch gut so“), als seien Heteros in Gefahr verfolgt und diskriminiert zu werden, die finde ich geschmacklos.

  9. Damien 24. November 2007 um 14:26 #

    @anonym: Ich habe keine Ahnung, warum die Hetero-SMer vom Münchner CSD ausgeschlossen wurden. Über ähnliche Tendenzen in Köln haben wir schon im Mai diesen Jahres berichtet: https://gaywest.wordpress.com/2007/05/25/feministisch-korrekt/
    Im Übrigen freuen wir uns über Gastbeiträge. Sofern der Inhalt des Beitrags mit unserem Selbstverständnis übereinstimmt, sind die Veröffentlichungschancen hoch.

  10. Sebastian 25. November 2007 um 00:15 #

    Hier wird mal wieder mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Es gibt genug andere Leute, die im Gegensatz zu Ude tatsächlich homophob sind. Die solltet ihr euch vorknöpfen. Der Artikel ist an den Haaren herbeigezogen. Hauptsache einen Linken diskreditieren, wie bei Ranke-Heinemann. Im bieder-konservativen München ist Ude eine Art liberales Leuchtfeuer. Und wie schon erwähnt, muss Ude um viele Stimmen kämpfen und kann es nicht nur Schwulen und Lesben recht machen. Deshalb ist seine Klarstellung völlig in Ordnung und gerechtfertigt. Dass er sich etwas gewunden ausdrückt, liegt wohl an seinem Nebenberuf als Kabarettist.

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