Beschränkt schwul

12 Dez

Bei der Spielzeit Europa attackiert die furiose Tanztruppe DV8 die neue Schwulenfeindlichkeit.

Mit diesen Worten eröffnet Sandra Luzina im Berliner Tagesspiegel eine Runde Verständnis, um uns schlussendlich zu belehren, wie man Schwulenhasser richtig foucaultianisch attackiert. Wieso es dann allerdings in der Überschrift weiter heißt

In „To be straight with you“ berichten Lesben von Gewalt

bleibt nicht das einzige Geheimnis des Beitrags.

Die neue Produktion der britischen Gruppe DV8 Physical Theatre, ist eine politische Kampagne. „To be straight with you“ will aufklären und anprangern – und kommt mit einem Furor daher, wie man ihn lange nicht erlebt hat bei dieser Gruppe.

Seit sie 1986 die Londoner Szene betraten, agieren DV8 immer queer zum Mainstream. DV8 steht für Dance Video 8. Wenn man die Abkürzung entsprechend ausspricht, ergibt sich auch das Verb „deviate“ – abweichen. In den rabiat-physischen wie offensiv komischen Tanztheaterproduktionen drückte sich schwules Selbstbewusstsein aus. Die Gay-Thematik verband sich zumeist mit einem klassenkämpferischen Furor. Bei DV8 sah man den Aufstand der Unterdrückten, Unterprivilegierten und Ungeliebten.

Das wird der Sandra noch gefallen haben, dieser Furor. Auch das hier hört man gern in Deutschland:

Hintergrund der neuen Produktion ist die zunehmende Verfolgung von Homosexuellen in Großbritannien.

So langsam aber wird es kritisch. Da hat Lloyd Newson, der Chef der Truppe, Interviews zum Thema Sexualität und Toleranz gemacht:

Viele der Befragten verleugnen ihre Sexualität aufgrund ihrer Glaubens- und Kulturzugehörigkeit.

Geht es hier um Christen, Juden, Hindus oder gar Buddhisten? Der geneigte Leser erfährt es nicht, nur dieses noch:

Und es war klar, dass Newson sich mit Fundamentalisten jeglicher Couleur anlegen würde.

Fundamentalisten jeglicher Couleur? Die Antwort läßt noch auf sich warten, denn zuvor wird erstmal problematisiert, dass die Darstellung nicht allzu realistisch ist:

Nun ist der Abend, so sehr die Performance den Zuschauer nach einer Weile auch in ihren Bann zieht, als Aufführung nicht unproblematisch: Hier werden teilweise homophobe Einstellungen vorgeführt wie aus dem Handbuch des Gay-Aktivisten.

Natürlich haben Schwule es tatsächlich nicht ganz leicht auf dieser Welt:

Mit Hilfe eines Weltatlas in 3-D mit unterschiedlichen Farbzonen wird man darüber aufgeklärt, dass Homosexualität in mehr als 80 Ländern auf der Welt kriminalisiert wird.

Überall auf der Welt? Na ja:

25 Prozent davon sind britische Exkolonien.

Der aufmerksame Leser hat das „Ex“ nicht übersehen und damit ist Luzina mittendrin im Dilemma der in jeder Hinsicht toleranten Journalistin:

Hier wird der Abend brisant: Newson scheut sich nicht, den religiös motivierten Schwulenhass in Immigrantenkreisen zu benennen. Das Gebot der Political Correctness, nachdem eine Minderheit nicht eine andere attackiert, gilt nicht.

Auch das noch:

Newson hat für die Produktion ein multi-ethnisches Ensemble gecastet.

Da kommt selbst Luzina nicht drumherum zu konstatieren:

Viele dieser Geschichten gehen einem nahe, sie machen wütend, zumal die Performer glaubwürdig agieren. Doch

endlich, möchte man rufen, kommt das aber, so lange muss sie schon darauf gesessen haben,

die Storys werden hier aneinandergereiht und dadurch zu Fallbeispielen degradiert.

Fallbeispielen! Bah! Jetzt noch ein Schuss Foucault:

Sexualität und Wahrheit:

Ein wenig Kritik an der Oberflächlichkeit der Schwulen:

Die subjektiven Erfahrungen zwischen Bigotterie und heimlichem Begehren werden nicht vertieft.

So ganz verreissen will man das Ganze nicht, man will sich ja schließlich nicht als unsolidarisch beschimpfen lassen:

„To be straight with you“ ist somit ein flammendes Plädoyer für mehr Toleranz – bei der Uraufführung im Haus der Berliner Festspiele wurde DV8 denn auch begeistert gefeiert. Doch (!) wo Newson den „clash of cultures“, die Zerreißproben in der britischen Gesellschaft thematisiert, da wirkt seine Perspektive doch beschränkt.

Denn der clash of cultures gehört sich, jedenfalls im deutschen Feuilleton, so schon gar nicht thematisiert. Wie eine nicht beschränkte Perspektive auf die Zerreißproben in der britischen Gesellschaft aussähe, verrät uns auch Luzina nicht.

Die taz hat unter der Überschrift Eine Predigt für die Bekehrten kaum andere Kritik zu üben als die Kollegin im Tagesspiegel:

Die Montage von Einzelschicksalen entwickelt allerdings weder analytische Qualitäten noch irritierendes Wirkungspotenzial.

Tja, ohne Foucault eben keine Dekonstruktion, dafür reichlich altmodisches Aufklärungsgedöns:

Dafür weiß dieses – gleichwohl grundsympathische- Aufklärungstheater viel zu genau, was es vermitteln will. Dazu passen die Tafeln im Bühnenbild und die Lehrstunde am projizierten Globus: Dass in sechs Ländern der Erde gleichgeschlechtliche Liebe mit der Todesstrafe geahndet wird und in vielen anderen sehr hohe Strafen veranschlagt sind, schockiert in der Tat.

Andererseits sind wir doch längst aufgeklärt und gibt es bei uns in Europa doch niemanden, der sich im Namen des Islam in solcher Offenheit gegen Schwule äußern würde:

In unseren Breitengraden scheinen die Probleme jedoch verschoben, die Diffamierung latenter, subtiler. Um da hineinzupieksen, brauchte es wahrscheinlich andere Mittel.

Ob sie sowas meinen in der taz oder sowas?

Es erweckt so unweigerlich den Eindruck einer Solidaritätsveranstaltung.

Und das ist anscheinend das Letzte was heutzutage der taz noch Respekt einflößen könnte.

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