Kindergartenküsse

16 Dez

Bürgermeister Hans-Werner Sohn hat ein Plakat aus dem örtlichen Kindergarten entfernen lassen, das um Verständnis für lesbische Lebensgemeinschaften warb.

Mit diesen Worten berichten die Kieler Nachrichten über einen augenscheinlichen Fall von Homo-Diskriminierung, der sich jedoch bei näherem Hinsehen kaum als Grund zur Aufregung eignet:

Die Kinderzeichnung darauf zeigt zwei Frauen, die sich küssen, und die dabei Kinder an der Hand halten.

So geht es weiter in dem Text, dessen Tenor sicherlich auch die Berichterstattung vieler anderer Zeitungen über die Affäre kennzeichnet. Der Text ist nicht falsch und doch ist die Wahrheit umfassender. Wenn man sich das neben dem Text dokumentierte Plakat genau anschaut, fällt dem Leser auf, dass die beiden Damen so intensiv miteinander beschäftigt sind, dass der einzige erkennbare Bezug zu den beiden Kindern darin besteht, dass sie diese jeweils an einer Hand, nun, man muss fast sagen, in die Höhe ziehen. Die gezeigte Haltung dürfte für die Kinder ziemlich anstrengend und unbequem sein. Es steht zu befürchten, dass bei einer Ausweitung des Kusses schlimmstenfalls damit zu rechnen wäre, dass dem einem oder gar beiden Kindern schlicht der Arm ausgekugelt würde.

Familienbilder, mit denen für die Akzeptanz von lesbischen und schwulen Eltern geworben wird, zeichnen sich gemeinhin dadurch aus, dass sich auf ihnen die Eltern ihren Kindern zuwenden. Oder wenigstens neben oder hinter ihnen stehen, sie im Arm halten, etc. Ein Bild, auf dem sich die Eltern von ihren Kindern ab- und einander zuwenden, finde ich als Werbung für die Fürsorglichkeit von Eltern ihren Kindern gegenüber einigermaßen kontraproduktiv.

Da ich aus beruflichen Gründen ziemlich viele Kindergärten kennen, muss ich darüber hinaus anmerken, dass mir bisher in keiner dieser Einrichtungen Plakate begegnet sind, auf denen küssende Hetero-Paare abgebildet waren. Insoweit kann sich ein Protest gegen das Abhängen des Plakats wohl kaum darauf berufen, hier werde das Gebot der Gleichbehandlung verletzt.

Trotz allem finden sich bei queer.de die notorischen Mahner vor der Diskriminierung von Homosexuellen. Ein Freund der gepflegten Satire schreibt dort:

Natürlich, weg mit dem Plakat! Soweit kommt es noch, dass man Kindern irgendetwas über Akzeptanz und Toleranz beibringt. Wir wollen auch in Zukunft intolerante und konservative Bürger heranwachsen sehen. Nur das Verleugnen von bereits bestehenden Lebenswirklichkeiten kann uns den intoleranten Nachwuchs garantieren. Psss, also wirklich, ein Plakat, das für Toleranz und Akzeptanz wirbt schon im Kindergarten. Worauf kommen die als nächstes? Vielleicht Werbung für ein friedliches Miteinander mit unseren ausländischen Mitbürgern oder Schwule in politischen Ämtern? (Achtung Sarkasmus!!!)

Mal abgesehen von der offensichtlich intendierten Gleichsetzung von „intolerant“ mit „konservativ“, die für sich genommen schon purer Unsinn ist, ist diese Argumentation eine echte Leistung. Niemand, nicht einmal der Bürgermeister, der Bösewicht, hat sich gegen Toleranz und Akzeptanz schon im Kindergarten ausgesprochen. Er hatte lediglich mitgeteilt, dass ein solches Bild seiner Meinung nicht in einen Kindergarten gehöre. Trotzdem weiß manch einer sofort, dass der Kerl gegen Lesben ist.

Ich frage mich, den Gedanken des Kommentators zu Ende denkend, wie ich reagieren würde, wenn irgendwo mit einem Plakat für Schwule in politischen Ämtern geworben würde und die Schwulen daran erkennbar wären, dass sie sich tief die Zungen in ihre Münder schieben. Vermutlich würde ich mich über die stereotype Darstellung öffentlich ärgern und mir daraufhin von selbsternannten Wächtern der politischen Korrektheit Schwulenfeindlichkeit vorwerfen lassen müssen.

12 Antworten to “Kindergartenküsse”

  1. Rich Rubin 16. Dezember 2007 um 00:59 #

    ui, das plakat ist ziemlich mißglückt. schaut schmerzhaft aus.

    würde mich nicht wundern, wenn die kids keine angenehmen gefühle haben, wenn sie in zukunft an gleichgeschlechtliche Elternpaare denken.

  2. Christian Hoffmann 16. Dezember 2007 um 02:40 #

    Also die Ausführungen zur Gestaltung des Plakats sind ja nun etwas verfehlt angesichts der Tatsache, dass es sich um eine Kinderzeichnung handelt.

    Interessant wäre vielmehr die Begründung für die Position des Bürgermeisters: „Aber so ein Bild gehöre einfach nicht in einen Kindergarten.“

    So ein Bild?

  3. Damien 16. Dezember 2007 um 10:05 #

    Hallo Christian, ich habe nicht die Zeichnung kritisiert, sondern ihre Auswahl und die haben Erwachsene zu verantworten.
    Bisher ist in der Presse lediglich die von Dir zitierte Behauptung des Politikers zu lesen. Ob das Bild nicht dort hin gehört, weil es sich bei der Abbildung um zwei Frauen handelt oder weil es zwei küssende Menschen darstellt oder was auch immer, das bleibt der Spekulation des Lesers überlassen. Übertrieben finde ich einfach, dass manche trotzdem sofort die Homofeindlichkeit entdecken. Sozusagen präventiv.

  4. Luke 16. Dezember 2007 um 13:28 #

    Also wenn ich hier zitiert werde und gleichzeitig der Verbreitung absoluten Unsinns bezichtigt werden, in dem ich ‚konservativ‘ und ‚intolerant‘ gleichsetze, dann muss ich mich wohl dazu auch äußern. Vielleicht hätte ich die Begriffe ‚erzkonservativ und katholisch‘ wählen sollen, da gebe ich Recht. Aber ich habe auch nicht behauptet, dass dieser Bürgermeister etwas gegen Lesben hat. Ich habe darauf angespielt, dass der Bürgermeister durch sein Handeln gezeigt hat, wie schwer sich Verantwortliche damit tun, Lebensgemeinschaften, die längst Teil der heutigen Gesellschaft sind, als solche zu behandeln. Stellt sich dann die Frage: Würden wir ein solches Plakat dann noch brauchen?

    Und wenn an dieser Stelle schon mein Gedanke weiter gedacht wird, dann bitte ich doch darum zu erwähnen, dass mein Kommentar sarkastisch gemeint war und Sarkasmus lebt von der Übertreibung! In Anbetracht der Tatsache, dass Schwule in politischen Ämtern in der bundesdeutschen Normalität angekommen sind, war die blumige Ausschmückung meines nicht so gedachten Gedankens absolut daneben. Vielleicht sollte der Autor des obigen Artikels das Weiterdenken meines Gedankens dann doch mir überlassen.

  5. Bernieboy80 16. Dezember 2007 um 14:20 #

    Hallo Damien,

    im großen & ganzen d’accord: Eine „Werbung um Verständnis“ für lesbische Familien kann ich jetzt auch nicht unbedingt ableiten. Da dürfte das Plakat eher kontraproduktiv und inhaltlich ein wenig „daneben“ sein.

    Mein erster Gedanke war aber ein weiterer: In diesem Fall wird, wie in diversen anderen Fällen, von offizieller Seite die Goldwaage herausgeholt – und sich mit bürokratischen, teilweise fadenscheinigen Argumenten gegen die Thematisierung von Homosexualität gewehrt. (Auch wenn es in DIESEM einen Fall schon verständlicher sein mag.)

    Es erinnerte mich spontan ein wenig an den unwürdigen, peinlichen „Eiertanz“ des schwarz-gelben NRW-Schulministeriums, als es eine von diversen Verbänden geschriebene Arbeitsbroschüre über Homosexualität (Titel: „Mit Vielfalt umgehen. Sexuelle Orientierung und Diversity in Erziehung und Beratung“) vorübergehend aus dem Verkehr zog – sprich: von der Website nahm und aus dem Unterricht verbannte. Offizielle Begründungen seinerzeit: Man wolle keine „Werbung für Homosexualität“ [sic] machen; die Broschüre sei ja mit Betroffenen erarbeitet worden und daher nicht neutral; blubberdiblubb.

  6. Damien 16. Dezember 2007 um 14:28 #

    Hallo Luke,
    Dein Kommentar hat schon nahegelegt, dass der Bürgermeister intolerant ist – und das meint in diesem Fall doch wohl, gegen Lesben (und Schwule) zu sein oder zumindest gegen ihre Lebensgemeinschaften. Möglicherweise ist es der Mann tatsächlich, ich weiß das genausowenig wie Du, ich fand einfach manche Reaktion übertrieben, Deine inklusive.
    Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der wir solche Plakate nicht mehr brauchen, sondern in der Kinderzeichnungen, die die Vielfalt unseres Lebens darstellen, wie wir alle sie erleben, selbstverständlich aufgehängt werden, auch in einem Kindergarten, ganz ohne aufgesetzte pädagogische Absicht. Dass wir soweit noch nicht sind, ist mir bewußt.
    Der Sarkasmus Deines Kommentars geht aus dem Kommentar selbst hervor, zusätzlich habe ich in der Einleitung noch einmal extra darauf hingewiesen. So habe ich keine Sorge, dass jemand Deinen Text völlig ernst nimmt. Auch die Übertreibung enthält aber doch einen ernst gemeinten Kern und den wollte ich kritisieren. Tut mir leid, wenn ich Dich an dieser Stelle falsch verstanden habe und Du eigentlich etwas anderes sagen wolltest. Mir ist allerdings noch nicht klar, was…

  7. Damien 16. Dezember 2007 um 14:34 #

    Hallo Bernieboy,
    Dein Beispiel aus NRW scheint mir gelungener um die Ungleichbehandlung von Lesben und Schwulen zu kritisieren als die Plakat-Affäre aus dem Kindergarten. Natürlich ist es ein unsinniges Argument des Ministeriums, wonach mit der Broschüre für Homosexualität geworben würde. Niemand würde auf so ein Argument im Zusammenhang mit Heterosexualität kommen. Warum wohl? Und dass die Mitarbeit von Betroffenen bei der Erstellung eines Textes inhaltlich schaden würde, ist sicherlich auch keine gängige Betrachtungsweise – nehmen wir zum Beispiel eine Broschüre über Fussball: Würde sich da jemand aufregen, wenn Fussballer an der Erstellung beteiligt wären? 😉

  8. Luke 16. Dezember 2007 um 16:10 #

    Lieber Damien,

    das ist deine Interpretation dessen, was ich geschrieben habe. Ich habe das Handeln und nicht den Menschen kritisiert und zwar mit einem gewissen Maß an Humor, der leider nicht verstanden wurde. Aber damit hätte ich wohl rechnen müssen, weil ja immer alles so bierernst und bis ins Kleinste politisch korrekt diskutiert werden muss. Mir ist völlig wurscht, ob der Bürgermeister zu Hause die Regenbogenflagge hängen hat, oder ob ein ‚Schwule raus‘ Banner über seinem Bett flattert. Ich finde es schlichtweg lächerlich, das man heutzutage, wo lesbische Familien längst Alltag sind, derart kleinlich mit einem schlecht gezeichneten Plakat umgeht. Das Zeichen, das damit gesetzt wurde, lässt viel Platz zur Interpretation. Das war alles, was ich damit sagen wollte. Ich verwehre mich allerdings dagegen, dass ich hier einen mir nicht bekannten Menschen in irgendeiner Form irgendeiner Haltung bezichtige. Das habe ich nicht getan, es wird mir nur hier von einigen auch von dir in den Mund gelegt. Das zeigt mir, dass ich in Zukunft wohl Abstand von jeglicher Form von Sarkasmus nehmen muss. Es wird einfach nicht verstanden!!!

  9. Damien 16. Dezember 2007 um 16:31 #

    Lieber Luke,
    danke für Deine Klarstellung! Political correctness ist wirklich das letzte, was ich mit meinem Beitrag befördern wollte.

  10. Luke 16. Dezember 2007 um 21:30 #

    Na dann verstehen wir uns ja, endlich!

  11. Marco 3. Januar 2008 um 17:51 #

    Warum spricht eigentlich niemand den Punkt an, dass der KIGA staatlich ist. Wenn dort politische Propaganda … ähh … Verständniswerbung zugunsten von wem auch immer betrieben wird, ist das hochproblematisch.

  12. Damien 3. Januar 2008 um 19:32 #

    Nö, Marco: Staatliche Kindergärten haben über Jahrzehnte wie andere staatliche Institutionen auch mittels Heteronormativität Lesben und Schwule diskriminiert, also politische Propaganda für Heterosexualität gemacht. Das sollen sie jetzt ruhig eine Zeitlang ausgleichen mit Werbung für Homosexualität.

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