Seminar Nummer 1: Einblicke in das Gedankengebäude und Wertgefüge des gewöhnlichen konservativen Schwulenfeindes

15 Jan

Eigentlich dachte ich, in der Affäre um das Buch „King and King“ über die Liebe zweier Prinzen zueinander wäre schon alles gesagt. Doch wie das Leben so spielt, immer wieder gibt es Ereignisse die einen eines Besseren belehren:

Im Theater für Kinder, dem Dschungel Wien, kommt im Feber [Februar] mit dem Stück „König & König“ nach dem gleichnamigen Bilderbuch von Linda de Haan und Stern Nijland eine Produktion auf die Bühne, die bereits im Vorfeld für Aufregung in der Wiener FPÖ sorgt.

Und wie man die FPÖ kennt, geht es bei ihrer Aufregung um das Theaterstück ganz sicher nicht darum, dass einer der beiden Darsteller als Besetzung schauspielerisch ungeeignet oder nicht hübsch genug ist. Nein, das Fundament der rechts-konservativen Sorgen reicht viel tiefer:

„Durch die Hintertüre“ soll Kindern nach Ansicht von Klubobmann [vergleichbar mit den deutschen Fraktionsvorsitzenden] Eduard Schock und Landtagsabgeordneten Harald Stefan vermittelt werden, dass „Homosexualität absolut normal – vielleicht sogar total schick – sei“.

Und genau davor fürchtet sich Klubobmann Schock, denn Kindern zu vermitteln, dass Homosexualität „total schick sei“, könnte die angehenden Männer alsbald von der Zeugung freiheitlich-österreichischen Nachwuchses ablenken. Ein wahrhaft perfides Unterfangen, welches

die Politik der SPÖ in Wien veranschauliche, die „offensichtlich auf die Zerstörung der Familie als gewachsener Struktur“ aus sei.

Und als sei das nicht schon dämlich genug, setzten Schock und sein Kollege Harald Stefan noch eins drauf:

„Anstatt sich pausenlos Gedanken darüber zu machen, ob und wie man den Kindern Homosexualität schmackhaft machen kann, sollte man sich lieber wieder mit wichtigeren Dingen – nämlich dem Schutz unserer Kinder – auseinandersetzen“

Diese herzerwärmende Episode aus der Alpenrepublik macht wieder mal deutlich, was konservative Schwulenfeinde für ein Weltbild haben. Zur Erläuterung sei dieses hier noch mal detailliert aufgeführt:

1.) Heterosexualität ist scheiße! Die Zumutungen welche das Leben, die Liebe und der Sex mit dem anderen Geschlecht mit sich bringen, sind bereits für präpubertiernde Kinder, insbesondere aber für junge Männer, im Grunde genommen so unerträglich, dass es lediglich einer auf Homophilie basierenden Aktion zweier Männer untereinander bedarf – wie z.B. im Theater -, damit die Jungen zur Homosexualität verführt werden und ihr dann auf ewig verfallen.

2.) Im Interesse der Bestandserhaltung des Volkes, der Sittlichkeit und der allgemeinen Moral hat der Staat dafür Sorge zu tragen, dass junge Männer dem süßen Gift der Homoerotik widerstehen und zu produktiven, strammen Kerls heranwachsen, die allabendlich von der Arbeit nach Hause kommen, um im Kreise ihrer zwölf Kinder das Abendessen – vom Frauchen mit Liebe zubereitet – zu sich zu nehmen.

3.) Es besteht ein grundsätzlicher Unterschied zwischen der Liebe und ihrem Ausdruck, wenn sie von Homos und wenn sie von Heteros geäußert wird. Das Küssen, Händchen halten etc. zweier Heteros in der Öffentlichkeit ist ein Zeichen ihrer Zuneigung und Liebe füreinander, das Küssen zweier Männer respektive Frauen dagegen eine „Zurschaustellung der sexuellen Orientierung“. Ein Theaterstück oder ein Film über die Liebe zwischen Mann und Frau ist ein rührendes Bekenntnis dafür was Liebe vermag und welche Hindernisse sie überwinden kann. Ein Theaterstück oder Film über die Liebe zwischen Mann und Mann ist dagegen ein Ausdruck „homosexueller Propaganda“ mit dem versucht wird, die oben angesprochene labile Heterosexualität der Bevölkerung zu unterminieren.

4.) Homosexualität zerstört die Familie. Als Beispiel hierfür bietet sich das Schicksal der Schulzes aus dem pfälzischen Schlachtenburg an. Einst eine wahre Bilderbuchfamilie, bestehend aus Vater, Mutter, einer Tochter und zwei Söhnen. Doch eines Tages eröffnete der 16-jährige Sohn seinen Eltern, dass er sich in einen Klassenkameraden verliebt habe – dass er schwul sei. Vater und Mutter Schulze waren außer sich und stellten ihrem Jüngsten ein Ultimatum: Therapie oder Verbannung aus der Familie. Verzweifelt floh der Jüngste daraufhin nach Frankfurt am Main, wo er sich vor Kummer dem Alkohol und der Prostitution ergab und schließlich Selbstmord beging. Ein exemplarischer Beleg dafür, wie das Unheil der Homosexualität eine Familie zerstört…

Das sind die vier Grundtopoi in denen sich das Weltbild der Schocks und Rohrmosers, der Kewils und Kositzas bewegt. Wem dieses Weltbild ein wenig zu absurd vorkommt, dem sei gesagt: Ja, es ist völlig absurd. Aber so denken die.

4 Antworten zu “Seminar Nummer 1: Einblicke in das Gedankengebäude und Wertgefüge des gewöhnlichen konservativen Schwulenfeindes”

  1. Carsten 19. Januar 2008 um 20:19 #

    Dabei war die „Buberl-Partie“ in der FPÖ zu Zeiten Haiders eine Art Darkroom… 😉

  2. Hallowach 6. Mai 2011 um 09:07 #

    Ein schöner Artikel – und auch ein wichtiger Hinweis auf die schwächen der konservativen Bewegung.

    Herrlich der Punkt eins „Heterosexualität ist scheiße“ – habe herzlich gelacht.

    Was allerdings Bestandserhaltung (und das sich-lustig-machen über selbige) angeht so sehe ich den Verfasser etwas auf dem Holzweg. Bestandserhaltung ist das KERNPROBLEM der freien und links-schwul-queer ausgerichteten, durchgegenderten Gesellschaft. Wir schaffen uns eben konsequent ab (T. Sarrazin), und das wird auch Folgen haben/hat auch jetzt schon Folgen.

  3. Yadgar 1. Juli 2011 um 16:38 #

    @Hallowach

    Was für eine „konservative Bewegung“? Diese Internetsekten à la PI, Deus lo volt, Theocons, eigentümlich frei? Die Partei Bibeltreuer Christen? Die Christliche Mitte?

    Und am Geburtenrückgang sind die 5 % Schwulen und Lesben schuld? Was soll denn eine „links-schwul-queer ausgerichtete durchgegenderte Gesellschaft“ sein? So eine Art Talibanistan mit Langhaarzwang und Rohrstockverbot? Fragen über Fragen… ihr Rechten lebt schon in einer seltsamen Welt!

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  1. Blage | Schwulenfeindlichkeit - 1. April 2012

    […] Wer sich weiter aufregen will: Gay-West hat die ganze Homophobie-Thematik noch etwas ausgebreitet: https://gaywest.wordpress.com/2008/01/15/seminar-nummer-1-einblicke-in-das-gedankengebaude-und-wertge… Share the […]

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