Kollaboration und Suizid

8 Feb

Der anglikanische Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, ist ein Kollaborateur. Anders läßt sich ein Einsatz wohl kaum bezeichnen, in dem zum wiederholten Male die Zulassung der Scharia in Großbritannien gefordert wird:

Im BBC-Radio erklärte der Geistliche, dass viele Muslime die britische Rechtsprechung nicht anerkennen würden.

Die Konsequenz, die der Herr Bischof daraus zieht, ist aber nicht etwa, diesen Leuten mit der normalen Härte des Gesetzes zu begegnen, wenn sie Gesetzesverstöße begehen. Nein, im Gegenteil, sie sollen sich frei entscheiden können, ihr eigenes Recht zur Anwendung zu bringen:

Ihnen könne dann eine Wahlmöglichkeit zwischen dem britischen und dem Scharia-Recht eingeräumt werden.

Der Gottesmann wird auch konkret:

Als Beispiel für die Konflikte von Muslimen nannte Williams das Eherecht.

Wer wissen will, welche Benachteiligung das islamische Ehe- und Familienrecht für Frauen vorsieht, kann ja mal hier nachlesen.

Man fragt sich also, was sich Williams bei seinem Vorschlag gedacht haben mag. Ob er die Vorurteile von Leuten bedienen wollte, die der Ansicht sind, die Kirche an sich sei auch heute noch stets ein Ort der Benachteiligung von Frauen? Ob er zu der erfreulichen Entwicklung der Gleichberechtigung der Frau in den christlichen Kirchen eine Art moralischen Ausgleich schaffen wollte durch die Benachteiligung der islamischen Frau mitten in Europa? Nein, seine Begründung ist noch absurder:

So könnten Muslime, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlten, in England heimisch werden.

Ob der Mann sich auch einmal fragt, wie lange sich wohl Ungläubige, also Nichtmoslems, noch heimisch fühlen würden in einem Land, in dem auf Wunsch die Scharia gilt? Immerhin nimmt Williams noch eine letzte Differenzierung vor:

Gleichzeitig sagte der 57-Jährige aber, dass radikale Interpretationen des islamischen Gesetzes nicht automatisch (!) übertragen werden sollten. „

Sondern nur nach demokratischem Mehrheitsentscheid der islamischen Gemeinde? Oder nur auf ausdrückliche Anordnung des örtlichen Imams? Bleibt noch die Frage, was denn unter radikale Interpretationen zu verstehen ist? Gehört dazu die Steinigung eines der Homosexualität Überführten? Oder erst die öffentliche Strangulation? Ist Auspeitschen radikal genug, um nicht automatisch übertragen zu werden?

Der Anglikaner wird diese Fragen sicher zu gegebener Zeit beantworten oder die Antwort darauf hierfür kompetenteren geistlichen Kollegen überlassen – vielleicht ja im Rahmen eines interreligiösen Friedensgebets, wie es unter christlichen Pazifisten bis heute durchaus üblich ist. Bis dahin hat Williams mit seiner antiliberalen Haltung jedenfalls schon mal Eingang bei Wikipedia gefunden:

Rowan Williams wird von mehreren Seiten vorgeworfen, angesichts der schwierigen internationalen konfessionellen Lage eine Appeasement-Politik mit dem Islam – auch bzw. insbesondere mit dessen radikalsten Vertretern – auf Kosten der Juden zu praktizieren. Dieser Vorwurf wurde ihm unter anderen durch den prominenten Kolumnisten Bradley Burston der linksgerichteten israelischen Tageszeitung Haaretz gemacht; sowie von seinem eigenen Amtsvorgänger, Lord Carey.

Fürs Erste könnte man Williams raten, nur für den Fall, dass sich ein britischer Moslem an seiner Person stören sollte, konsequenterweise anzubieten, sich auf dessen Wunsch hin zu suizidieren. Vielleicht fühlt sich ja auch dann der eine oder andere Moslem heimischer in good old Britannia.

8 Antworten zu “Kollaboration und Suizid”

  1. Libertarian 8. Februar 2008 um 18:20 #

    Calm down! Was ist denn aus libertärer Sicht an konkurrierenden Rechtssystemen (wie sie Murray Rothbard und David D. Friedman für das alte Irland und das alte Island beschrieben haben) grundsätzlich so falsch? Muss man da gleich zum tschekistischen Vokabular („Kollaborateur“) greifen?

  2. Rabenzahl 8. Februar 2008 um 19:01 #

    Ein Grundstein der Demokratie ist die strikte Trennung von Staat und Religion und eine säkulare Rechtsordnung, die für alle gilt.

  3. Damien 8. Februar 2008 um 20:16 #

    @Libertarian: Die Scharia ist kein Rechtssystem, sondern ein Terrorsystem, mit dem, zum Beispiel, Frauen unterdrückt und Schwule präventiv sozial und letztlich auch physisch vernichtet werden.

  4. Alrik 8. Februar 2008 um 20:21 #

    Nun, warum soll ein Muslim der wegen Diebstahls verurteilt wurden nicht zwischen Handabhacken oder 30 Stunden Sozialarbeit entscheiden dürfen ?

    Viele Muslime die vor Gericht ständen würden da wohl spontan ihre Begeisterung für das klassische britische Rechtssystem finden.

    Aber ob die Muslime welche die britische Rechtsprechung nicht anerkennen davon begeistert sind, wenn ein Glaubensbruder der wegen Diebstahl verurteilt wurde (und die Chance sind groß das dass Opfer dabei ein anderer Muslim gewesen ist) nur mit 30 Stunden Sozialarbeit davon kommt ?

  5. Adrian 9. Februar 2008 um 10:35 #

    Und wenn der Stein erst mal ins Rollen gebracht wurde, ist er nicht mehr aufzuhalten. Irgendwelche Moslemorganisationen (ich hoffe wenige) haben den Vorstoß des Bischofs begrüßt (gestern in den Nachrichten). Nehmen wir mal an, man führt die Scharia tatsächlich zunächst nur für Moslems ein. Irgendwann aber werden es die Fundi-Moslems als „islamophob“ bezeichnen, dass nicht alle Briten die Weisheit des islamischen Rechts annehmen.

  6. DDH 9. Februar 2008 um 17:15 #

    Dazu ein paar Gedanken von Stefan Sedlacek auf liberty.li.

  7. rom 10. Februar 2008 um 09:06 #

    Gut wenn dann Muslime ihre eigene Rechtsordnung haben, dann will ich auch eine für Schwule und Lesben. Wir regeln unsere Dinge selbt in Zukunft denn wir erkennen die deutschen und europäischen Gesetze nicht an!

    Der Mann ist einer von vielen christlichen Spinnern der glaubt seinen Nagel in den Sarg des Christentums in Europa schlagen zu müssen!rom

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  1. kurz und knapp | tous et rien - 21. Februar 2008

    […] kurz und knapp 21. Februar 2008 in Allgemein und politics … a clear case of separation of church and brain James Lileks zum anglikanischen Erzbischof von Canterbury […]

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