Von Titten, Mösen, Erektionen

14 Feb

Zu den merkwürdigsten Fragen der Menschheit gehört zweifellos, ob man die Darstellung eines nackten Körpers denn nun unter „Kunst“ oder „Pornografie“ einzuordnen habe. Kunst gilt im Allgemeinen als weitgehend sakrosankt und das obwohl viele Künstler den immer gleichen langweiligen Kram thematisieren: von der Entfremdung des Menschen in der Moderne über die Barbarei der westlichen Zivilisation bis hin zur Ablehnung der „Kommerzialisierung“ im Allgemeinen. Zuweilen benutzt man den Begriff „Künstler“ aber auch einfach nur, um perverse Gelüste zu kaschieren, sei es, weil man Hunde vor dem Fressnapf verhungern, den Kadaver einer Kuh auf die Straße fallen lässt oder einfach nur ein Theaterstück inszeniert, dessen Inhalt sich darin erschöpft, dass die Darsteller auf der Bühne keifen, kotzen und kacken. Versichert der Künstler, dies alles geschehe im Namen der Gesellschaftskritik, kann er sich des Applauses der kulturellen Intelligenzia sicher sein.

Darstellungen nackter Menschen stehen dagegen unter einem Generalverdacht und zwar erst Recht dann, wenn jemand moniert, die Darstellung des nackten Menschen sei dazu angetan, nicht den Intellekt anzusprechen – wie es z. B. bei verhungernden Hunden zweifellos der Fall ist -, sondern darauf abziele, den Betrachter erotisch anzusprechen bzw. sexuell zu erregen. Wie schwammig der Begriff der Pornografie ist, zeigt u. a. der Eintrag der Wikipedia, in dem es heißt:

Wie bei der Erotik ist es auch bei der Pornografie vorrangige Absicht, den Konsumenten sexuell zu erregen. Die Pornografie konzentriert sich dazu auf die Darstellung körperlicher Teile der Sexualität, wie die Geschlechtsteile bzw. den Geschlechtsakt. Die Erotik hingegen betont einerseits zwischenmenschliche Aspekte (Verführung, Sinnlichkeit), andererseits Körperästhetik, wobei die körperliche Trieberfüllung sich in das Gesamtbild integriert, teilweise auch in den Hintergrund rückt, bis hin zum völligen Verschwinden. Darstellungen von Geschlechtsorganen oder des Geschlechtsakts im wissenschaftlichen Kontext sind keine Pornografie.

Letztendlich liegt die Antwort auf die Frage, ob es sich bei einer Darstellung um „Erotik“ oder „Pornografie“ handelt, beim persönlichen Geschmack des Einzelnen. Im gesellschaftlichen Kontext allerdings ist dafür nicht selten der Geschmack eines Richters vonnöten, weil es sich der Staat nun mal in den Kopf gesetzt hat, erwachsenen Bürgern bestimmte sexuelle Darstellungen nicht zumuten zu können.

Zu diesen „Zumutungen“ gehört u. a. die Darstellung männlicher Sexualität. Im Gegensatz zur Fülle an verkäuflichen Bildern, Kalendern oder Büchern, welche Frauen in eindeutigen Posen zeigen, könnte man den vergleichsweisen Mangel an männlicher Erotik mit den Gesetzen von Angebot und Nachfrage erklären. Dies würde aber noch nicht das Rätsel lösen, warum denn zwei weibliche Brüste weniger Anstoß erregen als ein Penis.

(Fast) jeder Mensch hat gern Sex oder möchte ihn gern haben. Ungefähr die Hälfte der Menschheit ist in Besitz von (mehr oder weniger) voluminösen Brüsten und einer Vagina, die andere Hälfte darf sich rühmen, einen Penis zu besitzen. Und jeder Mensch kommt in seinem Leben irgendwann zu der Erkenntnis, das eben dieser Schlauch zwischen den Beinen des männlichen Homo sapiens in der Lage ist, eine Metamorphose durchzumachen, die ihn in Größe und Volumen verändert. Rein wissenschaftlich spricht man hierbei von einer Erektion, juristisch allerdings von „Pornografie“.

Und während jeder Mensch sich straffrei Kalender von Frauen mit Silikontitten an die heimische Wand hängen darf, müssen um Kalender mit Männern nebst erigierten Schwellkörpern Prozesse geführt werden:

Die Darstellung nackter Männer mit erigiertem Geschlechtsteil in einem Kalender für Homosexuelle ist nach Auffassung des Berliner Kammergerichts keine Pornografie. Der 4. Strafsenat bestätigte am Freitag einen Freispruch für die Verleger eines umstrittenen Kalenders für Schwule. Die Staatsanwaltschaft hatte dem Mann die Verbreitung strafbarer Pornografie vorgeworfen. Der Prozess war in der zweiten Instanz, nachdem ein Berliner Amtsgericht den Angeklagten bereits in erster Instanz freigesprochen hatte.

Der Grund für den Freispruch: Der Kalender sei nicht reißerisch auf die Erregung sexueller Reize ausgerichtet, argumentierten die Richter. Er mache die Männer nicht zum bloßen Objekt sexueller Begierde.

Doch warum um alles in der Welt muss die Darstellung von Männern als bloßes Objekt sexueller Begierde überhaupt strafbar sein? Warum ist die Befriedigung sexueller Begierden überhaupt ein Fall für den Staatsanwalt?

Das Kammergericht folgte der Argumentation des Verlags: Wenn die Abbildung einer Erektion nicht bildbestimmend ist, die abgebildete Person als eigene Persönlichkeit erkennbar bleibt, das Bild insgesamt nicht reißerisch ist, dann könne dies keine Pornografie sein.

Und wenn ich nun Gefallen daran finde, Kalender zu besitzen, in denen Erektionen bildbestimmend sind, mir die Persönlichkeiten der abgebildeten Männer egal sind und ich auf „reißerische“ Fotos stehe? Warum soll mir das verboten werden?

Jugendgefährdend könne das auch deshalb schon nicht sein, weil der bloße Anblick eines solchen Bildes keineswegs einen heutigen Jugendlichen derart verstören könne, dass er in seiner Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigt würde.

Die Behauptung, ein erigierter Penis sei jemals dazu geeignet gewesen, die Persönlichkeitsentwicklung eines Jugendlichen zu stören, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Gerade männliche Jugendliche dürften einer Erektion wenig Schockierendes abgewinnen und im Gegenteil eher verstört sein, wenn diese sich nicht einstellt. Sinn macht die Formulierung von einer Beeinträchtigung der Persönlichkeitsentwicklung allerdings, wenn man sie im Kontext der Angst der Gesellschaft sieht, männliche Erotik sei grundsätzlich mit Homosexualität verbunden und überdies dazu geeignet, junge Männer zur Homosexualität zu verführen. Ist das der Grund für das Misstrauen gegenüber der Darstellung von nackten Männern?

Ein Queer.de-Leser meint hierzu:

Die Schönheit und Geilheit des männlichen Körpers wird fast immer ganz bewusst ausgeblendet, während gerade jungen Männern wackelnde Weiberärsche und deren Körper als DAS einzige und absolute Ideal der Sexyness eingetricht[ert] werden sollen.

Möglicherweise sind „wackelnde Weiberärsche und deren (!) Körper“ für die meisten jungen Männer aber eben nun mal „DAS einzige und absolute Ideal der Sexyness“?

Gerade für eine gesunde, d. h. freie und selbstbestimmte sexuelle Entwicklung junger Männer ist es extrem wichtig, mit dieser unterschiedlichen Darstellung männlicher und weiblicher Körperlichkeit endlich Schluss zu machen. Wenn es im Video „Du hast den schönsten Arsch der Welt“ um geile Ärsche geht, dann ist es geradezu absurd, ausschließlich mit Orangenhaut verzierte weibliche Rundungen im String zu zeigen, knackig-muskulöse Männerärsche aber allenfalls durch eine Jeans zu präsentieren. Solche grotesken Vorgänge machen deutlich, wie krankhaft homophob unsere Gesellschaft in Wahrheit immer noch ist.

Noch mal: Die Masse an Darstellungen weiblicher Erotik und Sexualität könnte auch einfach nur einem simplen Nachfragemechanismus geschuldet sein. Darin ein Zeichen von Homophobie zu sehen erscheint mir als Erklärung verkürzt.

Die heteronormative, homophobe Gesellschaft möchte Jungs und Männern offenbar ganz bewusst das vorenthalten, was sie auf „dumme Gedanken“ bringen, sprich: ihnen vor Augen führen könnte, dass Männerkörper mindestens (!) ebenso geil und sexy sind wie Östrogenkörper – oder vielleicht den einen oder anderen in seinem unterschwelligen Eindruck bestätigen könnte, dass Männerkörper geil sind und Frauenkörper nicht.

Eben diese bewusste Ausblendung maskuliner Körperlichkeit und das geradezu lächerliche Hochstilisieren weiblicher Körper zum vermeintlichen „Sexsymbol“ ist einer der zentralen homophoben Akte unserer stark medial geprägten und sich über die Massenmedien wiederum reproduzierenden Gesellschaft.

Wenn hiermit gemeint ist, dass es für viele, und gerade junge Männer die ihre Homosexualität entdecken, nicht einfach ist, ständig von der Gesellschaft vermittelt zu bekommen, „dass Jungs nun mal auf Mädchen stehen“ würde ich dem zustimmen. Darin jedoch eine Verschwörung zu sehen, die ganz bewusst lanciert wird um Homosexualität zu verhindern, erscheint mir jedoch reichlich gewagt. Eine überwiegend heterosexuelle Gesellschaft ist nun mal in gewissem Maße „heteronormativ“ und das nicht unbedingt aus böser Absicht heraus, sondern einfach aus dem selben Grund, aus dem eine Bar voller Schwuler „homonormativ“ ist.

Man kann den Begriff der „Heteronormativität“ auch so ausweiten, dass dieser jeden Sinn verliert.

7 Antworten zu “Von Titten, Mösen, Erektionen”

  1. Wullenwever 14. Februar 2008 um 22:45 #

    Ich würde insofern wiedersprechen wollen (zumindest in der Frage der Sanktion von Pornografie), dass ja nicht nur der eregierte Penis, sondern auch eine Vagina nicht gezeigt werden darf. Da wird also schon gleich behandelt. Und zwar falsch, wie ich auch finde. Rational unbegründet.

  2. Adrian 15. Februar 2008 um 10:58 #

    Oh Du hast recht. Das Äquivalent Penis-Brüste ist nicht ganz korrekt. Peinlicher Fehler. Ist allerdings meinem Desinteresse an weiblichen Geschlechtsorganen geschuldet 😉

  3. Holger Ehrlich 15. Februar 2008 um 11:39 #

    Es mag daran liegen, dass ich zu den wenigen(?) Menschen gehöre, die nicht gern Sex haben, aber ich finde den Körperkult vollkommen übertrieben. Ich finde dürre Frauen, die wegen des Gewichtes ihrer Brustimplantate nach vorn zu kippen drohen, ebenso bedenklich, wie Männer, die ganzkörperrasiert, eingeölt und mittlerweile nicht selten auch körperformende Implantate tragend, nackt für Kalender und dergleichen posieren. Nicht wegen moralischer Bedenken, sondern weil sie den Jugendlichen das falsche Vorbild geben. Schon möglich, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnt, aber „gesund“ ist für Modelkörper vermutlich die am wenigsten zutreffende Eigenschaft. „Du mußt geil aussehen, alles andere ist egal“ lautet die Botschaft des Körperkults an die Jugendlichen. Aber auch für Erwachsene finde ich es nicht unproblematisch, wenn sie sich „gern Bilder geiler Körper“ betrachten. Warum tun sie das? Weil es sie sexuell stimuliert? Da fragte ich mich als Sexualpartner doch gleich ob ich den Ansprüchen nicht genüge? Und ob Abbildungen nackter Menschen oder deren Körperteile nun Kunst oder Pornografie sind, ist mir vollkommen egal. Und damit ich jetzt auch noch etwas zum Thema sage, noch das: dass es mehr nackte Frauen als nackte Männer zu sehen gibt, hat nicht unbedingt mit der Homophobie der Gesellschaft zu tun, sondern mit dem Unterschied zwischen Männern und Frauen. Männern genügt der nackte Mensch als Stimulanz, ihnen ist egal wer da abgebildet ist. Frauen hingegen finden den Nackten als solchen nur selten erregend. Sie interessieren sich mehr für den Menschen, der da abgebildet wurde. Die Folge, es werden hauptsächlich Wichsvorlagen für Heteromänner produziert, weil sie die Mehrheit der Kundschaft ausmachen. Und selbst dass der Gesetzgeber den männlichen Jugendlichen in seiner sexuellen Entwicklung für besonders schützendswert hält, sehe ich eher als Geringschätzung der Frauen, denn als Homophobie.

  4. Damien 15. Februar 2008 um 12:19 #

    @ Holger Ehrlich: Den Körperkult fand ich früher auch problematisch. Aus diesem Grund habe ich mir lange keine Männerkalender aufgehängt, sie erinnerten mich immer wieder daran, wie ich nicht aussehe, aber gerne ausgesehen hätte. Mittlerweile sehe ich das entspannter. Ich kann mich an muskulösen, knackigen Typen freuen, ohne gleich in eine Krise zu geraten, weil ich nicht so aussehe. Vielleicht hat das auch mit dem Älter werden zu tun. Zudem gibt es ja mittlerweile auch eine ganze Reihe von Kalendern mit behaarten Männern, dicken Männern, Naturburschen oder wie auch immer, die nicht dem von Dir beschriebenen Stereotyp entsprechen.
    Dass Frauen sich mehr als Männer für den Menschen „hinter dem Nackedei“ interessieren, könnte das nicht auch Resultat einer geschlechtsspezifischen Erziehung sein?

  5. rom 15. Februar 2008 um 13:06 #

    Wieso kann überhaupt jemand in Deutschland wegen „illegaler Verbreitung von Pornographie“ angeklagt werden? Ich dachte Porno sei legal in Deutschland.
    Ob man nun Porno sich ansehen will oder nicht, ist eine persönliche Entscheidung. Wenn man will, hat man auch das Recht dazu. Ich jedenfalls lebe lieber in einem Gemeinwesen das Pornographie erlaubt (unter Auflagen), als in einer Gesellschaft wo Frauen von Kopf bis Fuss mit Säcken behangen werden und wo Homosexuelle gesteinigt werden!rom

  6. chaosblog 16. Februar 2008 um 14:45 #

    hallo,

    ich lese hier ab und zu mal wieder rein wenn ich im dashboard über den blog falle. ich bin zwar hetero aber die themen und der blog schließen mich ja nicht direkt aus.

    ich frage mich auch, wieso es ein problem gibt, männer auf einem kalender abzubilden wie sie sind. wenn man einen errigierten penis anstößig findet soll man sich das bild, den kalender oder was auch immer nicht holen und weg schauen. wenn meine freundin gerne einen kalender mit nackten kerlen sehen will dann soll sie das auch können. schließlich sieht man doch z.b. bei fast jedem kfz-mechaniker im spind eine nackte 😉

    das solche fotos einem ein falsches menschenbild aufzeigen können stimmt schon. ich persönlich finde einen kalender mit „normalen“ frauen um einiges ansprechender und ästhetischer als diese augepumpten frauen bei denen man mitleid bekommt und ihnen was zu essen schenken möchte weil sie jeden moment verhungern.

  7. creativesideburner1 16. Februar 2008 um 23:13 #

    Brust und Schwanz (vor allem erregiert) ist doch auch ein großer Unterschied 😉
    Ah ich seh grad, dass andere das auch schon meinten.
    Körperkult ist ok, so lange keiner drunter leidet. Aber es leidet ja immer wer 😦

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