Entschwulungssteuer

22 Feb

War es der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis, der sich in einem Interview für die Einführung einer neuen Steuer aussprach? Von der sogenannten „Entschwulungssteuer“, hieß es heute morgen im Deutschlandradio, verspreche man sich eine „deutliche Verringerung des homosexuellen Bevölkerungsanteils“.

Hintergrund des Vorschlags ist die nicht abreissende Debatte um das umstrittene Christival, das Anfang Mai in Bremen statt finden soll. Das in die Kritik geratene „Homo-Heilungs-Seminar“ ist zwar in der Zwischenzeit, offenbar auch auf Druck der Bundesregierung, abgesagt worden, die Organisatoren des Christivals betonen aber immer wieder, dass sie inhaltlich weiter zu dem Angebot stehen.

Dies ist keine Überraschung, da z. B. der erste Vorsitzende des evangelikalen Festivals, Roland Werner, zugleich Mitglied des „Wissenschaftlichen Beirats“ des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft ist. Darüber hinaus ist Werner Mitverfasser mehrerer Bücher, in denen Positionen der Ex-Gay-Bewegung vertreten werden, z.B. die Ansicht, homosexuelle Gefühle seien Symptome einer tieferliegenden Identitätskrise. Umso unverständlicher ist es, dass Ursula von der Leyen weiterhin keinen Grund sieht, ihre Schirmherrschaft für das Christival zurück zu ziehen – zumal die Bundesregierung sich in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen zum Thema „Antihomosexuelle Seminare und pseudowissenschaftliche Therapieangebote religiöser Fundamentalisten“ eindeutig geäußert hat.

Demnach vertritt die Bundesregierung die Ansicht, dass Homosexualität weder einer Therapie bedürfe noch überhaupt einer Therapie zugänglich sei. Laut dem LSVD betont die Bundesregierung ausdrücklich

die Gefährdungspotenziale solcher Umorientierungs-„Therapien“ für die Betroffenen und verweist dabei auf die Ergebnisse neuerer wissenschaftlicher Untersuchungen, nach denen bei der Mehrzahl der so therapierten Personen negative und schädliche Effekte (z. B. Ängste, soziale Isolation, Depressionen bis hin zu Suizidalität) auftraten und die versprochenen Aussichten auf „Heilung“ enttäuscht wurden.

In der Antwort der Bundesregierung heißt es weiter:

Für therapeutische Hilfen aus dem Bereich der sogenannten „affirmativen“ Therapien konnte dagegen ein Nutzen im Sinne einer geringeren Anfälligkeit bezüglich psychischer Erkrankungen nachgewiesen werden. Bei diesem Ansatz geht es um die unterstützende therapeutische Begleitung der Entwicklung der sexuellen Identität, die Integration der sexuellen Orientierung in das Selbstbild und die Stärkung des Selbstwertgefühls des Klienten.

Neben der leicht trotzig wirkenden Aufrechterhaltung der Schirmherrschaft durch die Bundesfamilienministerin wundert angesichts der von der Bundesregierung eingenommenen ablehnenden Haltung gegenüber den von den Christival-Verantwortlichen vertretenen sexualethischen Positionen die Steuerfinanzierung des Kongresses in Höhe von 250.000,- Euro. Im Internet kursiert ein Brief, mit dem man gegen diese Finanzierung bei Abgeordneten protestieren kann. Ein Auszug:

Ich finde es bedenklich, wenn Steuergelder, die auch von den diskriminierten Minderheiten erbracht werden, auf diese Weise gegen sie selbst eingesetzt werden. Warum finanziert der deutsche Staat religiös-weltanschauliche Veranstaltungen mit missionarischen Tendenzen? Warum gibt es offenbar keine strengen Regelungen für die Vergabe an religiös-weltanschauliche Veranstaltungen? Warum soll der Staat derartige Werte mit einem Gütesiegel versehen, wenn Gefährdungspotenziale für Jugendliche zur Diskussion stehen und sich der Veranstalter und seine Träger einer sachlichen Diskussion nicht zu stellen vermag? Hat die Bundesregierung keine Vorbildfunktion?

Während sich die Kritiker mittlerweile auf den Skandal der Steuerfinanzierung der unseriösen Veranstaltung konzentrieren, verschärfen die Evangelikalen die Tonart und werfen ihren Kritikern einen Angriff auf die Meinungsfreiheit vor. Volker Beck äußerte hierzu in der taz:

Kritik ist kein Angriff auf die Meinungsfreiheit, sondern ihr Ausdruck.

Das heißt: Sie wollen nicht, dass das Christival gestoppt wird?

Nein! Ich würde mich stets dafür verwenden, dass niemand versucht, das, was die dort veranstalten, strafrechtlich zu verfolgen – diese Homo-Heilungs-Seminare eingeschlossen. Genauso ist meine Kritik keine Kritik am Christentum an sich: Der Versuch von DEA und Christival-Veranstaltern, bestimmte eigene Positionen mit dem Christentum gleichzusetzen und sich dadurch gegen Kritik zu immunisieren, ist einfach illegitim. Ich würde aber alle DemokratInnen und humanistisch orientierte ChristInnen aufrufen, vor solchen Veranstaltungen zu warnen.

Wer derartige Veranstaltungen mit organisiert und damit ideologisch unterstützt, sollte allerdings von staatlicher Finanzierung ausgeschlossen werden, fordert der LSVD:

Anerkannte „Träger der Jugendarbeit in der Bundesrepublik“, wie der CVJM, sollten sich endlich von derartigen „homoheilenden“ Psychogruppen distanzieren und aufhören, Werbung dafür zu machen.

Die Bundesregierung sollte zukünftig bei der Vergabe von Steuergeldern oder Schirmherrschaften für religiös-weltanschauliche Veranstaltungen nicht nur auf links- oder rechtsextremistische Inhalte prüfen, sondern auch auf religiös-weltanschaulichen Extremismus, um gerade Jugendliche vor erheblichen Gefährdungspotenzialen zu schützen.

Sonst wird eines Tages tatsächlich die Forderung erhoben, alle Homosexuellen sollten eine Sondersteuer zahlen, um ihre staatlich unterstützte Umpolung zu finanzieren. Andererseits könnte man diese Sonderabgabe auch direkt von allen Steuer zahlenden Eltern erheben, schließlich sind sie es, die immer wieder homosexuellen Nachwuchs in die Welt setzen. Ob das sein muss, jeden Tag auf Neue, darüber wird man doch wohl noch reden dürfen. Schließlich ist bei homosexueller Betätigung noch kein Kind entstanden. Wer daher die Notwendigkeit von Angeboten für Heterosexuelle, die ihre sexuelle Orientierung gerne verändern möchten, bestreitet, der muss ideologisch schon arg verblendet sein.

9 Antworten zu “Entschwulungssteuer”

  1. creativesideburner1 23. Februar 2008 um 11:32 #

    Das so etwas überhaupt diskutiert wird ist schon erschreckend.

  2. Kilano 24. Februar 2008 um 08:13 #

    lol, einfach der hammer.

    was geht in den köpfen solcher menschen vor??
    nachdem was die so für ideen haben müssen einige, wenn
    nicht alle synapsen die arbeit eingestellt haben.

    und sowas hat sogar noch ne hohe stellung.
    wenn die schwule nich mögen soll’n se fresse halten und
    weggucken. is scho harter tobak und warum wundert mich das
    nich dat die kirche was damit zu tun hat O_o

    was kommt als nächstes?
    ein Institut zur Förderung des finden der eigenen Sexualität?

    danke für den artikel, hab schon fast vergessen was für talentierte Komiker unsere Regierung hat.

  3. Christoph 16. April 2008 um 12:38 #

    creativesideburner1 – wie sieht es mit Deiner Toleranz gegenüber Andersdenkenden aus? Die Vertreter einer anderen Meinung als doof zu bezeichnen, halte ich aber für bedenklich.

    Sehr interessant übrigens, daß dies in der Schwulen/Lesbenszende durchgängig zu beobachten ist: Hier vertritt man offenbar die Ansicht, selbst unfehlbar zu sein. Jegliche Kritik ist nicht erwünscht und wird aufs Schärfste zurückgewiesen.

    Um der Sachlichkeit willen: Das Seminar stellte ein ANGEBOT dar. Für Menschen, die aus der homosexuellen Bindung heraus wollen. Wer dies nicht möchte, weil er sich so wie er ist wohl fühlt, soll halt nicht hingehen. Aber ANGEBOTE als Angriffe zu bezeichnen, zeigt für mich, daß diejenigen, die den „schwulen Lebensstil“ rechtfertigen wollen, selbst kein reines Gewissen dabei haben. Getroffene Hunde bellen bekanntlich.

    Aber – rechtfertigen … wieso eigentlich? Genügt nicht die Akzeptanz, die ausreichend vorhanden ist – immerhin wurde § 175 StGB gestrichen, § 1353 Abs. 1 Satz 1 geändert – was will man(n) mehr?

  4. Adrian 16. April 2008 um 13:02 #

    Lieber Christoph,

    Zunächst einmal sind „Therapien“ hin zu einer heterosexuellen Orientierung, kompletter Nonsens. Darüber hinaus sind sie schädlich für den Betreffenden, für seine Psyche, zuweilen auch für sein Leben.

    Zweitens ist die „Umpolungstherapie“ natürlich nicht nur ein „Angebot“, sondern summa summarum der Versuch, über die Schiene „Nächstenliebe“ Schwule und Lesben ihr Recht auf Selbstbestimmung zu verweigern. Denn die Gruppen, welche eine Heilung propagieren, bleiben nicht dabei stehen, sondern verweigern im nächsten Schritt mit der Argumentation einer „Veränderbarkeit“ der homosexuellen Orientierung, Schwulen und Lesben die Gleichberechtigung. Aus den USA bieten sich dafür genügend Belege.

    Drittens: Gruppen wie diejenigen, die eine Umpolung propagieren, sind im hohen Maße verantwortlich dafür, dass Schwule und Lesben mit ihrer Orientierung hadern. Denn diese Gruppen trichtern den Leuten ja ein, Homosexuelle seien krank, instabil, grundsätzlich unglücklich und überhaupt irgendwie minderwertig. Jawohl, minderwertig: Denn warum sonst sollte man versuchen, die homosexuelle Orientierung zu heilen?

    Die letzte Frage ist so zynisch, dass ich mich zusammen nehmen muss um höflich zu bleiben. Wenn es Gerechtigkeit gibt, würdest Du, lieber Christoph, eines morgens aufwachen und Dich nach der Liebe und Zuneigung eines Mannes verzehren. Erzähle dies Deinen Eltern, Deinen Freunden, Deiner Kirche. Laufe Hand in Hand mit Deinem Schatz die Straßen entlang. Benehme Dich mit ihm wie jedes x-beliebige Hetero-Paar. Und dann komm wieder und erzähle mir was von ausreichender Akzeptanz.

    Da Du das Christival verteidigst, nehme ich an, Du bist Christ. Was zumindest ich will – und ich nehme an die meisten Schwulen und Lesben auch -, ist behandelt zu werden, wie jeder andere auch. Wenn Du glaubst, ich gebe mich damit zufrieden, nicht in den Knast gesteckt zu werden, weil ich einen Menschen des gleichen Geschlechts liebe, ist es mit Deiner christlichen Nächstenliebe nicht weit her. Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass Du gar nicht weißt, was das eigentlich bedeutet.

  5. Christoph 17. April 2008 um 00:23 #

    Kein Schwuler landet in unserem Land im Knast. Das mal vornweg. Insofern … laß uns sachlich bleiben.

    Viele Deiner übrigens Aussagen sind Behauptungen, die – genau wie meine – geglaubt werden können oder eben nicht. Wer setzt denn Maßstäbe, welche Therapien Nonsense sind und welche nicht?

    Wir Christen lassen die Schwulen und Lesbenszene ihren Lebensstil leben. Das nennt man Akzeptanz. Wir müssen uns jedoch äußern dürfen, daß dies nicht in Ordnung ist – so, wie die Bibel zu verstehen ist. Daß uns dies vielfach leider nicht geglaubt wird, steht auf einem anderen Blatt. Auch das ist OK. Lies es bitte noch einmal: Es ist OK! Wir können damit leben, weil es das Grundrecht des Menschen auf freie Selbstbestimmung darstellt.

    Aber es gibt Menschen, die nicht klarkommen damit. Die wissen, daß es vor Gott Sünde ist. Denen Gott nicht egal ist. Und diese Menschen brauchen Hilfe. Es wäre bestialisch grausam, ihnen diese Hilfe zu versagen. Noch einmal: Nicht denen, die mit damit glücklich sind. Sondern die, die totunglücklich sind damit. Und diese Menschen gibt es.

    Deswegen mein Vorschlag: Wer als Homosexueller seine Neigungen ausleben möchte, fein. Aber bitte verlangt nicht von den Kirchen, die Bibel zu ändern, ihren Glauben zu verraten und Gott zu sagen: „Sorry, Herr, die Zeiten haben sich geändert“.

    Wer mit Kirche und Gott nichts zu tun haben will, fordere bitte nicht deren Zustimmung zu seinem Lebensstil, sondern habe den Mut, auch ohne deren Zustimmung weiterzumachen. Nicht mehr und nicht weniger. Dann allerdings mit den in der Bibel beschriebenen Konsequenzen, vor denen alle, die noch den Mut haben, in der heutigen Zeit zu warnen, sie gerne bewahren würden…

  6. Damien 17. April 2008 um 08:37 #

    Hallo Christoph,
    ja, lassen Sie uns sachlich bleiben. Natürlich landet in Deutschland heutzutage keiner mehr wegen seiner Homosexualität im Knast. Dafür landen Schwule heute zum Teil beim Psychotherapeuten, der ihnen hilft, die Demütigungen, die Sie von Leuten wie Ihnen abbekommen haben, zu verarbeiten.
    Die Maßstäbe, welche Therapien Nonsens sind, werden von der Wissenschaft gesetzt. Mag sein, dass Ihnen das als Grundlage nicht ausreicht. Bekannt sollte es Ihnen sein.
    Was mir nicht gefällt ist Ihre Art der Dichotomisierung. Hier „die Christen“, dort „die Schwulen und Lesbenszene“. Offenbar stellen Sie sich Homosexuelle als eine Art Klone vor mit einem einheitlichen Lebensstil. Am Besten Sie informieren sich erst einmal, bevor Sie sich weiter äußern. Genauso wie Christen unterschiedlich sind, sind es auch Schwule und Lesben. Es gibt konservative Christen und sozialistische, hetero- wie homosexuelle Christen. Wenn das in Ihrem Verein anders ist, liegt das an Ihrem Verein, nicht an „den Christen“.
    Ihre Unterstellung, wer schwul sei, habe mit Kirche und Gott nichts zu tun, ist eine Unverschämtheit, arrogant und realitätsfremd.
    Sie lesen die Bibel so, dass sie Schwule und Lesben verurteilt. Andere Christen sehen das anders. Das sollten Sie der Ehrlichkeit halber dazu sagen. Alles andere ist unlauter.
    Wer mit seiner Homosexualität nicht klarkommt, braucht Unterstützung. Unterstützung bei der Akzeptanz seiner sexuellen Orientierung. Alles andere wäre grausam, weil es Menschen in Not eine „Hilfe“ verspricht, die nicht existiert. Ein Heilungsversprechen für Schwule ist ungefähr so zynisch wie ein Versprechen an einen Magersüchtigen, er brauche keine Nahrung, weil Gott ihn liebe.
    Niemand verlangt von den Kirchen, die Bibel zu ändern, ihren Glauben zu verraten usw. Im Gegenteil geht es darum, den christlichen Glauben ernst zu nehmen. Meine Kirche, ich bin evangelisch, hat deshalb ein Schuldbekenntnis abgegeben bezüglich der historischen Verantwortung für die Verfolgung von Schwulen.

  7. Christoph 17. April 2008 um 09:28 #

    „Wer mit seiner Homosexualität nicht klarkommt, braucht Unterstützung. Unterstützung bei der Akzeptanz seiner sexuellen Orientierung“.

    Diese Aussage muß ich auf das Schärfste zurückweisen, weil Sie eine Meinung widerspiegelt, die im Gegensatz zu Gottes Willen steht.

    Und als Kirche solche Erklärungen abzugeben, ist schlichtweg falsch. Wir leben in den letzten Tagen, wie die Bibel sagt. Daß dort selbst in den „Kirchen“ falsche Lehren auftauchen werden, wundert nicht, weil es vorhergesagt ist. Vielleicht müssen die bisherigen Skeptiker auf diese traurige Weise erleben, wie Recht die Bibel hat.

    Diskutieren kann man über dieses Thema nicht. Wer einen falschen Weg gehen will, kann dies tun. Dennoch bleibt die Möglichkeit der Vergebung Gottes. Es bleibt Aufgabe der Gläubigen, dies nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

    Ich rufe hiermit alle Christen auf, diesem Auftrag wieder vermehrt nachzukommen. Um der Liebe willen.

  8. Damien 17. April 2008 um 09:45 #

    @Christoph: Schön für Sie, dass Sie sich mit Gottes Willen so gut auskennen. Ich überlege noch, ob ich Ihre Äußerungen weiterhin frei schalte, hier ist schließlich nicht das evangelikale Missionsforum.

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