Warum Homosexualität (leider) keine Privatsache ist

11 Apr

Zu der Sex-Affäre von Max Mosley hat sich vor einigen Tagen auch ein Freund der offenen Gesellschaft geäußert. Zum Ende des Beitrags heißt es dort:

Der in Deutschland gepflegte Konsens, Sexualität als Privatsache zu behandeln, wenn derjenige nicht gerade á lá Seehofer mit dem intakten Familienleben in der Home-Story kokettiert und im Anschluss die geschwängerte Geliebte sitzen lässt, wird brüchig. (…) Ansonsten gehörte zu unserer politischen Kultur, was sich an einer Anekdote des alten Adenauers festmachen läßt. Dem Alten wurde seinerzeit zugetragen, sein Außenminister von Brentano sei – wie man damals sagte, vom “anderen Ufer”. “Ach wissen Se,” sagte der greise Bundeskanzler im rheinischen Sing-Sang, “solang er mir nischt den Hof macht”. Schön, wenn es wenigstens so bliebe.

Ein Freund der offenen Gesellschaft sollte wissen, dass diese Liberalität einem Teil der Gesellschaft vorbehalten war: dem heterosexuell empfindenden. Die Schwulen bekamen ihre „Privatsache“ vom Strafgesetzbuch verboten, übrigens in der von den Nationalsozialisten verschärften Form. Bis 1994 endlich Rechtsgleichheit zwischen Homos und Heteros hergestellt war.

Für die Presse gilt ähnliches, zum Teil bis heute: (Homo-)Sexualität ist keineswegs Privatsache, sondern immer eine Meldung wert. Das wäre mir bei Heterosexualität neu. Und solange Heteronormativität als gesellschaftliche Struktur erhalten bleibt, wird uns auch diese Ungleichbehandlung erhalten bleiben. Schön, wenn es eines Tages anders wäre…

4 Antworten zu “Warum Homosexualität (leider) keine Privatsache ist”

  1. euckenserbe 11. April 2008 um 10:21 #

    Es ging mir darum, dass in Deutschland zwischen Politik und Journaille ein Konsens darüber herrschte, dass allseits bekannte oder unbekannte sexuelle Vorlieben nicht politisch instrumentalisiert werden. Das war übrigens auch im Boulevard lange üblich, wie der Fall Walter Sedlmayr zeigt. Wäre bekannt gewesen, dass der spießige Volksschauspieler schwul war, seine Karriere etwa als Paulaner-Model wäre umgehend zu Ende gewesen. Das wurde nur bekannt, weil er unter merkwürdigen Umständen ermordet wurde. Und da hat es allenfalls dem Andenken des „Barnabas“ vom Nockerberg geschadet. Seine Neigung war aber in „gut unterrichteten Kreisen“ weithin bekannt, ohne dass sie ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt wurde.
    Ich kenne auch aus dem Kabinett Kohl mindestens einen Minister, dessen Schwulsein allseits bekannt war, ohne dass darüber geschrieben wurde. Gleiches gilt für einen langjährigen Ministerpräsidenten. Westerwelle hat sich selbst geoutet, Wowereit hat das Outing instrumentalisiert, um schneller bei Beckmann an den Tisch zu kommen.
    Die sexuellen Neigungen von Politikern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wurden in Deutschland fast nie zu deren Bekämpfung eingesetzt. Sonst hätte man nicht erst aus den historischen Beschreibungen von der Wohngemeinschaft Helmut Kohls mit Fahrer und Büroleiterin Juliane Weber erfahren.
    Übrigens wurde nicht nur den Schwulen ihre Sexualität verboten, es gab auch den Paragraph der Kuppelei, der es Hoteliers verboten hat, unverheirateten Paaren ein Zimmer zu vermieten. Zwei Männer gingen da schon.
    Natürlich waren die 50iger und 60iger Jahre eine spießige Zeit, aber vielleicht gerade deshalb gab es andere Verhaltensnormen in der Öffentlichkeit.

  2. Damien 11. April 2008 um 16:07 #

    Ja, ja, der Kuppeleiparagraph. Wahrlich keine Glanzleistung. Aber trotz allem ein Unterschied zur Situation von Schwulen, denn deren Sex war eben auch schon verboten, wenn er zuhause statt fand. Und deshalb, weil Homosex und homosexuelle Liebe dermaßen tabu waren, war es vielleicht auch möglich, dass zwei Männer ein (Hotel-)Zimmer miteinander teilen konnten, ohne Anstoß zu erregen.

  3. DDH; Fady-Fan Number 1 13. April 2008 um 00:00 #

    Wie man ja heute wieder feststellen durfte bei der ekelhaften Hetze der BILD gegen Fady Maalouf!

    Langsam werde ich auf die alten Tage noch Dutschke-Tollfinder!!!

Trackbacks/Pingbacks

  1. Lohnende Ziele « Freunde der offenen Gesellschaft - 11. Juni 2008

    […] es für den werten Leser missverständlich wird. Und der ist dann schnell  mit scharfer Kritik dabei und vergißt die ein oder andere vergnügliche Übereinstimmung am […]

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