Vegane Vaginalsekrete

20 Apr

Diese Woche finden bundesweit die so genannten „Aktionstage gegen Sexismus und Homophobie an Hochschulen“ statt. Die ASten aller Universitäten freuen sich wie wild darauf, bietet doch diese Aktionswoche einmal mehr die Möglichkeit, die komplette Sinnlosigkeit Allgemeiner Studierendenausschüsse ein wenig zu kaschieren. Seit Jahrzehnten sitzen die linkssozialistischen bis linksradikalen Mitglieder der ASten mittlerweile schon an den Unis und warten auf die Weltrevolution. Und bis diese kommt, vertreibt man sich die Zeit mit postmodernen und kritischen Theorien, mit Geschlechterthemen und ab und an mit so wichtigen Fragen wie denjenigen, ob man zum diesjährigen 1. Mai in Berlin lediglich voll originelle Transparente gegen Kapital und Nation entwerfen oder vielleicht doch lieber die Toleranz der Staatsmacht im Hinblick auf Pflastersteine testen soll.

Doch genug der Polemik, werden wir ernst. Ich habe natürlich nichts dagegen, wenn es an den Universitäten des Landes eine Aktionswoche gegen Homphobie gibt. Schließlich bin ich mir der Problematik dieser durchaus bewusst. Nur eines will mir nicht in den Kopf: Warum Sexismus?

Natürlich, Menschen mit kritischem Bewusstsein werden mir erklären, dass irgendwie alles mit allem zusammenhänge. Doch als reaktionäre Schwuchtel, verschließe ich mich dieser Argumentation. Sexismus? Gegen Frauen? An einer deutschen Hochschule? Im Jahre 2008? Wollt ihr mich veräppeln?

Gut, zugegeben: Wenn man Sexismus so definiert, dass flirtende Männer ein Ausdruck von strukturellem Faschismus sind, dann sind unsere Hochschulen tatsächlich sexistisch. Und wenn man aus dem geringen Anteil an Professorinen schließt, dass Frauen mit vorgehaltenem Bajonett daran gehindert werden, an den Unis zu lehren, auch dann muss man von Sexismus sprechen. Und weil der Sexismus erst abgeschafft ist, wenn Männer Kinder gebären, können sich die ASten noch eine Zeitlang mit einem Problem beschäftigen, welches im Grunde genommen keines mehr ist.

Aber egal: Homophobie, Sexismus, Kapitalverwertungslogik – ist schließlich alles eine Soße und nur die revolutionären Taten diverser basisdemokratischer Hochschulausschüsse können die Welt retten. In Potsdam z. B. steht für die Aktionswoche folgendes auf dem Programm:

Es finden Workshops zu Themen wie dominantes männliches Redeverhalten oder Feminismus für Männer statt

In der Tat, Thema Nr. 1 klingt tatsächlich wie der Abgrund der Barbarei. Irgendwelche Frauen und ein paar vom feministischen Geist angesteckte Männer werden im Kreis herum sitzen und sich darüber beschweren, dass Männer es zuweilen wagen, den Aussagen von Frauen zu widersprechen, sie zu kritisieren oder zu widerlegen. Beim „Feminismus für Männer“ wird es anschließend darum gehen, zu beweisen, wie scheiße der Mann an sich ist und dass er lernen muss, in der Partnerschaft mit einer Frau seine Wünsche vollkommen hintenanzustellen und lediglich ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

QueerUP [die Potsdamer Hochschul-Homo-Gruppe] lädt ein zum Semesterauftaktessen, im studentischen Kulturzentrum [ ] Kuze wird ein Vortrag zu Homosexualität in Indien gehalten [sic]

Wahrlich bahnbrechende Initiativen, die eigentlich nur eines belegen: Dass Homophobie an Hochschulen ein so großes Problem eigentlich nicht mehr sein kann. Essen gehen, mental nach Indien reisen – klingt alles ziemlich relaxt. Bleibt nur zu hoffen, dass es beim Semesterauftaktessen etwas vernünftiges zu verspeisen gibt, also etwas mit Nährwerten und ohne politische Korrektheit und nicht wie z. B. hier:

das Archiv für Feminismus und kritische Wissenschaft veranstaltet einen veganen Brunch inklusive einer Führung durch die Bestände der Bibliothek.

Die Vorstellung übersteigt meine schlimmsten Albträume: An einem Tisch zu sitzen mit FeministInnen und „kritischen“ WissenschaftlerInnen. Wahrscheinlich wird es sowohl um den Holocaust auf dem Teller als auch um den an den PalästinenserInnen gehen. Und natürlich um das revolutionäre Potenzial von Vaginalsekreten…

Das Grundanliegen der Aktionwoche fasst eine Vorstandsmitgliedin des „freien zusammenschluss von studentInnenschaften (fzs)“ so zusammen:

„Die Hochschulen sind ursprünglich von Männern für Männer gemacht worden. Sie sind zum Teil immer noch eine männliche, patriarchale Einrichtung. Wir wollen mit den Aktionstagen dem etwas entgegensetzen.“

Ist ja schön für die Frauen, dass sich ausnahmsweise mal jemand um sie sorgt. Macht ja sonst keiner. Und was ist nun mit den Homos? Gibt es für uns nur Semesterauftaktessen und Indien? Natürlich nicht:

Eine Regenbogenflagge über dem Potsdamer Uni-Campus soll es zum CSD-Brandenburg 2008 nicht geben. Das entschied kürzlich das Präsidium der Hochschule mit der Begründung, dass „die Außenwahrnehmung der Hochschule in ihrer Gesamtheit vornehmlich auf hochschulpolitische Themen beschränkt sein sollte“. Damit lehnte das Gremium eine entsprechende Anfrage der LesBiSchwulen Hochschulgruppe „QueerUP“ ab, anlässlich des Christopher Street Days sowie der gegenwärtig an der Uni veranstalteten Aktionstage gegen Sexismus und Homophobie auf dem Campus am Neuen Palais die Regenbogenflagge zu hissen.

Nun kann man es wichtig finden, die Regenbogenflagge auf dem Uni-Campus gehisst zu sehen. Es kann einem aber auch schlicht egal sein. Denn mal ehrlich: Brauchen wir Homos an der Uni Potsdam wirklich eine Regenbogenflagge, wenn wir uns statt dessen mit Vorträgen über Indien, veganem Brunch und dominant redenden Männern vergnügen dürfen? Na klar, denn die Reaktion lauert überall:

Tja, so langsam aber sicher nimmt der gesellschaftliche Rollback immer deutlicher sichtbare Formen an!

Wann wachen wir endlich auf und ändern unser verfehltes Selbstverständnis?

Übrigens grotesk, dass die betreffende Schwulen- und Lesbengruppe ihre Rechte und Belange ebenfalls kleinredet: „Heute geht es NUR um die Akzeptanz von Schwulen und Lesben, die ausgeklammert werden soll.“

Nicht gerade ein überzeugendes Statement, das aber viel sagt darüber, wie wir mit uns selbst und mit unseren fundamentalen Rechten in dieser Gesellschaft umgehen!

Und ich hatte immer gedacht, heiraten, Kinder aufziehen und nicht zusammengeschlagen werden gehöre zu meinen fundamentalen Rechten. Aber gut: Das Hissen einer Flagge ist eigentlich genau so wertvoll.

Und wer das nicht einsieht, kann gleich NPD wählen.

6 Antworten to “Vegane Vaginalsekrete”

  1. andreschneider 21. April 2008 um 14:18 #

    Vaginalsekrete sind doch lecker…!

  2. doodlez 21. April 2008 um 15:12 #

    Danke. Ich hatte mit genau dieser Meinung immer Angst, ein homophobes, sexistisches Arschloch zu sein.

  3. creativesideburner1 21. April 2008 um 23:30 #

    Du magst auch nur Männer 😉

    (mal wieder nur wegen der Überschrift hier)

  4. creativesideburner1 30. Dezember 2008 um 15:29 #

    Frohes Neues!

Trackbacks/Pingbacks

  1. “Ey, hast du’n Problem mit Schwulen?!” « The Rear Window - 21. April 2008

    […] Angst, eine sexistische, homophobe Chauvi-Sau zu sein durchs Leben gewandert. Jedenfalls bis ich diesen Artikel auf Gay West gelesen habe, der mich auch an eben jene Anekdote […]

  2. Beachtung von Sexismus « Raumzeit - 21. April 2008

    […] Türkei Ganz dolle wird der Sexismus von studentischen Vertetern an den Unis wahrgenommen, Adrian berichtete unlängst auf seinem Blog über die Erstie-Kampagnen an der Potsdamer Uni. Weniger […]

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