Schwule Islamisten?

9 Mai

Vor einigen Wochen erschien in der taz ein Text Zur langen Geschichte einer unseligen Diffamierungsstrategie. Gemeint ist die Unterstellung, Nazis seien allesamt verkappte Homosexuelle. Interessant ist, von wem diese Denunziation ausgeht, allesamt sind es Helden der Linken: Seien es die „Blues Brothers“ oder der Karikaturist Manfred Deix, die Schriftsteller Elfriede Jelinek, Bertolt Brecht, Maxim Gorki oder der Begründer einer Richtung der Körpertherapie, Wilhelm Reich.

Damit ist erneut ein Mythos aus der Versenkung aufgetaucht, der beinahe so alt ist wie der Faschismus selbst und stets als Neuigkeit gepriesen wird: Homosexualität als bestimmender Impuls des Nationalsozialismus, ja als Motiv für den Zusammenhalt militanter Männerbünde im Allgemeinen. Der Publizist Alexander Zinn hat in mehreren Veröffentlichungen nachgewiesen, dass die Wurzeln dieser Idee bis in die frühen Dreißigerjahre zurückreichen – als ein Großteil der linken Presse aus politischem Opportunismus versuchte, den Nationalsozialismus mit Homosexualität in einen ursächlichen Zusammenhang zu bringen.

Ein aktuelles Beispiel, diesmal statt der Nazis mit den Islamisten als Bösewichtern, lieferte unlängst Margarete Mitscherlich:

Im taz-Interview vom 24. Dezember behauptete die Psychoanalytikerin ohne jeden plausiblen Anhaltspunkt, der Al-Qaida-Führer Bin Laden sei ein „homoerotischer Narziss“ und die ihn umgebende Männerwelt der fundamentalistischen Islamisten „natürlich stark homoerotisch geprägt“. Zur Begründung ihrer Hypothese führt Mitscherlich die Frauenverachtung des Islam ins Feld – gerade so, als gäbe es zwischen Mann-männlichem Eros und der Unterdrückung von Frauen einen zwingenden ursächlichen Zusammenhang. Der reine Umstand, dass sich Männer zu Lasten von Frauen zu einem Machtbündnis zusammenschließen, lässt jedoch beileibe nicht auf ihre sexuelle Orientierung schließen – sei sie nun bewusst erlebt oder unterdrückt.

Neben der Reproduktion des Klischees vom schwulen Übeltäter und der unbedachten (?) Verwendung der vermeintlichen sexuellen Orientierung zur Diskreditierung eines politischen Gegners beunruhigt die Argumentation Mitscherlichs noch aus einem weiteren Grund. Die real existierende und häufig mit tödlichem Ausgang praktizierte Feindschaft der Islamisten gegenüber Homosexuellen wird mittels der Gleichung „Islamist = Homo“ bagatellisiert und negiert. Auch wenn von dieser Feindschaft in Folge solcher Propaganda nicht mehr die Rede ist – aus der Welt ist sie damit nicht. So werden Linke zum Helfer der Islamisten und projizieren ihre eigene tätige Kollaboration auf die Homosexuellen.

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