Christl und Christa: Homo-Liebe auf dem Prüfstand

30 Mai

Dank der unermüdlichen Missionierungsversuche eines Lesers und der von ihm hinterlassenen URL christa-meves.de/main/Irrweg.pdf bin ich auf ein Dokument mit dem Titel “Ein Irrweg fordert heraus” gestoßen. Es ist zwar nicht von der zum Katholizismus konvertierten Christa, sondern von der ebenso hetero-extremistischen evangelikalen Christl, aber das soll uns nicht daran hindern, wesentliche Gedanken des Textes zu sezieren. Vonholdts Fragestellung

Was ist (eigentlich) Homosexualität?

beantwortet sie anhand von drei Mythen die die öffentliche Meinung über Homosexualität beherrschen:

1. Homosexualität ist angeboren.
2. Homosexualität und Heterosexualität sind gleichwertige Ausdrucksformen menschlicher Sexualität und unterscheiden sich nur in dem einen: Homosexualität ist die Anziehung gegenüber dem eigenen Geschlecht, Heterosexualität die Anziehung gegenüber dem anderen Geschlecht.
3. Homosexualität ist unveränderbar.

Zu Punkt 1: Vonholdt hat Recht, wenn sie konstatiert:

Es gibt bisher keine wissenschaftliche Arbeit, die eine biologische Ursache für Homosexualität
nachweisen könnte.

Das Gegenteil hat allerdings auch noch niemand nachgewiesen. Die Sexualwissenschaft geht zur Zeit davon aus, dass eine homosexuelle Orientierung spätestens im frühen Kindesalter geprägt wird. Spätestens bedeutet, möglicherweise auch früher. Vielleicht auch genetisch. Das gleiche gilt übrigens für Heterosexualität. Die spannendere Frage aber lautet, wieso es jemanden überhaupt interessiert, ob eine sexuelle Orientierung angeboren oder wodurch auch immer erworben wird. Solange man nicht beabsichtigt, die (homo)sexuelle Orientierung auszurotten zu verändern, kann einem der Grund ihrer Entstehung im Grunde genommen doch herzlich egal sein.

Zu Punkt 2: Demnach gebe es

signifikante Unterschiede zwischen Homosexualität und Heterosexualität.

Zum Beispiel bezüglich des Risikos, an AIDS zu erkranken, betrage

der Risikoanteil für Männer, die Sex mit Männern praktizieren 58,0 Prozent; der Risikoanteil für Männer, die sich nur heterosexuell verhalten, beträgt 1,5 Prozent.

Das nennt man unlauter. Die Gruppe der Männer, die Sex mit Männern praktizieren umfasst bekanntlich auch die Männer, die sich selbst mehr oder weniger ausdrücklich nicht als homosexuell, schwul oder derartiges bezeichnen oder verstehen. Wer mit Präventionsarbeit vertraut ist, der kennt auch die Problematik des Risikoverhaltens von Männern, die Sex mit Männern praktizieren und sich für nicht ansteckungsgefährdet halten, weil sie ja “nicht schwul” seien. Mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko aufgrund von Homosexualität hat dies also nichts zu tun.

Zu allen weiteren “Erkenntnissen” bezüglich eines höheren Erkrankungsrisikos homosexueller Männer bzw. eines erhöhten Risikoverhaltens, erhöhter Raten sexueller (Un)Treue etc. wüßte ich gerne, wo man die befragten Personen ausfindig gemacht hat. Wenn man an Orten nachfragt, die dafür bekannt sind, dass dort anonymer Sex praktikziert wird, ist es wahrscheinlich, dass man andere Antworten erhält, als wenn man bspw. schwule Pfarrer befragt. Bei der folgenden Befragung der Universität Zürich hätte ich gerne die entsprechenden Daten einer heterosexuellen Vergleichsgruppe:

Die Männer hatten im Durchschnitt bislang in ihrem Leben 80 Sexualpartner gehabt. Die Anzahl der Sexualpartner in den 12 Monaten vor der Befragung lag im Durchschnitt bei 10, bei den Männern zwischen 30 und 49 Jahren lag sie bei 12-15. „Zwei Drittel aller Befragten waren in den 12 Monaten mit mindestens einem festen Freund zusammen und 90 Prozent aller Männer hatten im gleichen Zeitraum einen oder mehrere Gelegenheitspartner.“

Der Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt berichtet dagegen über eine Studie mit Teilnehmern aus Hamburg und Leipzig, wonach die Unterschiede zwischen Homos und Heteros minimal sind: Ähnlich hoch ist demnach nicht nur die Anzahl der bisherigen Partnerschaften, sondern ebenso der Grad der Treue.

Vonholdt:

Personen, die homosexuellen Sex praktizieren, leiden deutlich häufiger an psychischen Erkrankungen als Personen, die sich nur heterosexuell verhalten. Bei Männern, die Sex mit Männern haben, fällt die große Zahl der Angstneurosen und schweren Depressionen auf.

In der Literatur ist hinreichend beschrieben, wie die Diskriminierung von Homosexuellen die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen in dieser Gruppe erhöht. Daher ist die Argumentation Vonholdts an dieser Stelle an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten – schließlich trägt sie mit ihrer Propaganda dazu bei, dass die von ihr beschriebene Problematik vermutlich auch weiterhin existiert und neue Nahrung erhält.

Diejenigen Schüler und Schülerinnen, die sich als homosexuell, lesbisch oder bisexuell bezeichneten, ließen sich deutlich häufiger auf gesundheitsschädigendes und anderes Problemverhalten ein als diejenigen, die sich als heterosexuell bezeichneten.

Hier gilt dasselbe wie bei den psychischen Erkrankungen. Wer Jugendlichen die Akzeptanz der eigenen (homo)sexuellen Orientierung erschwert, braucht sich anschließend nicht zu wundern, wenn diese gesundheitsschädliches Verhalten zeigen.

Zu Punkt 3:

Die Forschung hat zahlreiche Hinweise darauf, dass eine homosexuelle Neigung in einem komplizierten Entwicklungsprozeß erworben wird und dass dabei frühkindliche emotionale Verwundungen, chronische Traumata und bestimmte Störungen in der Familienstruktur, oft zusätzlich auch sexueller Missbrauch, eine wichtige Rolle spielen.

Wie oben schon beschrieben, hat die Forschung keinerlei Idee darüber, wie sexuelle Orientierungen entstehen. Die Ansicht, dass eine homosexuelle Orientierung Ausdruck eines frühkindlichen Defizits oder Traumas sei, wird ausschließlich von christlichen Fundamentalisten vertreten und kann sich nicht auf seriöse Forschungsergebnisse berufen. Daher stimmt auch der nächste Satz nicht:

Veränderung einer homosexuellen Orientierung hin zu einer reifen Heterosexualität ist möglich durch geeignete Therapien, geschulte Seelsorge und Teilnahme an Selbsthilfegruppen/Seminaren.

Warum die von Vonholdt propagierte “Therapie” unseriös und ethisch verwerflich ist, haben wir hier verlinkt. Woraus entwickelt sich nach Meinung von Vonholdt nun Homosexualität?

Der Junge sucht die Verbindung zum Vater und damit zur männlichen Welt. Wenn er aber den Vater als zurückweisend, kalt, emotional unzugänglich, desinteressiert, kühl und abweisend oder als brutal und direkt verletzend empfunden wird, kann es sein, dass sich der Junge verletzt und gekränkt zurückzieht. Wir sprechen hier von einer narzisstischen Verwundung und von „defensiver Abkopplung“. Es ist dieser innere Rückzug vom Vater und damit von der männnlichen Welt, der eine entscheidende Weichenstellung für die homosexuelle Entwicklung darstellt.

Diese Verwechslung von Ursache und Wirkung hat Isay vom Kopf auf die Füsse gestellt: Es ist genau umgekehrt. Der Vater, der spürt, dass ein Sohn “anders” ist, reagiert darauf mit Rückzug. Jetzt fühlt sich der Sohn allein gelassen. Und was passiert dann?

Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass homosexuell empfindende Männer deutlich häufiger sexuellem Missbrauch in der Kindheit ausgesetzt waren als heterosexuell orientierte Männer.

Das als Ursache für Homosexualität zu behaupten, ist dreist. Das Problem ist vielmehr, dass homosexuell empfindende Jungen, die von Männern sexuell missbraucht werden, große Schwierigkeiten dabei entwickeln können, ihre sexuelle Orientierung zu akzeptieren. In der Folge kommt es z.B. zu Depressionen, Angstzuständen – siehe oben.

Kommen wir zum Schluß des Textes von Vonholdt:

Wir alle suchen Ergänzung. Wir alle verlieben uns in das Andere, denn das „Geheimnisvolle“ ist das Erotisch-prickelnde. Der heterosexuelle Junge verliebt sich in das Mädchen, weil Weiblichkeit für ihn ein Geheimnis ist. Der homosexuell empfindende Junge verliebt sich in sein eigenes Geschlecht, weil Männlichkeit für ihn ein Geheimnis ist.

Nach der Logik müßten sich Schwule immer nur in Heteros verlieben, weil nur die Männlichkeit repräsentieren. Homosexuelle Beziehungen könnten demnach nicht funktionieren, weil beide Partner stets auf der Suche nach Männlichkeit wären, die sie aber bei einem anderen Schwulen nicht finden können. Das erklärt, warum Vonholdt und ihre Sekundanten gegen alle Evidenz krampfhaft daran festhalten müssen, dass homosexuelle Beziehungen nicht von Dauer sein können. Nähmen sie das Gegenteil zur Kennntnis, bräche ihnen ein entscheidender Baustein ihrer abstrusen Theorie zusammen und ihr eigener Irrweg würde deutlich.

10 Antworten zu “Christl und Christa: Homo-Liebe auf dem Prüfstand”

  1. Thommen 30. Mai 2008 um 23:40 #

    Es ist merk würdig, dass bei Heterosexuellen nie diskutiert wird, wie die vor lauter Identifikation mit Müttern und Frauen … bis zu DWTs, Strapsträgern und TVs TS… denn zu einer männlichen Identifikation kommen sollen…

    Es hat mal jemand vor über 50 Jahren die Homosexualität zu den “verkappten Religionen” gezählt (Zufallsfund im Antiquariat). :)

  2. Albert 31. Mai 2008 um 01:48 #

    Ich bin auch der Meinung, dass es praktisch egal ist, aber trotzdem:
    was ist deiner meinung nach der Unterschied zwischen Heten und Homos?
    (bemerke: keine einseitigkeit! ! ; )

    Oder könntest mir jemand Links oder Buchtips geben, die aus der Sicht von Schwulen das Thema sinnvoll reflektieren?

    Merci

  3. Adrian 31. Mai 2008 um 10:30 #

    Albert, vielleicht reicht Dir diese Definition: Heten stehen auf das andere Geschlecht, Homos auf das eigene.

  4. Thommen 31. Mai 2008 um 12:29 #

    Es gibt auch so eine Art von Männern, die zwar Männer lieben, aber nicht wahrhaben wollen, dass es abei nicht nur darum geht, einen Menschen auf den Bauch zu drehen… ;))

    Die meisten Männer können den Unterschied zwischen Männern und Frauen und Schwulen überhaupt nicht erkennen oder vestehen. Sie wissen aber sehr genau, dass sie NICHT WIE DIESE… sein wollen! In diesen Fällen bringen Diskussionen nix.

  5. Adrian 31. Mai 2008 um 12:32 #

    Männer, Frauen, Schwule? Gibt’s jetzt schon drei Geschlechter?

  6. Thommen 31. Mai 2008 um 12:55 #

    Männer werden ja von “richtigen” Männern (und übrigens auch Frauen!) zu solchen gemacht…

    Immer in Hinsicht auf “sinnvolles reflektieren…”! Dazu ist anzumerken, dass Heteros den Homosexuellen diese Reflektion wohl kaum allgemein zutrauen werden, weil es dies auch an ihrem Selbstverständnis kratzen würde! Und Schwule, die bewusst reflektieren, werden meistens wie Emanzen behandelt… ;)

  7. Adrian 31. Mai 2008 um 12:57 #

    Nein, Thommen, Männer werden durch eine Kombination von einem X- und einem Y-Chromosom zu Männern gemacht.

  8. Damien 31. Mai 2008 um 13:02 #

    Und ich dachte, Männer werden durch eine Kombination von K und Y zum Mann gemacht…

  9. Damien 31. Mai 2008 um 13:33 #

    Jungs, wo seid Ihr hin? Vorrat fürs Wochenende kaufen? Ach so, weil ich grade gefragt wurde: http://de.wikipedia.org/wiki/K-Y_Jelly

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  1. Das Netzwerk der Evangelikalen « Steven Milverton - 23. März 2009

    [...] Christl Ruth Vonholdt über “Weibliche Identitätsentwicklung und mögliche Probleme” [...]

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