Wie Schwule im Islam lernen, ihrem unproduktiven Dasein doch noch einen Sinn abzugewinnen

17 Jun

„Islam und Homosexualität“ ist ein Artikel von Alfred Hackensberger bei Telepolis überschrieben, der einige der gängigen Denkfehler zum Thema zusammen fasst – leider ohne jede kritische Absicht.

Im heutigen, offiziellen Islam sind Homosexuelle nicht gerne gesehen, und sie können laut Gesetz bestraft werden, obwohl das mit der Lebensrealität wenig zu tun hat.

lesen wir gleich zu Beginn des Artikels. Es gibt also einen inoffiziellen Islam und dort sind Schwule herzlich willkommen. Stimmt das tatächlich? Wir kommen später darauf zurück. Beginnen wir mit einem historischen Rückblick:

Im 17., 18. und 19. Jahrhundert berichteten bereits Europäer, die den Nahen und Mittleren Osten bereisten, von unverblümten gleichgeschlechtlichen Sexualpraktiken. In einem Ausmaß, dass man annahm, alle Muslime seien von Natur aus bisexuell. In der ottomanischen Türkei trieb man schöne Knaben als Steuer ein und der Sultan hatte seine Lieblingsjünglinge.

Erinnert ein wenig an die Darstellungen der Päderastie im alten Griechenland, die mit einverständlichen homosexuellen Beziehungen zwischen zwei Erwachsenen rein gar nichts zu tun hatte.

Nicht minder offenherzig ging es in anderen Landen zu. Viele werden sich noch an die mittlerweile altertümlichen Ausdrücke „Persisch“ und „Türkisch“ erinnern, die man vor Jahren noch als Synonym für Analverkehr benutzte.

Nun wäre mir neu, dass Analverkehr ausschließlich von Homosexuellen praktiziert wird, aber das Entscheidende bei dieser Einleitung ist die Zeit um die es darin geht. Selbst wenn im Mittelalter Homosexualität im Orient gang und gäbe gewesen wäre, was änderte das an der Repression, die dort heute herrscht? Negiert der Autor diese auch? Sagen wir mal so. Er macht die übliche Unterscheidung zwischen Homosexualität und Homosexuellen auf. Diese sei erlaubt, nun ja, irgendwie toleriert werde sie jedenfalls, wenn, ja wenn sie nicht von Homosexuellen praktiziert werde. Die nämlich seien nun gar nicht akzeptiert. Das sei aber gar nicht tragisch, schließlich ist sich nur auf ein Geschlecht zu reduzieren voll kontraproduktiv:

Homosexualität ist seit Jahrhunderten ein Bestandteil islamischer Kultur und bis heute überall präsent. Wobei man sie jedoch nicht mit westlichen Vorstellungen verwechseln darf. Beziehungen zwischen Männern schließen nicht automatisch Beziehungen zu Frauen, Heirat und Familie aus. Bei Frauen ist es nicht anders. Niemand würde auf die Idee kommen, sich als Homosexueller zu bezeichnen, geschweige denn zu outen. Was für einen Sinn sollte das machen? Sich außerdem nur auf ein Geschlecht zu reduzieren, ist kontraproduktiv, limitiert es doch die Genussmöglichkeiten um die Hälfte.

Homosexuelle sind, so betrachtet, arme Schweine, die sich unnötig ums heterosexuelle Glück bringen. Ein Hoch dem Islam, der den Schwulen solche Versagungen nicht zumutet. Dummerweise ist diese feinsinnige Unterscheidung noch nicht bis zur Justiz und Politik in den jeweiligen Ländern durchgedrungen:

Umso unverständlicher ist die Bestrafung für gleichgeschlechtlichen Sexualverkehr in manchen Ländern. In Saudi-Arabien, Mauretanien, im Sudan, Iran und Jemen droht sogar die Todesstrafe. Dasselbe galt auch für Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban und im Irak unter Saddam Hussein, der noch 2001 eine spezielle Anordnung dazu erließ. Besonders rigide unter diesen Ländern ist der Iran, der nicht davor zurückschreckt, auch Jugendliche hinzurichten. Seit der islamischen Revolution 1979 soll der Iran bis 4000 Menschen exekutiert haben, die homosexueller Handlungen beschuldigt waren.

Dabei gibt es doch auch in islamischen Ländern längst humanere Alternativen zur Hinrichtung:

In Saudi-Arabien wird die Todesstrafe selten angewandt, Behörden versuchen mit alternativen Bestrafungen, wie Geldbußen, Auspeitschung und Gefängnis über die Runden zu kommen. Was letztendlich nicht viel besser ist, aber immerhin nicht der Tod.

Touristen, die sich verhalten, als seien sie im Orient zuhause, brauchen sich natürlich nicht zu wundern, wenn sie verhaftet werden:

Manchmal geraten westliche Besucher in Konflikt mit der Polizei, weil sie im Überschwang der Urlaubsgefühle vergessen, dass sie nicht zuhause sind. Sie halten sich nicht an den lokalen Code, der vor allen Dingen Diskretion meint und wie ein Vorhang funktioniert, hinter dem (fast) alles möglich ist.

Denn so ist er nun mal, der Tourist aus dem Westen. Gefühle, die eigentlich ins Schlafzimmer gehören, werden schamlos in der Öffentlichkeit präsentiert. Im Islam dagegen weiß man noch, was Diskretion heißt und hinter die eigenen vier Wände gehört:

Es ist eine Mentalitätsfrage: Die einen müssen ihre Gefühlswelt nach Außen tragen, hinaus in die ganze Welt, auf dass es jeder weiß. Für die anderen ist und bleibt es Privatsache. Man tut und genießt, was man will, ist glücklich und zufrieden. Welchen Sinn macht es dann, dem Nachbarn, der ganzen Straße, womöglich der ganzen Stadt zu erzählen, was man im Schlafzimmer treibt?

Und da sind wir plötzlich gar nicht weit weg von der Situation im dekadenten Westen. Denn dasselbe dämliche Argument hören wir hier Tag für Tag von Reaktionären linker wie rechter Provenienz: Ob Schwule denn ihre Sexualität unbedingt in die Öffentlichkeit tragen müssten? Fragen sie mit einem treuen Augenaufschlag und vergessen jedes Mal, dass Heteros den ganzen Tag nichts anderes tun, als ihre „Sexualität“ in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie küssen sich auf der Straße, halten sich an den Händen, umarmen sich, … und keiner kommt auf die Idee, sie wollten damit ihre Sexualität in die Öffentlichkeit tragen. Denn was bei Schwulen als penetrante Demonstration ihrer abweichenden sexuellen Orientierung interpretiert wird, gilt bei Heteros als unschuldiger Ausdruck ihrer natürlichen Zuneigung füreinander.

Hackensberger, der sich neben seiner journalistischen Tätigkeit auch noch als Schriftsteller versucht, ist  Verfasser eines „Lexikons der Islam-Irrtümer“, in dem z. B. folgendes Missverständnis aufgeklärt wird:

Juden sind die Feinde des Islams.

Falsch, sagt da der Islamkenner. Zu Recht, denn korrekt müsste es heißen:

Der Islam ist der Feind der Juden.

Hackensberger hat zum Beweis der besonderen Homosexualitätsfreundlichkeit des Islam (nicht zu verwechseln mit Homosexuellenfreundlichkeit!) sogar ein Mohammed zugeschriebenes Zitat parat,

das alles möglich macht und sehr gut zur Barmherzigkeit des Islams oder auch zur Gleichheit aller vor Gott passt.

Wobei das Zitat gewisse Einschränkungen für Schwule nahelegt:

Derjenige, der liebt und keusch bleibt und seine Geheimnisse für sich behält und stirbt, stirbt als Märtyrer.

Wahrlich eine tolle Aussicht für Schwule im Islam: Enthaltsam leben, Schnauze halten und zum Abschluß der Märtyrertod. Was für eine großartige Alternative zu der ganzen Identitätshuberei im Westen: Einfach mal den Gürtel umschnallen, ein paar Juden mit in den Tod reißen und schon macht sogar ein schwules Leben Sinn.

Mal sehen, wann sich Evangelikale daran ein Beispiel nehmen. Die treiben Schwule bisher nur in einen völlig sinnlosen Tod.

2 Antworten zu “Wie Schwule im Islam lernen, ihrem unproduktiven Dasein doch noch einen Sinn abzugewinnen”

  1. Jacques Auvergne 17. Juni 2008 um 20:49 #

    Hervorragend, ein Lesevergnügen. Wichtige Anmerkungen.

  2. ralf balke 18. Juni 2008 um 14:37 #

    was erwartet man von einem autor, der in seinem lexikon der islam-irrtümer zum thema freiheit der forschung folgenden bullshit schreibt: „im iran herrschen verhältnisse, von denen wissenschaftler in den USA und anderen Ländern nur träumen können.” die frage brennt auf den nägeln: wie kann es nur sein, dass bis dato noch kein exodus frustrierter akademiker aus dem westen richtung teheran zu beobachten war?

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