Homofreie Burger für homophobe Bürger

11 Jul

Die AFA (American Family Association) ist immer für einen Lacher gut, zuletzt aufgrund ihres Einsatzes für heterosexuelle Fleischklöpse. Aus mir unerfindlichen Gründen erhalten diese evangelikalen Streiter gegen Abtreibung, Pornographie, Homosexualität und weitere weltbedrohende Probleme immer mal wieder Sympathie von deutschen Liberalen. Diesmal hat es Neues und Bekanntes erwischt. Aus dem Boykott-Aufruf der AFA gegen McDonalds aufgrund deren Unterstützung für die Homo-Lobby wird bei NUB die

Forderung, als Unternehmen McDonalds neutral zu bleiben

an der doch nichts verwerflich sei. Dabei steht die AFA wahrlich nicht für eine neutrale Haltung gegenüber Homosexuellen, was immer das auch sein soll. Vielmehr steht der Verein für eine aggressive politische Lobbyarbeit gegen die Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen. Eben deshalb auch greift die AFA den Burger-Konzern an, weil dieser sich für die Gleichberechtigung einsetzt. NUB nun behauptet eine Neutralität, die nicht existiert:

Jedenfalls kann ein Unternehmen sich aus solchen gesellschaftspolitischen Themen durchaus heraushalten.

Selbstverständlich. Es kann sich aber auch einmischen. Dem Individuum kann das alles herzlich egal sein, wenn es einen Burger futtern will oder es kann andere Prioritäten setzen, zum Beispiel die Aufrechterhaltung der Diskriminierung von Homosexuellen und deshalb eben keine Burger bei diesem Konzern kaufen, sondern bei der Konkurrenz, quasi homofreie Burger. Wenn eine bestehende Situation nämlich auf der Diskriminierung einer Gruppe beruht, bedeutet Neutralität die Unterstützung für die Aufrechterhaltung der Diskriminierung.

NUB allerdings ist solch profanen Fragen längst entwichen und sieht schon die Rückkehr einer modernen Variante der Rassentrennung, wenn die Homos nicht endlich gestoppt werden:

Wo kämen wir hin, gäbe es Fastfood-Ketten für Homos, andere für christliche Heteros, vielleicht bald wieder die einen Restaurants für die Schwarzen und Latinos, die anderen für Weiße? Hier die Moslems, dort die Nichtmoslems? An der Ecke ein Schuhgeschäft nur für Grüne, dort eines für CSU-Anhänger. Ließe sich mit anderen Geschäften endlos fortsetzen.

Ja, wo kämen wir hin? Vielleicht in eine liberale, pluralistische, ausdifferenzierte Gesellschaft, in der wir ja auch längst leben… Schließlich gibt es Buchläden für Frauen, Cafés für Schwule, Gotteshäuser für Moslems, Restaurants für Veganer, Hotels für Nichtraucher, Modegeschäfte für Freunde des indischen Tuchs, usw. usf. Wo um alles in der Welt ist das Problem? Einfach dreist ist die Gleichsetzung mit der Rassentrennung: Während damals Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe teilweise mit Gewalt diskriminiert und ausgeschlossen wurden, entscheiden sich im vorliegenden Beispiel Menschen aufgrund ihres Glaubens dafür, einen Konzern zu boykottieren. Falls sie die wirtschaftliche Potenz dafür haben, können sie anschließend auch einen christlich-fundamentalistischen – in NUBs Worten: neutralen – Fast-Food-Konzern gründen, um unbesorgt um die Verschwulung der Welt ihre Mahlzeiten zu genießen. Doch NUBs Ängste reichen tiefer. Ähnlich dem Ressentiment des Antisemiten phantasiert er von der homosexuellen Lobby, die uns allen ihre Dominanz aufzwingen will. In welcher Form das vor sich geht? Indem man versucht,

eine schwulenfreundliche Gesinnung zum gesellschaftlichen Standard, zur Pflicht zu erheben, eine homophobe Gesinnung bzw. jede religiös oder anderweitig begründete Ablehnung der Schwulenehe zu einer verwerflichen Gesinnung zu erklären.

Natürlich kann man die „Schwulenehe“ ablehnen, ohne deshalb schwulenfeindlich zu sein, es kommt auf die Begründung an dabei. McDonalds unterstützt allerdings nicht einmal „die Schwulenehe“, sondern eine Lobbygruppe, die sich für Diversity und Antidiskriminierung im Arbeitsbereich einsetzt. Keine Ahnung, was NUB daran so sehr stört, dass er deshalb ausgerechnet die Meinungsfreiheit in Gefahr sieht. Wenn überhaupt, ist die im vorliegenden Fall doch wohl durch die Evangelikalen bedroht, die zum Boykott von McDonalds aufrufen.
Und, so frage ich mich, was wäre eigentlich so schlimm an einer schwulenfreundlichen Gesinnung als gesellschaftlichem Standard? Natürlich kann man für das Recht auf die Ablehnung von Schwulen plädieren. Ebenso wie auf das für die Ablehnung von Juden, Schwarzen, Behinderten, etc. Warum das aber ein Herzensanliegen eines Liberalen ist statt dem argumentativen Kampf gegen solche Dumpfbacken und Hassprediger, das leuchtet mir nun gar nicht ein. Ob es bei solch merkwürdiger Argumentation noch Sinn macht, zu versuchen, wie NUB schreibt,

den anderen zu überzeugen oder ihm zumindest etwas Substanzielles entgegen zu halten,

wage ich zu bezweifeln. Wenn man es nicht besser wüßte, könnte man vermuten, da wolle sich einer einfach nur für die Autorenschaft in der eigentümlich frei empfehlen.

8 Antworten zu “Homofreie Burger für homophobe Bürger”

  1. NUB 12. Juli 2008 um 09:14 #

    Ich glaube, um was es eigentlich geht, ist hier nicht so recht verstanden worden. Aber das kommt wohl häufiger vor, wenn bei einem Thema automatisch auf Kampf-Modus geschaltet wird, verständlich, wenn man sich betroffen sieht.

    Mich persönlich stört überhaupt nichts an McDonalds, von mir aus können die so viele Schwule beschäftigen, auch als Führungskräfte, wie sie wollen.

    Der Punkt, von dem mein Beitrag handelt, ist der Umgang mit intoleranten Meinungen. Die intolerante Meinung zu untersagen oder auszublenden, mag Euch richtig erscheinen, weil dann mal der Spieß umgedreht wird.

    Wer von der US-amerikanischen Gesellschaft auch nur ein kleines Bisschen Ahnung hat, der weiß, dass der christliche Einfluss dort viel größer ist als hier in Europa. In diesem Kontext ist das Eintreten eines Unternehmens für die Gleichberechtigung eine politische Aussage.

    Ihr schreibt es ja selber:
    Dabei steht die AFA wahrlich nicht für eine neutrale Haltung gegenüber Homosexuellen, was immer das auch sein soll. Vielmehr steht der Verein für eine aggressive politische Lobbyarbeit gegen die Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen. Eben deshalb auch greift die AFA den Burger-Konzern an, weil dieser sich für die Gleichberechtigung einsetzt.

    Das ist genau der Punkt, um den es geht. Soll sich ein BURGER-Konzern in Politik einmischen, indem es sich für Gleichberechtigung einsetzt? Daraus, dass ich dies zunächst mal in Frage stelle, macht Ihr: „Doch NUBs Ängste reichen tiefer. Ähnlich dem Ressentiment des Antisemiten phantasiert er von der homosexuellen Lobby, die uns allen ihre Dominanz aufzwingen will“ — Ihr arbeitet also mit Diffamierungstaktiken und bestätigt damit lustigerweise genau den Vorwurf, den Ihr unterstellen wollt, dass nämlich ein gesellschaftlicher Kampf aus der Sache werden soll, bei dem Ihr durchaus eine Meinung aufzwingen wollt. Eure.

    Wer Eure Meinung mal nicht teilt oder hinterfragt, wird unter „homophob“ einsortiert. Also ab in die Homophob-Schublade. Man darf nur für Euch oder gegen Euch sein, sonst nichts. Aber genau das ist eine Herangehensweise, mit der in der bestehenden amerikanischen Gesellschaft ja wohl überhaupt gar nichts im Sinne von Antidiskriminierung zu erreichen ist. Mag eine verordnete Gesinnung in Old Europe noch irgendwie als normal im politischen Kampf gelten, wird der durchschnittliche Amerikaner Euch spätestens jetzt den Mittelfinger zeigen.

    Ob es Euch passt oder nicht, Ihr könnt den Überbringer der Botschaft ruhig steinigen, aber in den USA ist eine intolerante Meinung nun mal genauso eine durch die Meinungsfreiheit geschützte Meinung wie eine tolerante und eine christliche so wie eine nichtchristliche. Das sind Tatsachen, das habe ich mir nicht ausgedacht.

  2. Adrian 12. Juli 2008 um 12:42 #

    „In diesem Kontext ist das Eintreten eines Unternehmens für die Gleichberechtigung eine politische Aussage.“

    Ja und? Darf ein Konzern etwa keine politischen Aussagen treffen?

    „Soll sich ein BURGER-Konzern in Politik einmischen, indem es sich für Gleichberechtigung einsetzt?“

    Warum sollte er nicht?

    „Wer Eure Meinung mal nicht teilt oder hinterfragt, wird unter “homophob” einsortiert.“

    Blödsinn. Der Verdacht liegt aber dann nahe, wenn man für eine Äquidistanz zwischen schwulenhassenden Christen und dem homofreundlichen McDonalds eintritt.

    „aber in den USA ist eine intolerante Meinung nun mal genauso eine durch die Meinungsfreiheit geschützte Meinung wie eine tolerante und eine christliche so wie eine nichtchristliche.“

    Das ist uns sehr wohl bewusst. Du scheinst allerdings nicht zu verstehen, dass der Schutz der Meinungsfreiheit nicht bedeutet, dass man im Hinblick auf verschiedene Meinungen Neutralität wahren muss.

    Interessant übrigens, dass Du wieder fantasierst, wir wollten der Gesellschaft eine Meinung aufzwingen, bloß weil wir es – gelinde gesagt – merkwürdig finden, dass jemand für strikte Neutralität eintritt, wenn es um Schwulenhasser geht.

  3. NUB 12. Juli 2008 um 13:40 #


    “In diesem Kontext ist das Eintreten eines Unternehmens für die Gleichberechtigung eine politische Aussage.”

    Ja und? Darf ein Konzern etwa keine politischen Aussagen treffen?

    “Soll sich ein BURGER-Konzern in Politik einmischen, indem es sich für Gleichberechtigung einsetzt?”

    Warum sollte er nicht?

    Z.B. weil das die Aufgabe von Politikern ist? Warum verzichten die demokratischen Staaten nicht gleich ganz auf die Parlamente und Minister, einige libertäre Kollegen wollen die Regierungen ja ohnehin abschaffen!

    Lassen wir das Firmen und Lobbyisten austragen! Die können eine öffentliche Tortenschlacht veranstalten, vielleicht kann man das in eine Fernsehsendung einbetten. Die AFA-Lobby stellt ihre Fundi-Christen auf und die Schwulen und Lesben treten gegen sie an.

    Dass es Lobbyisten gibt, finde ich ja schon schlimm genug, ausdrücklich auch die AFA! Firmen, die ebenfalls noch meinen, jetzt Politik machen zu müssen, finde ich noch schlimmer. Die sollen sich auf ihre Fritten und Burger konzentrieren. Und that’s it.

  4. Adrian 12. Juli 2008 um 14:20 #

    Du findest es also schlimm, wenn gesellschaftliche Gruppen (Lobbies) versuchen Einfluss auf die Politik zu nehmen? Sehr seltsam. Wie soll denn Politik sonst funktionieren? Ich halte es für wünschenswert, wenn sich die Bevölkerung am politischen Meinungsprozess beteiligt.

    „Die sollen sich auf ihre Fritten und Burger konzentrieren.“

    Das ist deine Meinung. Ich finde das wohlfeil. Unternehmen machen zwangsläufig auch Politik. Oder was ist es anderes, wenn z.B. eine Firma sagt, sie gewährt den gleichgeschlechtlichen Paaren unter ihren Mitarbeitern die gleichen Vergünstigungen wie den Hetero-Paaren?

  5. NUB 12. Juli 2008 um 15:00 #

    Vielleicht ist es wohlfeil. Aber das was Du da so bedenkenlos durchwinkst, führt doch klar zu einer Durchpolitisierung der Gesellschaft, des Wirtschaftslebens, auch der Medien, vor der es letztlich kein Entrinnen mehr gibt. Wie man es mit seinen Angestellten so hält, ist dann in einer Firma bereits ein politisches Statement u.s.w.

    Ich halte es auch für wünschenswert, wenn sich die Bevölkerung politisch engagiert, aber das muss nicht unbedingt über Lobbys ablaufen. Du unterstellst dabei, die Organisationen hätten ja nur die idealistischen (oder auch nicht) Ziele, die sie vorgeben, bzw. im Fall der AFA siehst Du halt Schwulenhasser am Werk. Die ganzen Organisationen haben ihre jeweiligen Ideen und Ziele, aber sie haben, so wie Gewerkschaften, einen Selbsterhaltungstrieb. Ich behaupte, die würden nie sagen: OK, jetzt ist unser Ziel erreicht, jetzt können wir uns auflösen.

    Und noch was zur Toleranz: Ich hab mich mal mit einer Muslimin unterhalten, die meinte, es sei so, dass Schwule sich auch anders entscheiden könnten. Für mich war das relativ denkunmöglich, aber sicherlich stimmen sehr viele Christen da genauso zu und sehen im Schwulsein eine Sünde (oder Krankheit) ohne deswegen Schwulenhasser sein zu müssen — gibt es aber auch. So, heißt also, diese Leute sind vorhanden.

    Und so denkunmöglich es mir und auch Euch erscheint, dass jemand seine sexuelle Neigung mal eben austauscht, man muss trotzdem mit diesen Leuten in einer Gesellschaft koexistieren können. Ob es gefällt oder nicht. Eine christliche (oder muslimische) Sichtweise zu haben, ist nun mal Bestandteil der Gesellschaft.

  6. Adrian 12. Juli 2008 um 16:09 #

    „Wie man es mit seinen Angestellten so hält, ist dann in einer Firma bereits ein politisches Statement u.s.w.“

    Natürlich ist die Gewährung von Vergünstigungen auch für gleichgeschlechtliche Paare ein politisches Statement, eben weil es immer noch Leute gibt, welche die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben als kurios, irrelevant oder schädlich für die Gesellschaft empfinden. Umgekehrt ist die Ungleichbehandlung Schwuler und Lesben in einer Firma ja auch ein politisches Statement.

    „Und noch was zur Toleranz: Ich hab mich mal mit einer Muslimin unterhalten, die meinte, es sei so, dass Schwule sich auch anders entscheiden könnten. Für mich war das relativ denkunmöglich“

    Natürlich könnten Schwule sich auch anders entscheiden, genau so, wie sich Heterosexuelle entscheiden könnten, ab morgen, entgegen ihren Empfindungen, nur noch mit dem gleichen Geschlecht emotional-sexuell zu verkehren. Die Tatsache, dass die Grausamkeit dieser Aussage vielen Menschen gar nicht bewusst ist, sagt alles über deren Ansichten gegenüber Schwulen und Lesben aus.

    „sicherlich stimmen sehr viele Christen da genauso zu und sehen im Schwulsein eine Sünde (oder Krankheit) ohne deswegen Schwulenhasser sein zu müssen“

    Ich denke, dass der christliche Mainstream in den westlichen Staaten da schon viel weiter ist.

    Die Bezeichnung von Homosexualität als Sünde ist für mich ein klarer Fall von Schwulenfeindlichkeit. Und wer Homosexualität für eine Krankheit hält, ist natürlich ein Schwulenhasser. Die Pathologisierung (Krankheit) und das Absprechen der Moral (Sünde) einer ganzen Bevölkerungsgruppe, allein auf der Basis derer Zuneigung zum gleichen Geschlecht kann ich nur als Hass bezeichnen.

    „man muss trotzdem mit diesen Leuten in einer Gesellschaft koexistieren können. Ob es gefällt oder nicht.“

    Koexistieren ja, hinnehmen nein. Ich sehe keinerlei Grund darin, neutral zu bleiben bei Menschen, die meine Existenz infrage stellen, die Hass säen und verantwortlich dafür sind, dass Schwule in Depressionen, Selbstanklage und Suizid getrieben werden. Das Verhalten dieser Leute ist für mich einfach nicht hinnehmbar.

    „Eine christliche (oder muslimische) Sichtweise zu haben, ist nun mal Bestandteil der Gesellschaft.“

    Glücklicherweise erkennen immer mehr Christen, dass Schwulenfeindlichkeit und Christentum eben keine organische Einheit sein muss.

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