Sex auf der CSD-Parade: Provokation und Prüderie

14 Jul

Im Kölner Stadt-Anzeiger fand sich vor einigen Tagen ein angenehm unaufgeregtes Plädoyer für Rücksichtnahme bei CSD-Paraden. Hintergrund ist die immer wieder Aufsehen erregende und für Unmut sorgende öffentliche Praktizierung von Geschlechtsverkehr, ob nun auf Wagen, die in der Parade mitfahren oder durch Teilnehmer und Besucher am Rande der Wegstrecke. Tobias Peter plädiert keineswegs gegen die Zurschaustellung nackter Operkörper und Hintern, ebensowenig stören ihn Lack und Lederoutfit von Teilnehmern. Allerdings hält er Grenzen der öffentlichen Darstellung, auch bei einer CSD-Parade, nicht für prinzipiell falsch:

Andererseits muss auch in diesem Fall gelten, dass die Freiheit des einen aufhört, wo die des anderen verletzt wird. Das ist bei einem knappen Lederkostüm sicher nicht der Fall, spätestens aber, wenn zwei Personen anfangen, sich in der Öffentlichkeit oral zu befriedigen. Dazwischen gibt es viele Grauzonen. Wie sie genutzt oder eben nicht genutzt werden, ist eine Frage der Rücksichtnahme.

Damit es keine Missverständnisse gibt, erklärt Peter, was ihn stört und was nicht – und warum Toleranz an der falschen Stelle diskriminierend ist:

Nicht jeder nackte Hintern in der Fußgängerzone ist ästhetisch. Aber er liefert auch keinen Grund, sich zu ereifern – zumal die Tatsache, dass so viele hinschauen, auch mit einem weit verbreiteten Hang zum Voyeurismus zu tun hat. Ebenso ist die Aufregung über „Darkrooms“ im Rahmen von Partys unverständlich. Es handelt sich um geschlossene Veranstaltungen. Dort passiert auch nichts anderes als das, was das ein oder andere Ehepaar aus bürgerlichen Kreisen in Swingerclubs erlebt. Doch auch von Schwulen und Lesben darf Rücksichtnahme gefordert werden. Es wäre sogar grundfalsch, dies nicht zu tun. Homosexuelle anders zu behandeln, weil sie homosexuell sind, ist diskriminierend.

Der Einwand, es werde schließlich niemand gezwungen, eine CSD-Parade zu besuchen, wird ebenfalls zurückgewiesen:

Dabei ist es doch wünschenswert, dass viele dort hinkommen und gemeinsam feiern. Es geht darum, Brücken zwischen Homos und Heteros zu schlagen. Daher verhält es sich mit dem CSD wie mit anderen Partys: Der Gastgeber sollte darauf achten, dass sich alle wohlfühlen können. Ich finde es schade, dass auch manch aufgeschlossener heterosexueller Freund mich nicht zum CSD begleiten wollte, weil er vieles eher peinlich und eklig findet.

Und ein letzter Versuch, Missverständnisse zu vermeiden:

Dies ist alles andere als ein Aufruf zur Prüderie, sondern einer, mit der Provokation intelligent umzugehen. Ein bestimmtes Maß davon gehört bei einer politischen Veranstaltung wie dem Christopher Street Day dazu. Diese Provokation kann sich – gerade weil es um den Kampf gegen sexuelle Diskriminierung geht – auch in gewagten Kostümen äußern. Es wird schwierig, wenn hinter der Provokation das eigentliche Anliegen verschwindet – oder das Gegenteil des Gewünschten erreicht wird.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer meinem Dank an den Gay Dissenter, durch den ich auf den Artikel aufmerksam wurde.

2 Antworten zu “Sex auf der CSD-Parade: Provokation und Prüderie”

  1. rom 14. Juli 2008 um 20:39 #

    Na ja, wenn’s unbedingt sein muss Sex zu haben an dem Tag und beim CSD, dann sollte er doch, wenn möglich, ausserhalb des Blickfeldes von allen Personen stattfinden, die nicht daran beteiligt sind!
    Eine zu grosse Öffentlichkeit bei sexueller Betätigung kann nur das Vorurteil schüren, dass Schwule Sex haben, immer und überall, wie Hunde, Katzen oder Kaninchen!rom

  2. TheGayDissenter 14. Juli 2008 um 22:03 #

    @ Damien:

    Ich hätte zu gerne Dein Gesicht gesehen, als Du den letzten Satz schriebst… 😉

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