Ich habe nichts gegen Schwule, aber…

18 Jul

Liebe Leser, kennen Sie den?

„Also ich habe ja nichts gegen Schwule solange sie mich nicht anmachen.“

Natürlich kennen Sie den. Gehört diese Aussage doch zu den Standardsätzen einer very sophisticated vorgetragenen Ablehnung schwuler Menschen an sich. Denn ist es nicht so, dass Schwule vor allem dadurch auffallen, jedem Mann an den Schwanz zu fassen? Gehört es nicht zu den Übeln großer deutscher Städte, dass sich der gemeine Homo heterophilensis vor Flirt- und Sexattacken rolliger Homos kaum mehr retten kann?

Der größte Witz an diesem Satz ist, dass sich die ihn Äußernden der Dämlichkeit ihrer Worte gar nicht bewusst sind. Wie würde es sich z. B. anhören, wenn ich sagen würde, dass ich eigentlich nichts gegen Frauen habe, solange diese mich nicht anmachen? Bescheuert? Natürlich.

Höchstwahrscheinlich geht die Intention des Satzes sowieso ganz woanders hin. Denn wenn es wirklich nur um die Abwehr unerwünschter Anmachversuche ginge, wäre der Lösungsansatz ja ganz einfach: das Bekunden von Desinteresse sollte im Normalfall schon ausreichen. Ich vermute mal, dass die Betreffenden eigentlich sagen wollen, dass Homosexuelle gefälligst aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu verschwinden haben. Denn immerhin ist Sexualität ja schließlich Privatsache und es muss daher nun wirklich nicht sein, dass der neue Arbeitskollege bei der Weihnachtsfeier seinen Partner mitbringt, während alle anderen Männer der Firma schließlich ihre Sexualität privat halten und ganz selbstverständlich ihre Frauen zu Hause lassen.

Und auch das kennt man: In einem x-beliebigen Internetforum, in dem es normalerweise nur um das Pups- und Kackverhalten des gewöhnlichen Hausmeerschweinchens geht, bringt urplötzlich jemand die Frage auf, was man eigentlich von Homosexualität halte. Neben allerlei merkwürdig toleranten, pseudotoleranten und vor Begeisterung über den schwulen Kumpel himmelhochjauchzenden Antworten ist es nicht unwahrscheinlich, dass irgendjemand in diesem Forum sich genötigt sieht, endlich einmal seine fundierte Kritik am „schwulen Lebensstil“ der Community der Meerschweinzüchter mitzuteilen. Und besonders sauer stößt dem „Kritiker“ an Schwulen auf, dass man sich heutzutage ja schon für seine Heterosexualität entschuldigen müsse. Fürwahr eine Tragödie geradezu griechischen Ausmaßes…

Die Angst vor Schwulen treibt in gewissen heterosexuellen Kreisen wahrhaft seltsame Blüten und steigert sich zuweilen sogar ins Wahnhafte. So auch, wenn folgender netter Spruch rezitiert wird, der gelegentlich wohl auch als Witz verstanden wird:

„Die historische Entwicklung in Bezug auf die Akzeptanz der Homosexualität ist [durchweg] besorgniserregend: Ursprünglich verboten, dann geduldet, jetzt Mainstream – bevor es zur Pflicht wird wandere ich aus.“

Natürlich wird der Rezitierende nicht auswandern, weil er genau weiß, wie realitätsfern die Konstruktion einer solchen Kausalkette ist. Homosexualität als Pflicht herbei zu fantasieren zeugt von einer derartigen Abkopplung von der Realität, wie sie größer kaum sein könnte. Aber warum dann etwas derartig Dummes in den Raum stellen? Na, weil man ja wohl noch sagen können müssen darf, dass die Existenz von Homosexualität ein Ärgernis darstellt. Und ja. Natürlich darf man das. Die Frage ist bloß, warum man soviel Wert darauf legt.

15 Antworten zu “Ich habe nichts gegen Schwule, aber…”

  1. GDmaster 18. Juli 2008 um 21:07 #

    Ein Spruch, den ich mir auch schon anhören musste.
    Die Jungs, die das behaupten, wollen nichts böses.
    „eigentlich sagen wollen, dass Homosexuelle gefälligst aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu verschwinden haben.“
    Ich glaube nicht, dass es eine Kritik an den Schwulen darstellt. So weit denken die meisten nicht. Nein, die Grundmotivationen sind immer sehr einfach.

    In diesem Fall ist es Angst.
    Und zwar möchte der Junge mit seiner Aussage ganz klar machen, dass er nicht schwul ist. Denn Schwulsein würde sein Ego, seine Männlichkeit und seine Würde kränken.
    Unsicherheit spielt da ganz sicher auch mit rein – Siehe:
    http://gdtricks.twoday.net/stories/4934386/

    Und das mit „zur Pflicht werden“ ist meines Erachtens ein Versuch eine unangenehme Situation mit Humor zu meistern
    http://www.bildblog.de/25/zum-weglaufen/

  2. Ralf 18. Juli 2008 um 23:45 #

    Urvater der „Pflicht“ ist übrigens Manfred Rommel. Ausgerechnet bei einer Prunksitzung des Karnevalsvereins in Stuttgart hielt er vor vielen Jahren als damals noch OB der Stadt eine Büttenrede, in der er sagte, früher sei Homosexualität verboten gewesen, nun sei sie erlaubt, und in Zukunft werde sie zur Pflicht. Man stelle sich vor, er hätte eben diese selbe Bemerkung nicht über Schwule, sondern über Juden gemacht. Man hätte ihn nicht nur aus der Bütt, sondern aus dem Amt gejagt.

  3. Friebie 19. Juli 2008 um 08:48 #

    Solche Leute sollten sich mal anhören, was für saudumme, widerliche und z.T. menschenverachtende Anmachen sich v.A. jüngere Frauen von Heten jeglichen Alters anhören/-tun Müssen. Aber wahrscheinlich sind`s die gleichen; Frauen zicken halt nur rum, wenn sie sowas allzu ernst nehmen.

  4. xml-s 19. Juli 2008 um 11:30 #

    Lieber Ralf, meinst du nicht, dass ein Unterschied darin besteht, ob man besagte Kausalkette halbwegs ernsthaft meint, oder ob sie bei der Sitzung eines Karnevalsvereins zum Besten gegeben wird? Dass Judenwitze stigmatisiert sind, hat damit nichts zu tun. Wenn man aus Homophobie die Satire zum bitteren Ernst wandelt, ist das schlimm, aber du kannst nicht den Satiriker dafür verantwortlich machen.

  5. goodnewsdaily24 19. Juli 2008 um 14:51 #

    Ich finde es ja ok, das hier dieser Ausspruch zur Diskussion angeregt wird, aber was ist denn mit dem Spruch: „Heteros knacken?“. Ich selber habe mit Schwulen (ist doch politisch korrekt?) nur die Erfahrung, das man(n) sehr gut mit denen feiern kann (Karneval in Köln). Leider habe ich auch die Erfahrung gemacht, das eben dieses „Hetero knacken“ sehr anstrengend sein kann (Desinteresse wurde als ansporn genommen).
    Vielleicht haben Heteros auch einfach zu wenig Erfahrung angemacht zu werden – machen Frauen ja nicht so oft bei Männern- und so klare Verhältnisse zu schaffen.
    Also nehmt es nicht so persönlich, wenn einmal diese Aussage getroffen wird. Ich bin nicht homophobiert (keine Ahnung wie man das Schreibt) aber möchte auch nicht zu etwas überredet werden, was ich nicht möchte. Ich nenne das Grenzen und wenn wir die in Umgang respektieren steht doch einem freundlichem miteinander nichts im Wege…

  6. Mark P. Haverkamp 19. Juli 2008 um 16:01 #

    In der Kommersansprache eines Alten Herrn meiner Studentenverbindung vor vier Wochen, in der es um Kritik am Individualismus ging, kam plötzlich der Absatz:

    „Und wir müssen auch nicht überall dem Zeitgeist hinterherrennen. Wie es zum Beispiel jüngst eine CC-Verbindung getan hat, wo die Aktivitas auf der Hochzeit eines ihrer Bundesbrüder mit einem anderen Mann chargierte und dazu noch ein Kamerateam einlud.“

    Weder ist das natürlich „Zeitgeist“ noch ist zu vermuten, daß in meiner Verbindung in den nächsten Jahrzehnten auf einer Homo-Hochzeit chargiert würde. Warum wird das also überhaupt erwähnt?

    Aus Angst. Pikant war auch, daß die insgesamt von biologistischem Schmarrn durchzogene Rede von den Zuhörern im Nachhinein hauptsächlich deshalb abgelehnt wurde, weil der „ja nur von Schwulenhochzeiten“ geredet habe.

  7. Ralf 19. Juli 2008 um 19:47 #

    @ xml-s

    Nein, das sehe ich anders. Ein Oberbürgermeister, noch dazu einer, dessen Vater Adolf Hitler als Feldmarschall gedient hat, darf weder in der Bütt noch sonst wo faule Witze über die Schwulenverfolgung im Dritten Reich und in der Bundesrepublik reißen, und er darf das Verlangen einer diskriminierten Minderheit nicht dadurch lächerlich machen, dass er meint, es sei schon genug, die Leute nicht mehr einzusperren oder umzubringen, „es“ drohe ja schon zur Pflicht zu werden. Über keine andere Minderheit in Deutschland hätte Rommel sich auf diesem Niveau zu verbreiten gewagt.

  8. Sky 20. Juli 2008 um 16:30 #

    Hi, LOL, normalerweise lese ich ja keine Blog-Einträge von Schwulenblogs, aber da irgendwo in einem nichtschwulen Bereich hierhin verwiesen wurde ein paar Thesen:
    – Schwule in der Öffentlichkeit, die bspw. ihre gespritzten Brüste präsentieren (müssen nach meiner Kenntnis keine Transen sein, sowas gibts wirklich) oder sonstwie sexuell offensiv auftreten, sind ein Ärgernis.
    – Schwule, die Minderheitenrechte einfordern, die weitergehend sind als die allgemeinen Bürgerrechte, sind anmassend und verhalten sich falsch.
    – Ärgerlich auch für Nichtschwule, wenn man bei Formulierungen wie „Familienstand:verheiratet“ oder „bester Freund“ bereits schwul angeguckt wird, da bereits Schwulness unterstellt wird. Sowas gibts wirklich, offensive Schwule, da hast es doch.

    Weiterhin frohes schwules Wirken!
    LG, Sky

  9. Albert 22. Juli 2008 um 13:31 #

    Kennt diesen Sky jemand?

    Wenn das von ihm geschriebene ironie ist, sorry, ich kann es nicht genau sehen.

    Ansonsten könnte es sich um denselben Sky handeln, der im Antibürokratieteam schreibt und mir auch schon des öfters unangenehm aufgefallen ist.

  10. Strife 7. September 2008 um 17:24 #

    Was wollt ihr mit dem Satz nun sagen ?
    Ich finde den Satz an sich doch nicht böse gemeint und nicht jeder denkt das was da oben draufsteht.
    Auch ich sage diesen Satz und was jetzt ?
    Zwar habe ich einen schwulen kennengelernt, und ich akzeptiere seine Einstellung solange er auch meine Akzeptiert (ich meine sexuelle Orientierung; apro pro ich bin Hetero)
    Und homophobie ? ich bitte euch das sind nur die Leute die ständig sagen wie die sich vor den schwulen ekeln weil die angst haben, dass sie selbst auch mal daran gedacht haben (und wenn es nur ein Gedanke war).
    Ich kann diese Weltansicht nicht verstehen, aber das leben besteht nicht darin sich nur darüber gedanken zu machen warum ein schwuler schwul ist.
    Dafür kann man seine Zeit viel besser verbringen.
    Ich hoffe, dass ich keinen Angegriffen habe und wenn ich es doch getan habe: Pech gehabt ihr nimmt es doch eh viel zu herzen. Das war mein Kommi.

    P.S.: Ihr Schwule wisst nicht wie viele Mädels mit euch gehen würden, weil ihr einen Guten Körper habt.
    Oberflächlich ?
    Wir leben in solch einer welt.

    Peace
    Strife

  11. Damien 8. September 2008 um 18:43 #

    Hi Strife,
    Schwule haben also „einen Guten Körper“? Klingt ziemlich gruselig, wie EIN Organismus, meine erste Assoziation waren die „Alien“-Filme. Habt Ihr Heteros auch nur einen Körper? Dann ist es vermutlich der VOLKS-Körper…

  12. ondamaris 8. September 2008 um 19:35 #

    körper-debatte: lol, treffer versenkt :-))

  13. Strife 10. September 2008 um 11:08 #

    Hi Damien.
    Soll das ein Angriff auf meine Sexuelle richtung sein und dass ich keinen Körper hätte ?
    Klar haben Heteros Körper, aber ich glaube du verstehst die Aussage nicht so ganz.
    Eigentlich sollte das ein Kompliment an euch sein. Aber da der eine oder andere es anders Assoziiert kann ich nur mein Beileid geben.
    Ich hätte nicht gedacht von soetwas von einem Schwulen angegriffen zu werden.
    Najaich schreib ja auch was in einem Schwulen(darf man doch so nennen oder?) Forum/Blog da muss ich etwas toleranter sein.
    Eigentlich seid ihr ja in Ordnung.
    Aber zurück zum Thema ich sag eben auch diesen Satz um eine klare linie zu stellen wo ich stehe. Die Linie stellt keine Ausgrenzung dar, sondern einen festen Standpunkt von mir so wie ihr einen festen Standpunkt habt schwul zu sein.
    Peace Strife

  14. Damien 10. September 2008 um 21:31 #

    Hi Strife,
    Deine sexuelle Orientierung ist mir egal, weißt Du, ich habe nichts gegen Heteros, solange sie mir nicht auf den Wecker fallen. Ob Du einen Körper hast, weiß ich nicht, ich kenne Dich nicht. Heute in der Postmoderne ist ja vieles möglich. Zu 95 % gehe ich aber einfach mal davon aus, dass Du einen Körper hast.
    Das Kompliment habe ich schon verstanden. Ich finde es nur vollkommen fehl am Platz, weil, und das war der Lerneffekt, den Du verweigert hast, Schwule ebenso unterschiedliche Körper haben wie Heteros.
    Klar darfst Du GayWest ein Schwulenblog nennen. Deshalb allerdings mußt Du noch lange nicht toleranter sein. Schreib einfach, was Du zu sagen hast.
    Schwul sein ist übrigens ebensowenig ein Standpunkt wie Hetero sein. Man ist es. Mehr nicht. So schwer ist das doch nicht…

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