Seminar Nummer 3: Warum der Schutz der Freiheit weniger Freiheit erfordert

20 Jul

Als Polemik bezeichnet man „einen meist scharfen und unsachlichen Meinungsstreit im Rahmen politischer, literarischer oder wissenschaftlicher Diskussionen“ (Wikipedia). Ein Text von Hans Christoph Buch – bereits im Jahre 2004 im „Cicero“ veröffentlicht aber in seiner Intention immer noch hochaktuell – ist als Polemik ausgewiesen und birgt gemäß Definition einen wahren Schatz an unsachlichen Thesen, Behauptungen und Unterstellungen. „Ist Gott ein Four Letter Word?“ ist das Ganze überschrieben. Und damit der Leser auch wirklich weiß was ihn erwartet, wird in der Einleitung noch mal präzisiert:

Lange wurden Tabubrüche als Befreiung von Zwängen gefeiert, als Signum einer aufgeklärten Gesellschaft, die sich ihrer Toleranzfähigkeit vergewissert. Oder sind Tabubrüche mittlerweile zwanghafte Routine geworden?

Scheint so, als erwarte einen das volle Programm eines feinst abgeschmeckten kulturkonservativen Delikatesssüppchens. Und wo es um Toleranz, Tabubrüche und deren zwanghafte Inszenierung geht, da ist „Kritik“ an Schwulen nicht weit. Hans Christoph Buch macht da keine Ausnahme. Und beginnt mit einer Episode aus seiner Lebensgeschichte:

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als Homosexuelle öffentlich diffamiert, gesellschaftlich ausgegrenzt und strafrechtlich verfolgt wurden. Damals trat ich für die Streichung des Paragrafen 175 und die Befreiung der gleichgeschlechtlichen Liebe vom Stigma einer krankhaft-kriminellen Veranlagung ein, die sozial schädlich und nur mit Elektroschocks zu kurieren sei.

Diesen Einsatz Buchs hier zu loben, sollte nicht ironisch verstanden werden. Gehörte doch das Bekenntnis für eine Entkriminalisierung und Tolerierung der Homosexualität nicht gerade zum gesellschaftlich-politischen Avantgardismus der alten Bundesrepublik. Aber die Zeiten haben sich geändert und während damals die Schwulen noch verfemt und verfolgt wurden, sieht es heutzutage doch ganz anders aus:

Davon kann heute keine Rede mehr sein: Das Adjektiv „schwul“ ist vom Schimpfwort zum Ehrennamen avanciert, und Homosexualität erscheint nicht länger als Abweichung, die unterdrückt, verdrängt oder therapiert werden muss, sondern als kulturelle Norm.

Nun könnte man Herrn Buch raten, einmal von seinem Schreibtisch aufzustehen und sich hinaus auf die Straße zu begeben, zum Beispiel auf den Schulhof nebenan, um selbst zu erleben, wie ehrenhaft das Wörtchen „schwul“ unter den Schülern verwendet wird und das es in seiner Beliebtheit, nur noch von „Jude“ und „Opfer“ übertroffen wird. Anschließend sollte sich Herr Buch ins nächstbeste Kino oder Theater begeben, um sich dort die überwältigende Fülle an Stoff bezüglich homosexueller Beziehungen zu Gemüte zu führen. Andererseits kann er dafür auch zu Hause bleiben und Fernsehen schauen. Und wenn er das nächste Mal im Straßencafé sitzt, wird er garantiert kaum heterosexuelle Pärchen sehen. Ein Witz? Ja, denn Homosexualität als „kulturelle Norm“ zu bezeichnen, ist nicht mehr als ein Witz. Und ein schlechter obendrein. Da kann dem Herrn Buch auch Wowi nicht helfen:

Es ist „in“, schwul zu sein, und das Coming-Out prominenter Politiker von Westerwelle bis Wowereit zeugt ebenso von der gesellschaftlichen Akzeptanz der Homosexualität wie die Tatsache, dass alles, was in Paris Rang und Namen hat, zur Einweihungsfête des privaten Fernsehsenders Pink TV erschien, bei der rosa Champagner in Strömen floß.

Solche Sätze können nur von Leuten kommen, die selber nicht schwul sind. Menschen vom Schlage eines Hans Christoph Buch wünscht man geradezu, dass sie eines Tages mit der brennenden Begierde zu einem anderen Mann aufwachen, auf das sie selbst erleben, wie es um die gesellschaftliche Akzeptanz der Homosexualität wirklich bestellt ist. Man muss nicht in Larmoyanz verfallen um festzustellen, dass, trotz allen Fortschritts, von Akzeptanz keine Rede sein kann. Mag man als Schwuler samt Partner auch auf jeder bourgeoisen Feier in Paris, London und New York willkommen sein, mag man seiner Dekadenz freien Lauf lassen, indem man den rosa Schampus aus Frauenschuhen trinkt, spätestens wenn man wieder auf der Straße ist und die Stimme des Volkes vernimmt, wird man Akzeptanz geradezu herbeisehnen.

Schwul zu sein gilt als fortschrittlich und schick, denn Homosexuelle, so heißt es, seien einfallsreicher, kreativer und fantasievoller als heterosexuelle Frauen und Männer. Wer sich dem modischen Trend verweigert und auf einer traditionellen Geschlechterrolle beharrt, der oder die gilt als rückständig, reaktionär und langweilig.

Wer wie Buch nur in Klischees denken kann und nicht merkt, wie unsinnig die Vermengung von Homosexualität und Geschlechterrollen ist, dem ist in der Tat kaum noch zu helfen. Denn um den Einwand, dass auch Homosexuelle nicht immer kreativ, einfallsreich und fantasievoll sein müssen, geht es Herrn Buch gar nicht. Denn liest sich das Bekenntnis für traditionelle Geschlechterrollen nicht vielmehr wie ein Plädoyer für die Zwangsheterosexualität, der sich auch schwule Männer zu unterwerfen haben, weil Männer nun mal zu Frauen gehören und das schon immer so war und überhaupt dies nun mal der gesunde Gang der Dinge ist?

So kommt das groteske Resultat zustande, dass sexuelle Perversionen als normal gelten, während die Verteidigung von Ehe und Familie im Sinne eines christlichen Menschenbilds als gefährlicher Extremismus erscheint.

Es ist nicht ganz klar, ob Buch unter die „sexuellen Perversionen“ auch die Homosexualität subsumiert, auf jeden Fall kann man ihm aber vorwerfen, dass er nichts dafür tut um diesen Verdacht zu entkräften. Und er scheint nicht zu merken, wie er selbst dazu beiträgt, den Einsatz für das christliche Bild der Ehe und Familie zwar nicht mit „Extremismus“, aber wenigstens mit unguten Gefühlen zu assoziieren. Denn schließlich halten es die tapferen Streiter für Ehe und Familie nur allzu oft für notwendig, im selben Atemzug den Homosexuellen ihre Menschlichkeit absprechen zu müssen.

Und wie üblich geht alles ganz schnell: Eben war man noch dabei, sein Recht in Anspruch zu nehmen, Homosexualität zu kritisieren und schon findet man sich in einer Klage über den allgemeinen Verfall der Gesellschaft wieder. Denn schließlich kann man ja das eine vom anderen nicht trennen:

Was früher als anstößig und schockierend empfunden wurde – Sodomie, Gummi- und Lederfetischismus, Sadomasochismus und Koprophagie – gehört inzwischen zum Mainstream der Gesellschaft und ruft statt Ablehnung nur noch Achselzucken hervor; sexuelle Perversionen werden wie Kreaturen der Tiefsee als liebenswerte Kuriositäten bestaunt.

Ja klar, auf jeder Party unterhalten sich die Leute darüber, wie man seinen Sexpartner am wirkungsvollsten auspeitscht und ob für Fäkalspielereien feste Scheiße vonnöten ist oder man doch lieber den nächsten Dünnschiss abwarten sollte. Und was hat das alles mit Homosexualität zu tun? Nichts, es sei denn man betrachtet all das als Verstoß gegen die ewigen Gebote Gottes:

Man muss kein katholischer Moraltheologe sein, um sich darüber zu wundern, dass die Berufung auf die Gebote Gottes oder die Dogmen der Kirche Ekel und Abscheu provoziert, so als habe der gescheiterte EU-Kommissar Rocco Buttiglione eine Obszönität geäußert, als er Homosexualität als Sünde bezeichnete, was sowohl christlicher wie jüdischer und islamischer Glaubenslehre entspricht.

Ich bin nun sicherlich kein katholischer Moraltheologe, wundere mich aber, wie bereitwillig Herr Buch hier Dinge zu einem großen Brei zusammenrührt, ohne sich um die viel gerühmte Fähigkeit zur Differenzierung zu bemühen. Für mich kann ich sagen, dass es weniger „Ekel und Abscheu“ waren, die ich angesichts der Äußerungen empfunden habe, sondern eher Verständnislosigkeit gemischt mit ein wenig Wut. Denn es ist mir absolut unverständlich, wie jemand unter Berufung auf eine religiöse Instanz eine ganze Menschengruppe eines moralischen Defekts bezichtigen kann, nur weil diese nicht das andere, sondern das gleiche Geschlecht liebt. Des Weiteren scheint Herr Buch nicht ganz auf der Höhe der Zeit zu sein, wenn er den drei monotheistischen Weltreligionen unterstellt, ihre Lehren in Bezug auf Homosexualität stimmten überein. Zumindest im Juden- und Christentum gibt es breite und breiter werdende Strömungen, die sich von dieser überkommenen Lehre distanzieren – insbesondere hier im Westen – und die in der Homosexualität nicht mehr und nicht weniger sehen als eine Spielart der menschlichen Sexualität, welche an sich keine Grundlage für ein moralisches Urteil bildet.

In einem Punkt nämlich stimmen die drei Weltreligionen miteinander überein: dass Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf und damit dessen Leib geheiligt hat – ein Gedanke, der unserer postmodernen Gesellschaft entweder als hanebüchener Unsinn oder als irritierende Herausforderung erscheint, weil er inkompatibel ist mit der Devise „anything goes“.

Wie bitte schön schafft es Buch aus dem Postulat, Gott habe den Menschen nach seinem Bild geschaffen, eine Ablehnung der Homosexualität herauszulesen? Warum sollte Homosexualität nicht „gehen“, wenn es doch etwas ist, was zwischen selbstbestimmten Individuen praktiziert wird? Wenn Herr Buch sich daran stört, wie Menschen ihre Beziehungen untereinander gestalten, ist das sein Problem. Was geht ihn denn das an?

Doch es wird noch verrückter:

GOTT ist heute ein Four Letter Word, und Begriffe wie Heiligkeit und Sünde gelten als Provokation. (Dass ohne Bewusstsein ihrer Sündhaftigkeit die sexuelle Grenzüberschreitung ihren Sinn und damit auch ihre Anziehungskraft verliert, sei nur in Klammern erwähnt – das Tabu ist der Motor der Lust, wie das mühsam aufrechterhaltene Verbot der Pädophilie beweist.)

Spätestens jetzt haben die Sätze von Herrn Buch jeglichen Sinn verloren und er verfängt sich in seinem eigenen Wust angesammelter Empörung über die Dekadenz der freien, säkularisierten Welt. Denn was da so nebenbei in Klammern steht, kann man guten Gewissens als Gipfel der Irrationalität bezeichnen. Offenbar muss man den Satz so verstehen, dass „sexuelle Grenzüberschreitungen“ nur in einem Milieu gedeihen können, welches diese tabuisiert. Übertragen auf Homosexualität würde das bedeuten, dass diese nur solange existiert, wie sie gesellschaftlich stigmatisiert wird. Dass dies vollkommener Schwachsinn ist versteht sich von selbst. Homosexualität existiert deshalb, weil es für eine bestimmte Anzahl von Menschen nun mal die einzig für sie stimmige Form der Liebe und Sexualität ist und zwar unabhängig davon, ob die Gesellschaft dies nun akzeptiert oder nicht. Die Banalität dieser Aussage ist einem ja schon fast peinlich, aber was soll man machen, wenn es Menschen wie Buch gibt, die einerseits sagen, Homosexualität gedeihe, weil sie „in“ sei, und im nächsten Moment behaupten, nein, mit zunehmender Akzeptanz verliere sie ihre Anziehungskraft. Das Tabu ist eben nicht der Motor der Lust. Der Motor der Lust ist die Lust und sonst gar nichts. Das Buch sich darüber hinaus nicht zu fein ist, in seiner Gesamtbetrachtung von gottlosen Gesellschaften und deren Befruchtung durch Homosexualität und andere sexuelle Perversionen auch noch die Pädophilie einzubringen, sollte an dieser Stelle dann auch keinen mehr überraschen.

Muss das Christentum sich der veränderten Situation anpassen, und hat es das nicht schon immer getan? Ja, gewiss, solange die Anpassung nicht an die Substanz der religiösen Botschaft geht. Es ist nicht wünschenswert, dass der Papst zum Nachbeter des Zeitgeists wird

Zunächst einmal muss „das Christentum“ gar nichts. Es mag sich „dem Zeitgeist“ anpassen oder an seinen Traditionen festhalten, je nach Belieben. Schließlich unterstehen Auslegung und Interpretation der religiösen Botschaft genau so dem pluralistischen, gesellschaftlichen Diskurs wie andere Weltanschauungen auch. Ob es wünschenswert ist, dass der Papst zum Nachbeter des Zeitgeistes wird, ist Ansichtssache. Persönlich halte ich es allerdings nicht für wünschenswert, wenn Papst nebst Kirche am Dogma der Sündhaftigkeit der Homosexualität festhalten, nur weil das schon immer so war. Wer wie Buch offenbar glaubt, man müsse um ein moralischer Mensch zu sein, Homosexualität als Sünde betrachten, hat meiner Ansicht nach keinerlei Vorstellung von Moral und sich nach meinem Dafürhalten als integerer Mensch disqualifiziert.

der Ausverkauf moralischer Werte ist doppelt fragwürdig, wenn dadurch einem aggressiven und intoleranten Islam Tür und Tor geöffnet wird.

Womit sich die kulturkonservative Argumentation geschlossen hat. Damit der Westen dem intoleranten Islam die Stirn bieten kann, muss er also selbst wieder ein gutes Stück intolerant werden und sich von der Instanz Kirche diktieren lassen, was richtig und falsch, gut und böse ist. Die individuelle Freiheit spielt bei dieser Betrachtung naturgemäß keinerlei Rolle. Buch und Konsorten streiten nicht aus Liebe zur Freiheit gegen die Intoleranz des Islam, sondern weil sie ihn als Konkurrenz zu dem von ihnen bevorzugten intoleranten Christentum ausschalten wollen.

2 Antworten zu “Seminar Nummer 3: Warum der Schutz der Freiheit weniger Freiheit erfordert”

  1. Genesis 30. Oktober 2010 um 01:56 #

    Oh Mann, der Kerl will sich ersthaft für die Abschaffung des 175ers eingesetzt haben? So viel Stuss wie er labert, kommt er für mich ehr aus den geheimen Ausbildungslagern des Vatikans.

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  1. B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade » Auch mal einer Meinung - 20. Juli 2008

    […] Herrje, habe ich mich mit den Jungs von GayWest schon gefetzt, und meistens, wenn es um “schwule” Themen ging. Aber hier bin ich mit Adrian mal wirklich einer Meinung: Und wenn er das nächste Mal im Straßencafé sitzt, wird er garantiert kaum heterosexuelle … […]

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