Homosexualität ist Pädophilie unter Erwachsenen

24 Jul

Die Situation in Ungarn nach der Eskalation bei der diesjährigen CSD-Parade beschreibt ein ausführlicher Beitrag auf hagalil unter dem Titel

Freie Bahn für die Feinde der Demokratie.

Deutlich wird dabei, dass es sich bei den Angriffen auf die Parade längst nicht mehr um die bloß verbale Äußerung von Abneigung gegenüber Schwulen handelt:

Kurz vor der Parade wurden auf den Hinweis von Nachbarn hin, die seltsame Gerüche aus einer sonst leer stehenden Wohnung bemerkten, sechs Männer festgenommen, die – dem Augenschein nach einige hundert – Eier mit Säure gefüllt hatten. Auch Chemikalien unbekannter Zusammensetzung, Säureflaschen und Behälter mit entzündlichen Materialien wurden sichergestellt.

Erschreckend ist die Tatsache, dass sich der Hass gegen Schwule – und Juden – offenbar durch alle Altersgruppen zieht und auch vor Polizisten und Rettungskräften nicht halt macht:

Allgemein sind unter den Gewalttätigen nicht nur Hooligans, sondern immer auch gesetzte ältere Menschen zu finden, und wenn sie nicht selbst tätlich werden, so heizen sie die Lynch- und Pogromstimmung mit ihrem Gebrüll an, bei denen diesmal, wie auch sonst, außer schwulenfeindlichen Parolen auch antisemitische Äußerungen und Beschimpfungen des Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány zu hören waren. Nicht selten sind sogar die Polizisten und die Sanitäter, die zum Schutz von Demonstranten bereitgestellt sind, denen offensichtlich feindlich gesonnen, die sie eigentlich verteidigen müssten. So wurde diesmal einigen Teilnehmern der Parade die medizinische Hilfeleistung verweigert, wobei sich die Sanitäter darauf beriefen, dass sie ausschließlich zur medizinischen Versorgung der Ordnungskräfte anwesend seien. Ihre Aussagen wurden von nahe stehenden Polizisten bekräftigt.

Eine Jüdin beschreibt, woran sie die Atmosphäre bei der Budapester Parade erinnert hat:

Gestern habe ich selbst erleben können, wie es sich 1944 angefühlt haben muss, zwischen zwei Reihen von Passanten hindurchmarschieren zu müssen. Wenn ich mir alte Filmaufnahmen angeschaut habe, habe ich mich immer über die Gleichgültigkeit der Leute aufgeregt, die damals auf den Gehsteigen herumstanden und dem Marsch zusahen. Nun habe ich erfahren, wie es sich anfühlt, wenn die Menge nicht nur gleichgültig schweigt, sondern von sich aus auf beiden Seiten der Absperrung „Dreckige Schwuchteln!“ brüllt. (Na gut, sie haben uns nicht bis ans Donauufer marschieren lassen). Aber es war wirklich erschreckend, dass man bis ganz zum Schluss beim Stadtwäldchen nicht aus dem Marsch ausscheren konnte, so gern manche das auch getan hätten. In Höhe der Benczúr Str. leitete man uns auf eine Seitenstrasse um, weil die Polizisten die Andrássy nicht sichern konnten, so brach für eine Weile der Kordon auf. Zwei meiner Angehörigen – ein junges Ehepaar – wollten sich dort aus der Parade ausklinken und auf eine Caféterasse setzen, einerseits weil sie noch zu tun hatten, und andererseits hatten sie schlichtweg Angst. Der Ort schien passend, um sich dort einen Kaffee zu bestellen und sich unter die „friedlichen Bürger“ zu mischen. Es dauerte keine halbe Minute, und sie flohen wieder zurück zu uns, in die „sichere“ Parade – auf der Caféterrasse sahen ihnen solche Mienen entgegen, dass sie es für die bessere Alternative hielten. (Ich habe schon von etlichen Holocaust-Überlebenden gehört /gelesen, warum sie damals freiwillig aus der „Freiheit“ zu ihren Angehörigen ins Ghetto marschiert sind…)

József Orosz, ein auf der Parade bewusstlos geschlagener Journalist, appellierte später an die Öffentlichkeit, einer Situation ein Ende zu machen, in der

die Radikalen in Ungarn schlichtweg Jeden – unsere Mitbürger, Freunde, Familienmitglieder, unsere Liebsten und Kinder, und auch Fremde und Unbekannte – terrorisieren, beleidigen, verprügeln und zusammenschlagen können.

Gábor Vida, Evolutionsbiologe und Genetikforscher, Professor an der renommierten ELTE Universität, ordentliches Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und der European Society for Evolutionary Biology und Inhaber verschiedener Preise, bewies unterdessen, dass

das exklusive, völkische Denken auch in den akademischen Kreisen der Gesellschaft tief verankert ist,

als er in einem Interview im öffentlich-rechtlichen Radio erklärte:

Es gibt viele Erscheinungen, die man als ekelhaft empfindet. Ich bringe Ihnen ein hässliches Beispiel. Nehmen wir das Bettnässen. Oder, wenn jemand seinen Stuhl nicht halten kann. Wenn ein solches Symptom vorkommt, wird es mit Empathie behandelt, und wenn es möglich ist, wird es geheilt. Aber die Bettnässer werden keinen Aufmarsch organisieren und das Recht für sich beanspruchen, weiter ins Bett machen zu dürfen! Gegen solche Erscheinungen hat sich die Menschheit im Laufe der Geschichte immer gewehrt. Sie bedeuten im Zusammenhang mit der Erhaltung der Menschheit eine Gefahr, und zwar eine ähnliche wie die Pädophilie. Wir müssen aufpassen, denn die zwei Dinge sind nicht ganz unterschiedlich. Die Pädophilie gefährdet die Gesellschaft deshalb, weil sie Minderjährige gefährdet. Die Homosexualität deshalb, weil sie Erwachsene gefährdet.

Auch die Gerichte scheinen ihre Unabhängigkeit teilweise aufgegeben zu haben:

„Die immer größere Massen ergreifenden antisemitischen und rassistischen Übergriffe stellen die Geduld der Gesellschaft immer mehr auf die Probe und führen logischerweise zu Konflikten“, steht in einer Petition der Ungarischen Antifaschistischen Liga. „Die Gerichtsurteile scheinen der Reihe nach zugunsten der Rechten auszufallen und hinterlassen den Eindruck, als ob die Gerichte mit faschistoiden Gedanken sympathisieren würden.“

Insgesamt scheint die ungarische Demokratie durch rechte Extremisten bedroht:

Die Entwicklungen der innenpolitischen Ereignisse in Ungarn lassen die traurige Tendenz erkennen, dass sich die in der Gesellschaft bereits seit Längerem vorhandenen rechtsradikalen, ja ausgesprochen faschistoiden, bzw. neonazistischen Gruppierungen zu einer entscheidenden politischen Kraft formieren und die sofortige Machtübernahme mit außerparlamentarischen Mitteln – ja notfalls mit Gewalt – anstreben.

Um die Demokratie zu verteidigen und die antifaschistische Gegenwehr zu organisieren, hat sich die Ungarische Antifaschistische Liga gebildet, die in einem weiteren Artikel bei hagalil vorgestellt wird. Dort heißt es über die Liga u. a.:

Sie behält sich aber auch das Recht zu öffentlichen Aktionen vor.

Wenn demnächst also zur Abwechslung der eine oder andere Faschist mit Eiern beworfen wird, bin ich gespannt, ob das erstinstanzlich ebenfalls als Ausdruck der Meinungsfreiheit interpretiert wird.

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