Seminar Nummer 5: Warum es (wahrscheinlich) kein Schwulengen gibt und das auch gar nicht so verwunderlich ist

17 Aug

Sonntag ist ein Tag der Ruhe und Besinnung. Außerdem ist es der Tag vor Montag, an dem es dann wieder heißt, Geld ranschaffen fürs Sozialprodukt, für die Rentenkassen, Studenten und allerlei staatsökologische und linksalternative Projekte. Und was bietet sich besser an, als zur Entspannung den Sonntag mit ein wenig Naturwissenschaft ausklingen zu lassen? Na also…

Wir sind bereits mehrfach auf die Frage eingegangen, wieso Homosexualität überhaupt existiert, was ihre Ursache sein und wie sie sich im evolutionären Prozess durchgesetzt haben könnte. Summa summarum tappt man bei der Ursachenforschung der sexuellen Orientierung noch immer ziemlich im Dunkeln und niemand kann genau sagen, warum manche Menschen schwul und andere hetero werden, was also die auslösenden Mechanismen der sexuellen Orientierung sind.

Die populärsten Theorien gehen bei der Homosexualität von frühkindlichen Traumata aus, von überstarker Mutterliebe und abwesenden Vätern, von einer Störung der Geschlechtsidentität und psychologischem Knacks. Besonders beliebt sind diese Erklärungen bei christlich-fundamentalistischen Schwulenhassern nebst der Ex-Gay-Bewegung. Man kann sie getrost als absurd ad acta legen.

Und während die einen von einer grundsätzlich angeborenen Heterosexualität ausgehen – bei der sich allerdings niemand bemüßigt fühlt zu erklären, wie diese eigentlich entsteht -, die durch Säkularisierung, Gender-Mainstreaming, böse Mamas etc. pp. lediglich hin zur Homosexualität degeneriert wird, steht es andererseits hoch im Kurs, Homosexualität biologisch zu erklären, sie also als quasi angeboren zu betrachten. Dabei wird der Fokus besonders stark auf die Gene gerichtet und ein bestimmtes Gen als Ursache für die (homosexuelle) Orientierung verantwortlich gemacht.

Die Suche nach dem Schwulengen war gerade in den letzten Jahren ziemlich populär, fiel sie doch in eine Zeit, in der alle möglichen menschlichen Verhaltensweisen auf die Gene zurückgeführt wurden. So glaubte man ein Gen gefunden zu haben, das für Aggressionen verantwortlich zeichnet, für Alkoholismus, für Diabetes usw. usf. Gentechnik könne darüberhinaus in Zukunft bewirken, das Altern zu überwinden oder emotionslose Supersoldaten zu schaffen, die ohne Gewissensbisse töten. Und vielleicht würde man demnächst Krankheiten wie Alzheimer besiegen können. Oder dafür sorgen, dass es nur noch Heteros gibt…

Letzteres hat unter Schwulen und (zu einem geringeren Teil) Lesben, für einiges Stirnrunzeln gesorgt. Dabei ist die Sorge über eine Selektion der Homosexuellen mittels Gentechnik sehr, sehr weit hergeholt. Der einfachste Grund dafür ist der, dass es (höchstwahrscheinlich) so etwas wie ein Schwulengen nicht gibt. Und das bedeutet nicht, dass die sexuelle Orientierung keine biologische Ursache hat, sondern lediglich, dass man, wenn man nach Genen für die sexuelle Orientierung sucht, sich die ganze Sache etwas zu einfach macht.

Der Mensch (Homo sapiens) besitzt 40.000 Gene, das sind gerade mal 21.000 mehr als beim Fadenwurm (Caenorhabditis elegans) und ganze 60.000 weniger als beim Gemüsekohl (Brassica oleracea). Das sollte eigentlich schon reichen, um der Behauptung, Gene kämen als ausschließliche Ursachen für Verhaltensweisen in Betracht, mit Skepsis zu begegnen, denn es dürfte wohl eine Binsenweisheit sein, dass der Mensch über ein wenig mehr Verhalten verfügt als bspw. der Weißkohl im Garten. Schließlich rührt der sich nicht vom Fleck, zeigt wenig Aggressionen, wird nicht betrunken und ist auch selten schwul. Wozu also braucht der so viele Gene?

Es ist eben allzu simpel sich vorzustellen, ein Gen steuere eine bestimmte Verhaltensweise, Vorliebe oder Krankheit. So lassen sich die Ursachen der Diabetes bspw. auf bis zu 90 Gene zurückführen, von denen kein Mensch so recht weiß, welches von denen wann was macht. Dazu kommt, dass Gene nicht einfach so etwas steuern. Manche sind nämlich lediglich dazu da, auf andere Gene einzuwirken. Wieder andere werden nur aktiv wenn bestimmte andere Einflüsse auf sie wirken. Einige Gene sind nur während einer bestimmten Entwicklungsphase des Menschen aktiv und wieder andere sind „je nach Lust und Laune“ mal aktiv, mal passiv.

Conclusio:

– Noch mal: Es wäre äußerst unwahrscheinlich, sollten ein oder auch mehrere Gene ausschließlich für die sexuelle Orientierung verantwortlich sein.

– Dass es kein Schwulengen gibt heißt nicht, dass Homosexualität nicht biologisch bedingt sein kann.

– Die Sorge, Homosexualität zukünftig per Gentechnik verhindern zu können, ist reichlich unbegründet.

– Zukunftsszenarien einer genetisch „perfektionierten“ Menschheit sind ziemlich übertrieben.

Sollte ich mit all diesen Thesen falsch liegen, erinnere man mich daran, wenn es soweit ist. Bis dahin: Schöne nächste Woche!

16 Antworten zu “Seminar Nummer 5: Warum es (wahrscheinlich) kein Schwulengen gibt und das auch gar nicht so verwunderlich ist”

  1. DocTimo 17. August 2008 um 18:59 #

    Lach, ich habe jetzt eine halbe Stunde nachgedacht, was Schwul-engen sind, wohl in Anlehnung an die Meer-enge.
    Jetzt wird’s mir klar. A propos: höfliche Nachfrage, darf ich Euchg auf meinem noch ganz jungfäulichen Blog erwähnen listen ?

    Grüsse, DT.

  2. Damien 17. August 2008 um 20:55 #

    Gerne doch!
    Grüsse, Damien

  3. axyron 18. August 2008 um 05:01 #

    Aus wissenschaftlicher (und erst recht religiöser) Sicht ist die Sexualität des Menschen völlig überbewertet. Schließlich ist sie in dem, was über die einfache biologische Fähigkeit zur Fortplanzung hinausgeht, zur Erhaltung der Art nicht mehr notwendig, seit der erste Mensch das Zustandekommen einer Schwangerschaft verstanden hat. Die Befruchtung einer Eizelle ist ein rein technischer Vorgang, der sexuell nur solange gesteuert werden mußte, wie sapientia noch nicht zur Verfügung stand. Selbst wenn 100% der Bevölkerung homosexuell wären oder überhaupt nicht wie auch immer „sexuell“, wäre die Art nicht gefährdet, solange der Wunsch besteht, sie zu erhalten.

    Die Frage, warum ein Mensch hetero- oder homosexuell wird, ist unter diesem Gesichtspunkt genauso spannend wie die Frage, warum man so groß ist, wie ein Mensch nun einmal so ungefähr ist, und ob es nicht, aus welchen Gründen auch immer, sinnvoll wäre, erheblich kleiner oder größer zu sein.

    Ob eine bestimmte Sexualität wünschenswert wäre oder nicht, ist vollkommen nebensächlich, da sie ihren ursprünglichen Sinn schlicht verloren hat. Sie ist kein Verhalten (das sie auch, genausowenig wie Wachsen oder Altern, nie war), das jetzt noch nutzen oder schaden könnte, sondern ein Zustand, der in einem bestimmten Alter über Nacht eintritt, ob ich das will oder nicht, den ich aber eigentlich gar nicht mehr wahrnehmen müßte, und dessen Ursache, ob Gen oder Vollmond, mich einfach nicht interessiert. Es ist kompletter Blödsinn, etwas wissenschaftlich zu untersuchen, wenn von vornherein feststeht, daß das Forschungsergebnis, egal, wie es aussieht, auf das Weiterbestehen und die Weiterentwicklung der Menschheit noch weniger Einfluß hätte als die Erkenntnis, warum die Banane krumm ist.

    Wünschenswert wäre, nach den Ursachen für einen Bewertungszwang und die dramatisierende Übersteigerung von Hetero- und Homosexualität zu forschen und diesen Defekt zu beheben.

  4. Adrian 18. August 2008 um 10:04 #

    @ axyron

    Ob Du meinst, es sei kompletter Blödsinn die Ursachen der sexuellen Orientierung zu erforschen hat aber keinerlei Folgen, denn es wird weiterhin danach geforscht werden und sollte man irgendwann herausfinden, was die Ursache(n) ist/sind, wird das dann schließlich Folgen haben. Sexualität bewegt nun mal die Gemüter und Homosexualität hat bei nicht wenigen Menschen zur Folge, ihr Sturmgewehr zu entsichern.

    Es wird genug Menschen geben, die alles daran setzen werden, den „Defekt“ Homosexualität auszuschalten, es wird ja jetzt schon versucht.

    Sexualität ist natürlich eine Form von Verhalten, zumindest ist sie Ausgangspunkt für bestimmte Verhaltensweisen.

  5. DocTimo 18. August 2008 um 11:27 #

    Hallo, das hat jetzt gar nichts mit dem Thema zu tun.
    Habe also einen Link von meinem neuen und mit noch sehr peinlichen Pannen gespickten Blog aberrations_académiques zu Eurem hergestellt.

    Beste Grüße und demonstriert für mich mit heute nachmittag, wohne leider nicht (mehr) in Berlin.

    Beste Grüsse,

    DT

  6. axyron 18. August 2008 um 15:48 #

    Natürlich hängt es nicht von meiner Meinung ab, ob geforscht wird, solange man, und das wollte ich sagen, der Sexualität einen erforschenswerten Stellenwert einräumt, der ihr gar nicht zusteht.

    Ich meinte, daß Heterosexualität beim Homo sapiens nicht mehr notwendig ist. Um die Art zu erhalten, ist es nicht mehr notwendig, daß sich blind und ohne Verstand triebhaft ein Männchen und ein Weibchen in einem Gebüsch finden, seit bekannt ist, daß man eben eine Ei- und eine Samenzelle braucht. Existiert irgendwo ein Kinderwunsch, der ja NICHT aufgrund irgendeiner sexuellen Orientierung entsteht, so ist es doch vollkommen gleichgültig, ob diese Zellen von einem heterosexuellen oder einem homosexuellen Menschen stammen. Und auch für die Entwicklung des Kindes spielt es keine Rolle, ob eine „Familie“ aus Kind plus Mann und Frau oder Mann und Mann oder Frau und Frau besteht.

    Der Mensch ist nun einmal das einzige Lebewesen, das seine Fortpflanzung planen kann und das auch schon längst tut. Der „Überhang“ (Entschuldigung!), der durch ungewollte Schwangerschaften entsteht, ist für den Fortbestand der Menschheit nicht nur überflüssig, sondern bedenklich. Es geht allein um die Erhaltung der Art; eine weitere biblische Vermehrung verkraftet dieser Planet nicht mehr. Niemand käme auf die Idee, zu behaupten, die Menschheit vor vierzig Jahren sei nur halb so viel wert gewesen, weil es nur halb so viele Menschen gab.

    Insofern ist die verbissene Verteidigung einer „richtigen“ Sexualität überholt und einfach weit aus Lebensformen unterhalb des aufgeklärten Homo sapiens hergeholt. Daß die Spinner trotzdem versuchen werden, ihre biologische Bedeutsamkeit in den Himmel zu heben und durch abenteuerliche Forschung und die Suche nach kräftigen, urwüchsigen Genen abzusichern, dagegen gerade habe ich mich ja gewandt. Kein Mensch muß das wissen.

  7. Adrian 18. August 2008 um 15:58 #

    Die Erforschung der Ursachen der sexuellen Orientierung hat aber Folgen für Homos. Ich werde darauf noch mal in einem gesonderten Beitrag am morgigen Dienstag eingehen.

  8. DocTimo 18. August 2008 um 19:10 #

    @axyron

    Dass die Erforschung der Ursachen von sexueller Orientierung obsolet erscheinen mag, ist eine Sache, die andere ist die, dass es Menschen gibt, die genau das betreiben, zeitigt Konsequenzen für uns schwule Männer.

    Du neigst mE zu sehr dazu, Schwulsein zu biologisieren. Ich bin kein Anhänger des Dr. Freud, aber dennoch ist schwul oder lesbisch sein bedeutsamer als blonde oder braune Haare zu haben. Und eben, weil es Menschen gibt, die danach bestrebt sind, die Ursachen von Homosexualität zu erforschen, um sie aus der Welt zu schaffen, wird die Sache politsch. Nicht, weil das Private politisch ist, überhaupt nicht, auch nicht, weil irgendwo in den Genen festgeschrieben sit, dass wir Kylie gut finden müssen oder diesen komischen portugiessichen Fußballer , sondern weil für die Auseinandersetzung mit Menschen, die uns an die Haut wollen, Argumente benötigen.
    Und der Adrian hat ja nichts anderes gesagt, als dass eine monokausale Erklärung nicht greift.

  9. DocTimo 18. August 2008 um 22:07 #

    WerteHerren
    leider ist mir ein bedauerlicher Tippfehler beim Eingeben der URL meines Blogs unterlaufen, es heißt academieaberrante… blog..bla. Allesherzlichsten Dank fürs Listen und einen angenehmen Abend

    wünscht

    DT

  10. Damien 18. August 2008 um 22:19 #

    Hi Timo,
    ist schon korrigiert. Du kannst uns solche Internas in Zukunft gerne auch ganz privat per mail mitteilen. Dann liest nicht jeder mit 😉
    Dir auch einen schönen Abend

  11. TheGayDissenter 18. August 2008 um 22:50 #

    @ DocTimo, Damien:

    Irgendetwas stimmt dennoch nicht mit dem Link (oder mit mir): Das Anklicken führt zu

    „Das Blog, nach dem Sie suchen, existiert leider nicht.“

    Und ich bin doch soooo neugierig auf die jungfräuliche Schwul-enge… 😉

  12. Damien 19. August 2008 um 07:10 #

    @TGD: Jetzt müßte es funktionieren. Ich hatte nur die Kommentar-URL geändert, nicht die in der Blogroll. Mir gefällt die Seite übrigens gut!

  13. axyron 19. August 2008 um 14:56 #

    @ ProfTimo

    Ursprünglich wollte ich Dir in Deine ersten Flugversuche nicht reinreden.
    Nachdem ich aber durch einen Blick auf Dein Blog (das nach nur drei Tagen schon wirklich ganz anständig aussieht) festgestellt habe, daß Du Dich durchaus bereits in geweihten Sphären wähnst, werde ich den Eindruck nicht los, daß Du Dich hier sogleich enthusiastisch und korpsgeistverklärt in Kampfrüstung geworfen hast und über die erstbeste Windmühle (sic! 🙂 ) hergefallen bist. Das ist ganz ohne Zweifel sehr tapfer für einen, der erst seit ein paar Stunden weiß, was ein Schwulengen ist. 😉

    Wenn Du aber genauer hinsiehst, wirst Du erkennen, daß ich Adrian in nichts widersprochen habe, sondern lediglich zusätzlich ein von Dir angemahntes Argument liefern wollte. Indem ich nämlich der Heterosexualität eine Notwendigkeit abspreche und das auch zu begründen versuche, erkläre ich doch gleichzeitig jede konstruierte Bedrohung durch die Homosexualität für absurd. Etwas, was man nicht braucht, kann auch nicht gefährdet werden. Ich sage nicht nur, DASS eine solche Befürchtung Quatsch ist, ich versuche auch darzulegen, WARUM sie das ist.

    Ich habe übrigens Adrian, was seine Sicht der Homosexualität angeht, noch nie widersprochen. Daß Adrian aus Prinzip etwas an mir herumzumeckern hat, liegt daran, daß ich mir das Schild „liberal“ nicht umhängen will, obwohl ich wahrscheinlich liberaler bin, als er glaubt, das vielleicht aber etwas anders definiere als er. Ich habe allerdings keinen Ehrgeiz, mich deshalb mit ihm oder Dir zu streiten.

  14. DocTimo 19. August 2008 um 17:13 #

    @ayxron

    Exzelltente, wenngleich SEHR paternalistische Analyse meiner bisweilen recht heißspornartigen Gemüts- und Intellektregungen. Das ist wohl der Südeuropäer in mir. In geweihten Sphären wähne ich mich nicht. Weiß Gott nicht. Selbstironie ist mir verdammt wichtig.

  15. TheGayDissenter 19. August 2008 um 21:10 #

    @ Damien:

    Danke, es funktioniert. Meine Neugier ist gestillt… 🙂

  16. Sabine 10. September 2011 um 19:36 #

    „Meine Neugier ist gestillt…“

    Meine noch nicht. Welche Ursache(n) hat denn jetzt Heterosexualität? Sieht man sich mal die unzähligen Graben- und Rosenkriege in Heterobeziehungen an, wäre es schon wichtig, diese Frage einmal zu beantworten. Vielleicht gibt es ja irgendwo Heilung?

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