Feministisches Spielzeug

20 Aug

Wie sich ausnahmsweise einmal Mädchen darüber streiten, ob Jungs, die sich küssen, sexy sind und ob das feministisch genug ist, darüber schreibt Sonja Eismann in der Jungle World: Dünne Jungs in engen Mädchenhosen.

Die der Jugendkultur der Emos aus vielerlei Richtungen entgegenschlagenden Ressentiments ordnet Eismann dabei so ein:

Die binären Geschlechterdichotomien dürfen nicht angetastet werden, und nicht-heterosexuelles Begehren darf nicht existieren, da es »alles andere als hetero« ist und somit die von vielen Rappern so gerne angerufene patriarchale Ordnung unterminiert.

Über den Sänger von Tokio Hotel weiß Eismann:

Bill Kaulitz – mit seiner verschleierten Sexuali­tät und seinem feenhaften Auftreten als androgyner Prinz die perfekte Projektionsfläche für die Sehnsüchte junger Mädchen – kann aber vor allem als paradigmatisch für die Strukturierung von Begehren im Emo gelten.

Und das, so Eismann, ist attraktiv für jene Jugendlichen, die sich nicht entscheiden können oder wollen, wo sie hingehören, bezüglich Geschlecht und sexueller Orientierung:

Emo bietet einen Zufluchtsort für Teenager, die ihre Ambivalenzen hinsichtlich ihrer Sexualität nicht in »erwachsene« Dichotomien von »männlich vs. weiblich« beziehungsweise »hetero vs. homo« pressen lassen wollen. Interessant dabei ist, dass es vor allem der männliche Körper ist, der fetischisiert und »gequeert« wird. Auf Websites wie »emo-corner.com« heißt es, Emo-Girls stünden besonders auf ganz dünne und große Emo-Jungs in engen Mädchenhosen und mit Makeup. Darüber hinaus finden sich auf der Seite zahlreiche Fotos von küssenden Jungs – und keine von küssenden Mädchen. Im Forum zur Frage »Yes or no to emo boys kissing?« wird seitenlang darüber diskutiert, ob Küsse zwischen Emo-Jungs nun sexy seien oder nicht – die überwältigende Mehrzahl der Userinnen (und User) plädiert für »very hot«, beklagt sich aber auch darüber, selbst zu wenig sexy für eine Partnerschaft mit einem Emo-Jungen zu sein.

Wobei Partnerschaft von Eismann durchaus kreativ definiert wird:

Obwohl einige der hier auftretenden Mädchen recht selbstbewusst den Wunsch äußern, doch auch einen Emo-Boy als »Spielzeug« haben zu wollen,

ist auch das letztlich Ausdruck der auch unter Emos verbreiteten Feindlichkeit gegenüber dem weiblichen Geschlecht, das nämlich keiner als „Spielzeug“ haben will. Und so

beziehen sich sowohl Kritik wie Affirma­tion des Phänomens Emo zumeist auf männliche Subjektivitäten: auf der einen Seite als »Schwuch­teln« beschimpft – männliche Homosexualität wird bekanntlich als systemdestabilisierender wahrgenommen als weibliche –,

was ja wie man – und vor allem frau – weiß, eine besonders perfide Form der Frauen/Lesben-Diskriminierung ist,

auf der anderen Seite ein exzessives Kreisen um die eigene Sensibilität, die häufig als von Frauen verletzt dargestellt wird.

Was ja nun noch schöner ist, wo doch Frauen die Opferrolle für sich gepachtet haben. Weshalb immer die Männer schuld sind und nie die Frauen, die schließlich per Gesetz und mit roher Gewalt täglich davon abgehalten werden, Emo-Musik einzuspielen:

Bereits 2003 monierte die US-amerikanische Journalistin Jessica Hopper in ihrem Artikel »Emo: Where the girls aren’t« in der Zeitschrift Punk Planet, dass ab einem gewissen Zeitpunkt jedes Emo-Album ein Konzeptalbum eines waidwunden, aber trotzdem männlichen Jungen gewesen sei, dem von einer Frau übel mitgespielt worden sei.

Und aus diesem Grund werden auch alle existierenden Emo-Girl-Bands von der Knute des Patriarchats klein gehalten, auf dass sie nie Erfolg haben werden:

Es gibt keine bekannte Emo-Girl-Band, und die einzige Frau, die man wegen ihres Stylings noch zumindest rudimentär mit dem Trend assoziieren könnte, Avril Lavigne, singt dümmlich unsolidarische Songs über das uncoole »Girlfriend« ihres Schwarms.

Was aber keineswegs die Aufgabe eines revolutionären Subjekts ist und deshalb umgehend mit Verachtung zu strafen ist. Wenn also nun auch Jungs sich nicht mehr so anziehen wie es ihnen gefällt, sondern voher im Handbuch der Gender Studies nachschauen, wie Herausforderung und Durchkreuzung des Maskulinen modisch zu inszenieren sind,

So taugt Emo als Herausforderung des Status quo, was nun »maskulines« Verhalten sei beziehungsweise dessen Durchkreuzung mit Schminke, Mädchenklamotten und Jungsküssen

freuen sich die Mädchen, selbst wenn ihnen der ganze Zirkus

nicht wirklich viel Neues zu sagen

hat, weil sie solange einfach mal die Hände in den Schoß legen oder sich zur Abwechslung anziehen können, wie sie wollen:

Die gucken aber offensichtlich gerne zu und freuen sich, wenn ohne ihr Zutun auf der anderen Seite auch mal etwas weitergeht.

Oder sind gerade mit ihrem neuesten Spielzeug beschäftigt und beweisen damit mal wieder, dass Sexismus nicht an ein Geschlecht gebunden ist.

Eine Antwort zu “Feministisches Spielzeug”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Kulturelle Verstrickungen « Raumzeit - 20. August 2008

    […] sich von Emos nicht hinreichend beachtet,weil Emoboys eben eher nicht mit Girlies spielen möchten: Feministisches Spielzeug. Es bleibt also schwierig. Explore posts in the same categories: Blogwelt, Identität, Ideologie, […]

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